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Utopie, berlegungen zu einem zeitlosen Begriff

Rolf Schwendter:

Utopisches Denken ist seit lngerer Zeit in Verruf geraten. Obwohl der wissenschaftliche Sozialismus den utopischen fr berwunden erklrte, werden utopische Vorstellungen fr das Scheitern des Realsozialismus verantwortlich gemacht.
Rolf Schwendter beschreibt in einem kurzen Abri die Entwicklungsgeschichte der Utopien, um sich dann mit gegenwrtigen und kontroversen utopischen Konzepten linker Bewegungen auseinanderzusetzen. (Zentralistischer oder dezentraler Aufbau; Entstehung von utopischem Bewutsein aus den Wnschen und Tagtrumen der Einzelnen; etc.)
Dem Utopie-Begriff im wissenschaftlichen Diskurs widmet der Autor einige vorlufige berlegungen am Ende seiner Schrift.

I N H A L T

  1. Zur Geschichte der Utopien
  2. Begriff und Authentizitt von Utopie
  3. Einige zeitgenssische Utopien
  4. Zur Demokratisierung der Konstruktion von Utopien
  5. Fragen des Alltags, die einer Utopie bedrfen
  6. Schlubemerkungen
  • Ausgewhlte Bibliographie

1. Zur Geschichte der Utopien

ES IST ANSICHTSSACHE, wo wir die Geschichte der Utopien beginnen lassen. Manche zhlen die Mythen vom verlorengegangenen Paradies hinzu dann sind Utopien ganz alt. Es ist nur noch ein einziger Gedankenschritt notwendig: der, da das verlorengegangene Paradies eines Tages wiederkehren wird, in welcher denkbaren Form auch immer.

In der Tradition des Alten Testaments sind es die Propheten, deren Bilder etwa, da in der endgltigen Zeit das Lamm neben dem Lwen weiden wird einen bedeutenden Einflu ausben: Ihre Verheiungen finden wir bei Jesus von Nazareth und in der Offenbarung des Johannes wieder. Die griechische Mythologie kennt ein Goldenes Zeitalter und den schlielichen Ruheplatz der Eleusischen Felder.

Sympathisch alltagsorientiert ist die (schon durch den weisen Herrscher zu verwirklichende) Utopie in Laotses Tao Te King: Kleine Nachbarschaften, in welchen die Speisen der Menschen s, ihr Wohnen freundlich, ihre Lebensweise friedlich ist. Auch die mythischen Utopien, die von der Umwlzung der Kosmologie ausgehen, grnden in der Negation des jeweils schlechten Bestehenden. So erstaunt es nicht, da das islamische Paradies der arabischen Wstenvlker so sehr vom berflu an Wasser gekennzeichnet ist.

Andere lassen die Utopiegeschichte bei den ersten nachweisbaren Staatsabhandlungen oder Staatsromanen beginnen. Oft genannt wird hier der griechische Philosoph Platon, der, auf seine Weise, bereits Realutopien/konkrete Utopien konstruiert. Zudem weist er die Besonnenheit auf, schon zwei verschiedene, seiner Ansicht nach ideale Gesellschaftsordnungen (eine beste und eine zweitbeste) zu entwerfen und miteinander zu vergleichen: Platons Politeia mit seiner starrer Dreiklassengesellschaft (Herrscher/Philosophen; Soldaten; Bauern/Handwerker), Gemeineigentum und Zuchtwahl war zwar einerseits autoritr geprgt, andererseits aber auf Freiwilligkeit beruhend. Platon hat auch (erfolglos) versucht, den sizilianischen Diktator Dionysios zu beeinflussen und seine Utopien fr die Gestaltung dessen Staates zu bernehmen.

Als erster utopischer Staatsroman des Altertums wird im allgemeinen der Sonnenstaat des Iambulos angenommen. Was nicht bedeutet, da es keine anderen gegeben haben kann auch wissen wir nicht, was alles in der Bibliothek von Alexandria, zum Beispiel, verbrannt worden ist. Nur kurz streife ich das Mittelalter, das zwar an utopischen Quellen reich, indes an utopischen Schriften im heutigen Sinne des Wortes jedoch arm ist. Erstere manifestieren sich vor allem in Mrchen (Schlaraffenland), in Mythen (Barbarossa, der aus dem Inneren des Berges Kyffhuser zurckkehren wird), in Vorstellungen unentdeckter Lnder und guter (imaginrer) Kaiser (das Goldland Eldorado und der Kaiser Johannes), in den Normen religiser Subkulturen (Albigenser) und gerechtigkeitsorientierter Sozialrebellen.

