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Von der Utopie zur Genossenschaft

W.W. Engelhardt:

Zum Verhltnis Utopie-Genossenschaft-Sozialpolitik" seit den Anfngen, am Beispiel der Produktiv- und Siedlungsgenossenschaften dargestellt


Es sei hier auf einige Entwicklungslinien des Verhltnisses von Utopie und Genossenschaft" unter Einbeziehung der Sozialpolitik von unten" eingegangen. Begonnen werden soll bei den vermutlichen Anfngen des Genossenschaftswesens berhaupt. Die Produktiv- bzw. Siedlungsgenossenschaften und deren freigemeinwirtschaftliche Sinnbestimmungen sind besonders zu beachten.

1. Seit der Sehaftwerdung der Menschheit, vielleicht sogar schon whrend der vorangehenden Wanderungsbewegungen der sich seit vier bis fnf Millionen Jahren schrittweise aus dem Tierreich lsenden menschenhnlichen Lebewesen, gibt es rudimentre oder vollstndige ursprngliche Betriebe" im Sinne des Betriebswirtschaftlers Heinrich Nicklisch. Was die Urhorden und ersten genossenschaftsartigen Gebilde und Gefge betrifft, so war das Gefhl der Bedrohung und Bedrckung durch fremde Krfte, denen der einzelne machtlos gegenberstand" nach Georg Draheim soziologisch die Hauptwurzel der Genossenschaftsbildung". Der Autor und nach dem zweiten Weltkriege eine Zeitlang fhrende deutsche Genossenschaftspraktiker spricht auch von der Solidaritt der Not", die dabei vermutlich eine entscheidende Rolle gespielt hat. Sein Begriff entspricht dem der organischen Solidaritt" Emile Durkheims.

Andere Genossenschafts- und Verbndewissenschaftler, wie Gustav von Schmoller, Wilhelm Vershofen und in der jngeren Vergangenheit auch Gerhard Weisser, haben sich in hnlicher Weise geussert. Von ursprnglichen, mehr oder weniger genossenschaftsartigen Betrieben ist brigens auch bei vielen historisch forschenden Agrarwirtschaftlern, Soziologen und Ethnologen die Rede. Genannt sei statt vieler hier nur noch der Agrarkonom Friedrich Aereboe. Die ursprnglichen Betriebe wurden - und dies ist m.E. eine wichtige Feststellung - aber erst viele Zeitalter spter, d.h. praktisch erst in der jngeren Vergangenheit und Gegenwart, zumindest berwiegend als solche von der Art der Produktiv- bzw. Siedlungsgenossenschaften identifiziert. Fr die germanischen Gebiete sprach Friedrich Engels bekanntlich in der Regel von der dort verbreiteten Markgenossenschaft", Schmoller von der Arbeitsgenossenschaft".

2. Aus den frhen Genossenschaftsformen der Produktiv- bzw. Siedlungs-Genossenschaften sind in zumeist oder gar gnzlich nichtdirekter Anknpfung an sie die erst seit wenigen hundert Jahren - etwa seit dem 16. Jahrhundert - programmatisch initiierten frei-gemeinwirtschaftlichen bzw. frei-gemeinntzigen Gebilde dieser Genossenschaftsart, aber auch der neuzeitlichen Kooperativen insgesamt hervorgegangen. Dies geschah oft - oder doch zumindest nicht selten - auf der Grundlage anregender und stimulierender selektiver Utopien und zumal solchen literarischer Art. Ich nenne als Beispiele fr Verfasser solcher Utopien in der Renaissance und Reformationszeit Francis Baron, Johann Valentin Andreae, Gerrard Wistanley, in der anschlieenden Aufklrungsepoche neben Restif de la Bretonne etwa Denis Diderot, im Industriezeitalter z.B. Etienne Cabet, Theodor Hertzka und natrlich Charles Fourier, Robert Owen sowie Henry de Saint-Simon.

