Gladio oder die Rache Moros =========================== Im Zuge seiner Ermittlungen über ein Bombenattentat deckte der italienische Untersuchungsrichter Felice Casson eine geheime Untergrundorganisation auf. Daraufhin enthüllte der damalige italienische Ministerpräsident Giulio Andreotti am 3. August 1990 eine "Operation Gladio" des militärischen Geheimdienstes SISMI, die das Ziel hatte, eine Widerstandsgruppe für den Fall einer sowjetischen Invasion zu bilden. Sie sei aber schon 1972 aufgelöst worden. * Das offizielle Italien * Das inoffizielle Italien fängt an zu schwätzen * Allgemeine Verwirrung oder gezielte Desinformation? * In Deutschland unbekannt? * Innenpolitische Putschtruppe? * Der CIA meldet sich zu Wort * Stay Behind * Allied Clandestine oder auch Coordination Comittee (ACC) Symbol der Gladio: Kurzschwert, Fallschirm, Anker, Handgranate Am 17. Oktober 1990 gab Andreotti zu, daß "Gladio" noch immer arbeitet. Drei Tage später bestätigte er in einem Regierungsbericht die Existenz einer Untergrundorganisation namens "Gladio" und stellte fest, daß ähnlich Strukturen sowohl in den NATO-Partnerländern als auch in neutralen Staaten wie etwa Österreich mit Kenntnis der Regierungen existieren würden. Das offizielle Italien 1990 gab der damalige italienische Staatspräsident Francesco Cossiga zu, seinerzeit als Staatssekretär im italienischen Verteidigungsministerium für den Aufbau einer italienischen Stay-behind-Truppe, nach dem römischen Kurzschwert Gladio benannt, zuständig gewesen zu sein. Stay-behind-Truppen sollten sich im Falle einer Invasion durch die Warschauer Pakt-Staaten überrollen lassen und dann eine Partisanenorganisation aufbauen, die von den NATO-Staaten logistisch versorgt werden sollte. Andreotti bestätigte im Zuge einer Parlamentsanfrage im August 1990, daß Gladio seit 1952 existiert hätte, aber nur ein "Altherrenverein" von 622 Mitgliedern gewesen und 1972 aufgelöst worden wäre. Danach herrschte vorerst Schweigen. Erst das Auftauchen der sogenannten "Bekennerbriefe" Aldo Moros, Vorsitzender der italienischen Christdemokraten, geschrieben nach seiner Entführung am 16.3.1978 im "Volksgefängnis" der "Brigate Rosse", der italienischen linksextremen Terrororganisation, gab das Zeichen zur endgültigen Enthüllung von Gladio. In diesen Briefen stand, daß die DCI 1,5 Millionen Schilling monatlich von der CIA bekam, um die italienische mit der amerikanischen Innenpolitik übereinzustimmen. Und: Im Rahmen der NATO operiere eine geheime Guerillaorganisation. Unter dem Eindruck der Mitte Oktober 1990 aufgefundenen Moro-Briefe aber mußte sich Andreotti korrigieren. Das tat er auch mit dem Dossier an die Kommission zur Aufklärung der Bombenattentate und des Terrorismus. Unter Punkt 5 des Dossiers, "Anweisungen für den nichtorthodoxen Krieg", ließ er unter anderem folgendes streichen: In diesem Zusammenhang stehen "die Direktiven von SHAPE, speziell diejenigen über den nicht-orthodoxen Krieg vom Januar 1969, und die im Rahmen der Alliierten Kontrollkommission (ACC) getroffenen Vereinbarungen ...". Aber es war zu spät, die Involvierung der NATO wurde bekannt. Daraufhin bezog Andreotti die NATO, die NATO-Staaten und die Neutralen gleichermaßen in seine Verlautbarungen ein, um durch die Erweiterung der Verantwortlichkeit noch einmal davonzukommen und die Schuld für die terroristischen Attentate in Italien anderen aufzubürden. Das inoffizielle Italien fängt an zu schwätzen Von 1974 bis 1989 war General Paolo Inzerilli Kommandant dieser "Altherren" (in Wirklichkeit Zonenkommandanten), als Leiter der Abteilung 5R des SISMI zuständig für Gladio, seither Chef des SISMI (Servizio per le Informazioni e la Sicurezza Militare). Dieser erzählte 1990 von eben stattgefundenen Lehrgängen in Guerilla- und Sabotageeinsätze für Freiwillige, darunter auch Frauen und ausländische Agenten, in einem Lager namens Capo Marragui beim Seebad Alghero auf Sardinien. Befehlshaber dieser Basis war 1990 der Fregattenkapitän Salvatore Cosseddu. Ein ehemaliger Armeeoberst und Hitlerfan, Amos Spiazzi, der mit dem Attentat in Bologna in Zusammenhang gebracht wird, sagte im deutschen Fernsehen, er sei Mitglied von Gladio. Ein Neofaschist gestand, von Gladio Ende 1971 Sprengstoff erhalten zu haben. Mit diesem ermordete er drei Polizisten – das sogenannte "Attentat von Peteano", welches den Untersuchungsrichter Felice Casson auf die Spur von Gladio brachte. Bei einer Überprüfung der 139 Waffendepots der Gladio im November 1990 wurden zwölf nur mehr leer vorgefunden, so auch das Lager von Aurisina, aus dem der Sprengstoff für das Attentat von Peteano stammte. Laut Felice Casson ging aus den ihm vorliegenden Dokumenten hervor, daß die italienische Gladio-Organisation nicht nur ein informelles NATO-Gebilde, sondern indirekte und bezahlte Befehlsempfängerin der US-Geheimdienstes CIA war. Es wäre sogar beweisbar, daß Gladio die Aufgabe hatte, aktiv auf die Innenpolitik einzuwirken, und daß Genehmigungen für politische Morde ausgestellt wurden. Ex-CIA-Agent Dick Brenneke erzählte im italienischen Fernsehen, daß P-2-Chef Licio Gelli durch ihn viel Geld von der CIA erhalten hätte, "um die italienischen Kommunisten von der Macht fernzuhalten". Dazu war auch eine stärkere Unterwanderung der Massenmedien nötig. Und da kommt dann zufällig oder passender Weise das P-2-Mitglied Silvio Berlusconi ins Bild, in den siebziger Jahren vom Bauunternehmer zum Medienzaren befördert. Aldo Moro, der Mann des "Compromesso storico" zwischen der DCI und der PCI, mußte anscheinend wegen dieses historischen Kompromisses sterben, Andreotti aber stolperte über Gladio und damit über Moros Ermordung. In einem Angriff nach vorne stellte Andreotti Gladio und damit befreundete europäischen Regierungen und die NATO bloß und fiel selbst, wurde fallengelassen. Die Rechnung, durch den Verweis auf die NATO die ganze Angelegenheit zum Staatsgeheimnis zu erklären, alle in die virtuelle Geiselhaft der Mitwisserschaft zu nehmen und sich selbst zu schützen, ging nicht auf. Allgemeine Verwirrung oder gezielte Desinformation? Der belgische Regierungschef Wilfried Martens sagte, daß Gladio Anfang der fünfziger Jahre in Italien gegründet worden sei, um im Falle einer sowjetischen Invasion einen Guerillakrieg zu führen. Seine Regierung hätte über die eigene Truppe nicht Bescheid gewußt. Die etwaigen Reste seien aufgelöst worden. Das stand im Widerspruch zu den Enthüllungen Androttis. Der ehemalige belgische Geheimagent André Moyen hingegen erzählte