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Rosenmontag in Wahnmoching

Kultur und Karneval in Mnchen am Beginn des 20. Jahrhunderts

 Von Udo Marquardt

Die Karnevalszeit ist die Zeit der Verkleidungen. Geschminkt, maskiert und kostmiert laufen die Narren durch die Straen und feiern ihre Feste. Im Grunde werden die Menschen in diesen Tagen zu Knstlern - zu Verwandlungsknstlern. Kein Wunder, dass auch professionelle Knstler fasziniert sind von den Verwandlungsmglichkeiten, die der Karneval bietet. Dieser Bericht erzhlt, wie eine Kulturschickeria in Mnchen Karneval gefeiert hat, zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Mnchen am Sonntag, den 22. Februar 1903. Es ist Fasching. Wir befinden uns in Schwabing, Leopoldstrae 87, in der Wohnung des Dichters Karl Wolfskehl, in der gerade ein antiker Maskenzug stattfindet.

Es lag doch viel heidnischer Glanz und Schimmer ber dieser Nacht - bei einigen war es vielleicht nur allgemeine frohe Feststimmung - () - bei anderen wohl auch eine tiefe Entrcktheit aus der heutigen Welt. So Delius, der als rmische Matrone in schwarzen Gewndern erschienen war; auf dem Kopf trug er einen schwarzen Schleier und in der Hand einen metallenen Triangel, dem er mit einem Stbchen melodische Tne entlockte. Und auch bei dem Professor, der den indischen Dionysos darstellte, in purpurrotem Gewand mit Weinlaubkranz und einem langen goldenen Stab.

Die Beschreibung dieses legendren Faschingsfestes von 1903 verdanken wir Franziska Grfin zu Reventlow. Schriftstellerin, Malerin, Lebensknstlerin. Die Knigin von Schwabing. Die Faschings-Szene stammt aus ihrem 1913 erschienen Roman "Herrn Dames Aufzeichnungen", wohl dem Schlsselroman ber die Schwabinger Boheme zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Wie keine andere ist Franziska zu Reventlow geradezu prdestiniert, dieses Buch zu schreiben. Denn sie ist die Schwabinger Schlsselfigur, so Petra Seifert, Germanistin und Leiterin literarischer Spaziergnge durch Mnchen.

Seifert: Sie war der Mittelpunkt, der absolute Mittelpunkt der Schwabinger Boheme. Und zwar sowohl des George Kreises, fr die sie die heilige Hetre, die heidnische Madonna mit dem Kind war, als auch fr diejenigen, die zwar zur Schwabinger Boheme gehrten, aber nicht zum George-Kreis, also zum Beispiel Frank Wedekind. Sie war deshalb Mittelpunkt der Schwabinger Boheme, weil sie dieses Leben jenseits von Brgerlichkeit, jenseits von Konformismus, jenseits von Konventionen, die damals fr eine Frau um die Jahrhundertwende galten, lebte, und das sehr konsequent.

Geboren wird Franziska zu Reventlow 1871 in Husum. Die Eltern sind adelig, der Titel der Grfin echt. Schon frh zeigt sich ihre rebellische Natur. Anstatt zu stricken, liest sie lieber fortschrittliche Romane. An ihrem einundzwanzigsten Geburtstag reit Franziska aus. Sie will Malerin werden. Dass sie dazu nach Mnchen geht, ist kein Zufall; ebenso wenig ist es Zufall, dass sie in Schwabing wohnt. Die bayerische Hauptstadt ist die deutsche Kunststadt an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, das leuchtende Isar-Athen. Und Schwabing ist weitaus mehr als nur ein Stadtteil nrdlich des Siegestores. Schwabing ist ein Geisteszustand. Franziska zu Reventlow erfindet dafr den Namen Wahnmoching.

Wahnmoching heit wohl ein Stadtteil, aber das ist nur ein zuflliger Umstand. Er knnte auch anders heien oder umgetauft werden, Wahnmoching wrde dennoch Wahnmoching bleiben. Wahnmoching im bildlichen Sinne geht weit ber den Rahmen eines Stadtteils hinaus. Wahnmoching ist eine geistige Bewegung, ein Niveau, eine Richtung, ein Protest, ein neuer Kult oder vielmehr der Versuch, aus uralten Kulten wieder neue religise Mglichkeiten zu gewinnen - Wahnmoching ist noch vieles, vieles andere, und das werden Sie erst allmhlich begreifen lernen.

