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http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=ku&dig=2008%2F08%2F19%2Fa0141&cHash=72142492f3

Unsere vielen Liebhaber

Die zahlreichen Affren und Liebschaften der Franziska zu Reventlow beschftigen immer noch die Nachwelt. Auch deswegen, weil die postmoderne Liebe von heute so domestiziert erscheint?

 VON ELISABETH RAETHER

Im Dezember 1911 teilte der Albert Langen Verlag in Mnchen Franziska Grfin zu Reventlow mit, dass ihr Briefroman ins Programm aufgenommen werde. Der Titel, "Teegesprche", allerdings gefalle dem Verleger nicht, schrieb Reventlow an ihren Freund Franz Hessel, er wolle "etwas mehr Sensation mit erotischem Hintergrund". Das Buch erschien schlielich unter dem Titel "Von Paul zu Pedro", Untertitel: "Amouresken".

Es erzhlt die Geschichte einer Frau, fr die Liebe eine nicht enden wollende Suche nach Sinnenreiz, nach Genuss ist. Und weil der Roman ein autobiografischer ist, gilt Reventlow heute als eine moderne Frau voller "Lebenslust", als eine Frau, die sich nimmt, was sie will, die sich nicht zu einer "Porzellanpuppe dressieren" lassen wollte, wie Gunna Wendt in der im Frhjahr erschienenen Biografie "Die anmutige Rebellin" schreibt.

Reventlow wurde 1871 geboren, ihr Vater, Ludwig Graf zu Reventlow, war preuischer Landrat in Husum. Fanny Grfin zu Reventlow, wie sie eigentlich hie, wuchs im Schloss vor Husum auf, dem Dienstsitz des Landrates. Der Rotklinkerbau mit dem massiven Mittelturm, dem damals der Turmhelm fehlte, sah wohl eher wie eine Burg aus. Theodor Storm, der Husum die "graue Stadt am Meer" nannte, war ein Freund der Familie. Das junge Mdchen berredete ihre Eltern, in einem Lbecker Institut eine Ausbildung zur Privatlehrerin machen zu drfen. Sie heiratete einen Hamburger Richter, ging nach Mnchen, wo sie Zeichenstunden nahm (die ihr Ehemann finanzierte). In Mnchen gehrte sie bald dem Kreis der Schwabinger Boheme an, einer losen Gruppe von Knstlern, Franz Hessel und Ludwig Klages gehrten dazu. Franziska zu Reventlow schreibt spter einen Schlsselroman ber den Stadtteil und seine Bewohner, "Herrn Dames Aufzeichnungen". Ihre Ehe zerbrach nach zwei Jahren. Sie blieb in Mnchen, wo sie schrieb und malte und Gelegenheitsjobs nachging, um sich ber Wasser zu halten. 1918 starb sie an den Folgen eines Fahrradunfalls in Ascona.

Der Manesse Verlag hat ihren Roman "Von Paul zu Pedro" jetzt neu herausgegeben. Die Grfin, heit es in der biografischen Notiz, beging mehrfach "Ehebruch" und "hatte zahlreiche Affren und Liebschaften". In der Biografie schreibt Gunna Wendt gleich auf der ersten Seite, Reventlow habe ein Leben "in Freiheit" gefhrt: "ungebundene Liebe, erotische Abenteuer".

Vielleicht weist man auf Reventlows Liebesleben so ausdrcklich hin, weil man die Schriftstellerin mit den Protagonistinnen ihrer Romane verwechselt. Die Erzhlerin des Briefromans "Von Paul zu Pedro" schreibt ihrem Freund, den sie manchmal mit "Herr Doktor" anspricht, von ihren zahlreichen Liebschaften. Sie lebt in Mnchen, sie lebt allein und begegnet ziemlich vielen Mnnern.

Aber Reventlow hat mit der Erzhlerin eine Figur geschaffen, und literarische Figuren sind Konstruktionen, auch wenn sie "ich" sagen. Sie sind keine Personen, sie verkrpern eher Ideen. Reventlows Erzhlerin bereut nichts, sie ist ungebunden und kompromisslos. Sie plaudert. Sie scheint keinen Preis zu zahlen fr das selbstbestimmte Leben, das sie fhrt.

Reventlow selbst hatte zu dem Zeitpunkt, zu dem das Buch erschien, einen 15 Jahre alten Sohn, Rolf. Sie zog das uneheliche Kind allein gro, den Namen des Vaters behielt sie fr sich, weshalb sie sich mehrmals vor Gericht verantworten musste. Sie hatte Geldsorgen. Immer wieder gab es erbitterten Streit mit der Familie, die Reventlows Entscheidungen nicht verstand. Reventlow kannte den Preis, den sie fr ihr selbstbestimmtes Leben zahlte.

ber die erste Nacht, die sie mit ihrem gerade geborenen Kind zu Hause verbringt, schreibt sie in ihr Tagebuch: "Ich war noch fast hilfloser wie das kleine Geschpf, das immer schrie. Schlielich sa ich auf dem Bettrand und weinte auch und kam mir vor, als ob wir beide so verlassen wren und zu Grund gehen mssten."

Der Tonfall der Erzhlerin ist anders. Sie entwirft gut gelaunt eine kleine Mnner-Typologie. Es gibt zum Beispiel Typ "Paul": "Paul ist eine Begebenheit, die immer von Zeit zu Zeit wiederkehrt. Paul ist immer etwas Lustiges, Belangloses, ohne Bedenken und Konsequenzen. Paul wird in der Regel bald langweilig, und man entflieht in den tea room." Es gibt auch den Typus "elegante Begleitdogge": "zum Verzagen langweilig, aber unwiderstehlich, absolut unwiderstehlich elegant".