in einem belgischen Radiointerview, daß bis vor kurzem noch mindestens sechs geheime Waffendepots für die belgische Stay-behind-Truppe "Glaive" existiert hätten. Die deutsche Abteilung hieße "Schwert". Der NATO nahestehende Diplomaten in Brüssel wiederum ließen nach anfänglichen Dementis von Jean Marcotte, dem stellvertretenden Sprecher von SHAPE, verlautbaren, daß die durch Italien bekanntgewordene Organisation auf die ersten Nachkriegsjahre zurückgehen würde. In Zusammenarbeit der verschiedenen europäischen Dienste mit dem amerikanischen Geheimdienst wurden geheime Kampftruppen ausgebildet. In den westlichen Besatzungszonen von Deutschland hatte dies die Organisation Gehlen, die Vorläuferorganisation des deutschen Bundesnachrichtendienstes, zu organisieren. Übungszentren für ehemalige Kriegsgefangene, Dolmetscher und zufällig angeworbene junge Männer in der amerikanischen Besatzungszone befanden sich im Odenwald und im Bayrischen Wald. In Brüssel wurde darüber hinaus jeder weitere Zusammenhang mit der NATO heftig dementiert: Zu keinem Zeitpunkt hätte die NATO eine Kommando- oder Kontrollbefugnis über die Stay-behind-Truppen gehabt. Die Gruppen wären den jeweiligen nationalen Autoritäten unterstanden, alle Regierungen seien genauestens informiert. gewesen. Die Bezeichnung "NATO-Geheimorganisation" wäre pure Desinformation der nationalen Regierungen. Zwar wären Anfang der fünfziger Jahre die Widerstandsgruppen in Benelux, Deutschland, Dänemark, Frankreich, Norwegen und Österreich unter alliierter, taktischer Kontrolle (CCP) gestanden und später in eine fixe Struktur (ACC) eingebunden worden, aber mit der NATO hätte nur eine enge Zusammenarbeit bestanden. Andererseits begann diese enge Nur-Zusammenarbeit mit SHAPE bereits in den fünfziger Jahren. Dort wurde ein eigener Militärstab (ACC/SOPS) gebildet, der die Gruppen in Übungen einband und mit Einsatzszenarien versorgte, denn im Kriegsfall sollten SHAPE und die Zentrale der Stay-behind-Truppen zusammenwirken. Die Zentrale würde, so Brüssel, jetzt nur mehr als Hülse irgendwo in Belgien bestehen. Die Aufgabe der Gruppen sei es gewesen, sich überrollen zu lassen und danach Sabotageaktionen durchzuführen und Informationen zu sammeln. Dazu gab es ein Netz von Waffendepots, in denen sich Handfeuerwaffen, Granatwerfer, Sprengstoff, Zündvorrichtungen und Sendegeräte befanden. Laut Brüssel sollen alle westeuropäischen Regierungen die volle Verantwortung für die paramilitärischen Aktivitäten dieser Organisationen tragen. Nationale Regierungsstellen wiederum betonen, daß nach Beschlußfassung und Einrichtung die Regierungen diese Netze ausschließlich den Militärbehörden überlassen haben. Die französische Gruppe soll 1958 mit de Gaulles Machtantritt, nach anderen Meldungen aber auch erst unter Mitterand aufgelöst worden sein, die italienische angeblich 1973, die griechische 1988. Etwaige terroristische Aktivitäten sollen laut NATO eine belgische und italienische Nuance gewesen sein, sichtlich eine Retourkutsche der NATO an die Adresse der ihrer Meinung nach zu geschwätzigen Regierungen beider Länder. In Deutschland unbekannt? In Deutschland wurde zuerst gemauert: Regierungssprecher Hans Klein stritt lange Zeit die Existenz einer solchen Truppe ab, bis dann Kanzleramtsminister Lutz Stavenhagen, zuständig für die Geheimdienste, einiges preisgab. Das laut Klein nichtvorhandene Stay-behind-Kommando, eine ehemals 200 Mann starke Abteilung des BND, soll im Frühjahr 1991 aufgelöst worden sein, obwohl bis in jüngster Zeit Milliardenbeträge dafür verplant worden sind. In einem Dossier, verfaßt vom Leiter der für die Geheimdienste zuständige Abteilung VI im Bundeskanzleramt, Hermann Jung, wird die Aufgabe der Stay-behind-Organisation (ganz selten auch Stand-by genannt) als Unterstützung der NATO durch die Nachrichtendienste der Bündnispartner im Verteidigungsfall definiert. Die Stay-behind-Abteilungen befänden sich in der Verantwortung der nationalen Geheimdienste, würden aber von SHAPE koordiniert. Der BND ließ veröffentlichen, daß die geheimen Stay-behind-Netze bei einer sowjetischen Besetzung der westeuropäischen Länder den Widerstand im Untergrund zu organisieren gehabt hätten und auf der Basis bilateraler Absprachen mit der CIA eingerichtet worden wären. Damit wäre die eingangs zitierte Behauptung Andreottis über einen paramilitärischen NATO-Geheimdienst zusammengebrochen. Der Sprecher des bundesdeutschen Verteidigungsministeriums, Willy Wimmer, sagte: "Wir wissen selbst nichts." Der sozialdemokratische Ex-Verteidigungsminister von 1972 bis 1978, Georg Leber , wollte ebenso wenig davon gehört haben wie Horst Ehmke, unter Brandt oberster Kontrolleur der Geheimdienste. Ehmke meinte dazu voller Unschuld: "Aber wir waren ja noch immer ein besetztes Land." Innenpolitische Putschtruppe? Anderen Quellen zufolge waren Gladio, Glaive etc. von Anfang an innenpolitische Instrumente gegen starke kommunistische Parteien wie zum Beispiel in Frankreich, Belgien und Italien. So gibt es ein Schriftstück des JCS (Joint Chiefs of Staff), des Oberkommandos des US-Generalstabes, unter dem Namen "Demagnetize" aus dem Jahre 1952, das solches für Italien und Frankreich belegt. Das römische Kurzschwert Gladio war auch ein Symbol des faschistischen Staates Italien unter Benito Mussolini, und auch in der späteren faschistischen Republik von Sálo von Hitlers Gnaden. Angeblich sollen Dokumente des State Departments (US-Außenministerium) belegen, daß die faschistische Geheimpolizei von Sálo (OVRA) ein klandestines Netz für den Fall einer Invasion gegründet hat, möglicherweise die ursprünglichen Gladiatoren. Diese scheinen nach 1945 durch Innenminister Mario Scelba in eine spezielle Polizei für den antikommunistischen Kampf übernommen worden zu sein. Eine ähnliche Truppe wurde laut diesen Dokumenten zeitgleich auch in Frankreich aufgebaut, finanziert aus Sonderfonds und kontrolliert durch den nationalen Sicherheitsdienst. Das gibt zur Verwunderung wenig Anlaß, da in beiden Ländern während des Zweiten Weltkrieges starke kommunistische Partisanenorganisationen entstanden, die von den westlichen Alliierten als zukünftige Feinde betrachtet wurden. Damit war das Tor zur Rückkehr nationalsozialistischer Kollaborateure als demokratische Patrioten offen. Der CIA meldet sich zu Wort Der ehemalige CIA-Beamte Ray S. Cline, ehemals OSS-Offizier und WACL-Mitglied, meinte dagegen in einem Interview, daß die Einrichtung von Stay-behind-Organisationen im Kontext des beginnenden