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 VORWORT
 EINFÜHRUNG
 DIE WELT BRAUCHT EINEN RUCK!
 DIE AKKUMULATION VON ARBEIT UND DIE ABWERTUNG VON FRAUEN
 DER GROSSE CALIBAN
 DIE GROSSE HEXENJAGD IN EUROPA
 KOLONISIERUNG UND CHRISTIANISIERUNG

''Silvia Federici ist Professorin und Aktivistin in einer radikal feministischen und marxistischen Tradition. Sie lehrte mehrere Jahre in Nigeria und ist Mitbegründerin des Komitees für akademische Freiheit in Afrika.
Federici argumentiert in ihrer Arbeit 'Caliban And The Witch' (2004) gegen die Marx'sche Behauptung, dass die sogenannte ursprüngliche Akkumulation (primitive accumulation) eine notwendige Vorstufe des Kapitalismus sei. Stattdessen postuliert sie, dass Akkumulation ein wesentliches Merkmal des Kapitalismus selbst ist, da der Kapitalismus, um sich fortzuschreiben, eine stetige Infusion von enteignetem Kapital benötigt.
Federici beschreibt den Prozess der ursprünglichen Akkumulation
1) in Anlehnung an Marx als Enteignung von Gemeindeland und -gütern (Allmenden, Commons) und historische Voraussetzung für die Entstehung des Proletariats und einer kapitalistischen, auf Lohnarbeit basierenden Wirtschaft
2) mit der Verdrängung der Frauen aus ihren gesellschaftlichen Funktionen und ihrer Reduzierung auf reproduktive Tätigkeiten.
Statt den Kapitalismus als Befreiung vom Feudalismus zu sehen, interpretiert Federici seinen Aufstieg als reaktionäre Gegenbewegung zu weit verbreiteten Formen von Kommunalismus.
Federici sieht die Institutionalisierung von Vergewaltigung und Prostitution, die Herätiker- und Hexenjagd, die daraus resultierenden Gerichts- und Lynchprozesse, Folter und Verbrennungen als systematische Unterdrückung der Frauen. Sie beschreibt die Disziplinierung der Frauen und die Degradierung ihrer gesellschaftlichen Rolle hin zur ausschließlichen Reproduktionsarbeit, sowie die Ausbeutung und kostenlose Aneignung dieser Arbeit – als Grundlage für die Erzeugung und Versorgung eines (ebenfalls ausgebeuteten) Industrieproletariats. Diese Vorgänge werden auch unter Einbeziehung kolonialer Ausbeutung und Enteignung analysiert. Federicis Arbeit bietet somit einen Rahmen für das Verständnis von IWF (Internationaler Währungsfonds), Weltbank und ähnlichen Institutionen, die immer wieder erneute Zyklen ursprünglicher Akkumulation in Gang setzen, durch die alles bisherige Gemeingut (von Wasser bis zu Pflanzensamen, von Erziehung bis zum genetischen Code) privatisiert und enteignet wird.

Caliban ist eine fiktive Figur aus William Shakespeares Theaterstück Der Sturm. Er ist Bewohner einer Insel, auf die es den Herzog und Zauberer Prospero verschlägt, der ihn zum Sklaven macht. Caliban ist ungebildete, triebgesteuerte Energie, angeblich unfähig zu freier Selbstbestimmung und daher anscheinend wesensmäßig dazu ausersehen, beherrscht und benutzt zu werden. Caliban (Anagramm von Canibal) verkörpert das „natürliche wilde Wesen“, das vom kulturell gebildeteren Prospero zur Erhaltung einer Welt- und Rangordnung unterworfen wird.
Caliban is forced into servitude on an island ruled by Prospero. While he is referred to as a 'calvaluna' (mooncalf), a freckled monster, he is the only human inhabitant of the island that is otherwise "not honour'd with a human shape“. In some traditions he is depicted as a wild man, or a deformed man, or a beast man, or sometimes a mix of fish and man, stemming from the confusion of two of the characters about what he is, found lying on a deserted island.

==== -^- VORWORT


Federici begann ihre Recherche über die Rollen von Frauen am Übergang von Feudalismus zu Kapitalismus schon Mitte der 1970er Jahre zusammen mit der italienischen Feministin Leopoldina Fortunati mit dem Buch Il grande Calibano

In ihren Augen konnten die Wurzeln sozialer und wirtschaftlicher Ausbeutung von Frauen durch die damals tonangebenden US-amerikanischen Feministinnen nicht hinreichend erklärt werden:

  • Die radikalen Feministinnen sahen Diskriminierung und patriarchale Herrschaft jenseits historischer, kultureller, klassenspezifischer und produktionsspezifischer Strukturen.
  • Der eher sozialistische Flügel war der Auffassung, dass die Geschichte von Frauen nicht von einer spezifischen Ausbeutungsgeschichte getrennt werden könne. Sie sahen Frauen als Arbeiterinnen in einer kapitalistischen Gesellschaft, und sie konstatierten, dass das Machtgefälle zwischen den Geschlechtern auf einem Ausschluss der Frauen aus dem kapitalistischen Produktionsprozess resultiere.

