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http://www.fr-aktuell.de/ressorts/kultur_und_medien/feuilleton/?cnt=115786 Frankfurter Rundschau 06.02.2003


Johann Most, ein deutscher Terrorist in den USA

von Hans Doderer


Vom Reichstagsabgeordneten zum anarchistischen Netzwerker

Lange bevor es die Al Qaeda gab, bestand schon einmal ein terroristisches Netzwerk, das die westliche Welt bedrohte. Seine Mitglieder waren keine islamistischen Fanatiker, sondern marxistisch beeinflusste Arbeiter in Europa und Amerika. Sie beabsichtigten, durch Attentate die Regierungen ihrer Lnder zu strzen, und glaubten, nach deren Beseitigung breche ein Zeitalter friedlichen Zusammenlebens aller Menschen an, in dem jeder staatliche Zwang berflssig wre.

Einer der fhrenden Kpfe dieser anarchistischen Bewegung war der deutsche Reichstagsabgeordnete Johann Most (1846-1906). Schon als Zwlfjhriger hatte er an seiner Augsburger Schule einen Schlerstreik organisiert, und als Buchbinder-Lehrling erhielt er seine erste Haftstrafe, weil er sich weigerte, die "Christenlehre" zu besuchen. Bevor er als sozialdemokratischer Abgeordneter 1874 in den Reichstag einzog, hatte er bereits viermal im Gefngnis gesessen, wegen Hochverrats, Majesttsbeleidigung und Aufforderung zu Gewalttaten. Er war der geborene Revolutionr. Er war einer jener frhen Sozialisten, die Bismarck veranlassten, die Sozialdemokraten zeitlebens fr "raub- und mordschtige Feinde" zu halten. Der Eiserne Kanzler nahm nicht zur Kenntnis, dass Most schon 1880 wegen seiner Befrwortung illegaler Terrorakte aus der SPD ausgeschlossen wurde.

Als Most im Dezember 1878 nach Verbung einer erneuten Strafe das Gefngnis am Pltzensee verlie, erhielt er gleich - nach dem inzwischen in Kraft getretenen Sozialistengesetz - den Ausweisungsbefehl aus Berlin. Er emigrierte nach London und begrndete dort die Zeitschrift Die Freiheit, in der er von jetzt an bis zu seinem Tode Woche fr Woche seine radikal-revolutionren Aufrufe verffentlichte. Im Mrz 1881 feierte er in einem Leitartikel die Ermordung des Zaren Alexander II. triumphierend als die lngst fllige Hinrichtung eines Tyrannen. Da hatte auch die Toleranz der Englnder ein Ende, und Most verschwand wieder einmal hinter Gittern, diesmal fr 16 Monate, wegen "Anstiftung zum Mord".

So war ihm die Anwesenheit bei einem geheimen "International-revolutionren Congress" verwehrt, den er selbst vorbereitet hatte. Dieser fand im Juli 1881 in London statt. Die Teilnehmer kamen aus Grobritannien, Frankreich, Deutschland, Spanien, Belgien, der Schweiz und den USA. Sie wollten die "soziale Revolution" in Gang setzen. Im Abschluss-Kommuniqu empfahlen sie ihren Sympathisanten, sich chemische und technische Kenntnisse anzueignen, um die Herstellung von Sprengstoffen zu erlernen. Anschlge sollten ihre Ideen schlagartig ausbreiten und die Revolution einleiten. Sie nannten dies die "Propaganda der Tat".

Nach seiner Entlassung aus dem britischen Gefngnis entschloss sich Most, sein Exil in die USA zu verlegen. Es zog ihn zu den vielen Landsleuten, die dort die Freiheit politischer Bettigung suchten, die ihnen Bismarck zu Hause genommen hatte. Als er im Dezember 1882 in New York eintraf, wurde er von hunderten gleich gesinnter Arbeiter als ein Mrtyrer ihrer Sache begeistert begrt. Obwohl er in den Vereinigten Staaten niemals eingebrgert wurde, spielte er von jetzt an eine bedeutende, wenn auch nicht von allen geliebte Rolle im ffentlichen Leben Amerikas. Das Dictionary of American Biography nennt ihn den "leader" der extremistischen Gruppe amerikanischer Anarchisten und bezeichnet die von ihm aufgestellten Prinzipien als "the Bible of communist anarchism in America".

Folgende Ziele steckten sich Most und seine Genossen :

  1. . Die bestehende Klassengesellschaft muss gewaltsam zerstrt werden.
  2. . Die Regierungen werden abgeschafft, in den Kommunen entscheidet das Volk direkt durch Mehrheitsbeschlsse.
  3. . Die Produktion geschieht in volkseigenen Betrieben.
  4. . Die Proletarier aller Lnder sind solidarisch miteinander verbunden, sie nennen ihr Netzwerk "Internationale Arbeiter Assoziation".