Kalten Krieges sinnvoll gewesen wäre. Die NATO wurde erst 1949 gegründet und war noch recht schwach. Gleichzeitig waren eben erst die Berlinblockade und der griechische Bürgerkrieg zu Ende gegangen und der Ausgang des Koreakrieges im Zeichen der siegreichen Nordkoreaner mehr als ungewiß. In Griechenland war Großbritannien schon seit 1944 in einen Bürgerkrieg auf seiten der Monarchisten gegen die kommunistische Partisanenorganisation EAM verwickelt. Die nationalsozialistische Wehrmacht konnte ihren Rückzug in aller Ruhe organisieren. "Die Möglichkeit, daß die Sowjets Westeuropa überrennen würden, war da. Ich dachte niemals, daß sie es tun würden, aber die Möglichkeit war da", sagte Cline. Das Vorbild für einen antikommunistischen Widerstand sei der französische Maquis gewesen, de alliierte Fallschirmtrupps, die sogenannten Jedburgh-Teams (einer der Fallschirmspringer war der damalige OSS- und spätere CIA-Chef William Colby), zu je drei Mann mit Zwei-Weg-Radios während der Invasion in der Normandie im Jahre 1944 verstärkten, um Anschläge auf Eisenbahnen und Nachschubkonvois zu unternehmen. Ähnlich agierte die britische SOE (Special Operation Executive), so zum Beispiel in Jugoslawien, wo auch Fitzroy McIean, das Vorbild für James Bond, eingesetzt war. Beide, OSS und SOE, wurden vor der Landung in der Normandie unter General Eisenhower als Special Force Headquarters dem alliierten Oberkommando (SHAEF) unterstellt. Aus der Jedburgh-Abteilung soll schließlich der Kern der neuen Stay-behind-Netze gebildet worden sein. Die Organisation und die Lenkung der Stay-behind-Organisationen wurden durch das OPC (Office of Policy Coordination) des CIA unter Frank G.Wisner wahrgenommen. Im Falle einer sowjetischen Invasion sollten den nationalen Widerstandsgruppen nach dem Vorbild des Maquis in Frankreich US-Fallschirmspringerkommandos im Rahmen der psychologischen Kriegsführung zu Hilfe kommen, um die Europäer davon zu überzeugen, daß die USA bereit wären, sie zu unterstützen und zu verteidigen. Ansonsten hätte die Gefahr bestanden, daß die Regierungen auf Grund der Atomstrategien der Supermächte wenig Widerstand geleistet hätten. Denn bis in die sechziger Jahre hätten sich die angloamerikanischen Truppen im Kriegsfall zurückgezogen, zumindest bis an den Rhein und Oberitalien. Erst ab den sechziger Jahren galt die Vorneverteidigung, d. h., auch angloamerikanische Truppen hätten sich im Einsatzgebiet taktischer Atomwaffen befunden. Die jetzt in Österreich bekanntgewordenen Waffenlager sind auf Grund der älteren Strategie angelegt worden, d. h. US-Fallschirmtrupps hätten versucht, österreichische Widerstandsgruppen im Rücken der sowjetischen Armeen zu verstärken. Wer diese Waffendepots betreut hat oder sich sonst noch aus ihnen bewaffnet werden sollte, bleibt aber bis jetzt österreichisches Staatsgeheimnis. Lucien Dislaire, ehemaliger luxemburgischer Fallschirmkommandant, sagte in einer Sendung der BBC, er wäre seinerzeit sowohl Bankmanager als auch Chef eines paramilitärischen Kommandos gewesen. In dieser Eigenschaft nahm er an einem belgischen Manöver teil, bei dem belgische Kommandos amerikanische Spezialeinheiten nach ihrem Fallschirmabsprung zu sammeln und mit ihnen gemeinsam Gendarmeriekasernen anzugreifen hatten. Laut Dislaire sollte das geheime Manöver als Übung zur Unterstützung einer Widerstandsbewegung dienen, nach dem erwähnten Vorbild von 1944. Zusätzlich gestützt wird diese These über den Beginn der Stay-behind-Strukturen durch die Beibehaltung der nordafrikanischen Luftwaffenbasen in den damaligen französischen Kolonien durch die USA. Der Vereinte Generalstab der Angloamerikaner rechnete im Falle eines Angriffs der Sowjetunion auf Westeuropa mit einem Durchmarsch bis zur atlantischen Küste und hätte dann, wie schon im Zweiten Weltkrieg, von England und Nordafrika aus die langen Nachschublinien und industriellen Zentren bombardiert. Ähnlich könnte es sich mit der Weiterentwicklung der Fallschirmkommandos für den Partisanenkampf gemeinsam mit patriotischen Untergrundkämpfern verhalten haben. Allerdings waren diese Fallschirmkommandos im Zweiten Weltkrieg nur dort erfolgreich, wo es eine breite Partisanenbewegung gab und Unterstützung aus dem Volk kam, wie in Frankreich, Italien und Ex-Jugoslawien. In Ungarn und in Österreich wurden fast alle abgesprungenen OSS-Agenten festgenommen und viele von ihnen ermordet. Inwieweit die erfolgreiche Zündung einer sowjetischen Atombombe die alliierte Strategie verändert hat, bleibt ungeklärt. Die Übernahme Ungarns und der Tschechoslowakei durch kommunistische Staatsstreiche, damals auch Salamitaktik genannt, welche ohne die sowjetischen Besatzungstruppen in diesen Ländern nicht vorstellbar gewesen wären, wurde im europäischen Szenario durch das Ausscheren von Tito-Jugoslawien aus der kommunistischen Internationale gegengewichtet. Das titokommunistische Jugoslawien wurde dann vierzig Jahre lang mit internationalen Billigkrediten und Meistbegünstigungsklauseln im bilateralen Handel bei Laune oder bei der Stange gehalten, je nach Sichtweise. Allerdings biß Tito manchmal die ihn fütternde Hand, zum Beispiel durch die Mitbegründung der Gruppe der blockfreien Staaten. Stay Behind Die Organisationen wie Gladio (Italien), Stay behind oder Schwert (Deutschland) und "Glaive" (Belgien, Frankreich) haben bis jetzt keine einheitliche Definition, Aufgabenstellungen etc. von öffentlicher Seite her zugeschrieben bekommen. Soviel ist "sicher": Sie sind auf Wunsch der NATO, der USA, der Europäer, der österreichischen Regierung 1948, 1950 oder 1954 eingerichtet worden und wegen der Komintern, wegen der drohenden sowjetischen Invasion, wegen den starken kommunistischen Parteien und Gewerkschaften, wegen der linken Partisanen oder vielleicht wegen der Weltrevolution Jahrzehnte hindurch aufrechterhalten worden. Sie dürften sowohl aus Vorläufergruppen in den späten vierziger Jahren entstanden sein als auch in ihren Zielsetzungen entlang der vierzig Jahre ihres Bestehens verändert worden sein. Mit der Einrichtung der NATO-Abteilung für die Betreuung der Untergrundorganisation, ACC, unter dem "kooperativen" Kommando von SHAPE in Mons in Belgien wurden sie institutionalisiert, jedoch wegen der Beteiligung neutraler Staaten nicht offiziell. Jedes neu beitretende NATO-Mitglied mußte laut Andreas Papandreou, dem ehemaligen griechischen Ministerpräsidenten, ein Geheimabkommen zum NATO-Vertrag unterzeichnen, in dem die Einrichtung der Stay-behind-Gruppen festgeschrieben