Tatschlich ist das Schwabing der Jahrhundertwende ein regelrechter Tummelplatz spterer Berhmtheiten. Die Gebrder Thomas und Heinrich Mann wohnen hier ebenso wie die Maler des Blauen Reiters oder Lenin. Eine zentrale Rolle spielen die so genannten Kosmiker. Sie meint Franziska zu Reventlow, wenn sie schreibt, in Wahnmoching mache man den Versuch, aus "uralten Kulten wieder neue religise Mglichkeiten zu gewinnen".

Die Kosmiker, das sind Stefan George, Ludwig Klages, Alfred Schuler und Karl Wolfskehl. Dichter, Philosophen, Schwrmer. Sie eint eine seltsame Mischung aus Irrationalismus, Schwrmerei, Zivilisationskritik und Lebensfreude. Eine Mischung, die in Schwabing schnell zu einer Attraktion wird, denn allen in Wahnmoching geht es um das gleiche:

Seifert: Man lebte eigentlich fr das Leben selber. Leben war Lebenssinn. Klingt heute ein bisschen komisch. Man versuchte eine bestimmte Form, mglichst nah wieder an das, was man sich vorstellte, was Leben ist, was Lebensfreude ist; was aber nicht nur Lebensgenuss ist, sondern auch Leben mit allen Facetten, das heit Freud und Leid, Lust und Trauer, alles zusammen zu bringen und das auch auszudrcken.

Ein wesentlicher Ausdruck fr den Schwabinger Lebenshunger sind die Feste, die berall gefeiert werden. Vor allem in der Faschingszeit vergeht fast kein Abend ohne einen Ball oder Maskenzug.

Seifert: Das eine das waren diejenigen, die so eher dem etwas unkomplizierten Lebensgenuss frnten, die auch bei den verschiedenen Faschingsfesten, bei der Bauernkirchweih, bei den Atelierfesten, bei Gauklerball mitmachten.

Die Beschreibung eines solchen volkstmlichen Festes stammt von Mieze Rmermann, einer Freundin von Ludwig Klages. Es handelt sich um die Elendenkirchweih beim Rabenwirt in Pullach, an der fast ganz Wahnmoching teilnimmt.

Ich hatte mich als zerlumptes Zigeunermdchen kostmiert Als wir bei Wolfskehl uns mit den anderen Schwabingern treffen, um zusammen ins Isartal zu fahren, kommt auch Stefan George herein, um uns alle prfend zu betrachten, kommt auf mich zu und sagt mit seiner schnarrenden Stimme sein Urteil, dass ich die beste Maske sei. Die Reventlow war als Hingerichtete erschienen mit einem feinen roten Strich um den Hals und im Arme-Snder-Kleide

Es ging mit der Tram und Eisenbahn bis Grosshesselohe, wo uns lange Bauernschlitten erwarteten, jeder mit vier dicken Rssern bespannt, Fackelreiter zur Seite, so wurden wir nach Pullach geleitet, wo beim Rabenwirt sich das fahrende Volk ein Stelldichein gab. Ich sa vor auf dem Schlitten (..) und sah bald selig in den klaren Sternenhimmel hinauf, bald auf das bunte Volk um mich her. Dann Halt! Da waren wir. Ich trete ein, sofort sind Masken um mich, die mit mir tanzen wollen - ich fliege von einem Arm in den anderen, ich tanze, bis ich beinahe umfalle, sehe berhaupt keinen einzelnen mehr, ber mir Tannengwinde, bunte Fahnentcher, Lichter, rote Lichter, Krnze, sich drehende Lichterkrnze, Musik, Musik, bacchantisches Treiben.

Doch nicht allen in Wahnmoching gengt es, bis zum Umfallen zu tanzen. Die Kosmiker hatten durchaus eine andere Vorstellung vom Fasching, so Petra Seifert.

Seifert: Dann gab's diejenigen, die das ideologisch enger fassten, die auch einen Begriff dafr hatten: die Lebensgluten, das war der George-Kreis, und die feierten eine Art Bacchanalien, sptantike Orgien - waren allerdings harmloser als der Begriff Orgie vermuten lsst. Und die hatten die Idee, dass Leben richtig noch vorhanden war in der Sptantike und dass man dieser Form, diesen Lebensgluten, nacheifern, nahe kommen msste, indem man eben sptrmische Feste nachfeiert.