Im heutigen Sinne des Wortes entstand die Utopie im 16. Jahrhundert. Sie ist vor allen mit dem Namen von drei Autoren verbunden: Der britische Kanzler Thomas Morus, spter wegen seiner Gegnerschaft zum Knig Heinrich VIII hingerichtet und als katholischer Heiliger verehrt, schreibt seinen Staatsroman Utopia, der dem ganzen Genre den Namen geben sollte. Die Utopien kennen Gemeineigentum, umfassende alternative Bildungsprozesse, Dezentralisierung und Ablehnung des Luxus allerdings auch sexuelle Repression, Sklaverei, Todesstrafe und Stellvertreterkriege.

Der Dominikanermnch Tommaso Campanella, in Opposition zur herrschenden Linie seiner katholischen Kirche, daher den grten Teil seines Lebens im Gefngnis verbringend, setzt ebenfalls, mit Thomas Morus, auf einer Insel (wahrscheinlich Sri Lanka) seinen Sonnenstaat fest. Regiert von drei technokratischen Sonnenpriestern, die von der Staatsorganisation ber die Bildung bis zur Zuchtwahl (siehe Platon) alles regeln, sind auch hier Armut und Privateigentum abgeschafft. Schlielich bezieht sich Francis Bacon in seinem Fragment Neu Atlantis auf eine ausschlielich technologisch-innovative Zukunftsgesellschaft und ist vom Wunder der Flle knstlicher Herstellungen fasziniert. Bse Zungen behaupten, Bacon htte all das geistig vorweggenommen, wogegen unsere zeitgenssischen Brgerinitiativen gezwungen waren, den Kampf aufzunehmen.

Wiederum kennt das 17. und 18. Jahrhundert eine Flle utopischer uerungen, unter welchen keine einzelne Schrift oder schreibende Person hervorragt. Der Buchdruck ist, in den Hnden des aufkommenden Brgertums, weit verbreitet. Der allmhliche Verfall des Feudalsystems wird langsam offensichtlich. Die Richtungen der gemachten Reformvorschlge (und Revolutionsanstze) klaffen weit auseinander. Es entstehen Staatsromane, Frstenspiegel, Reisebeschreibungen zu imaginren guten Sdseevlkern, entworfene oder wirkliche Geheimgesellschaften, Verfassungsentwrfe, aufklrerische Reformkonzepte (oft genug in Romanform) und Alternativprojekte (The Shakers).

Die Amerikanische Revolution 1776 und die Franzsische Revolution 1789 zeigen, da Vernderungen mglich sind. Naheliegenderweise gibt es viele Autoren (und wenige Autorinnen), welchen die Vernderungen nicht weit genug gehen, zumal das Volk von Paris trotz aller Revolution arm bleibt. Mary Woolstonecraft und Olympe de Gouges fordern in weitreichenden Konzepten die Rechte der Frauen ein.1.1

Vor allen erreichten hierbei drei Utopisten historische Bedeutung, die bis heute anhlt: Der Graf Claude Henri de Saint Simon zeichnet eine technokratische Welt universeller Sozialpartnerschaft von Industriellen und Arbeitenden mit Hilfe von Wissenschaft und Kunst, die in produktivem Bndnis gegen die Herrschaft aller Unproduktiven (gemeint sind vor allem Grundherren, Klerus und hohe Beamte) die Welt dynamisch verndern sollen. Die Landgewinnung (der spte Goethe des Faust II war wahrscheinlich von Saint-Simon beeinflut), der Kanalbau (bei so gut wie allen Kanalprojekten des 19. Jahrhunderts waren Saint-Simonisten beteiligt), die Abschaffung der Ehe und des Erbrechts sind hierbei Momente, die mir in aller Krze der Erwhnung wert scheinen.

