About this Site - Sitemap



UTOPIE

----1400----

VORLÄUFER

----1890----

LEBENSREFORM

BOHEME

  • in München
----1918----

RÄTEREPUBLIK

  • in München

ARBEITERTHEATER 1880-1930s

WEIMARER REPUBLIK

  • braunes München
  • Berlin
  • Moskau - Paris - New York
----1955----

1960 - 1970 - 1980

----1989----

HEUTE



























edit this sidebar



Recent Changes Printable View Page History Upload File Edit Page

Aus Erich Mhsam : Ascona


und ich beginne mit der interessantesten, tiefsten und bedeutendsten Persnlichkeit unter allen Colonisten, Carl Grser. Dieser Mann, der einmal Offizier gewesen ist, lebt jetzt mit seiner Frau Jenny Grser auf einem ziemlich umfangreichen Grundstck, das die Beiden durch ihrer eignen Hnde Arbeit bewohnbar gemacht haben. Es ist ihr Stolz, mglichst alles, was sie zum Leben ntig haben, selbst herzustellen. Sie begngen sich daher mit den primitivsten Bedarfsmitteln und lehnen es fast prinzipiell ab, den gemeinhin blichen Tauschverkehr mit der Aussenwelt durch Geldmnzen zu bewirken.

Grser ist der erste Mensch, der mir begegnet ist, der mit starrer Konsequenz das, was er theoretisch als richtig erkannt hat, in die Praxis umsetzt. Es gibt kstliche Anekdoten, wie sich das seltsame Paar prinzipiengetreu mit den rgerlichen Einrichtungen ihrer Umwelt abfand.

Frau Grser, die ber eine sehr schne Stimme verfgt, musste einmal den Zahnarzt aufsuchen: sie bezahlte den ihr geleisteten Dienst mit dem Vortrag einiger Lieder. Soll etwas, was die beiden nicht allein herstellen knnen, erhandelt werden, so gehen sie mit selbstgezchtetem Obst nach Locarno und Bellinzona und werden mit dem Kaufmann ber den Tausch stets einig.

Was aber irgend selbst geschaffen werden kann, das erhandeln sie nicht von andern. Ich traf Grser einmal an, als er damit beschftigt war, sich aus einem Stck rohen Holzes einen Esslffel zu schnitzen, ein andermal verfertigte er gerade ein Paar Sandalen.

Diese Arbeiten begleitet er mit allgemeinen Betrachtungen und Sentenzen ber die Schnheit der Natur, ber seine persnliche Beziehung zum Weltganzen und ber seine selbstgefundenen Erkenntnisse.

Sein Ideenkreis ist ein recht begrenzter, aber innerhalb dieser Begrenztheit doch ein sehr tiefer. Seine Philosophie lsst sich in Krze vielleicht so fassen: Gleiches findet sich berall zum Gleichen: Gutes zum Guten, Schlechtes zum Schlechten, Schnheit zu Schnheit, Kraft zu Kraft und Schwachheit zu Schwachheit.

In der Natur sieht er alles Gute, Schne, Krftige, Reine in hchster Vollendung, darum ist ihm die Phrase Zurck zur Natur! die die schwchlichen Geister der Schablonen-Vegetarier sinn- und verstandlos einander vorpredigen, innerste Lebenssehnsucht geworden. All sein Trachten und Handeln geht deshalb dahin, in Wort und Tat sich mit der Natur, diesem Inbegriff aller Vollendung, mglichst zu gleichen .

(Wie alle Naturphilosophen hat auch Grser die Eigentmlichkeit, seinen Ansichten neue Ausdrcke anzupassen und ethymologische Zusammenhnge zwischen verschiedenen Begriffen zu konstruieren, die hufig genug recht willkrlich ausfallen.)

Die Beschftigung mit den Buchweisheiten andrer weist er grundstzlich zurck. Er sieht darin eine Hemmung seines eignen, natrlichen Vorstellungsvermgens. Nur was er selbst aus dem Gefhl heraus gefunden hat, ist: fr ihn wahr und wert, im Handeln zum Ausdruck zu kommen. Nur der eigne, frei und unabhngig von jedem theoretischen Programm gefasste Entschluss scheint ihm dem Wesen der Natur zu entsprechen, deshalb ist ihm Spontanitt und Unmittelbarkeit im Handeln gleichbedeutend mit naturgemssem Handeln.

