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 Eckhardt Köhn

DAS GEHEIME DEUTSCHLAND DER FRAUEN

Amazonenstaat in der Rhön: Das Loheland war die Geburtsstätte einer neuen Weiblichkeit aus dem Geist des Tanzes und der Fotografie

Wenige hundert Meter hinter dem Ortsausgang von Dirlos in der hessischen Rhön wird der Autofahrer gewarnt: „Achtung gefährliche Abbiegung". Kurz darauf folgt am Straßenrand ein schmales grünes Schild mit der Aufschrift „Loheland". Leicht übersieht man den angekündigten Weg, der plötzlich scharf rechts abbiegt und den Herzberg hinaufführt. Loheland ist schwer zu finden und leicht zu verfehlen. Die deutschen Fotohistoriker können ein Lied davon singen.

Der Jenaer Verleger Eugen Diederichs hatte es im Herbst 1919 einfacher, in Loheland anzukommen, da er mit einem Fuhrwerk vom nächsten Bahnhof abgeholt wurde. Gedanken an eine gefährliche Abbiegung indes mögen auch ihn beschäftigt haben, wenngleich sie weniger der Wegführung als vielmehr dem Ziel seiner Reise gegolten haben dürften, hing dies doch aufs engste mit dem zusammen, was als „Frauenfrage" diskutiert wurde. Im Zeichen des Löwen - dem Verlagssignet von Diederichs -und im Geist der bürgerlichen Frauenbewegung hatten sich Ricarda Huch, Lou Andre-as-Salome, Margarete Susman, Gertrud Bäumer oder Gertrud Simmel zu Themen wie der freien Liebe und dem Sinn der Ehe, aber auch zur weiblichen Sexualität und zur Abschaffung des Paragraphen 218 geäußert. Diederichs selbst sah sich angesichts zahlreicher eigener Beiträge zum Typus der neuen Frau in dieser Sache als Experte, und dies um so mehr, als er seine zwei gescheiterten Ehen durchaus den Folgen des veränderten Geschlechterdiskurses zurechnen konnte. So war er gewissermaßen als Forschungsreisender unterwegs, denn sein Interesse galt einer Gemeinschaft von jungen Frauen, die sich wenige Monate zuvor in den Wäldern der Rhön niedergelassen hatte, um ein kollektives Lebensmodell auszuprobieren.

Erlösung des Unbewußten der Frau durch Bewegung

Diederichs war entflammt von den Gedanken der Jugendbewegung, und als Augenmensch und Pragmatiker schien es ihm wichtig, sich selbst einen Eindruck zu verschaffen. Im Weihnachtsheft der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Die Tat" hat er wenige Monate später über seinen Besuch berichtet: „Ich hatte das Gefühl, in einer Kolonie von Tolstoianhängern in Süd-rußland zu sein oder in einer Klostergemeinschaft. Man hatte 160 Morgen Land gekauft, Wald, Feld und Wiesen. In den Wald auf den Bergrücken wollte man die Häuser setzen, Übungsräume und Werkstätten errichten. Man war bereits am Werk, Gartenanlagen einzurichten und eine Wasserleitung anzulegen. Alles als Leib einer Gemeinschaft, die aus sich heraus die Frau zu einem eigenen Wesen entwickeln solle. Die Frau entwickelt sich durch den Mann, war mein Einwand. - Nein, die Erlösung der in der Frau als Geschlecht schlummernden Eigenschaften des Unbewußten geschieht durch ,Bewegung', wurde mir als Antwort gegeben." Bei allem Interesse für die aufkommende weibliche Gymnastik - Diede-richs verstand nicht recht, wie man sich die Befreiung der Frau allein durch das „Rhythmuserlebnis ihres Körpers" vorzustellen habe, wohl aber spürte er, daß an diesem Ort unter der Führung von zwei „Äbtissinnen" eine mit dem Konzept der weiblichen Körpererfahrung sich entwickelnde Spiritualität anzutreffen war, die die Gemeinschaft der Loheländerinnen weit von der männlichen Welt und der bürgerlichen Gesellschaft entfernt hatte: „Die Rede klang gar nicht frauenrechtlich, eher demütig vor dem Höheren, dem unbekannten Gott. Und vor meinen Augen standen die Vesta-linnen der Römer, die die heilige Flamme hüteten, standen die Gestalten der Seherinnen und Priesterinnen aus der Vergangenheit unseres Volkes mit ihren geheimen Kräften des Bewahrens und der Erhebung."