Die selektiven Utopien gingen den Grndungen entweder voraus oder aber sie liefen als Anregungen parallel. Wobei die utopischen Gedankengebude oft auch als Ideen, Visionen usw. bezeichnet wurden und - was ihre Wirkungsweise betrifft - bei einigen Utopisten geradezu in das eigentliche soziale bzw. sozialpolitische Handeln von unten her bergingen. Hingegen spielten bei den Entstehungsprozessen wissenschaftliche Erkenntnisse erst im zwanzigsten Jahrhundert eine wesentliche Rolle, d.h. kaum lnger als fnfzig bis hundert Jahre. Dabei waren es zunchst fast nur juristische Aussagen, die zur Verfgung standen, viel spter dann auch volkswirtschaftliche, sozialpolitische und betriebswirtschaftliche Erkenntnisse. Dies ganz zuletzt - d.h. heute dann auch im Sinne von Aktionsforschungs"- und Organisationsentwicklungs"-Analysen, deren Bedeutung knftig mglicherweise stark zunehmen wird.

3. Die Produktiv- bzw. Siedlungsgenossenschaften der frhen Zeiten haben sich hingegen zunchst in den jeweiligen Sprachen und Dialekten als berwiegend religis orientierte und wohl nur selten bereits als zugleich weltlich motivierte Gemeinden, Gruppen und betriebliche Gebilde begriffen. Essentiell gemeinschaftliches - im Sinne von Ferdinand Tnnies - oder bereits gemeinwirtschaftliches Gedankengut drfte dabei im Mittelpunkt gestanden haben. Mythen und ganzheitliche Utopien, die noch bis in die Gegenwart hinein keineswegs selten entwicklungsgesetzliches Denken bestimmen, haben sicherlich von vornherein eine hauptschlich ideologisch abschirmende Rolle gespielt. Oder aber es ging bei den geistigen Grundlagen der Kooperativen bereits um eine Art eidetischer Wesenschau".

Streng genommen drften nmlich diese ganzheitlichen Utopien - aber wohl auch nur sie - durchaus als Empfindung(en) eines krnkenden Defekts, eines Bruchs am Anfang aller Zeiten" aufzufassen sein. Als solche wurden sie von Arnhelm Neusss und hnlich argumentierenden anderen Phnomenologen bzw. Tiefenpsychologen, gelegentlich sogar von Betriebswirten - wie Skaver Unsinn - interpretiert. Und auch Historiker, wie Ernst Nolte haben eine hnliche Bestimmung ihres Sinns versucht. Nolte schreibt 1991, da es sich bei der Utopie um den Wunsch nach Wiedererlangung der Pantopie" handelt. Sie ist die Sehnsucht nach dem Unpolitischen inmitten der Welt der Politik", wie sie fr frhe Menschen in der Tat besonders ausgeprgt bestanden haben mag.

4. Was die Produktiv- und Siedlungsgenossenschaften auf programmatischer Basis betrifft, so war fr diese Kooperativen als Art oder Gattung offenbar vor allem kennzeichnend, da sie sich nicht gem den blichen Gesetzlichkeiten der Evolutionstheorie" aus den Vorgngergebilden entwickelt haben. Sie sind nicht - oder doch hchstens relativ selten - den Weg der durch Ausgliederungen vorgezeichneten abgeleiteten Betriebe" gegangen, diesen Begriff wiederum im Sinne von Nicklisch verstanden. Aber auch statt wiederum quasi von Natur aus" zu entstehen, wurden fr sie jetzt neuartige, d.h. voluntaristische freigemeinwirtschaftliche Grundlagen magebend, die allerdings recht bald in frderungswirtschaftlichen oder auch schon erwerbswirtschaftlichen Richtungen transformiert sind. Letzteres hat im vorigen Jahrhundert als eine der ersten Beatrice Potter-Webb, am Beispiel industriezeitlicher Produktivgenossenschaften Grobritanniens aufgezeigt.