Und so trifft man sich am 22. Februar 1903, um einen antiken Maskenzug zu veranstalten. Stefan George geht als Caesar, Alfred Schuler als Persephone, der Dichter Henry von Heiseler als Hermes. Dem Maskenzug folgt das "Antike Fest". Karl Wolfskehl hlt den Stab des Dionysos und Schuler gibt die Urmutter, die Magna Mater. Ernst und erhaben soll es zugehen, doch nicht immer klappt es mit der Erhabenheit, wie Franziska zu Reventlow bei Wolfskehl mit seinem Dionysosstab beobachtet.

Beim Tanzen raste er wild daher, und seine Augen rollten (...). An Rauschfhigkeit fehlte es ihm sicher nicht, und er lebte ganz in seiner Rolle, wenn es so nennen darf - auer bei einer kleinen Szene. Maria verfiel in einem animierten Moment darauf, an seinem ungeheuren goldenen Stab empor zu klettern - er schaute sie froh entgeistert an, hielt ihr den Stab hin, und der Stab brach in der Mitte durch. Schade, aber in diesem Moment versagte sein heidnisches Empfinden, und er wurde rgerlich. Nach meinem Gefhl drfte Dionysos sich nicht rgern, wenn Bacchantinnen oder Hermaphroditen etwas entzweibrechen.

Doch Humor, wie ihn die Grfin hat, ist Sache der Kosmiker nicht. Sie meinen es bitter ernst. Ein Zeitgenosse spottet deshalb ber sie:

Feierlich sein ist alles! Sei dumm wie ein Thunfisch, temperamentlos wie eine Qualle, stier besessen wie ein narkotisierter Frosch, aber sei feierlich, und du wirst pltzlich Leute um dich sehen, die vor Bewunderung nicht mehr mh sagen knnen.

Franziska zu Reventlow ist nicht die einzige, die den Rosenmontag in Wahnmoching beschrieben hat. Auch der heute fast vergessene Romancier Oscar A. Schmitz hat an dem "Antiken Fest" bei Karl Wolfskehl teilgenommen. In seinem 1912 erschienen Roman "Brgerliche Boheme" macht er aus dem Faschingsfest ein Sommerfest. Wolfskehl heit bei ihm sterrot.

Ich fhle, wir wandeln im Augenblick eine verbotene Strae. Diese Menschen wollen keine Mnner und Frauen sein. Sie wollen Mdchen und Epheben bleiben und den unentschiedenen, berauschenden Spannungszustand der Jugend bis ber die Lebensreife hinaus verlngern. So etwas wie dieses gemeinsame Bad - es war ein glhender Augenblick - aber fhlen Sie nicht, so etwas darf man nie wiederholen, dann wrde es hsslich und gemein oder zum mindesten gewollt und gesucht werden, wie das, was diese Apostel tun, die heute Nacktkultur predigen. Wir sind an die Grenze solchen heute mglichen heidnischen Daseins gelangt, wie es sterot nennt, und dies Fest ist die letzte Ausschpfung. Oh, wenn wir nur stark genug sind, aufzuhren, ehe der Rest schal wird!

Der Rest wird tatschlich bald schal. Nach dem Rosenmontag beginnt auch in Wahnmoching der Aschermittwoch. Ende 1903 machen die Kosmiker Klages und Schuler mit ihren abstrusen Theorien pltzlich Ernst. Sie stellen sich die Frage: Wer ist Schuld am Untergang der heidnischen Substanz? Ihre Antwort darauf: die Juden. Wenn das aber so ist,- was ist dann mit den jdischen Freunden in Schwabing? Was ist vor allem mit dem Juden Wolfskehl? An Stefan George stellen Klages und Schuler die Frage:

Was bindet Sie an Juda?

... und fordern den radikalen Bruch mit Wolfskehl. George weigert sich. Der Kreis der Kosmiker zerbricht. Die Stimmung in Wahnmoching verndert sich langsam. Franziska zu Reventlow reist jetzt immer fter ins Ausland. 1910 verlsst sie Mnchen endgltig. In der Knstlerkolonie von Ascona schreibt sie ihren Schwabing-Roman. "Herrn Dames Aufzeichnungen" erscheint 1913. In diesem Jahr kommt Adolf Hitler in Mnchen an. Ein Jahr spter beginnt der Erste Weltkrieg.

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