Im neunzehnten Jahrhundert wird der männliche Körper entdeckt. Der Materialismus der Zeit, der den Menschen vor allem durch die Mechanik seines Körpers bestimmt sah, ging mit der berüchtigten Leibeserziehung einher, die in Muskelbergen und Kugelwaden ihr athletisches Ideal fand. Frauen hingegen waren von jeder Form des Sports ausgeschlossen. Ihnen blieb kaum mehr als jener Kurs der „Heil-und Zimmergymnastik", den Theodor Fontäne der jungen Effi Briest verordnet: Beugungen und Streckungen, um die durch die monotone Stickerei belasteten Glieder von Zeit zu Zeit ein wenig aufzulockern. Vor dem Hintergrund dieser Bewegungsstarre, in der das Tabu weiblicher Sexualität seinen sichtbarsten Ausdruck fand, kann man ermessen, welches Befremden das Bild der ersten radelnden Frauen um 1890 im Kaiserreich ausgelöst hat. Doch bereits kurze Zeit später begann in Deutschland ein Kampf für weibliche Bewegungsfreiheit, den die Kulturhistorikerin Karoline von Steinaecker in ihrer Untersuchung über die Anfänge moderner Körpertherapien als „Sprung aus dem Fischbeingefängnis" des Korsetts bezeichnet hat. Unklar blieb zunächst jedoch, wo die Landung erfolgen könnte. Es entstanden unterschiedliche reformpädagogische Lehren, die den Königsweg der Emanzipation darin sahen, durch Bewegung im Raum und in der Gemeinschaft mit anderen Frauen die Eigenschaften des weiblichen Körpers zu erleben. Was sprachlich wie ein ironischer Bezug zur Physik des neunzehnten Jahrhunderts klingt, ist in Wahrheit eine primär geistige Suche nach dem weiblichen Körper. Die Lebensphilosophie von Ludwig Klages hatte ihr eine Richtung gewiesen. Sein Gedanke, die Seele als Sinn des Leibes und das Bild des Leibes als Erscheinung der Seele zu verstehen, bot der neuen Form der Körperschulung nicht weniger als eine Metaphysik des Körpers und eine Ästhetik der Bewegung.

