About this Site - Sitemap



UTOPIE

----1400----

VORLÄUFER

----1890----

LEBENSREFORM

BOHEME

  • in München
----1918----

RÄTEREPUBLIK

  • in München

ARBEITERTHEATER 1880-1930s

WEIMARER REPUBLIK

  • braunes München
  • Berlin
  • Moskau - Paris - New York
----1955----

1960 - 1970 - 1980

----1989----

HEUTE



























edit this sidebar



Recent Changes Printable View Page History Upload File Edit Page

Gusto Grser ist auf Besuch und es ist Revolution in Mnchen...

Oskar Maria Graf (1894-1967)

...aus Wir sind Gefangene (e.A. 1927)


XXIII

IM STURM UND IM SUMPF

Das Frulein fuhr eines Tages nach Berlin zu seinen Eltern. Lstig, nun hatte ich keinen Menschen mehr, mit dem ich mich von Zeit zu Zeit aussprechen konnte. Pegu war schon lnger in Blankenburg und tauchte nur hie und da auf. Zu meinem klumpfigen Zimmerherrn war eine Berliner Freundin gekommen, die mit ihm droben im kleinen Kmmerchen zusammen hauste. Der Mann war den ganzen Tag irgendwo im Landtag oder in der Stadt, seine Geliebte immer mit ihm. Um Schorsch waren stets die merkwrdigsten Leute. Allein traf ich ihn nie. Ein halbfertiges lbild stand auf seiner Staffelei im Atelier, er hatte die Arbeit liegen gelassen, und der Naturapostel Gusto Grser logierte bei ihm. Der war gekommen und nicht mehr weggegangen. Die meiste Zeit lag er faul auf dem Diwan, klagte, er sei krank, und wenn er sich aufrichtete, fing er an in predigerhaftem Ton allerhand Stellen aus chinesischen Philosophen, aus Nietzsches Zarathustra und aus seinen eigenen Aufzeichnungen zu zitieren. Er war Vollblutvegetarier, hatte lange, wallende Christushaare, einen ebensolchen Voll- und Schnurrbart, trug eine Art Toga aus Sackleinwand auf dem Leib, die mit Holzstbchen zusammengehalten war, darber einen breiten Ledergrtel, darunter eine kurze Hose und an den Fen Ledersohlen, die er mit Spagatschnren festgebunden hatte. Er a nur Obst, Gemse und Brot und trank Wasser. So sanft war er, da er nicht einmal seine Luse und Flhe ttete; so vllig hatte er sich der Natur genhert, da er wie eine Ziege stank. Er gab vor, sich nur in Quellwasser zu waschen, und da es in der Stadt keine Quelle gab, wusch er sich berhaupt nie. Er predigte selbstverstndlich gnzliche Abkehr von der Zivilisation, trug in seinem umgehngten Lederbeutel braune, viereckige Bltter, auf denen seine Ideen in aphoristischer Form gedruckt waren und verkaufte oder verteilte diese ab und zu.

Ich kam einmal zu Schorsch und erschrak frmlich ber die Verwstung seines Ateliers. Schweigend und feindlich glotzte ich Grser an. Mein Freund zog sich an, um mit mir zu gehen. Er knpfte sich die Weste ein.

Knpfe ... Das ist ... a-ah ... das ist sinnwidrig ... sehr sinnwidrig, murmelte der Apostel.

Komm, sagte Schorsch und ging mit mir.

Mensch, was hast du denn da fr ein Ungeziefer bei dir? Fragte ich ihn auf der Treppe.

Ich bring ihn nicht mehr los, war die Antwort.

Was? ... Schmei ihn doch einfach hinaus! rief ich.

Heut Abend hat er eine Versammlung ... Da gehn wir alle hin, erzhlte mein Freund statt jeder Antwort. Ich polterte. Wir trafen einen anderen Bekannten Schorschs, sehr elegant, mit Hornbrille, ungewhnlich breitmulig lchelnd. Ein beschftigungsloser, spintisierender, literarischer Adeliger aus Berlin war es, der auch in Revolution machte. uerst beweglich war er, einen koketten Gang hatte er.

Ado von Achenbach, stellte Schorsch ihn mir vor.

Wir gaben uns die Hnde. Der kleine Mann fing sofort zu diskutieren an. Ich erinnerte mich, ihn einmal im Simplizissimus und in der frheren Wohnung des Hollnders gesehen zu haben. Er erzhlte, im Rtekongre sei vor einigen Tagen eine Polizeiabordnung gewesen und habe Mhsam und Levien verhaftet, nach einigen Stunden aber wieder entlassen.

berhaupt jetzt gehts wieder aufs Letzte ... Entweder Rterepublik oder Reaktion ... Die Gewerkschaftler und Mehrheitssozialisten hintertreiben schon wieder ... Es ist noch immer Diktatur des Proletariats, aber kein Mensch kennt sich aus, redete er weiter und reichte uns auswrtige Zeitungen. Die schrecklichsten Lgen standen darin. Der Vorwrts erzhlte von einem Brgerkrieg in Mnchen, von einem mrderischen Gemetzel der Mnchner Unabhngigen und Spartakisten unter den Fhrern der Bayrischen Sozialdemokratie. Die Vossische Zeitung erklrte Arco, den Mrder Eisners, als unzurechnungsfhig. Andere Bltter stellten es so hin, als sei in Mnchen kein ruhiger Brger seines Lebens mehr sicher. Das Berliner Tageblatt sprach schon von einer Rterepublik Bayern.