Charles Fouriers Gesamtwerk1.2 kreist immer wieder um einen zentralen Gedanken: die stufenweise Auflsung der unberschaubaren und herrschaftlichen Gesamtgesellschaft in eine Vielzahl von Grokommunen (zwischen 500 und 1800 Personen), die in einer Verbindung von Autarkie, solidarischem Austausch und Marktorientierung die Gesamtheit der Produktions- und Lebenszusammenhnge unter sich regeln sollen. Spezifisch fr Fourier sind dabei die Auflsung dauerhafter Arbeitsteilung: Jeder Mensch, der dies will, soll in die Lage gesetzt werden, alle 1 1/2 Stunden einen anderen Beruf auszuben, in kleinen Teams zu arbeiten und zu leben (die Fourier Serien nennt). Diese Serien betreiben geradezu in emphatischem Sinne multikulturelle Hege und Pflege und beinhalten normative Abweichungen (insbesondere sexueller, aber auch ideologischer und konsumtiver). Jahrzehntelang als Spinner angesehen, wozu einige Momente seines Werks, die in Science Fiction bergehen, auch einladen, wie z.B. die Verwandlung des Meeres in Zitronenlimonade und ebare Gallerte, ist Fouriers Einflu auf eine Reihe von Utopien des 20. Jahrhunderts gro.

Schlielich der britische Fabrikant Robert Owen, der sein Vermgen fr gesellschaftliche Experimente verwendet hat. Auch Owen ist ein Utopist der Dezentralisierung: Seine kleinen, auf die Aufhebung des Widerspruchs von Stadt und Land bedachten Einheiten haben bedeutende Einflsse auf das Entstehen der britischen (und der weltweiten) Genossenschaftsbewegung und der Gartenstdte ausgebt. Ebenfalls waren seine Ideen zu Erziehungs- und Bildungsprozessen weitertreibend.

Bis ins frhe 20. Jahrhundert setzt sich der utopisch-sozialistische Diskurs so gut wie bruchlos fort. Als allgemeiner Grundsatz kann dabei festgehalten werden, da, je mehr die Produktion von Utopien sich huft, desto strker wird die konomische Strukturkrise fhlbar. Bis zu jener Zuspitzung der Krise, die im Revolutionsjahr 1848 zum Ausdruck gekommen ist, wren beispielsweise die Reise nach Ikarien? des Franzosen Etienne Cabet zu erwhnen: eine zentralistische Utopie, die auf Effizienz, Arbeit, Gemeineigentum und strikte Hierarchie bezogen ist. Oder die des deutschen Schneidergesellen Wilhelm Weitling, etwa in den Schriften Die Menschheit, wie sie ist und wie sie sein sollte und Das Evangelium des armen Snders.1.3

Keineswegs hindert indes die Kritik Marx' und Engels' am utopischen Sozialismus welcher infolge der Entwicklung des wissenschaftlichen Sozialismus als entbehrlich angesehen wird an der weiteren Abfassung von Sozialutopien, was zur Jahrhundertwende einen Hhepunkt erreicht.1.4 Dazu kommen noch technisch-wissenschaftliche Utopien, Dystopien zu den Wirkungen zuknftiger Kriege die 1914 von der Wirklichkeit eingeholt wurden sowie die idealtypische Erprobung in alternativen Projekten insbesondere in den USA?. Bei Marx selbst finden sich, wenngleich ber das Gesamtwerk verstreut, mindestens 50 realutopische Anmerkungen; zusammenhangslos, nur wenig originell, aber fraglos von einem Bilderverbot weit entfernt.

Hochmilitarisiert, mit Wehrpflicht bis zum 45. Lebensjahr in einer allgemeinen Arbeiterarmee und einer hierarchischen Herrschaft der lteren (Gerontokratie) ab dem 45. Lebensjahr, mit vereinheitlichter Meinung und Bildung stellt sich die Gesellschaft in Edward Bellamys Rckblick aus dem Jahre 2000 dar. Wie mu eine Gesamtgesellschaft ausgesehen haben, in der selbst diese Utopie die Phantasien von Millionen Menschen anreizen konnte?