Wre hingegen der oft als blich" unterstellte evolutionstheoretische Ablauf eingetreten - ihn hat in jngerer Zeit C. Schreiter vom Marburger Genossenschaftsinstitut als eine Art Melatte in produktivgenossenschaftliche berlegungen eingefhrt- so htte es nach meiner Ansicht schon bei den ursprnglichen Betrieben produktiv- bzw. siedlungsgenossenschaftlicher Art im Merkantilismus und Kameralismus zunchst einmal sehr verbreitet zu staatlichen Betriebseinheiten und nach hufiger Entstehung von Mrkten spter unmittelbar zu privaten erwerbswirtschaftlichen Betrieben kommen mssen. Dies aber htte bedeutet, jede Fortsetzung der produktivgenossenschaftlichen Anfnge im Sinne einer nunmehr programmatisch direkt gewollten Entstehung solcher Kooperativen wre zugunsten staatlicher und sodann privater Betriebe vermieden worden.

5. Statt dessen aber kam es bekanntlich zu zeitweise und - besonders seit der zweiten Hlfte des neunzehnten Jahrhunderts - in wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Notzeiten recht zahlreichen und nunmehr meist vllig bewut auch demokratisch strukturierten gemeinsam getragenen" produktivgenossenschaftlichen Betrieben bzw. Unternehmen. Klaus Novy und viele andere Autoren haben dies im einzelnen belegt. Sie haben damit nach hier vertretener Lehrmeinung entgegen Schreiter bewiesen, da sich die Evolutionstheorie in diesem Falle als wenig ntzlich erweist. D.h. es kam zu den von den jeweiligen Mitgliedergesamtheiten getragenen und nach meist basisdemokratisch abgestimmten Grundstzen geleiteten Unternehmen mit sozialpolitischer Funktion.

Die Produktiv- und Siedlungsgenossenschaften haben sich - mit anderen Worten - teils in genossenschaftlichen Rechtsformen oder auch in den spter nicht selten bevorzugten nichtgenossenschaftlichen Rechtsformen und Netzwerken trotz zahlreicher Mngel und stndiger Transformationen im ganzen gesehen behauptet. Vielfach geschah dies fr jeweils lngere Zeit - und nicht selten sogar lnger als privatwirtschaftliche Betriebe bestanden haben. Diese Behauptung der Genossenschaften ist dabei laut Burghard Flieger anscheinend relativ unabhngig von der Hypothese Franz Oppenheimers von einem bestehenden Transformationsgesetz" erfolgt. Allerdings wird man wohl einrumen mssen, da bei beibehaltenen Organisatisationseinheiten der Produktiv- bzw. Siedlungsgenossenschaften der Wandel von gemeinwirtschaftlichen zu frderungsund schlielich erwerbswirtschaftlichen Sinnstrukturen so gut wie immer eingetreten ist.

6. An dieser Stelle sei ein nherer Blick auf die praktischen und theoretischen Bemhungen Robert Owens geworfen. Obwohl dessen langjhrige produktiv- bzw. siedlungsgenossenschaftliche Versuche zweifellos im wesentlichen gescheitert sind das bekannteste Stichwort dazu lautet bekanntlich New Harmony" in den USA - hat er m.E. doch insgesamt sehr wichtige und weiterfhrende Beitrge zu einem positiven Verstndnis utopischen Denkens und Handelns geliefert. Owen war nmlich in New Lanark, dem Orte seines langjhrigen Wirkens zweifellos bereits ein moderner dynamischer Wirtschafter. Als lange Zeit lediglich angestellter, spter selbstndiger Unternehmer hat er frh die reale Mglichkeit permanenter Fabrik- und zugleich Sozialreform trotz grter Widerstnde von vielen Seiten bewiesen und wie kein anderer zu seiner Zeit durch ko-soziale inventions" und innovations" vorangetrieben.