Die beiden Frauen, die versucht hatten, Eugen Diederichs die Bedeutung des Begriffs der Bewegung für ihr pädagogisches Projekt zu erklären, wußten sehr genau, wovon sie sprachen. Louise Langgaard, geboren 1883, und die sieben Jahre jüngere Hed-wig von Rohden gehörten zur ersten Generation der Atem- und Bewegungslehrerinnen in Deutschfand. Sie hatten 1912 in Kassel ein „Seminar für Klassische Gymnastik" gegründet. Beide waren von künstlerischen Erfahrungen geprägt; von Rohden durch ihre Beschäftigung mit der griechischen Plastik, Louise Langgaard durch den Besuch einer Kunstgewerbeschule in Dresden und die Zusammenarbeit mit Stanislaus Stückgold, einem der weniger bekannten Maler des „Blauen Reiters". Die von ihnen entwik-kelte „Lehrweise von Rohden-Langgaard" versteht Bewegung als Element des Lebens und geht von der menschlichen Gestalt aus. Ihre künstlerische Gymnastik strebt zwar physische Stärkung an, zielt aber vor allem darauf, in Übungen, die dem Rhythmus des Atmens folgen, die Einheit von Leib, Geist und Seele und letztlich den inneren Zusammenhang mit der als göttlich betrachteten Natur zu erleben. Zumeist städtischer Herkunft und aus bürgerlichen Familien stammend, waren den Schülerinnen die Impulse des Aufbruchs in der Regel durch die Jugendbewegung vermittelt worden, ohne daß sie in deren männlich bestimmten'Bün-den einen Ort zu finden vermocht hatten. Mädchenwandern, so hatten sie von Hans Blüher hören müssen, stelle zwar einen allgemein menschlichen Fortschritt dar, sei aber wie die Gegenwart von Frauen überhaupt eher dazu angetan, den Eros der männlichen Gemeinschaft zu zerstören. So entstand bei vielen Wandervogelmädchen das Bedürfnis, nicht nur unter sich zu bleiben, sondern zu siedeln, denn „siedeln", so heißt es in einem Rückblick auf den Geist der Jugendbewegung um 1920, das „war das frommumwitterte große Daseinsereignis jener Jahre". Den Plan, eine Mädchen- und Frauensiedlung zu gründen, hat niemand mit solcher Entschiedenheit verfolgt wie Louise Langgaard und Hedwig von Rohden. Nachdem beide mit dem Seminar aus Kassel weggegangen waren, hatten sie nach Stationen in Potsdam, Tambach/ Thüringen und Schloß Bieberstein schließlich im Mai 1919 bei Dirlos einen geeigneten Ort für ihre Arbeit gefunden, den sie zunächst Rodeland nennen wollten. Sie entschieden sich dann aber dafür, das R durch das L von Langgaard zu ersetzen, und einigten sich schließlich auf den Namen Loheland. Die Buchstabensymbolik zeigt, daß die Siedlung für die beiden Gründerinnen nicht weniger bedeutete als eine in ihrem Geist ins Leben gerufene „Schicksalsstätte" für das „kommende weibliche Geschlecht", so jedenfalls die Selbstdarstellung in einer Werbeschrift von 1920. Die beiden Frauen verfügten über pädagogisches Geschick und organisatorische Begabung, auch über eine außerordentliche Willens- und Überzeugungskraft. Vor allem aber waren beide gleichermaßen charismatische Gestalten, deren Verbindung von ihren Anhängerinnen als seltenes Glück des Zusammenwirkens zweier starker Führungspersönlichkeiten erlebt wurde. Es war ihnen früh gelungen, eine Gruppe von Schülerinnen um sich zu scharen, die, nach ihrer Ausbildung selbst mit pädagogischen Aufgaben betraut, ihren beiden Lehrerinnen gefolgt und am Aufbau von Loheland wesentlich mitbeteiligt waren. Zu ihnen gehörten Berta Müller, Edith Sutor, Bertha Günther und Eva-Maria Deinhardt, die in einem der ersten Lehrgänge des Kasseler Seminars durch ihr enormes Bewegungstalent, besonders aber durch ihre tänzerische Begabung aufgefallen waren.

Im fiebrigen Erlösungsklima der Novemberrevolution wurde vor allem in der Tanzkunst der adäquate künstlerische Ausdruck jener körperlich-seelischen Erregungen gesehen, die die Wirren der Nachkriegszeit für die Menschen mit sich brachten. Beschworen wurde „Die Wiedergeburt der Tanz- und Gesangskunst aus dem Geist der Natur", so der Titel einer 1918 von Eugen Diederichs verlegten Broschüre, und ganz, in diesem Sinne gestaltete „Tänze aus Loheland" waren es, mit denen die kleine Frauenkommune auf sich aufmerksam machte.