Ganz im Gegensatz dazu findet in William Morris' 20from%20Nowhere2020von%20Nirgendwo%ab' rel='nofollow'>http://www.societyofcontrol.com\library\htm_pdf\morris_newsfromnowhere_e.htm/ News from Nowhere eine dezentralisierte Rekologisierung statt in der Themse der Zukunftsgesellschaft knnen wieder ebare Lachse gefischt werden. Wie Fourier, zhlt auch Morris zu den heute aktuell gebliebenen Utopisten der Vergangenheit.

Um nicht im Eurozentrismus zu verharren ohnehin wissen wir viel zu wenig von den in den Lndern der 3. Welt abgefaten Utopien : Der republikanische, oft emigrierte, chinesische Autor K'ang Yu-Wei versucht in einer auerordentlich umfassenden, immer wieder in vernderten Auflagen erschienenen Schrift (Das Buch von der Groen Gemeinschaft) alle von ihm wahrgenommenen Weltprobleme zu lsen. Dabei gelingen ihm zwar eine Reihe von Einsichten; der Vereinheitlichungsdrang K'angs wirkt sich in vielen Momenten allerdings auerordentlich repressiv aus. Alle Staaten sind bei ihm nur als Planquadrate mit geographischen Lngen und Breiten zugelassen, und alle Rassenunterschiede werden mit struktureller Gewalt nivelliert.

Zentrale Themen des utopischen Diskurses um die Jahrhundertwende sind die Verkrzung des Normalarbeitstages, insbesondere im Wechselverhltnis von Produktion und Bedrfnissen, bzw. Luxusproduktion, und das Verhltnis von Landwirtschaft, Handwerk und Industrie. Hertzka, Kropotkin, Bebel und andere bertreffen sich geradezu in Prognosen und realutopischen Versicherungen, da der Normalarbeitstag auf 6, 4, 3, 2, 3/2 Stunden gesenkt werden knnte. Joseph Popper-Lynkeus ist mit seinen przisen Berechnungen geradezu gemigt, wenn er zum Ergebnis von 6 Stunden kommt.

Nun knnte eingewendet werden, der Groteil der Genannten htte Randstrmungen der Arbeiterbewegung angehrt. Dagegen spricht allerdings, da August Bebel, Vorsitzender der SPD, die damals als marxistisch galt und mithin sicherlich im Zentrum der Arbeiterbewegung, nicht nur eine eigene Monographie ber Charles Fourier publiziert hat, sondern auch sein Hauptwerk Die Frau und der Sozialismus, einen zeitgenssischen Bestseller, mit einer hundertseitigen Realutopie beschlo. Neben einer Reihe von berraschungsfreien Punkten, wie Gemeineigentum, zeichnet sich die Bebelsche Utopie durch einen verhltnismig avancierten Umgang mit kologischen Fragen aus. So sollte Bebels Sozialismus auf Sonnenenergie aufgebaut sein.1.5

Der erste Weltkrieg hat utopisches Denken schwer beeintrchtigt. Nicht, da es in den nachfolgenden Jahrzehnten keine Rolle spielte doch wird die Form durch die soziokonomische Lage der Welt beeinflut. Als ob es darum ginge, dem Zeitgeist der Zwischenkriegszeit ein Symbol zu geben, befat sich Srgels Utopie Atlantropa ausschlielich mit der Verbesserung aller Lebensumstnde (wenigstens der vorgeblichen) durch die Errichtung eines Riesendamms in der Strae von Gibraltar, der im Laufe der Zeit das gesamte Mittelmeer auszutrocknen imstande wre und von diesem nur noch einige (wenngleich tiefe) Seen brig liee.

Es ist die hohe Zeit der Dysutopien, in der auch Aldous Huxleys sprichwrtliche Schne neue Welt entsteht. Nehmen wir als einen von vielen den fraglos bedeutenden utopischen Autor Herbert George Wells: Fast vierzig Jahre lang steht im Vordergrund Dutzender Romane, theoretischer Schriften und Aufstze die Vorstellung einer weltrettenden Geheimorganisation kahlgeschorener, kaltgeduschter, sexuell asketischer, grogewachsener Spitzenintellektueller, mgen sie gerade Neue Samurai oder die Weltorganisation der Flugzeugtechniker heien. So viele Entbehrungen ziehen sicherlich Aggressionen nach sich, die fr eine hierarchische Machtausbung auf Weltebene sorgen. Der Staat darf dann ruhig absterben: im Jahre 2300, ungefhr.