Die Rumpfregierung war noch da und arbeitete mit dem Zentralrat zusammen. Noch war alles unentschieden. Haussuchungen nach aufgespeicherten Lebensmitteln wurden gemacht, ein Erlass Tollers hatte angeraten, die groen Hotels zu inspizieren und dort beschlagnahmte Vorrte den Lokalen der Arbeiterviertel zuzuteilen, eine Aufforderung an alle Brger zur Waffenablieferung war ergangen, sonst nichts. Kre von Kressenstein, der deutschnationale Verleger Lehmann, hhere Offiziere, Studenten und sonstige rechtsstehende Persnlichkeiten waren als Geiseln im Hotel Bayerischer Hof.

Oberst Epp sitzt in Coburg und wirbt Freiwillige fr die Weie Garde ... In Wrttemberg und Baden, berall sind Noske-Anwerbestellen ... Alle auswrtigen Studenten lassen sich einreihen ... Die Mnchner Garnison steht sehr wacklig, berichtete Achenbach pessimistisch.

Flieger kreisten in der Luft. Was machen denn die? fragte ich. Die bringen Aufklrungsflugbltter aufs Land, erfuhr ich.

Wie stehts denn da drauen? erkundigte ich mich abermals.

Solang Gandorfer (Der Bruder des blinden Gandorfer, welcher mit Eisner am 7. November zusammen ging und inzwischen gestorben war.) bei uns ist, gehts ja noch leidlich, aber meistens sind die Bauern verhetzt und wollen nichts mehr liefern, sagte Achenbach.

Und hier ist alles uneinig, brummte ich. Mir graute.

Servus! sagte ein sehr blasser, hagerer junger Mensch mit schmalem Gesicht und gesellte sich zu uns.

Ah, Tautz! Servus! grten Schorsch und Achenbach und fragten nach neuen Nachrichten.

Der Generalstreik soll vorlufig abgebrochen werden ... Bewaffnung wird beraten, Landauer und Marut sind Kultusrte, erzhlte er. Dann kamen wir auf die Versammlung Grsers zu sprechen und wurden heiterer.

Das mu eine Gaudi werden, rief Tautz.

Ja und dann gehn wir alle mit zu Schorsch und ekeln den Kerl raus, schlug ich vor.

berhaupt, warum erscheint ihr so wenig im Knstlerrat, ihr Drckeberger! rsonierte Tautz.

Ich bin Privatperson ... Und berhaupt diese ganzen Knstler, da bin ich mitrauisch ... Zu was berhaupt immer der Unterschied: Knstler und Proletarier? ... Entweder man stellt sich in eine Reihe mit dem Arbeiter oder man bleibt weg ... Wenns so ist, brauchen wir keinen Knstlerrat, warf ich ein.

Wir sind doch Proletarier! meinte Tautz und forderte mich abermals auf, im Landtag zu erscheinen. Ich nickte beilufig.

Wir gingen auseinander und trafen uns abends in der Grser-Versammlung alle an einem Tisch, der Zimmerherr mit seiner Freundin, Tautz, Achenbach, Schorsch und ich. Der Saal war ziemlich voll. Geraucht sollte nicht werden. Wir rauchten. Es ging auch bereits laut zu. Vorne saen schwrmerische Mdchen mit Gretchenfrisur, alte Jungfern, Wandervgel, idealistische Sonderlinge und dergleichen. Auch biedere Biertischler, Parteigesichter, typische Spartakus-Gestalten und anderes Volk war da.

Was soll denn der Quatsch! ... Der Kerl mu ausgeruchert werden! polterte mein Zimmerherr. Solche Grasfresser verwirren blo!

S-s-st! ... S-s-st! mahnten die vorderen immer wieder und warfen bse Blicke auf uns.

Gusto Grser kam hereinmarschiert und stieg aufs Podium.

Ziegenbock! plrrte wer. Alles lachte. Andere wieder entrsteten sich. Grser machte eine halb segnende Armbewegung und fing seine monotone Predigt an. Ein unverstndliches Sammelsurium von Zitaten und verschrobenen Meinungen ergo sich ber die Anwesenden, begleitet von Beifall, Gelchter, Hohnrufen und Klatschen. Vom Geist der Gewaltlosigkeit fing der Apostel an.

Ach was Geist! Schnaps brauchen wir! schrie ich lausbbisch. Unser Tisch fing zu lachen an. Der Lrm wurde strker. Gusto Grser redete unbeirrt weiter.

Grasfressen und faulenzen ist sinnwidrig! stichelte ich abermals.