Federici kritisierte, dass keine der beiden Gruppierungen die Arbeit im Bereich gesellschaftlicher Reproduktion, d.h. alles, was im Bereich Fortpflanzung, Kinderbetreuung und -erziehung, Pflege und Fürsorge, Hausarbeit und Ernährung als Arbeit anfällt, als einen eigenen Bereich der Wertschöpfung und Ausbeutung erkannte. Deshalb bedienten sich Federici und Fortunati vermehrt kulturgeschichtlicher Methoden, um die hartnäckige Verankerung von Sexismus im Kosmos kapitalistischer Beziehungen zu untersuchen.

Dies geschah vor allem unter Zuhilfenahme der Literatur von

  • Mariarosa dalla Costa : Women and the subversion of the community (1971)
  • Selma James : Sex, Race and Class (1974)

Dort wird erklärt, warum die Marginalisierung der Frau für den Kapitalismus zentral ist. Denn Frauen arbeiten in der Lohnarbeit und sie arbeiten unbezahlt daran, Arbeitskräfte zu erzeugen, sie zu erziehen, sie zu verpflegen, sowie deren (und ihre eigene) Arbeitskraft zu erhalten. Diese unbezahlte Hausarbeit ist die Basis aller Lohn-Sklaverei. Umgekehrt produziert und erfordert die Lohnarbeit und ihre Struktur zur Aufrechterhaltung der lebensnotwendigen Ressourcen unbezahlte Reproduktionsarbeit (s.a. Ablehnung von Selbsthilfe der Arbeiter u.a. durch Lasalle).

Daraus folgt:

  • Reproduktionsarbeit ist nichts Essentielles. Sie sollte nicht als eine Art natürliche Ressource mystifiziert oder als persönliche und private Dienstleistung verstanden werden.
  • Reproduktionsarbeit ist vielmehr eine Ausprägung eines ganz speziellen sozialen Systems, das verändert werden kann. Zurzeit ist es immer noch ein Ort der Ausbeutung zur Anhäufung von Kapital.

Federici und Fortunati fanden diesen Ansatz nützlich, um den Übergang (Transition) zum und die Verankerung dieser Modelle im Kapitalismus zu untersuchen. Er liefert ein theoretisches Verständnis zum Entstehungsprozess von Hausarbeit und ihrer strukturellen Komponenten:

  • Trennung von Produktions- und Reproduktionsarbeit
  • Lohn als Kontrolle auch der unbezahlten Arbeit
  • die Abwertung der sozialen Stellung der Frauen mit Beginn des Kapitalismus
  • eine Trennung von „weiblichen“ und „männlichen“ (Arbeiten, Bereichen ...)
  • Hierarchien zwischen den Geschlechtern führen immer zu dominantem Verhalten, denn Herrschaft versucht immer, diejenigen voneinander zu trennen, die es zu beherrschen gilt.

In ihrer Analyse üben Federici und Fortunati grundlegende Kritik an Marx und Foucault:

Die Idee der Lohnarbeit und des 'freien' Arbeiters bei Marx übergeht den Anteil der darin enthaltenen Reproduktionsarbeit.

Foucaults Theorie des Körpers und seine Analyse von Macht- und Disziplinartechniken lassen männliche und weibliche Geschichte als undifferenziertes Ganzes erscheinen. An der 'Disziplinierung' von Frauen war Foucault offenbar so uninteressiert, dass er selbst einen der monströsesten Angriffe auf den weiblichen Körper, die Hexenjagd, in seinem Buch 'Überwachen und Strafen' unerwähnt lässt.

Die zentrale These von Il grande Calibano:

Für das Europa des 16. und 17. Jahrhunderts müssen wir verstehen lernen, wie Kapitalismus den Prozess sozialer Reproduktion und vor allem die Reproduktion von Arbeitskraft durchgesetzt und umorganisiert hat: In der Hausarbeit, im Leben und Arbeiten innerhalb von Familienstrukturen, in der Erziehung und Betreuung der Kinder, in der Sexualität und in Mann-Frau-Beziehungen, im Verhältnis von Produktion und Reproduktion.


ERFAHRUNGEN IN NIGERIA -> S. 9

Kurz nach Veröffentlichung des Buches 'Il grande Calibano' nahm Federici eine Lehrstelle in Nigeria an. Die im Buch beschriebenen Prozesse konnte Federici nun auf Veränderungen in Nigeria beziehen, denn dort hatten zwischen 1984 und 1986 gesellschaftliche und wirtschaftliche Umstrukturierungsprozesse begonnen, die maßgeblich den Auflagen des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank geschuldet waren. Nigeria sollte für internationale Märkte wettbewerbsfähig gemacht werden.