Nach dem zweiten Weltkrieg fhrt der dann eintretende Aufschwung zu einer widersprchlichen Situation. In Ost und West sehen alle die Dinge zu ihrem Besten sich entwickeln: Sind es im Osten nur noch Engpsse, die die entwickelte sozialistische Gesellschaft vorerst verhindern, so mu im Westen nur noch ein Kampf gegen die Armut gewonnen werden.

Zum einen ergibt sich daraus die Ansicht, da die Utopie, jedenfalls als Staatsroman zwecks Herstellung besserer Gesellschaft, am Ende sei und in Science Fiction sich auflsen werde (z.B. bei Martin Schwonke oder Judith Shklar). Zum anderen gibt es jede Menge utopischer Konstruktionen, die wir befinden uns am Anfang des Elektronikzeitalters eine Zukunftsgesellschaft nach den Grundstzen des mehr vom selben, schneller, hher, technologischer vorsehen.

Der CIBA-Kongre 1962, die Modelle fr eine neue Welt, die Szenarios von Hermann Kahn und Anthony Wiener deuten die Richtung an; metaphysisch berhht auch von Teilhard de Chardin, bei dem, als Punkt Omega, Gott und die elektronische Maschinerie in eins zusammenflieen. Als Auslufer schlielich noch Arbeiten, wie Computopia, des Japaners Masuda: Alles kann mit allem elektronisch kommunizieren; Prozerechnergesteuerte Automaten spucken so viele Gter aus, da es nur noch berflu gibt. Selbstredend erzeugt Atom, mit oder ohne faustischen Pakt (A. Weinberg), soviel Strom, da die Energieprobleme auf alle Zeiten gelst sind, wie beim reformsozialistischen Radovan Richta. Nach Skinners Futurum II, wenn auch auf der Kibbuz-Basis entworfen, fungiert sie als Illustration der Verhaltenstechnologien desselben Autors.

In den Jahren nach 1966 beginnt eine erneute langfristige strukturelle Wirtschaftskrise, die 1973 (lkrise) in das Bewutsein der ffentlichkeit tritt und die immer noch nicht ausgestanden ist. In dieser zweiten langen Depression so wurde die Wirtschaftskrise 1873-1896 genannt kommt es zu einer zweiten Resurrektion der Utopie.

Die Auferstehung (der Toten)

Da ich den groen Teil meiner Ausfhrungen in diesem Buch auf die letzten Jahrzehnte beziehen will, werde ich mich an dieser Stelle so kurz wie mglich fassen:

1. Im groen und ganzen ist die kologische Weltproblematik, bzw. sind gesellschaftliche Lsungsvorschlge derselben, der bestimmende Gegenstandsbereich der meisten zeitgenssischen Utopien. Dies gilt insbesondere, aber nicht nur, fr den nahezu namensgebenden Roman Ernest Callenbachs kotopia.1.6 Multikulturell, sanft technologisch, dezentralistisch, frauenfreundlich, hierarchiearm (aber nicht hierarchielos): so idealtypisch dieser Roman (neben einer eher berflssigen aggressiven Szene) ist, so sehr machen die verschiedensten vergleichbaren Utopien Varianten dieser Normen aus.

2. Daran ndert auch nichts, da unterschiedliche Interessen (zumal von einem weltweiten Blickpunkte aus) auch unterschiedliche zeitgenssische Utopien nach sich ziehen. Naheliegenderweise sind die Utopien der Dritten Welt industriegeprgter als die der Ersten.1.7 Ebenso wird deutlich, da das Mischungsverhltnis der intellektuellen Studentenbewegung zwischen elektronischen und kologischen Momenten in den Jahren nach 1967 von Land zu Land variiert. In den Niederlanden und in den USA traten die kologischen Einflsse frher und nachhaltiger auf, in Frankreich, besonders spt.