sind. Großbritannien und die USA halten sich weiterhin ganz offiziell ihre "special forces", die amerikanischen "Green Berets" und die britische SAS (Special Air Service). Koordiniert bei dem Sonderstab "Special Forces Section" der NATO in Casteau in Belgien, haben die dort kursierenden Papiere den Stempel "American Eyes Only" Allgemein kann man also zwei Aufgabenstellungen der Guerilla festhalten: Das Netz war als Stay-behind-Guerilla sowohl für den Fall einer sowjetischen Invasion als auch für die Eventualität einer Revolution vorgesehen. Entstanden ist das Netz in den westlich orientierten Ländern schon vor der NATO und hätte eigentlich durch diese Organisation spätestens Ende der fünfziger Jahre überflüssig werden müssen. Das Vorhandensein dieses Netzes nicht nur in den NATO-Staaten, sondern auch in den vier neutralen Staaten, weist also auf ein anderes oder neues Ziel hin. Im Laufe der vierzig Jahre seines Bestehens dürfte es sich entweder auf Befehl oder aus eigenem Antrieb als Abwehrfront gegen die allgemeine "Subversion" in den demokratischen Ländern verstanden haben und demgemäß sein Aufgabenfeld erweitert haben, auf die Innenpolitik der demokratisch verfaßten Staaten. Bedenklich erscheint ihr Fortbestehen erst recht, wenn man sich die geänderte NATO-Doktrin der sechziger Jahre ansieht: Damals propagierte die NATO die Vorneverteidigung, was die Aufrechterhaltung und Legitimierung dieser Geheimtruppen erst recht als dubios erscheinen läßt, d.h. mit zweifelhaften Zielen wie zum Beispiel innenpolitische Staatsstreiche verbunden. In den Siebzigern entstanden seltsamerweise auch in der Linken Ideen über eine soziale Verteidigung aus dem Untergrund bei einem feindlichen Angriff, mit Anschlägen auf Nachschublinien und Kommunikationseinrichtungen der Besetzer. Offizielle Kreise taten diese als naive Idealisten ab. Vielleicht wurde damals gerade die französische Resistance neu rezipiert, wahrscheinlicher ist aber, daß im Zuge der Beschäftigung mit China und Maos Schriften, der "Dritten Welt" und ihren Befreiungsbewegungen deren Erfolge großen Einfluß auf die militärischen Vorstellungen der Linken ausübten. Allied Clandestine oder auch Coordination Comittee (ACC) Laut Angaben aus Brüsseler Kreisen hieß die Zentrale der Stay-behind-Organisationen zuerst Clandestine Committee for Planning (CCP) mit Sitz in Frankreich. Seine Entstehung soll es den Vereinbarungen im Jahr 1951 (laut National Security Council am 3.1.1951) zwischen den alliierten Geheimdiensten und den einzelnen westeuropäischen Operationsländern verdanken. Bis 1959 (Beitritt der italienischen Gruppe) sollen alle Untergrundgruppen in diesem Netzwerk verbunden worden sein. 1964 wurde es in ACC (Allied Clandestine Committee) umbenannt, mit Sitz in Belgien. Ein eigens gebildeter Militärstab bei SHAPE soll mit dem ACC zusammengearbeitet und Übungen koordiniert haben. Laut belgischen Meldungen hieß die Stay-behind-Führung aber Clandestine Coordination Comitee (CCC). Auf jeden Fall gilt das NATO-Gremium ACC als oberster Lenkungszirkel der Untergrundnetzwerke, von dem die Einsätze koordiniert worden sind. Ob die einzelnen nationalen Organisationen selbständig oder von hier aus geführt worden sind, ist unbekannt. Tagungsort ist Brüssel. Genaue Adresse unbekannt. Soviel zu den widersprüchlichen Informationen, die die Regierungen ihren Bevölkerungen zukommen ließen. Der Gegner hingegen, der KGB, war durch die Agentin Heidrun Hofer, in der BND-Abteilung IV zuständig für Verteidigungsvorbereitungen und Maßnahmen für den Krisen- und Verteidigungsfall, schon seit 1976 hervorragend über die NATO-Partisanen informiert. Bleiben außer dieser Merkwürdigkeit noch einige Fragen: Warum wurden immer wieder Rechtsextreme und eben keine aufrechten Demokraten für diese Truppen angeworben? Inwieweit waren und sind diese speziell ausgebildeten und geschützten Rechtsextremen von der NATO und den einzelnen Staaten finanziert und gefördert, auch unter der Kontrolle der Regierungen? Haben diese Rechtsextremen auch in anderen Ländern als Italien und Belgien Anschläge verübt, gemordet und destabilisiert? Konnten auch sie lange Zeit mit Freisprüchen wie in Italien rechnen? Haben sie innenpolitisch selbständig, d.h. haben sie sich verselbständigt, oder auf Weisungen der Regierungen, der CIA oder der NATO gehandelt? Welche Regierungs- oder Staatsform hätten diese Geheimarmeen bei einem Putsch gegen Linksregierungen gewählt? Eine Diktatut? Eine militärische Diktatur? Eine faschistische Diktatur? Und das im Namen der westlichen, freiheitlichen Demokratie? Gab es so ein Netz auch in den USA? Und wenn, hat sich dieses, so wie es in Italien geschehen ist, in die amerikanische Innenpolitik eingemischt und in welchem Ausmaß? Wie weit wurden die italienische und die amerikanische Politik, so die Aussage des Ex-CIA-Agenten Brenneke, übereingestimmt? Der ehemaligen Ehrenpräsident und Parlamentsabgeordnete des neofaschistischen MSI (Movimento Sociale Italiano) Gino Brindelli, pensionierter Admiral und NATO-Oberbefehlshaber Süd, meinte in einem Interview 1974 kurz nach einer aufgeflogenen Verschwörung in Italien, Diktaturen seien "wie Aspirin gegen Kopfweh". Glücksthal Lajos Quellen: Die Welt, 12. & 14.11.1990; Der Standard, 14.11.1990; Münchner Abendzeitung, 16.11.1990; International Herald Tribune, 17.11.1990; Kieler Nachrichten, 19. & 22.11.1990; Der Spiegel 47, 19.11. 1990; die tageszeitung, 29.11.1990 & 5.6.1991; Neue Zürcher Zeitung, 30.11.1990 & 22.10.1991; Operation Gladio, BBC-Dokumentation im Fernsehsender VOX,August 1993; Leo A. Müller: Gladio – das Erbe des Kalten Krieges.Der Nato-Geheimbund und sein deutscher Vorläufer. Mit einem Beitrag von Werner Raith. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbeck bei Hamburg 1991. xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx Strategia della tensione Ein Überblick über die italienischen Wurzeln von Gladio, die Verwicklung von Geheimdiensten und faschistischen Gruppierungen in die Massaker zwischen 1969 und 1993. * Die Wurzeln von Gladio * Die Massaker: 245 Tote und über 600 Verletzte * In die Massaker verwickelte faschistische Organisationen * Strategie der Spannung * Der Plan "Demagnetize" Italien ist das klassische Beispiel dafür, wie FaschistInnen und Geheimdienste die Demokratie stürzen wollten. Heute, da die Linke in der Regierung sitzt beziehungsweise diese unterstützt, sind die Putschversuche, Massaker und Morde kaum mehr vorstellbar. Doch der Erfolg der Linken ist auch eine Folge des Niedergangs der alten politischen Kaste, deren ProponentInnen allzutief in die dunklen Machenschaften verstrickt waren – wie der heute vor Gericht stehende ehemalige Ministerpräsident Giulio Andreotti. In den staatlichen Institutionen, der Polizei, dem Militär und teilweise der Justiz sitzen nach wie vor viele derer, denen jedes Mittel recht war, Linke und KommunistInnen zu bekämpfen. Gegen einen der ganz großen Drahtzieher, Licio Gelli, laufen ganz frische Ermittlungen im Zusammenhang mit einem riesigen Waffenhändlerring, den die italienische Polizei Anfang Juni ausgehoben hat, nachdem der Geheimagent Francesco Elmo im Oktober letzten Jahres ausgepackt hat. Im Zentrum der Organisation steht der slowenische Waffenhändler Nicholas Oman, ihre Verbindungen reichen von Wladimir Schirinowskij bis zum Erzbischof von Barcelona Ricard Maria Charles, der über die Vatikanbank IOR 100 Millionen Dollar gewaschen haben soll. Die Wurzeln von Gladio Die italienischen Wurzeln von Gladio gehen auf das Jahr 1942 zurück, als der amerikanische Geheimdienst erfolgreich Druck auf das Justizministerium ausübte, den inhaftierten Mafiaboß Charles "Lucky" Luciano freizulassen. Im Gegenzug bereitete Luciano 1943 die Landung amerikanischer Truppen in Sizilien vor. Dies war der Anfang einer langen Zusammenarbeit zwischen der USA und den Mafiosi von der "Cosa Nostra". Gleichzeitig knüpfte das "Office of Strategic Services" (OSS), die Vorläuferorganisation der CIA, noch während des Zweiten Weltkriegs enge Kontakte zur katholischen Kirche, insbesondere zum Malteserorden. Zu dessen "Rittern" gehörte OSS-Chef William "Wild Bill" Donovan ebenso wie der spätere CIA-Capo William Casey. Und noch einer war dabei: Licio Gelli, Großmeister der geheimen Freimaurerloge "Propaganda Due" (P 2), der als der große Koordinator von Geheimdienstaktionen, Mafiaoperationen, Drogen-, Waffen- und anderen dunklen Geschäften der italienischen Nachkriegsgeschichte gilt. Der Hinrichtung durch italienische PartisanInnen entkam der Nazi-Kollaborateur durch Flucht zur US-Army. Dort wurde er vom "Counter Intelligence Corps" (CIC) angeworben, 1950 rekrutierte ihn auch der noch junge italienische Geheimdienst SIFAR. Gelli wurde zum wichtigsten Mittelsmann zwischen der CIA und dem ersten Geheimdienstchef General Giovanni De Lorenzo, seine Kontakte reichten bis zu den Präsidenten Reagan und Bush. Auf der Mitgliederliste seiner 1981 enttarnten Loge P 2 fanden sich zahlreiche hochrangige Geheimoffiziere, aber auch Medienmogul und Ex-Ministerpräsident Silvio Berlusconi. Im Dezember 1945 wurden alle ehemaligen italienischen Geheimdienste aufgelöst. In den folgenden Jahren lag die Spionage allein in den Händen der US-Agenten vom OSS. Der legendäre paranoide OSS-Agent James Jesus Angleton, später Counter-Intelligence-Chef der CIA, baute ein geheimes Netzwerk auf, mit dem die Basis für Gladio gelegt wurde. Allein zwischen Kriegsende und 1953 pumpten die Vereinigten Staaten vier Milliarden Dollar für Geheim- und Hilfsprogramme nach Italien. Mit dem Beitritt Italiens zur NATO im März 1949 wurde auch der militärische Geheimdienst neu gegründet: Die Gründung des "Servizio Informazioni Forze Armata" (SIFAR) erfolgt unter Anleitung der CIA und Koordinierung der NATO. Auf Empfehlung der Amerikaner wird 1956 General De Lorenzo zum Chef des SIFAR ernannt, der bereits während des Kriegs die Militärspionage geleitet hat. Unter seiner Leitung wird ein Jahr später die eigentliche Gladio-Struktur, das "Büro R" (wie "Ricerche" = Nachforschungen) gegründet. Der unter amerikanischer Federführung neugegründete Geheimdienst rekrutierte sich zu einem beträchtlichen Teil aus alten Faschisten. Als 1966 ein Putschplan De Lorenzos – der sogenannte "Piano Solo" – aufzufliegen droht, wird der SIFAR aufgelöst und durch den "Servizio Informazioni Difesa" (SID) ersetzt. Dessen erster Chef Eugenio Henke soll nach Aussagen eines Südtiroler Gladiators als Revanche für den Südtirol-Terror 30 Attentate in Österreich in Auftrag gegeben haben. Als Reaktion auf die Verwicklung des Geheimdienstes in die Massaker der siebziger Jahre wird dieser 1977 ein weiteres Mal "reformiert": Aus dem SID entstehen SISDE – "Servizio Informazioni Sicurezza Democratica", als innenpolitischer Dienst dem Innenminister unterstellt – und SISMI – "Servizio Informazioni Sicurezza Militare" unter der Oberhoheit des Verteidigungsministeriums. Doch auch diesmal bleiben die alten Seilschaften am Ruder. SISMI-Chef Santoviti ist ebenso P-2-Mitglied wie sein Stellvertreter Pietro Musumeci, der wie Gelli wegen des Bombenanschlags auf den Bahnhof von Bologna (1980) verurteilt wurde. Die Massaker: 245 Tote und über 600 Verletzte 12. Dezember 1969, Mailand, Piazza Fontana. Die Massenbewegung der StudentInnen und ArbeiterInnen hat im Herbst 1969 ihren Höhepunkt erreicht, als durch eine Bombe vor der Landwirtschaftsbank im Zentrum Mailands 16 Menschen getötet und 84 verletzt werden. Die Polizei ermittelt, wie es bei fast allen Anschlägen zur Regel werden wird, sofort gegen Linke. Es kommt zum "zufälligen Tod eines Anarchisten" (so der Titel eines Theaterstücks von Dario Fo über den Vorfall): Giuseppe Pinelli "fällt" während seiner Einvernahme durch die Polizei aus dem Fenster. Der Geheimdienst legt falsche Spuren und verwischt richtige, der ermittelnde Polizeikommissar wird von Faschisten ermordet. Weitere zwölf in die Ermittlungen verwickelte Personen begehen entweder "Selbstmord" oder sterben bei "Unfällen". Die schließlich angeklagten Faschisten werden allesamt 1989 in letzter Instanz freigesprochen. Als ausführender Täter des Massakers wird heute das ehemalige "Ordine Nuovo"-Mitglied Delfo Zorzi genannt – mittlerweile ein schwerreicher Geschäftsmann in Tokio. Vorbereitet wurde das Attentat nach neueren Ermittlungen vom Anführer der bewaffneten Gladio-Zellen in Venetien Enrico Minetto. Es wird immer klarer, daß die italienischen Faschisten im Auftrag der CIA beziehungsweise der NATO handelten. Trotzdem scheint es zweifelhaft, daß das Geheimnis über das schier undurchdingliche rechtsextreme Netzwerk jemals vollständig gelüftet werden wird. Einer der ermittelnden Staatsanwälte hielt Ende letzten Jahres resignierend fest: "Bis heute besteht eine noch höchst aktive Struktur in Italien und im Ausland, mit dem Ziel der Kontrolle von Menschen, die in der Vergangenheit an schlimmsten Attentaten beteiligt waren. Diese ist in der Lage, ungeheure finanzielle Mittel und juristische Unterstützung für die