Von frh bis spt" - so schrieb er spter - beschftigte mich unausgesetzt das Ausfindigmachen von Maregeln und die Leitung ihrer Ausfhrung, um mit der besseren Lage der Arbeiter die Fabrik als geschftliches Unternehmen zu heben". Nach der bedeutenden Biographin Helene Simon trug er auf diese Weise auch bei der Arbeiterschaft entscheidend dazu bei, neue Motive des Handelns zu schaffen". Wissenschaftlich, d.h. auch die Genossenschaftslehre und die Sozialpolitiklehre mit begrndend, fand sein neues Denken und Handeln einen ersten Niederschlag in den Essays von A New View of Society" (von 181 3/16), spter in vielen weiteren Arbeiten.

7. Die produktivgenossenschaftlichen Voll"kooperativen hat in der Gegenwart Eberhard Dlfer wohl eingedenk der charakterisierten Sinnstruktur-Wandlungen als bloen Grenzfall des Mehrzweck-Kooperativs" bezeichnet. Sein Urteil unterscheidet sich von dem des Stammvaters des liberalen deutschen Genossenschaftsverstndnisses, Hermann Schulze-Delitzsch. Dieser Pionier hat die Produktivgenossenschaft bekanntlich als Krnung seines Genossenschaftssystems empfunden. In seinem Buch Die arbeitenden Klassen und das Assoziationswesen in Deutschland" (zuerst 1858) schrieb er: In ihr begren wir den Gipfelpunkt des Systems". Die Produktivgenossenschaft erst mache den Arbeiter eigentlich kreditfhig".

Die Produktiv- bzw. Siedlungsgenossenschaften wurden aber auch von fhrenden heutigen Genossenschaftssoziologen - wie z.B. Friedrich Frstenberg, in gewissem Unterschied zu Robert Hettlage -wiederholt als Unternehmen ohne grssere Zukunftschancen eingeschtzt. Dennoch haben sich zur berraschung vieler Beobachter weltweit auch in den letzten Jahrzehnten wieder zahlreiche Neugrndungen solcher Gebilde ergeben und zwar wiederum im Zusammenhang mit gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Notsituationen vieler Menschen. Nicht selten erfolgten wiederum die Grndungen unmittelbar initiiert durch selektive Utopien, einschlielich neuer literarischer. Erwhnt sei hier als Beispiel Ernest Callenbachs kotopia" von 1975.

8. Burghard Flieger hat dieser Genossenschaftsart wohl nicht zuletzt der zahlreichen Neuanfnge wegen in seiner Dissertation von 1995 Die Produktivgenossenschaft als fortschrittsfhige Organisation" eine umfangreiche und zugleich subtile Untersuchung gewidmet. Im Sinne von Wolfgang H. Staehle, Werner Kirsch und anderen neueren Betriebswirten bezeichnet er darin die Produktivgenossenschaft sowohl als lernende Organisation" als auch als grundstzlich fortschrittsfhige Organisation". In seinem zweifellos profunden Standardwerk der neueren Genossenschaftstheorie schreibt er, auch utopietheoretische Erkenntnisse des Verfassers aufnehmend: Mit der lernenden Organisation wird der entgegengesetzte Proze der Oppenheimerschen Transformation angestrebt: die Demokratisierung und Selbststeuerung von Unternehmen, verknpft mit der Intention des Lernens. In hnlicher Weise ist die Idee der fortschrittsfhigen Organisation verbunden mit der Suche nach den Bedingungen fr eine dauerhafte Evolution von Unternehmen".

Flieger sieht allerdings offenbar auch die Kooperativen dieser Genossenschaftsart nicht lnger als realmgliche frei-gemeinwirtschaftliche Unternehmen - von den frderungs- oder erwerbswirtschaftlichen Nicht-Voll"-Kooperativen gewerblicher, landwirtschaftlicher, wohnungs-, konsum-, versicherungswirtschaftlicher Art usw. gar nicht erst zu reden. Er erwhnt zumindest im Unterschied zu seinen frheren Verffentlichungen Chancen der gemeinwirtschaftlichen und insbesondere der selbstgewollten freigemeinwirtschaftlich/frei-gemeinntzigen Widmung dieser Zusammenschluform von Personen in seiner Untersuchung nicht mehr ausdrcklich.