Um den Umstrzlern das Basteln von Bomben mglich zu machen, lie Most sich unter falschem Namen in Jersey City in einer Dynamitfabrik fr einige Wochen anstellen. Hier lernte er, wie man Sprengstoff herstellt, auch konnte er etwas Dynamit unbemerkt beiseite schaffen. Er bedauerte, nicht wenigstens einen Teil davon nach Europa schicken zu knnen, wo gerade sein Freund August Reinsdorf vergeblich versucht hatte, die auf dem Niederwald bei Rdesheim zur Einweihung des Nationaldenkmals versammelten deutschen Frsten allesamt mit einem Schlag in die Luft zu sprengen.

In seiner Zeitschrift Die Freiheit verffentlichte er eine Serie von Artikeln, worin er beschrieb, wie man Sprengkrper herstellen konnte und wie man sie erfolgversprechend einsetzen sollte. 1885 gab er diese Aufstze gesammelt als Broschre heraus unter dem Titel Revolutionre Kriegswissenschaft. In Palsten, Kirchen, Ball- und Festslen - berall sollten Bomben explodieren. Auch Gift sollte angewandt werden, namentlich gegen Polizisten und Spitzel, aber auch gegen Verrter. Der Schlachtruf lautete : "Rottet sie aus, die erbrmliche Brut!" Kaltbltig musste ein Revolutionr sein Leben opfern. "Entweder er schlgt die Kpfe seiner Feinde ab, oder er wird selbst gekpft", so Mosts Formulierung des immer gleich lautenden Credos aller Terroristen-Mrtyrer.

Das Amerika jener Tage hatte seine Wirkung als "melting pot" noch kaum entfaltet, so dass die deutschen Immigranten ihre Identitt in der neuen Heimat beibehielten. Mosts Freunde schlossen sich in "Sozialrevolutionren Clubs" zusammen und verbreiteten ihre Ideen in sieben deutschsprachigen Zeitungen. Mosts Freiheit und August Spies' Chicagoer Arbeiter Zeitung waren die wichtigsten Bltter. Im Jahre 1886 bescherten Arbeiterunruhen in Chicago den Amerikanern den ersten Terrorismusschock ihrer Geschichte. Mosts stndig wiederholte Aufforderung, Gewalt anzuwenden, schien bei seinen Anhngern endlich Gehr gefunden zu haben. Um Streikbrecher bei der Landmaschinenfabrik Mc Cormick? vor wtenden Streikenden zu schtzen, schoss die Polizei in die Menge. Es gab vier Tote und eine groe Zahl Verletzte. Die aufgebrachten Arbeiterfhrer forderten Rache und riefen zu den Waffen. Bei einer Protestversammlung am nchsten Tag (4. Mai 1886) auf dem Haymarket Square hielten sie aufrhrerische Reden. Als Polizisten begannen, die Menge auseinander zu treiben, warf jemand eine Bombe zwischen die Uniformierten. Einer wurde gettet, 67 wurden verletzt. Die Polizisten feuerten zurck und tteten und verwundeten eine groe Zahl Arbeiter, genaue Angaben fehlen.

Es wurde nie geklrt, wer der Bombenwerfer gewesen war. Die in Amerika nun ausbrechende Terroristenfurcht verlangte jedoch nach Rache, und die Justiz fand Schuldige, die allerdings nicht die Tter waren. Acht Mnner wurden angeklagt, sechs von ihnen waren Deutsche, darunter August Spies. Obwohl viele Prominente wie etwa George Bernard Shaw oder Oscar Wilde protestierten, wurden vier gehngt. Sie wurden wegen ihrer Reden, nicht wegen irgendwelcher Taten hingerichtet. Die letzten Worte von August Spies wurden berhmt: "Eine Zeit wird kommen, da unser Schweigen im Grabe mchtiger ist als die Stimmen, die ihr heute erstickt." 150 000 Menschen kamen zur Bestattung der Toten. Robert Reitzel, der Redakteur der deutschen Zeitschrift Der arme Teufel, sagte am Grab : "Wir haben keine Ursache, fr diese Toten zu trauern, sie starben den Heldentod." In den Augen der Genossen waren sie unschuldige Opfer einer verabscheuungswrdigen Gesellschaft geworden und hatten jetzt den Mrtyrertod erlitten.