Kämpfer bereitzustellen, gegen die von den Strafverfolgungsbehörden ermittelt wird." 31. Mai 1972, Peteano. In einem kleinen Ort in der Nähe von Triest tötet eine Autobombe drei Carabinieri. Die Neuaufnahme des Verfahrens durch den venezianischen Untersuchungsrichter Felice Casson führt 1990 zur Aufdeckung des Gladio-Skandals. Unter anderen wird der Chef des militärischen Geheimdienstes SISMI angeklagt. Ausführende des Anschlags waren die "Ordine Nuovo"-Mitglieder Vincenzo Vinciguerra und Carlo Maggi. Ersterer wurde zu lebenslanger Haft verurteilt – eine der wenigen Ausnahmen in der nicht endenden Serie von Freisprüchen für rechtsextreme Terroristen durch italienische Gerichte. Der beim Anschlag verwendete Sprengstoff "T 4" stammte aus einem der 139 geheimen italienischen Gladio-Waffenlager. Der Waffenexperte Marco Morin, ebenfalls "Ordine Nuovo"-Mitglied, hatte mit einem gefälschten Gutachten offensichtlich im Gladio-Auftrag die Spur des Sprengstoffs in Richtung "Rote Brigaden" gelenkt. Dem Geheimdienst gelang es, Morin auch als Gutachter in die Untersuchungen wegen der Ermordungen des christdemokratischen Ministerpräsidenten Aldo Moro und des Anti-Mafia-Staatsanwalts Dalla Chiesa einzuschleusen. 28. Mai 1974, Brescia, Piazza della Loggia. Während einer antifaschistischen Demonstration der Gewerkschaft explodiert eine Bombe, die 9 Tote und 90 Verletzte fordert. Zwei Prozesse 1985 und 1989 enden mit Freisprüchen für alle Angeklagten. 4. August 1974, "Italicus"-Express. Die Explosion einer Bombe in einem Schnellzug auf der Strecke Florenz-Bologna tötet 12 Fahrgäste und verletzt 48. Zwei Neofaschisten werden zu lebenslanger Haft verurteilt, die Urteile aber 1986 wieder annulliert. 9. Mai 1978, Ermordung Aldo Moros. Auch bei der Ermordung des christdemokratischen Ministerpräsidenten nach 55 Tagen Gefangenschaft durch die "Roten Brigaden" hatten Geheimdienste ihre Finger im Spiel. Die Brigaden waren sowohl vom italienischen Geheimdienst als auch von der CIA infiltriert. Beispielsweise sollen Waffenlieferungen der PLO an die Brigaden Teil eines Vertrags zwischen der PLO und der CIA gewesen sein. In später in einem Quartier der "Roten Brigaden" aufgefundenen Briefen aus der Haft deutete Moro an, daß er geopfert werden sollte. Er fürchtete den Einfluß von Andreottis engen Beziehungen zur CIA auf sein Schicksal. Moro war ein Verfechter des "historischen Kompromisses" zwischen ChristdemokratInnen und KommunistInnen, seine Ermordung paßte nur zu gut in die "Strategie der Spannung" von CIA und italienischem Geheimdienst. In der Abschrift der Briefe waren entscheidende Stellen gestrichen. Die beiden Männer, die am meisten über Moros Briefe wußten, wurden ermordet: Dalla Chiesa und der Journalist Mino Pecorelli. Der Mafia-Pate Thomas Buscetta beschuldigte Andreotti, die Ermordung der beiden aus Furcht vor möglichen Enthüllungen angeordnet zu haben. Andreotti steht zur Zeit in Palermo wegen seiner mutmaßlichen Komplizenschaft bei der Ermordung Pecorellis vor Gericht. Einer der blutrünstigsten Mafiakiller, Calogero Ganci, gestand im Juni dieses Jahres, Dalla Chiesa erschossen zu haben. 27. Juni 1980, Ustica. Über der nördlich von Sizilien gelegenen Insel Ustica stürzt eine DC-9 mit 81 Menschen an Bord ab. Alle kommen um. Fast zeitgleich stürzt über den kalabresischen Bergen eine libysche MIG-23 ab. Den Hintergrund dieses "zufälligen" Zusammentreffens schilderte die italienische Wochenzeitung "Panorama" folgendermaßen: "Die DC-9 der ,Itavia' wurde, wahrscheinlich aus Versehen, im Laufe einer geheimen, auf internationaler Ebene organisierten Militäraktion abgeschossen, deren Ziel der Sturz des libyschen Regimes und die physische Eliminierung von Muhammar Ghadaffi war." So unglaublich diese Version klingt, sie hat einen wichtigen Kronzeugen: Guglielmo Sinigaglia, Verbindungsmann zwischen italienischen und französischen Geheimdiensten. Laut Sinigaglia bestand der Putschplan aus mehreren Phasen: "Von einem sizilianischen Stützpunkt aus Waffenlieferungen an libysche Rebellen; Abschuß des Flugzeuges, das in der Nacht des 27.6.1980 Ghadaffi von Tripolis nach Warschau bringen sollte durch ein von einem libyschen Rebellen gesteuertes Flugzeug; Landung eines auf U-Booten verschifften internationalen Kommandos in Libyen zur Unterstützung der Rebellen, um den Staatsstreich durchzuführen. Der Plan schlug fehl, als statt Ghadaffi die DC-9 der ,Itavia' getroffen wurde." Ähnlich schildert ein ehemaliger SISMI-General den NATO-Putschversuch gegen Libyen in einem zwölf Jahre alten Dossier, das im Januar dieses Jahres in seiner Wohnung gefunden wurde. Demnach sei Ghadaffis Flugzeug von ein oder zwei von libyschen Rebellen gelenkten Jägern verfolgt worden. Daraufhin seien ein oder zwei französische Jäger aufgestiegen "und schossen einen libyschen Jäger ab: den, der in Kalabrien abstürzte. In der kurzen Luftschlacht entkam Ghadaffis Flugzeug und wurde mit dem Zivilflugzeug verwechselt, das zum Ziel der französischen Rakete wurde." Der General hielt in seinem Schreiben weiters fest, daß der damalige Staatspräsident Cossiga voll eingeweiht gewesen sei. Auch die "Ustica"-Affäre ist von einer Reihe von dubiosen "Selbstmorden" und tödlichen "Unfällen" von Menschen geprägt – mindestens zwölf –, die etwas über die Zusammenhänge zu erzählen gehabt hätten. Der Journalist Werner Raith vertritt die These, daß auch die von der italienischen Kunstflugstaffel "frecce tricolori" im August 1988 im deutschen Ramstein verursachte Katastrophe, bei der 70 Menschen starben, eine Spätfolge von "Ustica" war. Zwei der verunglückten Piloten seien durch Manipulationen an ihren Maschinen zum Schweigen gebracht worden. 2. August 1980, Bologna, Bahnhof. Eine Bombe tötete 85 Menschen und verletzte 200. Nach 15 Jahren werden im November 1995 rechtskräftige Urteile gefällt. Zwei Mitglieder der terroristischen "Nuclei armati rivoluzionari" (NAR – Bewaffnete Revolutionäre Kerne) werden zu lebenslanger Haft verurteilt, die SISMI-Offiziere Pietro Musumeci und Guiseppe Belmonte wegen Legen falscher Spuren zu mehrjährigen Haftstrafen. Die mutmaßlichen Auftraggeber, P-2-Großmeister Licio Gelli und sein Helfershelfer, der CIA-Agent Francesco Pazienza, zu jeweils zehn Jahren. Nicht verurteilt wurde Stefano Delle Chiesa, der den Anschlag organisiert und den Sprengstoff besorgt haben soll. Musumeci, 1980 stellvertretender SISMI-Chef, versuchte den Verdacht auf die deutsche "Wehrsportgruppe Hoffmann" zu lenken. Tatsächlich war Karl-Heinz Hoffmann mit Delle Chiesa zusammengetroffen. Mitglieder seiner Gruppe landeten drei Tage vor dem Anschlag in Rimini. Die Verbindung zu Hoffman ist auch in einem größeren Zusammenhang von Interesse: Die Bombe von Bologna war Auftakt zu einer Serie von drei weiteren Anschlägen in ganz Europa: Keine zwei Monate später sterben am 26. September mitten in einer heißen Wahlkampfphase – damals kandidierte Franz Josef Strauß für das Amt des Bundeskanzlers – bei einem Anschlag auf das Münchener Oktoberfest elf Menschen (siehe auch "Fortsmeister Lembke"). In der Woche darauf folgt ein Anschlag auf die jüdische Synagoge in Paris, ein weiterer auf den Karneval der schwarzen Bevölkerung Londons im Januar 1981 wurde von der Zeitschrift "Searchlight" vereitelt. 