Als Höhepunkt einer Reihe von Auftritten in deutschen Großstädten erwies sich eine Vorstellung von Berta Müller und Eva-Maria Deinhardt im April 1919 in den von Otto Falckenberg geleiteten Münchner Kammer spielen. Zum geistigen Zustand der Stadt, die sich in diesen Tagen im Ausnahmezustand der Räterepublik befand, mögen schon die Titel ihrer Tänze „Blind", „Seltsam" und „Strömungen" gut gepaßt haben. Was dann auf der Bühne an Feinheit und Leichtigkeit der Bewegung, aber auch an Kraft des Ausdrucks zu sehen war, erschien dem aufgewühlten Publikum, so ein Zeitungsbericht, „wie etwas aus einer anderen Welt". Figuren und Choreographie folgten zudem der Inszenierung eines neuen Bildes von Weiblichkeit. Berta Müller trug ein enganliegendes, goldgleißendes Kostüm, Eva-Maria Deinhardt ein aus Papierschnüren gewebtes Gewand; futuristische Ikonen, deren visionäre Ausstrahlung um so stärker war, als gerade im Bild des Tänzers die vom Expressionismus herbeigesehnte Ankunft des „Neuen Menschen" gefeiert wurde. „Man erlebte Mystik - warme Religion", schrieb ein Kritiker, nachdem er die Darbietung der Loheländerinnen in Jena gesehen hatte. Man mußte nicht den „Zarathustra" gelesen, sondern nur die Tänze der Loheländerinnen gesehen haben, um zu begreifen, was der späte Nietzsche damit gemeint hatte, er könne nur an einen Gott glauben, „der zu tanzen versteht". Kaum eine der zahlreichen Tanzpublikationen dieser Jahre verzichtet auf ein Kapitel über die Tänzerinnen aus Loheland, und wer es darüber hinaus geschafft hatte, wie sie vor einem Auftritt in Hamburg, in Form eines ausführlichen Bildberichts den Lesern einer großen Illustrierten vorgestellt zu werden, war selbst in der populären Kultur angekommen. Bald war die expressionistische Phase in Loheland jedoch beendet. Nachdem ein Brand den Holzbau, in dem alle Tanzkostüme untergebracht waren, vollständig vernichtet hatte, entschieden Langgaard und von Rohden, die öffentlichen Tanzdarbietungen ganz einzustellen. Vielleicht nahmen sie das Feuer als kosmisches Zeichen; unverkennbar ist jedenfalls ihre Einsicht, daß das Schwärmerische der Nachkriegszeit einem neuen Gestus der Sachlichkeit zu weichen begann, der den pädagogischen Zielen ihres Projekts näherstand. Loheland bot, wie ein Beobachter 1923 festhielt, das Bild einer Gemeinschaft „voll innerer Bindung und Form wie innerlicher Freiheit, ein seltsames Gegenstück zur barocken unfreien Katholizität Fuldas". Von Anfang an von Goethes pantheistisch gefärbter Spiritualität beeinflußt, fand die „Loheland Schule für Gymnastik, Landbau und Handwerk" seit Mitte der zwanziger Jahre ihr geistiges Zentrum in den Lehren und Schriften Rudolf Steiners, so daß Loheland heute als älteste anthroposophische Dorfsiedlung gelten kann.

Bereits 1921 hatte die „Frankfurter Zeitung" ihren Lesern in einem längeren Bericht eine Anschauung davon zu vermitteln versucht, wie man sich Angehörige der neuen Frauengeneration vorzustellen habe: „Man trifft zum Beispiel am Bahnhof Ful-da ein junges Mädchen in einem einfachen Dirndl-Kleid aus hübschem Stoff, das Haar ist glatt gescheitelt, die Füße stecken in weiten, weichen Schuhen, und auf dem Rük-ken trägt das sehr gesund, aber auffallend verfeinert aussehende junge Ding einen Rucksack, der einem Kohlemann Beschwerde machen würde. Die Ruhe, die Sicherheit und liebenswürdige Bewußtheit, die den Ausdruck des Gesichts und jeder Bewegung prägen, verführen zu dem Urteil: spiritualisierter Wandervogel. In der Unterhaltung ergibt sich dann, daß man eine Loheländerin vor sich hat. Sie war verreist, ist seit vier Uhr morgens mit der Bahn gefahren und läuft am Nachmittag noch den zweistündigen, staubigen Weg von Fulda über Dirlos zur Schule zurück. Und am Abend wird getanzt, dann tanzt eine solche kleine Spartanerin noch ebenso unermüdlich, wie sie gelaufen, seit Sonnenaufgang Garben gebunden, gewirtschaftet, gehand-werkert oder gelernt hat."

