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Angriff der kobrause

Die deutsche Limonadenfirma Bionade und der befreundete Nudelhersteller Alb-Gold-Teigwaren wollen gemeinsam den amerikanischen Markt erobern - dazu ziehen sie ausgerechnet in eine altdeutsche Pietistengemeinde in Iowa und machen Geschfte mit den Amish

AUS DEN AMANA COLONIES ADRIENNE WOLTERSDORF

Eigentlich ist es samstags, wenn Schnee ber Iowa liegt, still in Amana. Der Bcker und der Laden schlieen um vier, das Heimatmuseum macht gar nicht erst auf. Schornsteine rauchen vor sich hin, und die wenigen Straen sind leer. Doch heute wird ein bisschen Betrieb in der 1.600-Seelen-Kolonie herrschen, denn es kommt Besuch. Zwei Mnner, einer aus Baden-Wrttemberg, einer aus Bayern, werden erwartet - und mit ihnen nichts Geringeres als eine andere Zukunft. Die Geschichte dieses Besuchs beginnt vor vier Jahren.

Klaus Freidler, ein Nudelfabrikant aus dem schwbischen Trochtelfingen, tourte mit einer Harley Davidson "zur Gaudi" durch die USA. Weil ihn zu Hause die Handelskammer von Iowa eingeladen hatte, wollte er mal - einfach so - auf seinem Weg quer durch die Vereinigten Staaten vorbeischauen. Die Leute von der Wirtschaftsagentur in Cedar Rapids reisten mit ihm kreuz und quer durch den Bundesstaat mitten im Herzen der USA - und zeigten ihm schlielich auch die Amana Colonies. Das sind sieben kleine Drfer, jedes um eine schlichte Kirche und groe Scheunen herum gebaut. Die Huser sind mit verwitterten Holzlatten verkleidet und manche wie fr ein Fotoalbum mit groen deutsch-englischen Hinweisschildern beschriftet. In ihnen leben tiefreligise Menschen mit Familiennamen wie Hoehnle, Hoppe oder Hahn, die die Welt jenseits von Amana schlicht die "Auenwelt" nennen. Das was fr sie "innen" ist, ist der gemeinsame Glaube an den inneren Dialog mit Gott. Das sind hessische Familien, die sich zum Teil seit dem 18. Jahrhundert kennen. Das sind Menschen, die Handwerker sind und solide Produkte lieben. Und es sind die Zweifel darber, was das heit, etwas Besonderes im Ozean des US-amerikanischen Daseins zu sein. "Ich hatte gleich das Gefhl, das ist eine ehrliche Sache hier, ich fhlte mich zu Hause", sagt Klaus Freidler heute.

Hinter ihm liegen zahlreiche Reisen nach Amana. Gesprche, Verhandlungen, Geschftsplne und vorsichtiges Herantasten. Vor ihm liegt die Vision der Grndung einer gemeinsamen Nudel- und Limonadenfirma mit seinem Freund Peter Kowalsky. Den lernte er vor drei Jahren auf einer Veranstaltung zu ko-Agrarprodukten in Sddeutschland kennen. Kowalsky ist der Kowalsky, der das Konzept Limonade vor wenigen Jahren mit einer neuartigen Brautechnik revolutionierte. Sein Produkt, die Bionade, hat Europa im Sturm erobert. Nun wollen beide Unternehmer, deren Philosophie Perfektion durch beste Qualitt ist, auf dem amerikanischen Kontinent gro einsteigen. Kooperiert haben sie bereits in mehreren europischen Lndern. Das Grundstck ist schon ausgesucht. Die Amana Society, hervorgegangen aus dem gemeinschaftlichen Besitz der einstigen pietistischen Kommune, ist der grte Landbesitzer und Farmbetrieb in Iowa, sie stellt das Bauland und die cker zur Verfgung. Es hat lnger gedauert, "bis den Leuten in Amana klar war, dass wir wirklich biologischen Anbau unserer Rohstoffe bentigen", erinnert sich Freidler. Doch weil die beiden Deutschen so beharrlich darauf bestanden, fanden sich in Amana ganz allmhlich Lsungen. Die Kuhweiden "sind seit Jahren Monsanto-frei", lacht der Nudelmacher. Auf denen werden Alb-Gold und Bionade noch in diesem Jahr mit dem Anbau von Dinkel, Braugerste und Holunder beginnen. Im Mai gehts los mit dem Bau zweier topmoderner Produktionssttten, einer Schaukche, einem biologischen Restaurant und eines Besucherzentrums. Die Menschen in Amana denken sich noch nicht viel dabei. Peter Hoehnle arbeitet fr eine Non-Profit-Organisation, die sich um die konomische Entwicklung der Bewohner Amanas bemht.