John Most hatte zwar schon elf Tage vor dem Haymarket-Zwischenfall wieder einmal in einer Volksversammlung in New York die Arbeiter aufgefordert, sich zu bewaffnen, aber am 4. Mai war er weit entfernt vom Schauplatz des Geschehens in Chicago. Trotzdem verurteilte man ihn als "den geistigen Urheber" des Aufruhrs zu einem Jahr Zuchthaus. Kaum war er wieder auf freiem Fu, als er seinem unbndigen Hass erneut die Zgel schieen lie. In der Freiheit schrieb er: "Jenen, die mich in Fesseln schlugen und wie ein wildes Tier behandelten, um mich zu brechen, werfe ich den Handschuh wiederum ins Angesicht und tue ihnen kund, dass ich nimmer rasten werde, die Gesellschaft zu bekmpfen, in deren Sold sie stehen, solange ich noch einen Pulsschlag in mir fhle." Folgerichtig kndigte er, auch weiterhin "zur Tat reizen" zu wollen. Die Richter, welche die Haymarket-Angeklagten verurteilt hatten, nannte er Mrder, ebenso die Zeugen, ja selbst seine Freunde, die keine Hand fr die Inhaftierten gerhrt hatten. Und wieder musste er ein Jahr im Zuchthaus absitzen. Es war das neunte Jahr seines Lebens, das er im Gefngnis verbrachte.

Die durch das Haymarket-Trauma ausgelste Anarchistenjagd in den Vereinigten Staaten schchterte viele deutsch-amerikanische Genossen ein. Gleichzeitig kam aus Deutschland die Nachricht, dass dort die 12 Jahre lang verbotene SPD wieder zugelassen worden war. Es gab also keinen berzeugenden Grund mehr, den Staat gewaltsam abzuschaffen. Man hoffte, ihn jetzt friedlich reformieren zu knnen. So verlor der Anarcho-Terrorismus an Attraktivitt. Mosts Anhngerschaft begann abzubrckeln.

Da erschtterte die Meldung vom Attentat auf den Prsidenten der Vereinigten Staaten, Mc Kinley?, die amerikanische ffentlichkeit, es war das Jahr 1901. Der Mrder hie Leon Czolgocz. Er war ein Anarchist ungarischer Herkunft. Mit Mosts Sozialrevolutionren hatte er nichts direkt zu tun. Doch ausgerechnet am Tag des Attentats hatte Most in der Freiheit einen Artikel des deutschen Revolutionrs von 1848, Karl Heinzen, abgedruckt, in dem der Mord an Tyrannen gerechtfertigt wurde. Das war sein Pech. Er wurde der Aufforderung zum Mord fr schuldig befunden und zum dritten Mal fr ein Jahr in das Zuchthaus auf Blackwell's Island verbannt.

Der neue amerikanische Prsident Theodore Roosevelt sagte vor dem Kongress : "Jener Mrder war ein erklrter Anarchist, angestachelt durch die Lehren von Anarchisten", und forderte ein Gesetz, nach dem jedem, "der an der Berechtigung organisierter Regierungen zweifelt oder sie ablehnt", die Einreise in die USA verweigert werden sollte. Das Gesetz wurde erlassen, und der Zustrom neuer Mitglieder fr die sozialrevolutionre Internationale war gestoppt. In der Folge schmolz auch Mosts Gefolgschaft dahin. Er selbst aber setzte seinen Kampf unbeeindruckt fort.

Als er im Mrz 1906 wieder einmal auf Agitationstour war, erkrankte er. Er war von Neu-England nach Cincinnati am Ohio herbergekommen. In der Wohnung seines Freundes Krause brach er zusammen. Die Diagnose lautete "Gesichtsrose". Am 17. Mrz starb er. Drei Tage spter wurde er bestattet. Viele Genossen kamen. Sie sangen ihm ein letztes Mal das Kampflied der Sozialisten, die Arbeiter-Marseillaise, mit dem Refrain :

Tod jeder Tyrannei!

Die Arbeit werde frei!

Most war ein fanatischer Agitator fr die Vernderung der Gesellschaft durch Gewalt gewesen. Er hatte die Tat propagiert, selbst aber nur Worte gebraucht. Dafr hat er allerdings hart ben mssen. Nach seinem Tod bemhten sich seine Gefhrten, die Freiheit als Sprachrohr des "sozial-revolutionren" Netzwerks zu erhalten. Doch am 17. August 1910 musste das Blatt mangels Nachfrage sein Erscheinen einstellen. Die ra des Terroristen Johann Most war endgltig vorbei.

von HANS DODERER http://www.fr-aktuell.de/ressorts/kultur_und_medien/feuilleton/?cnt=115786 Frankfurter Rundschau 2003

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