9. Demgegenber hatte der Autor zusammen mit Wolfgang Beywl noch wenige Jahre zuvor wie folgt geurteilt: Die Schrumpfung der deutschen Gemeinwirtschaft (vor allem nach Beseitigung des Wohnungs-Gemeinntzigkeits-Gesetzes durch die regierende Koalition) ndert nichts daran, da Gemeinwirtschaft als gedankliches Konstrukt existiert und je nach sozialen Problemlagen (Arbeitslosigkeit, Versorgungslcken, soziale Disparitten) auch reaktivierbar ist. Im Moment erneuter Zuspitzung wird die hilflose Politik versuchen, die Gemeinwirtschaft - wenn auch unter anderem Namen wieder zu beleben, wird aber aufgrund fehlender Aufarbeitung und Umsetzung gemeinwirtschaftlich-kooperativer Praxis kein angemessenes Organisationswissen vorfinden".

Ein solcher Proze spielt sich nach den Darlegungen der beiden Autoren aus dem Jahre 1991 gerade in den neuen Bundeslndern ab. Hier wrden von Arbeitgebern, Kommunen und Gewerkschaften gemeinsam getragene Gesellschaften zur Arbeitsfrderung und Strukturentwicklung (ABS) immerhin 2% des Erwerbspotentials auffangen". In der letzten Woche vor dem Vortrag dieses Referats konnte man in diesem Zusammenhang dem Klner Stadt-Anzeiger" (vom 20.2.1998) einem Artikel ber das Leipziger Vorzeigeobjekt bfb" entnehmen, da das Objekt - in diesem Falle allerdings als stdtischer Betrieb organisiert - zur Zeit fr nicht weniger als 4 500 Menschen, 3 200 Arbeitslose und 1 300 Sozialhilfeempfnger als Sttzpunkt fr Arbeitsbeschaffungsmanahmen dient, und zwar bislang offenkundig recht erfolgreich.

Als Hauptaufgabe der Produktiv- bzw. Siedlungsgenossenschaften drfte im heutigen Deutschland unter gemeinwirtschaftlichem Sinnaspekt in der Tat vor allem ihr Einsatz fr sozial-, beschftigungs- und umweltpolitische Aufgaben in Betracht kommen knnen. Autoren wie Andre Gorz, Jeremy Rifkin und Ulrich Beck drften dabei zumeist darin bereinstimmen, da die Brgerarbeit" in einem mehr oder weniger weit entwickelten dritten Sektor" nicht ganz ohne staatliche Untersttzung auskommen wird. Allerdings lehnen die meisten von ihnen zwangsgemeinwirtschaftliche Lsungen ab und setzen - wie Beck - auf freiwilliges soziales Engagement der Gemeinwohlunternehmer". Die quantitative Bedeutung dieser Sinnbestimmung darf freilich nicht berschtzt werden.

10. In diesem Zusammenhang ist auch an den Aufbau des Staates Israel nach 1945 und schon zuvor zu erinnern. Nach dem Urteil von Theodor Bergmann haben dabei vor allem die Kibbuzim" eine entscheidende Rolle gespielt. Die damaligen Kooperativen dieser Art sind zweifelsfrei als frei-gemeinwirtschaftlich bzw. frei-gemeinntzig orientiert und entsprechend handelnd einzustufen. Sie nahmen neben selbstverstndlichen sozusagen privaten" -Hilfestellungen fr die einzelnen Mitglieder nmlich vor allem die folgenden ffentlichen Aufgaben aus eigem Antrieb, d.h. gewissermaen staatsentlastend und gesellschafts- sowie staatsaufbauend ttig werdend, wahr: dlandkultivierung, Bildung einer vllig neuen Schicht von Landbewirtschaftern, Verteidigung der jdischen Gemeinschaft, spter der Grenzen des Staates Israel, Besiedlung unwirtlicher Wstengebiete, Erziehung und kulturelle Integration der Masseneinwanderung. Aufnahme invalider und alter Einwanderer".