23. Dezember 1984, Eilzug 904. Eine Bombe, die in einem Tunnel explodiert, tötet 27 Menschen und verletzt 180. Mai 1993, Florenz. Eine Bombe zerstört die weltberühmten Uffizien und tötet fünf Menschen. Zwei weitere Bomben folgen Ende Juli desselben Jahres in Rom und Mailand (6 Tote, insgesamt 98 Verletzte). Die drei Anschläge waren der bislang letzte aufsehenerregende Versuch, die gegen die faschistisch-geheimdienstliche Allianz ermittelnden PolizistInnen und RichterInnen einzuschüchtern. Der im Mai dieses Jahres verhaftete sizilianische Mafiaboss Giovanni Brusca, auf dessen Konto unter anderem die Ermordung des Anti-Mafia-Richters Giovanni Falcone geht, gestand seine Beteiligung an den Anschlägen. In die Massaker verwickelte faschistische Organisationen Movimento Sociale Italiano (MSI). 1946 von Giorgio Almirante, Pino Rauti, Julius Evola und Clemente Graziani gegründete faschistische Partei. Im gleichen Jahr stellten Rauti, Evola und Graziani auch die bewaffnete Untergrundorganisation "Fasci di Azione Rivoluzionaria" auf die Beine. Almirante, gegen den wegen des Blutbads von Peteano Anklage erhoben wurde, führte die NeofaschistInnen von 1969 bis 1987. Sein Nachfolger Gianfranco Fini machte die nunmehr als Alleanza Nazionale (AN) firmierende Partei zur drittstärksten Partei Italiens. Pino Rauti, "godfather" und Koordinator der verschiedenen faschistischen Terrorgruppen, soll auf der Lohnliste der CIA gestanden haben. 1965 gehörte er zu den Mitorganisatoren eines vom "Institut für militärische Studien" in Rom abgehaltenen Treffens über den "revolutionären Krieg", an dem RechtsextremistInnen, aber auch Verantwortliche des Geheimdienstes SIFAR teilnahmen. Auf dieser Versammlung wurde jene "Strategie der Spannung" entworfen, welche vier Jahre später erstmals in die Tat umgesetzt wurde. 1989 zog Rauti für den MSI in das Europaparlament ein und führt heute die faschistische Splitterpartei "Movimento Sociale Tricolore" (MST) an, die bei den letzten Wahlen unter einem Prozent blieb. Ordine Nuovo. Das "faschistische Studienzentrum", zu deutsch: Neue Ordnung, wurde 1956 vom radikalen Flügel des MSI um Pino Rauti gegründet. Anfang der sechziger Jahre zählte die Gruppe über 10.000 Mitglieder. Ordine Nuovo und vor allem deren Führer Rauti unterhielten engen Kontakt zur faschistischen Internationale, zur französischen Terrorbewegung OAS, zur "Jugend Europa" usw. AktivistInnen der Terrortruppe oder aus deren Umfeld waren in praktisch alle faschistischen Blutbäder verwickelt. Rauti soll beispielsweise der Anstifter des Attentats auf der Piazza Fontana gewesen sein. Als Almirante 1969 den Vorsitz des MSI übernahm, trat die Ordine Nuovo geschlossen wieder der Partei bei. Avanguardia Nazionale. 1960 von Italiens bekanntestem Rechtsterroristen und Ordine-Nuovo-Mitglied Stefano Delle Chiesa gegründete und 1973 wegen nationalsozialistischer Wiederbetätigung aufgelöste Schlägertruppe, auf deren Konto zahlreiche Morde gehen. Delle Chiesa unterhält beste Kontakte zu Geheimdiensten, bereits 1960 soll er als Agent angeworben worden sein. Er handelte mit Drogen und Waffen, arbeitete für Francos Armee und war 1980 in Bolivien zusammen mit Klaus Barbie und dem deutschen Neonazi Joachim Fiebelkorn in einen Putsch verwickelt. Er gilt als einer der Haupttäter der Massaker auf der Piazza Fontana, auf den "Italicus"-Express und den Bahnhof von Bologna. Ordine Nero. Unter dem Schutz des militärischen Geheimdienstes SID 1973 gegründete Nachfolgeorganisation von Ordine Nuovo und Avanguardia Nazionale, die sich zu zahlreichen Anschlägen wie etwa dem Blutbad in Brescia im Mai 1974 bekannt hat. Falanga Armata. In der "Bewaffnete Phalanx" setzen FaschistInnen und Geheimdienste ihre Zusammenarbeit auch in den neunziger Jahren fort. Auf ihr Konto gehen Morde an Industriellen und Carabinieri, ein Brandanschlag auf ein Roma-Lager (2 Tote) und die Bomben in Florenz, Rom und Mailand im Jahr 1993. Die Falanga versteht sich als "nationalrevolutionär" und ist wahrscheinlich die Nachfolgeorganisation der "Bewaffneten Revolutionären Kerne" (NAR), die wegen ihrer guten Kontakte zu italienischen und deutschen Geheimdiensten bekannt war. Sie ist eine hochprofessionelle Terrorgruppe, die sich aus Carabinieri, Geheimdienstleuten von SISMI und SISDE sowie NeofaschistInnen zusammensetzt. Der Unterschied zu den früheren Gruppierungen besteht in den fehlenden – jedenfalls nicht bekannten – Querverbindungen zum NATO-Geheimdienst. Markus Kemmerling Quellen: Harald Irnberger: Die Terrormultis. Jugend und Volk, Wien 1976; Giuseppe De Lutiis: Storia dei servizi segreti in Italia. Editori Riuniti, Roma 1991; La notte dei gladiatori – Omissioni e silenzi della repubblica. Calusca Edizioni, Padova 1992; Hans Karl Peterlini: Bomben aus zweiter Hand – Zwischen Gladio und Stasi: Südtirols mißbrauchter Terrorismus. Edition Rætia, Bozen/Bolzano 1992, S. 36–42; Jeder Tag ist der 25. April – Überblick über die neofaschistische Bewegung in Italien. Spinaceto Antifascista, Juni 1994; Arthur E. Rowse: Gladio: The secret U.S. War to subvert Italian Democracy. Covert Action Quarterly No. 49, Summer 1994; Uwe Herzog: Bombenleger von den Diensten. konkret 6/87; Der Spiegel 48/1990 · antifa-info Nr. 14 – Frühjahr '91; Gladio, dreiteiliges BBC Special, Juni 1992; Strategie der Spannung, Arranca Nr. 5, nachgedruckt in: Lotta Dura 1/96; analyse und kritik 388, 7.3.1996; apa, 19.6.1996. --------------- Strategie der Spannung "Die Rechten stellen sich selbst in den Dienst des Staatsapparates, in dem sie eine Strategie unterstützen, die man als Strategie der Spannung bezeichnet. Dreißig Jahre lang bis in die achtziger Jahre wurde die Bevölkerung absichtlich in Unruhe und Angst vor einem Ausnahmezustand gehalten. Bis sie