3. Der markanteste Unterschied zu frheren Zeiten verstrkter Utopiebildung besteht darin, da nahezu alle mir bekannten utopischen Schriften im Sinne Ernst Blochs Freiheitsutopien sind: dezentral, hierarchiearm und wenig Wert legend auf effiziente Organisationsformen. Noch die bergangsutopien von dem Siegeszug der elektronischen Maschinerie zum kologischen Paradigma betonen die dezentralistischen Aspekte ihrer Visionen. Stellvertretend mgen hierfr die Zukunftsforscher Maguroh Maruyama und Alvin Toffler stehen: Maruyama fr die Vielwertigkeit aller Erscheinungen, Toffler fr den hoffnungsvollen bergang von der Brokratie zur Adhocratie1.8. Erst recht gilt dies ausnahmslos fr alle kologistisch ausgerichteten Utopien.

Zu dieser Tendenz hat es in den siebziger Jahren markante Ausnahmen gegeben: Ausgehend von der wahrnehmbaren Gefhrdung der Menschheit durch die kologische Globalkrise haben drei Entwrfe auerordentlich unterschiedlicher weltanschaulicher Herkunft eine ko-Diktatur vorgeschlagen. Es handelt sich dabei um den westdeutschen Konservativen Herbert Gruhl, den ostdeutschen Dissidenten Wolfgang Harich sowie um den amerikanischen Liberalen Robert Heilbronner (den genannten wren noch einige vergleichbare aus dem Umkreis des franzsischen Rechtsextremismus hinzuzufgen). Ein bergewicht repressiver Ordnungsutopien ist allerdings dennoch nicht festzustellen.

4. Eine berproportional groe Zahl von Utopien (oder utopiehnlicher Entwrfe zu dieser Differenzierung an anderer Stelle) bezieht sich auf Modelle knftiger Gesellschaften, wie wir sie schon bei Fourier gefunden haben: eine Vielzahl kleiner autonomer Gemeinschaften mit jeweils groer normativer Vielfalt. Dies tun sie sehr oft, ohne sich ausdrcklich auf Fourier zu beziehen.1.9 Die britischen kologisten Edward Goldsmith und Richard Allen regen in ihrem Planspiel zum berleben an, in einer Art Hundertjahresplan Grobritannien in Kommunen von 500 Personen zu zergliedern, um die Umweltverheerungen zu beenden.

Die Ideen des Schweizer Autors mit dem Pseudonym P.M. zirkulieren sowohl in seinen Romanen (Weltgeist Superstar) als auch in seiner utopischen Konzeption (bolo'bolo) und in dem folgenden Band (Olten, oder: Ideen fr eine Welt ohne Schweiz) um eine gegliederte Weltfderation aus Gemeinschaften (P.M. nennt sie bolo's) aus 500 Personen. Seine zentrale Motivation ist die Begrndung von Gemeinschaften auf Selbstversorgungsbasis mit den Gtern des tglichen Bedarfs. Rudolf Bahros Kommune wagen wiederum basiert auf der Neubegrndung der Klosterkonomie.

5. Schlielich ist zu prognostizieren, da die Resurrektion der Utopie noch einige Zeit anhalten wird. Zum einen macht die wirtschaftliche Situation (den ehemaligen Ostblock inbegriffen) nicht den Eindruck, sich in absehbarer Zeit wesentlich zu verbessern. Zweitens sind zwischenzeitlich eine Reihe utopieerzeugender Verfahren entwickelt worden, deren bekannteste die Zukunftswerkstatt von Robert Jungk ist (sie wird an anderer Stelle skizziert werden). Dies ermglicht einer Vielzahl von Menschen, ihre Utopien (bzw. die ihrer Klassenstrmungen, ihrer Teilkulturen und Subkulturen) zu formulieren, whrend dies in frheren Zeiten nur relativ kleinen Personengruppen mglich war.

Allerdings ist es durchaus mglich, da innerhalb des nchsten Jahrzehnts ein weiterer wirtschaftlicher Aufschwung eintritt und dann der angedeutete utopische Impuls nachlt bzw. sich auf hnlich kleine subkulturelle Gruppen sich beschrnkt, wie dies in den Jahrzehnten des Wirtschaftswunder der Fall war.