Doch viel lieber redet der 33-Jhrige ber die Geschichte, er ist schlielich promovierter Historiker. Er hat alle Amana-Daten im Kopf und kann stundenlang ber den pietistischen Mikrokosmos reden, der die Seelen hier zusammenhlt. Und ber die Amana-Doktrin des einfachen Lebens und die Menschen, die sie "Werkzeuge" nennen, weil Gott durch sie zu ihrer Gemeinde gesprochen hat. Ach ja, sagt er so nebenbei, demnchst ziehen auch zwei deutsche Firmen zu uns, die eine macht Nudeln, die andere so ein Getrnk. Es muss vor ein paar Jahrzehnten gewesen sein, als Amana erschpft eingenickt ist auf seinem Weg vom uralten Europa hin in die moderne USA. Anders als die Amish haben sich die Pietisten der Welt des Fortschritts nie verschlossen. Schon im 19. Jahrhundert betrieben sie Iowas einzige Wollweberei, noch in den 50er-Jahren produzierten sie die modernsten Khlschrnke der USA. Doch mit der Hinwendung zur Welt ist den Amanern irgendwo der Stolz auf die eigene Lebensweise abhanden gekommen. Erst machte sie das Deutschverbot whrend des Ersten Weltkriegs sprachlos. Dann zwang die Groe Depression sie 1932 zur Auflsung ihres kommunalen Lebensstils. Es folgten Hohn und Hme der Auenwelt, dass die Sekte ihrem "kommunistischen Modell" endlich abgeschworen und der "Kapitalismus in Amana gesiegt" habe. Und dann kam die Globalisierung. "Frher wurden wir fr unser Handwerk, unsere deutsche Kche und unsere Qualittsprodukte sehr geschtzt. Aber heute passt das alles nicht mehr zur amerikanischen Mentalitt", sagt Peter Hoehnle. "Warum soll einer einen handgeschreinerten Tisch von uns kaufen, wenn er einen aus China im Supermarkt fr einen Bruchteil des Preises bekommt?" Peter Hoehnle spricht Englisch, Deutsch will er lieber nicht versuchen. "Es klingt grauenhaft", meint er lachend. Sein Vater und die anderen Alten sprechen es noch, das altertmliche, lndliche Deutsch, in dem sie sonntags so gern ihre Hymnen singen. "Wir sind etwas Besonderes, aber ich werde das Gefhl nicht los, dass die Menschen hier auf die Auenwelt schauen und stets glauben, da drauen ist alles heller und schner", meint Peter Hoehnle nachdenklich. Er mchte, dass ein Bewusstsein zurckkehrt, dass die Auenwelt, zumal die amerikanische, etwas von ihnen lernen kann. Auch sein Freund John Childers sucht nach etwas, dass Amana aus seinem Dornrschenschlaf erweckt, ohne ihm die Identitt zu rauben. Oder nein, umgekehrt, es soll etwas sein, dass der Kolonie eine neue Identitt gibt, ohne Amana in seinen Grundfesten zu erschttern. "Ich freue mich riesig, dass Alb-Gold und Bionade zu uns kommen", meint er und spricht von den 125 dringend bentigten Jobs, die entstehen werden. "Ich glaube auch, sie knnen uns zeigen, dass unsere deutsche Kultur etwas Schnes ist."

Aufgewachsen ist Childers mit der Mahnung der Groeltern im Ohr, er solle niemandem sagen, dass er Deutscher ist. Heute spricht Childers als einer der wenigen Jungen wieder flieend Deutsch. Er wurde Dialekteforscher, lernte Hochdeutsch und hat ein Jahr an der Universitt Marburg studiert, um ber den hessischen Amana-Dialekt zu forschen. Mittlerweile arbeitet er bei der Amana Society und fhrte unter anderen die Verhandlungen mit Klaus Freidler und Peter Kowalsky. Nach seinem englischen Namen gefragt, antwortet er, "oh nein, ich habe schon befrchtet, dass ich das gefragt werde. Aber mein Grovater kam von auen", sagt er, als wre es etwas Peinliches. Er war ein englischer Quker aus dem Nachbarkreis.

Klaus Freidler und Peter Kowalsky sind am heutigen Samstag wieder in Amana eingetroffen. Sie mssen noch unzhlige Details klren, unter anderem wie die Eier fr die Nudeln nach Amana gelangen sollen. Der Hartweizen kommt mit dem Zug aus North Dakota. Der Holunder wchst vor der Tr, das Wasser kommt aus dem Boden. Doch die Eier sind noch ein Problem. Als Freidler der Amana Society vorrechnete, dass er tglich zuverlssig 100.000 ko-Eier bentigt, griffen sie zum Telefon und riefen bei den Amish im 140 Kilometer entfernten Colona an. Ein Termin war schnell gemacht und der Gesprchspartner zufllig gleich ein Hhnerhalter. Er verstand sofort was Sache ist. Kaum war Freidler damals wieder nach Hause gefahren, hatte ihm der Amish-Mann schon eine Email geschickt und darin vorgerechnet, dass er mit seinem weitlufigen Netzwerk an Glaubensbrdern 100.000 freilaufende Legehennen unterhalten kann. Nur der Transport wre ein Problem. Denn Amish lehnen aus religisen Grnden Autos ab. "Die haben noch die Heugabel, aber Hightech im Bro, da sind sie ganz pragmatisch", lobt Freidler. Nur Autofahren ist nicht drin. So muss Freidler halt eine Logistiklsung finden. Es lohnt sich, denn die Eier sind Spitzenklasse, freut er sich. Es wird sich finden, wie sich hier alles im Laufe der Zeit gefunden hat.

Kowalsky und Freidler haben ausgerechnet, dass ihre Produkte innerhalb von 24 Stunden zwei Drittel der USA erreichen knnen. Sie hatten andere Angebote, sogar in Kalifornien. Ihre Idee sei aber, erklrt Freidler, dass Alb-Gold und Bionade "authentisch bleiben und verwurzelt mit dem Anbau unserer Rohstoffe". So wie da, wo sie in Deutschland eben herkommen. "Wissen Sie, auch Nudeln brauchen eine Heimat." Fr Peter Hoehnle und John Childers wird mit den Sptzle die eigene Geschichte lebendig: "Jetzt kommt ein Stck Deutschland zu uns zurck."

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