Ein sehr hnlicher Gedanke findet sich in Otto Weiningers posthumem Buch Ueber die letzten Dinge, wo es in dem Abschnitt von der Einsinnigkeit der Zeit heisst:

Tue, sage oder handle ich, was ich mir vorgenommen habe, so streiche ich die Zeit, die zwischen jedem Augenblick der Ueberlegung, und dem neuen, der die Handlung erfordert, liegt. Ich begehe eine Lge gegen den neuen Augenblick, setze ihn nmlich als identisch mit dem frheren und bin damit zugleich determiniert, indem ich mich durch einen frheren Augenblick durch empirische Kausalitt determiniert habe. Ich handle nicht mehr frei aus dem ganzen meines Ich heraus. Ich suche nicht mehr neu, das richtige zu finden; und bin doch wirklich ein andrer, als in jenem frheren Moment, zum mindesten um jenen reicher und nicht mehr ganz identisch mit dem frheren.

Weininger erinnert in diesem Zusammenhange selbst an den Bibelvers Ev. Matthus 10. 19; "Sorget nicht, was ihr sagen werdet, wenn man euch fragt, sondern sprechet was euch der Geist eingeben wird." Nun ist dies Prinzip der Prinzipienlosigkeit narrlich eine contradictio in adjecto in dem Augenblick, wo es nicht aus dem Instinkt heraus befolgt, sondern zum Prinzip des Handelns erhoben wird. Und hier fngt denn auch der Bau der Grserschen Theorie an zu wackeln. Denn seine Gewohnheit und sein Bestreben, alles was er tut und lsst, gleichzeitig vor sich selbst zu begrnden, steht nun einmal im Widerspruch zu der Idee der konsequenten Spontanitt, der er im selben Augenblick Ausdruck giebt.

Immerhin isr seine Philosophie ad hominem und das unausgesetzte Bestreben sich danach zu richten, einc herzerquickende Erscheiaung im Vergleich zu den den, unerlebten und unverdauten Lebensmaximen, wie sie das Gros der Vegetarier auf der Zunge trgt. Diese Leute bilden sich ein, freie Menschen zu sein und halten es nicht mehr fr ntig, irgendwelche hhere innere Freiheit anzustreben; dabei aber srecken sie bis zum Halse in Unfreiheiten aller mglicher Art. Grser dagegen arbeiTet unaufhrlich an seiner seelischen Befreiung; das wrde ihn allein hoch ber seine ganze Umgebung erheben, wenn er nicht auch tatschlich ein sehr viel freier empfindender Mensch wre als jene.

Ich hatte jedesmal einen starken Eindruck, wenn ich Grser besucht hatte. Fast ganz unbekleidet liegt er dann im Gras und philosophiert. Seine Augen sind ungleich beredter als sein Mund, denn sein Wunsch, den Gast mit jedem Wort, das er ausspricht, zu bereichern, nie etwas Banales zu sagen, giebt seiner Rede etwas Schwerflliges; aber es ist kstlich mitanzusehen, wie dieser Mann nach dem Ausdruck sucht, der das, was er begreiflich machen mchte, am wahrhaftigsten wiedergiebt.

Frau Jenny passt vorzglich zu ihm. Sie ist ein echtes Weib und als solches imsrande sich in den Ideengang des Mannes, den sie liebt, vllig hineinzutasten. Das ist ja die beste Eigenschaft der Frauen, dass sie sich mit ganzer Seele und ganzem Geist ihrem Manne hingeben knnen und daher rezeptiv Gedanken und Lehren schneller in sich aufnchmcn und verarbeiten knnen, als es manchem producriven und scharfsichtigcn Mannesgeist mglich ist, die Einsichten eines andern zu begreifen.

Karl und Jenny Grser sprechen miteinander gradezu in einer eignen Terminologie, sie hat sich seiner Art mit so taktsicherem Verstndnis angepasst, dass er ohne sie jetzt fast so wenig zu denken ist wie sie ohne ihn. Seit einiger Zeit haben sie ein Kind zu sich genommen, den vierjhrigen Sohn einer bekannten sozialistischen Frauenrechtlerin, die pltzlich katholisch geworden ist. Denn die Grsersche Ehe ist kinderlos. (Hier sei bemerkt, dass die Vegetarier-Ehen in Ascona und Nachbarorten durchweg kinderlos geblieben sind. Mir ist nur eine Ausnahme bekannt. Doch stammt, soviel ich weiss, das Kind in diesem Falls aus der vorvegetarischcn Zeit. Es wre interessant, von Sachverstndigen zu erfahren, ob die Erscheinung der Unfruchtbarkeit bezw. Impotenz, viele Vegetarier zhlen das Prinzip der Geschlechtsentbaltung zu ihren ethischen Grundstzen,aus der vegetarischen Lebensweise resultiert, resp. ob der Drang zum Vegetabilismus vorwiegend bei potenzgeschwchten Individuen entsteht.)