Jawohl! Diktatur des Proletariats! sekundierten einige am Tisch. Schon stimmten die anwesenden Spartakisten bei. Die Wandervgel gurrten wtend, die Jungfern und Mdchen zischten gehssig.

Nieder mit der Natur! Es lebe die Technik! schrie mein Zimmerherr. Spartakus marschiert.

Wir sind keine Menschen mehr , rief Grser, das andere ging unter.

Nein, Viecher! warf ich ins Toben.

Der groe Mittag kommt! salbaderte der Apostel abermals.

Auf dem Lokus! schrie Tautz. Nichts hrte man mehr, nichts als ein verworrenes, schimpfendes Redegerusch. Jeder trompetete jetzt seine Meinung aus. Drollig war es, Grser stand machtlos oben und schttelte nur noch ab und zu den Kopf. Ein fanatischer Spartakist stieg auf den Tisch und hielt die bliche Propagandarede: Proletarier! Die Weltrevolution marschiert! Schliet die Reihen um Spartakus! Nieder mit der Bourgeoisie und mit dem verrterischen mehrheitssozialistischen Gesindel! Die Macht kann nur mit Gewalt erobert werden! Hoch Liebknecht! Hoch Rosa Luxemburg und Lenin!

Alles stimmte bei und ging lachend auseinander. Sehr unterhaltlich! Wunderbar! hrte man von allen Seiten. Wir gingen mit Schorsch auf sein Atelier und warteten Grser ab.

Der mu raus! stimmten wir alle berein.

Grser kam, und wir fingen an, ihn zu verspotten; grob, gemein und absichtlich verletzend stichelten wir auf ihn. Er murmelte blo ab und zu ein sanftes Wort.

Also, bitte, Natur! Natur, Herr Nachbar! Morgen bitte Lager nehmen im Englischen Garten! sagte ich zuletzt fast drohend, und endlich gingen wir. Erst nach zwei Tagen rumte Gusto Grser das Feld. Man sah ihn in der Stadt herumlaufen. Stets verfolgte ihn ein Rudel Kinder. Wir erfuhren, da er sich in einem Ziegenstall eingenistet hatte.

Es tauchten um jene Zeit massenhaft solche Sonderlinge auf. Einer trug einen langen Zopf und Strohhut, sehr enge, karierte Hosen und eine ebensolche Joppe. Er suchte die Menschenauflufe und lispelte dann jedem ins Ohr: Christus sind wir! Seid ruhig, ihr Menschenkinder! Hmmert nicht euer eigenes Kreuz! Und ebenso hurtig verschwand er wieder. Ein anderer sehr verwahrlost gekleidet, mit bezwickertem, bissigem Gesicht sa meistens in den Cafes herum und rechnete. Auf lange, weie Bltter malte er Tabellen, und wenn ihn wer ansprach, erklrte er ihm schnaufend, wenn jeder tglich nur neunzig Gramm Roggenbrot und zehn Gramm Fleisch e, wre kein Elend mehr. Besonders wtend war er gegen die Konditoreiwaren. Stand er vor einer solchen Anlage, dann schimpfte er drauflos: Da, da, Herr Nachbar, da! ... Sehn Sies nicht ein! ... Dieser Luxus ist unser Ruin ... Der Zuckerbcker ist der grte Verbrecher ... Gegen die muss man vorgehn ...

Christenmenschen predigten in Versammlungen, Nacktkulturanhnger verteilten ihre Kundgebungen, Individualisten und Bibelforscher, Leute, die den Anbruch des tausendjhrigen Reiches verkndeten, und Kuze, die fr Vielweiberei eintraten, eigentmliche Darwinisten und Rassentheoretiker, Theosophen und Spiritisten trieben ein harmloses Unwesen. Einmal nachts ging ich ber den Stachus. Ein magerer Mensch scho auf mich zu, steckte mir hastig einen Zettel zu und lief eilends in der trben Dunkelheit weiter. Ich trat unter eine Laterne und besah den Wisch. Nichts weiter stand darauf als: Der Jude spricht dazwischen! Deutsche, besinnt euch!

Zu alledem stieg die Grung in den Massen immer mehr. Die brgerlichen Zeitungen erschienen wieder, aber der Zensurrat redigierte sie. Die sozialistischen Parteien bekmpften sich unablssig und mit grter Hitzigkeit. Im Hotel Wagner tagte eine proletarische Versammlung in Permanenz. Spartakisten und Unabhngige hielten dort stndig Reden, Mehrheitssozialisten wurden niedergeschrien. Resolutionen wurden abgefasst, Abordnungen zusammengestellt, die ihre Forderungen stets sofort dem Zentralrat im Landtag berbrachten. Ein fortwhrendes Aus und Ein, ein dauerndes Hin und Her war es.


GrserVita, GrsersLeben nacherzhlt, Bilder aus seinem Leben, ein paar seiner Gedichte?.

More info: http://www.oskarmariagraf.de/

Edit Page - Page History - Printable View - Recent Changes - WikiHelp - SearchWiki
Page last modified on July 21, 2005, at 11:38 PM