bereit war, einen Teil ihrer persönlichen Rechte im Austausch für größere Sicherheit aufzugeben, für die alltägliche Sicherheit, die Straße entlang zu gehen, mit der Bahn oder dem Flugzeug zu reisen, in eine Bank zu gehen. Die Menschen in diese Haltung zu zwingen, das ist die Logik, die hinter den Verbrechen steckt. Und da der Staat dahinter steht, der sich nicht selbst belasten wird, werden diese Verbrechen unaufgeklärt bleiben." Vincenzo Vinciguerra, wegen der Morde von Peteano 1972 zu lebenslanger Haft verurteilter Neofaschist und Gladiator. --------------------------- Der Plan "Demagnetize" Bereits 1948 hatten die Amerikaner den Geheimplan "Demagnetize" ausgeheckt, um ItalienerInnen wie FranzösInnen vom Kommunismus zu "entmagnetisieren": "Das letzte Ziel des Planes ist es, die Kräfte der kommunistischen Parteien zu reduzieren, ihre materiellen Ressourcen, ihren Einfluß auf die italienischen und französischen Regierungen und im besonderen auf die Gewerkschaften, um die Gefahr so weit wie möglich zu reduzieren, daß sich der Kommunismus nach Italien und Frankreich verpflanzen kann und die Interessen der USA in den beiden Staaten schädigt. Die Einschränkung der Macht des Kommunismus in Italien und Frankreich ist ein prioritäres Ziel und muß mit jedem Mittel erreicht werden. Vom Plan Demagnetize dürfen die italienischen und französischen Regierungen nicht in Kenntnis gesetzt werden, da es klar ist, daß der Plan die jeweilige nationale Souveränität verletzt." Zitiert nach der Parlamentarischen Untersuchungskommission über die Blutbäder, 20.6.1991. ------------------------- G. Sanguinetti in seinem Buch "Über den Terrorismus und den Staat", Hamburg 1981, S. 55-57 schrieb: “Die gesamte Bevölkerung, die diesen Staat nicht mehr ertragen kann oder ihn bekämpft, soll glauben, sie habe wenigstens einen gemeinsamen Feind mit diesem Staat, vor dem er sie unter der Bedingung schützt, daß er von niemandem mehr in Frage gestellt wird. Die im allgemeinen und nicht ohne Grund dem Terrorismus feindlich gegenüberstehende Bevölkerung muss dann zugeben, dass sie wenigstens zu diesem Zweck den Stat braucht, dem sie also weitestgehende Befugnisse übertragen soll, damit er kraftvoll der schwierigen Aufgabe der gemeinsamen Verteidigung gegen einen obskuren, geheimnisvollen, tückischen, unerbittlichen und mit einem Wort chimärischem Feind entgegentreten kann. Gegenüber einem Terrorismus, der immer wieder als DAS ABSOLUT BÖSE, als das Böse an und für sich vorgestellt wird, treten alle anderen, viel wirklicheren Übel in den Hintergrund und sollen ganz vergessen werden. Da der Kampf gegen den Terrorismus mit dem Gemeinnutz zusammenfällt, ist er schon das Gemeinwohl und der Staat, der ihn großmütig lenkt, ist das Gute an und für sich. Auf diese Weise kann der Staat, der äußerst geschwächt ist durch alle Angriffe, denen er zusammen mit seiner Wirtschaft seit Jahren Tag für Tag einerseits durch das Proletariat und andererseits durch die Unfähigkeit seiner eigenen Verwalter ausgesetzt ist, beides verschweigen, indem er feierlich auf sich nimmt, das Spektakel der gemeinsamen und hochheiligen Verteidigung gegen das terroristische Ungeheuer zu inszenieren. Im Namen dieser frommen Aufgabe kann er seinen Untertanen einen zusätzlichen Teil ihrer beschränkten Freiheit abverlangen, was die polizeiliche Kontrolle über die ganze Bevölkerung dann weiter verstärkt. ‚Wir sind im Krieg‘ – und zwar gegen einen so mächtigen Feind, daß jede weitere Uneinigkeit oder jeder weitere Konflikt ein Sabotageakt oder eine Desertion wäre: nuraus Protest gegen den Terrorismus darf man zum Generalstreik greifen. Der Terrorismus und der ‚Notstand‘, ein Zustand des ununterbrochenen Notstand und der ‚Wachsamkeit‘ – das sind die einzigen vorhandenen Probleme oder zumindest die einzigen, von denen es erlaubt und notwendig ist, sich mit ihnen zu beschäftigen. Alles übrige existiert nicht oder wird vergessen; es wird auf jeden Fall verschwiegen, ferngehalten und gegenüber der Wichtigkeit der Frage der 'öffentlichen Ordnung‘ in das gesellschaftliche Unbewußte verdrängt. Gegenüber der allumfassenden Pflicht der Verteidigung werden alle zur Denunziation, zur Unterwürfigkeit und zur Angst aufgefordert: zum ersten Mal in der Geschichte wird die Feigheit zu einer erhabenen Eigenschaft, die Angst gerechtfertigt und der einzige, nicht verachtungswürdige ‚Mut‘ ist derjenige, alle Lügen, Mißbräuche un Schandtaten des Staates zu billigen und zu unterstützen. Da DIE HEUTIGE KRISE KEIN EINZIGES LAND DER WELT VERSCHONT, GIBT ES KEINE GEOGRAPHISCHE GRENZE DES FRIEDENS, DES KRIEGES, DER FREIHEIT UND DER WAHRHEIT MEHR, DIESE GRENZE GEHT DURCH JEDES LAND HINDURCH UND JEDER STAAT BEWAFFNET SICH UND ERKLÄRT DER WAHRHEIT DEN KRIEG.” Der Terroranschlag - ob beabsichtigt oder nicht - führt dazu, dass sie Europa nun wieder geschlossener in den "Anti-Terror-Krieg" einbringen wird. Falls ich ein Verschörungstheoretiker wäre, würde ich Absicht unterstellen und wäre damit auf der Ebene von Bröckers, der - allerdings sehr hypothetisch - Gladio damit in Verbindung bringt. Denn es ist klar, dass der Militarismus/die NATO und auch der Krieg der USA gegen den Terror gestärkt wird und ich würde dies als Absicht unterstellen. Damit sehen wir, dass die Beurteilung - vor allem auch auf Basis von "cui bono" nicht sehr einfach ist, sondern wir zugeben müssen, dass auch wir nur spekulieren können. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass mit dadurch bedingt, dass der Westen, insbesondere der CIA - die El Kaida in Afghanistan mit aufgebaut und die Taliban an die Macht gebracht haben, indirekt für deren Verbrechen mit verantwortlich ist, auch wenn sich diese Terrorgruppen der direkten Steuerung nun entzogen haben und unkontrollierbar geworden sind. Aber könnte nicht um Zuge der "Liberalisierung" und des Zerfalles und Umstrukturierung der Geheimdienste nach 1989 (Implosion der Sowjetunion und damit Beendigung des "kalten Krieges") dies auch für die westlichen Geheimdienste zutreffen? Vom CIA weiss ich, dass viele davon in die Wirtschaftsspionage gegangen sind, aber auch ihre eigenen "kleinen Firmen" aufgebaut haben, die weiterhin - wie auch die Iran-Contra-Affaire beweist - mit Drogen und Waffen gedealt haben... Dies geht nicht ohne Verbindungen zum internationalen und mafiösen Terrorismus. Man kann also durchaus davon sprechen, dass der Kapitalismus in der Gegenwart eine Mafiaökonomie geworden ist, wie dies auch u.a. der Journalist und Robert Kurz beschreibt.