Der kleine Habakuk, den Namen haben Grsers ihrem Pflegeshnchen beigelegt, der ein ausnahmsweise intelligentes und schnes Kind ist, geniesst die freieste Erziehung, die man sich vorstellen kann, das heisst gar keine Erziehung. Ihm wird nichts befohlen und nichts verboten, er darf schlafen und essen, soviel und wann er will und herumtollen, wo und wielange es ihm nur Spass macht. Was aber das schnste ist: seine Pflegeeltern nehmen ihn vllig ernst. Man dressiert ihn nicht, wie es deutsche Bourgeoisfarmilien mit ihren Kindern tun, zu artigen Kunststcken und konventionellen verlogenen Redensarten, die er herleiern msste, wenn Besuche kommen, sondern er sitzt mitten zwischen den Erwachsenen, und wenn er eine Bemerkung zu machen oder eine Frage an jemand zu richten hat, so wird ihm mit demselben Ernst, mit derselben Achtung zugehrt und geantwortet wie jedem Grossen. Wie widerwrtig ist es doch, Kinder, denen etwas geschenkt wird, zum Danke sagen zu zwingen, ehe sie fhig sind, ein Gefhl der Dankbarkeit zu empfinden. Mir verekelt es jede Gabe an ein kleines Kind, wenn es mir mit solcher angelernten Lge antwortet. Wenn es sich wirklich ber mein Geschenk freut, so weiss es sein Gefhl schon zu ussern und zwar herzlicher und ehrlicher als so ein Berlin-W-Fratz, der da, wo ihm die Lge aus dem Herzen kommt, wo er aus seiner reinen Kinderphantasie heraus allerliebste Lgen erfindet, wie fr ein Todverbrechen geprgelt wird. Die Erziehung des L;leinen Habakuk zu beobachten, wirkt dieser innerlich verlogenen Verbildung des Kindergemtes gegenber, wie sie die besten Eltern im besten Glauben betreiben, einfach erlsend.

Bei all den grossen Vorzgen, die Carl Grser im Denken und Handeln auszeichnen, mchte ich ihm die eine Unfreihei: die ich an ihm bemerken konnte, nicht zu dick ankreiden, wenn ich sie auch nicht verschweigen will. Das ist seine Unduldsamkeit gegen wirkliche oder vermeintliche Schwchen andrer.

Unduldsamkeit ist dann notwendig und angezeigt, wenn man im Kampfe fr eine Menschheitsidee durch das Verhalten des andern sein Bestreben gefhrdet sieht. Bei Grser aber, der immer wieder ausdrcklich betont, er verzichte darauf, fr die Befreiung einer andern als nur seiner eignen Persnlichkeit zu kmpfen, ist die Intoleranz ein leidiger Beweis dafr, dass er von seinem Ziel noch recht weit entfernt ist. Ich weiss aus eigner Beobachtung, dass er einem Menschen gegenber, dem er stets freundlich begegne. war, sein Verhalten von dem Augenblick an nderte, als er ihn einmal bezecht sah. Darin liegt eine Kurzsichtigkeit, eine Inkonsequenz und eine innere Unfreiheit. Kurzsichtig ist dies Verhalten deshalb, weil Grser gar nicht einzudringen versucht in die psychologischen Vorgnge, die der. andern vielleicht grade im Alkohol dic Bcfrciung von momentanen oder konstanten Leiden suchen liess; inkonsequent ist es, weil es moralisierend Stellung nimmt zu der Lebensart eines andern, was dem Grser'schen Grundsatz, nur an der eignen Vervollkommnung zu arbeiten, stracks zuwiderluft; und die Kurzsichtigkeit und die Inkonsequenz entspringen einer Unfreiheit insofern, als sich hier die Aufstellung einer allgemeingltigen Moral, und damit die Unterwerfung unter diese, somit also eine schwere innere Abhngigkeit ergiebt.

Ich bin indessen vollkommen berzeugt, dass Grser bei dem schweren und ernsten Ringen mit sich allmhlich auch dahin gelangen wird, diese Schwche abzulegen, und so den letzten Querstrich, der sich ihm noch zwischen die Uebereinstimmung von Denken und Handeln drngt, auslscht. Schon jetzt ist er von allen in Ascona eingesessenen Deutschen bei weitem die originalste und am ernstesten zu beurteilende Persnlichkeit.

Edit Page - Page History - Printable View - Recent Changes - WikiHelp - SearchWiki
Page last modified on May 26, 2005, at 09:51 AM