In diesem Fall wrde ich die vorliegende Prognose aufrechterhalten, da der nchste zyklische Aufschwung auf der gro߭technologischen Anwendung kologischer Erkenntnisse, durchgefhrt etwa von multinationalen Konzernen, basiere.

Vorherschaubar wre dann, da die Gruppe kologistisch motivierter Menschen sich teile: in eine dann voraussichtliche Mehrheit (sozialdemokratische Vertreter der kologischen Modernisierung, grne Realpolitiker, Theoretiker, wie Joseph Huber), die mit dieser Entwicklung die kologistischen Utopien etwa der Siebzigerjahre als erfllt anshen und in eine dann voraussichtliche Minderheit, der die entsprechenden Reformen nicht weit genug gingen. Freilich unterstellt, kologische Globalkrise und unkontrollierbare Biotechnik ermglichten der Menschheit berhaupt ein berleben, das den Namen verdient wrden jene zu frh frohlocken, die dann, wieder einmal, das endgltige Ende der Utopie gekommen shen.

berraschungsfrei wre vorherzusagen, da die utopische Dimension sptestens dann wieder verstrkt da wre, wenn die nchste Strukturkrise eintritt.


Anmerkungen

  • 1.1 Die Tochter von Mary Woolstonecraft, Mary Shelley, wird zu den ersten dysutopischen Science-Fiction-Erzhlerinnen gezhlt: Ihr Frankenstein, entstanden um 1820, wird heute noch verfilmt; ihr Letzter Mensch nimmt das katastrophenbedingte Aussterben der Menschheit im Jahr 2100 vorweg.
  • 1.2 Umfat 20 Bnde, leider immer noch nicht ins Deutsche bersetzt.
  • 1.3 Auch Weitling ist auf seine Weise ein faszinierender, auch heute noch lesenswerter Autor, dessen Ideen sich allerdings auerordentlich widersprchlich zur Darstellung bringen: Einerseits beginnt bei ihm die Utopiearbeit aus dem Geiste einer alternativen christlichen Tradition, welcher heute bis zur Theologie der Befreiung oder zu Franz Alts Bergpredigt reichen sollte. Andererseits sind auch seine Lsungsvorschlge keineswegs von technokratischen Ideen frei: Experten, wie rzte und Techniker, sollen die knftige Gesellschaft leiten.
  • 1.4 Insbesondere in der Schrift von Friedrich Engels Die Entwicklung des Sozialismus, von der Utopie zur Wissenschaft.
  • 1.5 Nur der Ergnzung halber sei festgestellt, da der utopische Bezug auf alternative Energieformen keine absolute Innovation August Bebels ist. Bereits um 1830 hat der utopische Sozialist Etzler ausfhrlich und im Detail ber die mgliche knftige Funktion von Sonnen-, Wind- und Gezeitenenergie geschrieben.
  • 1.6 Dies gilt auch fr den Nachfolgeband Der Weg zu kotopia, der das Zustandekommen jener utopischen Gesellschaft, die in erstgenanntem Roman bereits als Resultat erschient, zu skizzieren beansprucht.
  • 1.7 Dies gilt fr Herrera und Scolniks argentinisches, wenngleich weltweit intendiertes, Barniloche-Modell, in dem die Atomenergie frhliche Urstnde feiert; auch noch fr das von Skinner inspirierte, jedoch gesamtgesellschaftlich bewutere Futurum III von Ruben Ardila.
  • 1.8 Ins Deutsche bersetzt: "Hierarchische Teams kommen, hierarchische Teams gehen."
  • 1.9 Vor kurzem forderte auch der anarchistische Theoretiker Murray Boockchin am Ende seine Buches kologie der Freiheit auf, Fourier zu studieren.

Rolf Schwendter, geb. 1939, lebt in Wien und Kassel und ist Professor fr Devianzforschung an der Gesamthochschule Kassel. Wichtigste Verffentlichungen: Theorie der Subkultur (1971, Neuauflage 1993); Zur Geschichte der Zukunft. Zukunftsforschung und Sozialismus (Bd.1:1982; Bd.2:1984)


1. Auflage Juli 1994 - Gestaltung: seb, Hamburg, Edition ID-Archiv, Berlin - Amsterdam

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