Doggenzucht sicherte die wirtschaftlichen Grundlagen

Der Kulturtheoretiker Fritz Giese beobachtete 1927 die Entwicklung eines speziellen Typus der Lohelandgemeinde, der zwar entschieden antimaskulin ausgerichtet sei, aber durch seine athletische Konstitution nicht weiblich, sondern „ausgesprochen an-drogyn" wirke. „Man möchte sagen", so Giese, „daß einige amazonenstaatliche Tendenzen dort Platz haben." Aber die Amazonen der Rhön waren weder kriegerisch noch auf Höchstleistungen im sportlichen Wettkampf bedacht, sondern allein einer künstlerischen Körperschulung verpflichtet, die das Potential einer neuen weiblichen Athletik im ästhetischen Selbstgenuß entbinden will. Auch soziologisch traf Gie-ses Beobachtung zu. Der neue Frauentypus aus Loheland setzte zwar der bürgerlichen Rollenerwartung eine Vorstellung reiner Weiblichkeit entgegen, die aber nicht notwendig auf Mutterschaft hinauslaufen mußte, sondern unterschiedliche Lebensformen zuließ. Entscheidend war die mit der beruflichen Qualifikation erreichte ökonomische Unabhängigkeit und das damit gewonnene Maß an Freiheit. Ab 1925 gab es in Hamburg und Berlin, später auch in anderen deutschen Städten, Lohelandhäuser, in denen Gymnastikkurse angeboten wurden und die Ehemaligen den Geist des Mutterhauses in der Ferne finden konnten. Lohe-länderin blieb man ein Leben lang.

Um der Einrichtung ein besseres ökonomisches Fundament zu verschaffen und den Seminaristinnen eine ganzheitliche Ausbildung anbieten zu können, waren seit Beginn der zwanziger Jahre zahlreiche Werkstätten in der Siedlung entstanden: zunächst eine Handweberei, eine Schreinerei und eine Korbflechterei, später auch eine Töpferei und eine Schneiderei, in der die jungen Frauen arbeiten konnten, um ihren Lehrgang zu finanzieren oder aber eine zusätzliche Ausbildung zu bekommen. Daß auch exzentrische Einfalle wirtschaftliche Erfolge bescheren konnten, bewies die 1930 von Hedwig von Rohden begonnene Zucht von deutschen Doggen. Loheland brachte vegetarisch ernährte, edle Tiere hervor, die bei internationalen Wettbewerben wiederholt als Weltsieger ausgezeichnet wurden. Einen von ihnen erwarb der damalige New Yorker Bürgermeister für viel Geld, und noch heute ist der Mythos derer „von Loheland" in Züchterkreisen wirksam, wie die bei Ebay weltweit angebotenen Porträtfotos der prominentesten Mitglieder dieser Hundedynastie zeigen.