"Es muss etwas dasein", sagt sie ber den Mann, den sie vielleicht einmal dauerhaft lieben soll, "was fr mich persnlich Wert hat, mir erfreulich, wohltuend, unentbehrlich erscheint oder mir imponiert, kurz, was ich haben mchte."

Diese Frau, die so unbekmmert plappert, ist ein Ideal: Liebe ist fr sie kein Zwang und auch keine tragische Verstrickung, sondern ein Amsement, ein Impuls, dem man nachgibt. Dass man im Leben Spa haben kann, war im Kaiserreich ja eine ziemlich subversive Idee, und fr Reventlow muss die federleichte hedonistische Liebe noch ein Freiheitsversprechen gewesen sein.

Natrlich ist es unverfnglicher und deshalb angenehmer, dabei zuzusehen, wie gegen die Konventionen anderer Gesellschaften verstoen wird und nicht gegen die eigenen, gegen unsere, die heutigen. Ich frage mich aber, warum der Versuch einer Frau, der Gesellschaftsordnung des Kaiserreichs zu entkommen, als "erfrischend" bezeichnet wird (Klappentext Manesse), als wre jenes System nicht repressiv gewesen. Und warum die Biografin Gunna Wendt Reventlows Geschichte in einem so vertrumten Ton erzhlt, als "kompromisslose Suche nach Freiheit und Glck".

berhaupt ist die Lage heute doch eine andere.

Ich, bald 30 Jahre alt, unverheiratet, keine Kinder, habe nicht die Sorge, dass ich zu viele Kompromisse mache, wenn es um mein persnliches Glck oder um mein Liebesleben geht.

Ich muss niemanden heiraten, um ein Auskommen zu haben oder ein Kind auf die Welt zu bringen. Ich kann mir so viele "Liebhaber" nehmen, wie ich will oder wie ich eben finde. Wenn ich mich mit einem besser verstehe, bleiben wir lnger zusammen, vielleicht heiraten wir. Vielleicht auch nicht, auf jeden Fall trennen wir uns, wenn es nicht mehr geht, was wahrscheinlich schlimm wre, aber nur fr uns persnlich. Niemand wrde sich wundern oder beschweren.

Jedes dritte Kind in Deutschland wird "unehelich" geboren, und die bundesweiten Scheidungszahlen legen nahe, dass kaum einer sich gezwungen sieht, eine Ehe zu fhren, die aus irgendwelchen Grnden nicht mehr funktioniert.

Die hufigen Partnerwechsel, die "zahlreichen Affren", die man Reventlow in den Klappentext schreibt, sind heute Normalitt, so dass uns, zumindest in einigen Milieus, jeder andere Lebensentwurf irgendwie seltsam erscheint.

Der Bruder eines Freundes hat krzlich, mit 21 Jahren, seine gleichaltrige Freundin geheiratet, die er aus der Schule kennt. Die Eltern, Psychiaterin in Hamburg und Professor fr Mathematik in Basel, seit ber 15 Jahren geschieden, jeweils neu verheiratet, wieder geschieden, waren entsetzt. Vielleicht ist das ja eine Art Hilferuf, sagte die Mutter leise und senkte besorgt den Blick, als wir drauen in Brandenburg unter einer Eiche an der wei gedeckten Hochzeitstafel saen.

Die Frage, die mich jedenfalls in Wirklichkeit beschftigt, ist nicht die, wie ich den Verbindlichkeiten meines Lebens entkomme, sondern die, wie ich welche schaffen kann. Bisher haben sich nmlich noch keine ergeben. Das ist wahrscheinlich eine andere Geschichte. Franziska zu Reventlow wusste natrlich nicht, dass die Verhltnisse einmal so sein wrden. Ihre Bcher aber werden heute auch deshalb gelesen, weil sie nostalgisch stimmen und man sich bei der Lektre in eine vergangene Zeit trumen kann, in der es noch "richtige" Tabus gab. Echte Hindernisse auf dem Weg zum persnlichen Glck.

Reventlows Leben wird in unserer Vorstellung zu einem Roman, der von Leidenschaft und Tapferkeit handelt. Gedankenversunken klappen wir das Bchlein zu und fragen uns, ob es nicht auch ein bisschen aufregend wre, wenn die Affre, die wir gerade begonnen haben, nicht einfach nur eine weitere Geschichte ist, aus der wieder nichts wird, sondern ein Aufbegehren gegen die "brgerliche Moral". Unsere postmoderne Liebe erscheint so domestiziert, so harmlos, die Gegenwart kommt uns banal vor.

Jedoch: "Die Gesellschaftsordnung erkennt die Forderungen nach Freiheit, Selbstverwirklichung und Gleichheit, wie sie in der utopischen Vision von Liebe enthalten ist, inzwischen an", schreibt die israelische Soziologin Eva Illouz in ihrem Buch "Konsum der Romantik" ber unsere heutigen Vorstellungen von Liebe.

"Wer die Bedeutung dieser Neuerung bestreitet, luft Gefahr, den vormodernen Liebesmrtyrer - vor allem Frauen - zu verklren und ihre Geschichten von Kampf und Leid nostalgisch und neidvoll zu betrachten."

Franziska zu Reventlow: "Von Paul zu Pedro". Manesse, Zrich 2008, 107 Seiten, 12,90 Zusammen mit Jana Hensel schrieb Elisabeth Raether das Buch "Neue deutsche Mdchen" (Rowohlt Berlin)

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Page last modified on August 19, 2008, at 12:27 PM