Eine bertragung des israelischen Beispiels auf andere Lnder ist in vielen Fllen ber Experimente nicht hinausgelangt. Vielleicht htten die Ideen, die Michail Gorbatschow als Staatschef der SU auf genossenschaftlichem Gebiet vorgeschwebt haben, zu ebensolchen frei-gemeinwirtschaftlichen Produktiv-Kooperativen in der ehemaligen Sowjetunion gefhrt. Verfasser hat eine solche Entwicklung nach dem Studium seiner Broschre Das Potential der Genossenschaften fr die Perestroika" von 1988 fr realmglich gehalten und in der Zfg G? entsprechende Anregungen zu geben versucht.

11. Schwedter Rolf Schwendter? hat die produktiv- bzw. siedlungsgenossenschaftlichen Neugrndungen der letzten Jahrzehnte in seinen berlegungen zu einem zeitlosen Begriff" von 1994 in den Zusammenhang der Errterung von prozessual und dynamisch verstandenen Utopieproblemen gestellt. Gegen eine solche Vorgehensweise drfte besonders dann nichts einzuwenden sein, wenn die vertretenen Utopien auf regulativen Ideen" - im Sinne von Immanuel Kant - beruhen bzw. mit ihnen gleichzusetzen sind. Auch der franzsische Philosoph Jacques Derrida argumentiert offenbar in diese Richtung. Hingegen sollten Utopien m.E. nicht mit geschichtsphilosophisch determinierten Ideologien und Wesensschauen und diesen zumindest in ihren Funktionen gleichzustellenden ganzheitlichen Utopien verwechselt werden.

Kant hatte in der Kritik der reinen Vernunft" regulative Ideen unter anderem wie folgt nher bestimmt: Ich kann genugsamen Grund haben, etwas relativ anzunehmen (suppositio relativa), ohne doch befugt zu sein, es schlechthin anzunehmen (suppositio absoluta)". Franz-Xaver Kaufmann hat allerdings zu Recht nicht nur vor einer berschtzung rationalistischer Gemeinwohlkonzeptionen im Sinne von Adam Smith, sondern ebenso vor einer solchen des Kritizismus gewarnt. In seinem Werk Sicherheit als soziologisches und sozialpsychologisches Problem" von 1970 heit es dazu, da Gemeinwohl durch keine unsichtbare Hand und keine transzendentale Vernunft garantiert" sei. Es knne nur als einer differenzierten komplexen Gesellschaft angemessenes Leitbild postuliert werden, dessen Realisierung mglich, aber nicht gesichert ist".