Die neue, in Loheland geprägte Generation von Frauen sollte auch an ihrem Bewußtsein für Stil erkannt werden. Mit großer Geschmackssicherheit entworfen und von besonderer Qualität, galten die in den Loheländer Werkstätten hergestellten Produkte schon bald als Markenwaren, die auf den großen Messen in Leipzig und Frankfurt präsentiert wurden. Blättert man in der Sonderausgabe des Heftes „Moderne Bauformen" von 1930, einem reich bebilderten Katalog des avancierten Produktdesigns, so findet man in den Abbildungen unter der Rubrik „Der neue Wohnbedarf" neben den modernen Klassikern des Porzellans von Villeroy & Boch, Arzberg oder Hutschenreuther auch Holzschalen aus Loheland, die sich wie jene durch Standfestigkeit, gute Reinigungsmöglichkeit, klare sachliche Formen und dezentes Dekor auszeichneten. Die Form der Ahorn-Schalen erinnert in ihrer Funktionalität und nüchternen Schönheit an die Ästhetik des Bauhauses. Ihr entspricht auch die klare Bildsprache der in Loheland entstandenen Werbefotografie. Sie zeigt die fünf hellen Schalen auf einem grauen Tisch vor einem schwarzen Hintergrund und akzentuiert den Kontrast zwischen der runden Form der Schalen und der eckigen Gestalt des Tisches, so daß die graphische Struktur die visuelle Präsenz des Materials verstärkt. Nirgends zeigt sich die Modernität des Loheländer Lebensmodells deutlicher als in der Tatsache, daß die Frauen ihr Projekt von Anfang an mit der Kamera begleitet haben. Louise Langgaard hatte die Tänze der Loheländerinnen bereits in einer Reihe von außerordentlichen Aufnahmen dokumentiert, die zu den Inkunabeln der Fotografie des Ausdruckstanzes gezählt werden müssen. Mit der Einrichtung der „Lichtbildwerkstatt Loheland" im Jahre 1926 gehörte der professionelle Einsatz des modernen Mediums zum Alltag der Frauensiedlung. Daß sich die Sachfotografie der eigenen Produkte auf dem Niveau der zeitgenössischen, neusachlichen Ästhetik bewegt, war dem besonderen Talent der Fotografin Valerie Wizlsperger zu verdanken, einer Autodidaktin, die bei ihrem Cousin, dem österreichischen Landschaftsfotografen Dr. Adalbert Defner, lediglich eine kurze technische Anleitung bekommen hatte. Die gemäßigte Sachlichkeit der Fotografien von Valerie Wizlsperger respektiert das Eigenleben der Objekte, verzichtet darauf, sie der kalten Optik und wissenschaftlichen Genauigkeit des Kamerablicks zu unterwerfen. Die Aufnahmen von Leder- und Töpferwaren, Stoffen und Möbeln rücken dem Betrachter die Dinge auf eine freundliche Art näher und haben mittlerweile ihren Weg in die Schatzkammern bedeutender Sammler gefunden.

Fotos ohne Kamera von Gräsern und Blüten

Mit Loheland verbindet sich noch eine ganz besondere Fotogeschichte. Im Zusammenhang mit der um 1990 geglückten Wiederentdeckung der Fotogramme von Läsz-16 Moholy-Nagy wurde ein Aufsatz von ihm aus dem Jahre 1926 erneut gedruckt, in dem er auf seine Technik des Fotogramms eingeht. Der Anlaß für diese persönlichen Anmerkungen war ein öffentlich ausgetragener Streit, den er mit El Lissitzky über die Frage führte, wer als Erfinder des fotogrammatischen Verfahrens anzusehen sei. Moholy-Nagy schreibt, daß man sich zur selben Zeit an zwei Stellen mit dem Fotogramm beschäftigt habe. „In Deutschland: eine Loheländerin, in Frankreich ein amerikanischer Fotograf: Man Ray." Das ist eine überaus aparte Konstellation. Keinem Geringeren als Man Ray, dem Fotokünstler im Umkreis der Pariser Surrealisten und bereits zu Lebzeiten eine Legende, stellte Moholy-Nagy eine Loheländerin gegenüber. Nur wußte, anders als zum Zeitpunkt des ersten Hinweises, mittlerweile niemand mehr, was eine Loheländerin sein könnte. Verschiedene Forscher haben diese Spur dann aufgenommen, allerdings blieben ihre Bemühungen längere Zeit erfolglos, bis ein glücklicher Zufall den Fotohistoriker Floris M. Neusüss auf die richtige Spur brachte. Moholy-Nagy hatte sich mehrfach in Loheland aufgehalten, vermutlich weil seine stark von der Jugendbewegung geprägte Frau Lucia Moholy entsprechende Kontakte besaß. Schließlich konnten die von Moholy-Nagy erwähnten Fotogramme im Archiv von Loheland gefunden und einer jungen Frau aus Bremerhaven zugeschrieben werden. Es war Bertha Günther, die ebenfalls zur „Glanzklasse" der Tänzerinnen gehörte und um 1920 kameralose Aufnahmen von Gräsern und Blüten angefertigt hatte, deren zarte Formen und subtile Schönheit Moholy-Nagy zu seinen eigenen fotogrammatischen Arbeiten inspiriert hatten.

Was Loheland in der heroischen Phase der zwanziger und frühen dreißiger Jahre einmal war, wissen heute nur noch wenige hochbetagte Frauen, die dort als Seminaristinnen ausgebildet wurden. Was Loheland für die subjektive Entwicklung der Frauen bedeutet hat, kann man nur ahnen. Gesprochen wurde darüber kaum, und die Archive blieben zu. Das Schweigen der Frauen hatte Gründe. Der eine mag in dem resignati-ven Urteil gelegen haben, daß das, was sie als wichtigstes „Erlebnis" empfunden hatten, sprachlich nicht adäquat vermittelt werden konnte. Wo sie versucht hatten auszusprechen, auf welche Weise sie die Ausbildung von Bewußtheit durch Bewegung und Entwicklung weiblicher Identität durch körperliche Selbsterfahrung erlebt hatten, folgte die Verleumdung auf dem Fuß, in der Regel durch männliche Vertreter der Wissenschaft. Vorwürfe derart, daß es sich um theosophische und mystische Spekulationen einer Sekte handelte, hatte Louise Langgaard schon bei ihren ersten Vorträgen Anfang der zwanziger Jahre zu hören bekommen. Schweigen diente den Frauen über Jahrzehnte als Haltung der Verweigerung, um den Geist Lohelands vor fremdem Zugriff zu schützen. Schmerzhaft war für die Frauen auch ein tragisches Element der Geschichte ihrer Gemeinschaft. Als Langgaard Mitte der dreißiger Jahre unter dem Zwang, nationalsozialistische Lehrinhalte in die Ausbildung aufzunehmen, für einen Kurs taktischer Anpassung votierte, verließ von Roh-den, die damit nicht einverstanden war, 1937 die Einrichtung. Die beiden Frauen haben sich nicht mehr wiedergesehen. Von Rohden kehrte erst hochbetagt im Jahr 1982 nach Loheland zurück, acht Jahre nachdem Louise Langgaard gestorben war. Sie hatte die Einrichtung bis zu ihrem Tod geleitet und 1941 durch einflußreiche Freunde aus der Jugendbewegung die unmittelbar bevorstehende Schließung durch die Gestapo verhindern können. Mutig hatte sie zudem, was kaum jemand weiß, in diesen Jahren behinderte Menschen und vereinzelt auch Männer des Widerstands in Loheland versteckt und ihnen auf diese Weise das Leben gerettet. Loheland gehört wie Worpswede, die Darmstädter Künstlerkolonie oder der Monte Veritä zur Topographie gelebter Utopien. Mehr noch: Bedenkt man, welche Bedeutung charismatische Führung, bewußte Anti-Bürgerlichkeit, entschiedene Geschlechterpolitik, Gemeinschaftsgefühl, zukunftsorientierter Erziehungsgedanke, Formbewußtsein und nicht zuletzt die „Vergottung des Körpers" als strukturelle Elemente in Loheland gehabt haben, so liegt der geistespolitische Vergleich mit Stefan Georges kultureller Reichsgründung eines geheimen Deutschlands nahe, zu dem, vermittelt über Karl Wolfskehl, auch Kontakte bestanden. So läßt sich Loheland als der weibliche Gegenentwurf zu Georges Vision eines Bundes neuer Männer verstehen. Der Genius eines Ortes verschwindet nie ganz. Im heutigen Loheland gibt es noch ein Haus wie aus dem Märchen. Es wurde 1924 für die Tänzerin Eva-Maria Dein-hardt gebaut, und nicht zuletzt wegen ihr, die als Inbegriff der weiblichen Körperseele galt, war auch Eugen Diederichs nach Loheland gekommen. Das Haus ist ganz klein, rundlich und aus Ziegeln gebaut. Es hat ein spitzes Hütchendach, und die winzigen Fenster haben rote Rahmen. Wer davorsteht, spürt, daß die heimliche Seele von Loheland noch nicht ganz erloschen ist, ja man eigentlich nur hineingehen müßte, um sie hier zu finden.

...aus FAZ 22.10.05 / submitted by K.B. - thanks!


und NZZ http://www.nzz.ch/feuilleton/kunst_architektur/mit-dogge-und-demeter-1.18701978

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