Zur Literatur des Verfassers

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  • Ders., Produktivgenossenschaften, in: Handwrterbuch der Sozialwissenschaften, 8. Bd.,1964, S.610-612.
  • Ders., Robert Owen und die sozialen Reformbestrebungen seit Beginn der Industrialisierung, Bonn 1972.
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  • Ders., Allgemeine Ideengeschichte des Genossenschaftswesens, Darmstadt 1985.
  • Ders., Produktivgenossenschaftliche Betriebsstrukturen als Ursache von Finanzierungsproblemen, in: Kck, M./ v.Loesch, A. (Hrsg.), Finanzierungsmodelle selbstverwalteter Betriebe, Frankfurt u. New York 1987, S. 97-109.
  • Ders., Zur Interpretation der sowjetischen Kooperative und Kollektive in der Periode der Perestroika, in: Zeitschrift fr das gesamte Genossenschaftswesen (Zfg G), Bd. 39,1989, S. 254-259.
  • Ders., Die Genossenschaftsidee als Gestaltungsprinzip; Die Stellung der Genossenschaftslehre (Kooperationswissenschaft) im System der Wissenschaften; Die Produktivgenossenschaften in der Marktwirtschaft, in: Laurinkari, J./ Brazda, J. (Hrsg.), Genossenschaftswesen. Hand- und Lehrbuch, Mnchen u. Wien 1990, S.10-26, 50-69 u. 664-675.
  • Ders., Die Funktion von Utopien in der Entwicklung von Wirtschaftsordnungen, in: Wagener, H.J. (Hrsg.), Anpassung durch Wandel. Evolution und Transformation von Wirtschaftssystemen, Berlin 1991, S.139-171.
  • Ders., ber Leitbilder in der Sozialpolitik und zur Utopienproblematik in der Sozialpolitiklehre, in: Herder-Dorneich, Ph./ Zerche, J./ Engelhardt, W.W. (Hrsg.), Sozialpolitiklehre als Proze, Baden-Baden 1992, S.55-77.
  • Ders., Classification and Typologies of Co-operation; Conceptions, Co-operative; History of Co-operative Ideas; Theory and Science of Cooperation, in: Dlfer, E. / Laurinkari, J. (ed.), Handbook of Cooperative Organizations, Gttingen 1994, pp. 11-1 06, 135-142, 424-429,871-879.
  • Ders., Zu einer Struktur- und Funktionsanalyse der Produktivgenossenschaften, in: Zfg G?, Bd. 44 (1994), S.4-27.
  • Ders., Soziale und genossenschaftliche, politische und pdagogische Aspekte in der Arbeit J.H. von Thnens, in: Zfg G?, Bd. 45 (1995), S.83-105.
  • Ders., Die Grndung der Preuischen Central-Genossenschaftskasse" und deren Ttigkeit - ein Beispiel fr erfolgreiche uneigenntzige Staatshilfe im Genossenschaftsbereich, in: Hundert Jahre Genossenschaftliches Spitzeninstitut, Sonderheft der Zfg G?, 1995, S.11-31.
  • Ders., Grundprobleme einer personalen Anthropologie und kritizistischen Gemeinwohlkonzeption, in: Neumann, L.F./ Schulz-Nieswandt, F. (Hrsg.), Sozialpolitik und ffentliche Wirtschaft, Berlin 1995, S.75-113.
  • Ders., Grundstzliche und aktuelle Aspekte der Sicherung, Subsidiaritt und Sozialpolitik, in: Kleinhenz, G. (Hrsg.), Soziale Ausgestaltung der Marktwirtschaft, Berlin 1995, S.3-28.
  • Ders., Starting Points of a Systematic Social Theory and Social-Policy Theory, including Social Work and the Theory of Social Work, in: Hmlinen, J./ \/ornanen, R. (ed.), Social Work and Social Security in a Changing Society, Augsburg 1996, pp. 49-64.
  • Ders., Utopie und Produktivgenossenschaft. Neue Bemerkungen zu einem wieder aktuell gewordenen alten Thema, in: Brazda, J./ Kleer, J. (Hrsg.), Genossenschaften vor neuen Herausforderungen, Augsburg 1996, S.23-50.
  • Ders., Konzeptionen und Institutionen jenseits von Angebot und Nachfrage. Zum kulturellen Hintergrund der Marktwirtschaft und dessen Bedeutung im Lichte des konomismusproblems, in: Claussen, C.P./ Hahn, O./ Kraus, W. (Hrsg.), Umbruch und Wandel. Herausforderungen zur Jahrhundertwende, Mnchen u. Wien 1997, S.623-639.
  • Ders., Bemerkungen zum Dritten" bzw. Nonprofit-Sektor", zu dessen Binnendynamik und zur Kommunitarismus-Debatte, in: Schnig, W. / Schmale, I. (Hrsg.), Gestaltungsoptionen in modernen Gesellschaften, Regensburg 1998, S. 275-305.
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