In Nigeria gab es aktuelle Beispiele für einen neuen Zyklus ursprünglicher Akkumulation: Soziale Reproduktion wurde rationalisiert, gewachsene Strukturen, gemeinsames Land und Beziehungen in lokalen Communities wurden zerstört, um intensivere Ausbeutung von Arbeit durchzusetzen. Geburtenkontrolle wurde eingeführt, um (in diesem Falle) das Bevölkerungswachstum einzuschränken; ein "Krieg gegen Disziplinlosigkeit" und eine Kampagne gegen weibliche Eitelkeit und Verschwendungssucht wurden geführt.

In Nigeria verstand Federici, wie sich Kämpfe gegen strukturelle Maßnahmen in der langen Geschichte der Privatisierungen und der Enteignung (Enclosures) – nicht nur von Allmenden, sondern auch von sozialen Beziehungen – lokalisieren lassen.

Der dortige Widerstand gegen die neoliberal kapitalistischen Regulierungen machten Federici Hoffnung, weil sie sah, dass Kapitalismus beileibe nicht alles normieren und unterwerfen kann. Federici sieht die zeitgenössischen Probleme Nigerias durch das Prisma Europas im 16. Jhd., um dann, zurück in den USA und an der Universität lehrend, zu erkennen, dass auch dort, im Universitätsbetrieb, eine neue Art der Enclosure stattfindet: Nämlich die Privatisierung von Wissen im allgemeinen sowie im speziellen ein Verlust von Wissen über die Geschichte der Allmenden (Commons).

Deshalb rekonstruiert Federici in 'Caliban and the Witch' die anti-feudalistischen Kämpfe des Mittelalters, um die lange Geschichte gesellschaftlichen Widerstands sichtbar zu machen, der auch heute notwendig ist, um Alternativen zum Kapitalismus zu entwickeln.


==== -^- EINFÜHRUNG


Um den Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus zu beschreiben, verfolgt Federici in 'Caliban and the Witch' zwei Ansätze:

  • Einerseits verfolgt sie einen feministischen Ansatz, ohne allerdings eine reine 'Frauengeschichtsschreibung' zu intendieren, die von ihrem männlichen Gegenüber unabhängig wäre. Der Titel 'Caliban and the Witch', der von Shakespeares 'The Tempest' (Der Sturm) inspiriert wurde, sieht in Caliban nicht nur den anti-kolonialen Helden (wie er heute noch in der karibischen Literatur auftaucht), sondern ein Symbol des globalen Proletariats, oder genauer, den proletarischen Körper als einen Ort und Instrument des Widerstands gegen die kapitalistische Logik. Vor allem wird aber die Hexe, die in 'Der Sturm' eine Hintergrundfigur war, in den Vordergrund geholt. Sie ist die Häretikerin, die Heilerin, das ungehorsame Weib, die Frau, die es wagt alleine zu leben, die Obeah-Frau, die das Essen des Sklavenhalters vergiftet und die Sklaven zur Revolte aufruft.
  • Andererseits geht es darum, Phänomene einer globalen kapitalistischen Expansion zu beschreiben, die bereits in der Übergangsphase zum Frühkapitalismus sichtbar waren. Es geht hier vor allem um die Enclosures: Enteignungs- und Privatisierungsmechanismen, die einst und jetzt wieder in drastischer Weise Millionen von Landarbeitern von ihrem Land vertrieben haben, und die zu Migration, Wanderarbeit, Massenarmut und Kriminalisierung führten und führen.

Frühkapitalismus: Geld und das Privateigentum von Produktionsmitteln haben gegenüber dem Besitz an Grund und Boden an Bedeutung gewonnen. Es entstehen Bankwesen, Kredit- und Versicherungsunternehmen, der Fernhandel gewinnt zunehmend an Bedeutung für die europäischen Seehäfen. Internationale Märkte entstehen, und es entwickelt sich eine am Markt orientierte Wirtschaftsstruktur.

Aber wie kamen Kapitalisten überhaupt dazu Kapitalisten zu sein, wie haben sie dieses Potenzial an Ressourcen und Arbeitskraft erworben, das ihnen so viel Macht über Menschen gab? Der Schlüsselbegriff dazu heißt URSPRÜNGLICHE AKKUMULATION (engl: primitive accumulation / ich verwende des weiteren auch im deutschen den term 'Primitive Akkumulation'). Nach Marx ist die ursprüngliche Akkumulation nichts anderes als der historische Scheidungsprozess von Produzent und Produktionsmittel, eine mit politischen und ökonomischen Mitteln durchgesetzte gewaltsame Enteignung der Arbeitsmittel von den eigentlichen Produzenten.

  • Es gilt also zu untersuchen, wie Gewalt, Raub und Unterdrückung der Massen deren Ausbeutung erleichtern und dass die Resultate der Ausplünderung ihrerseits wieder die Unterdrückung erleichtern. Wie es gelang (weltweit) Arbeit, Land und Ressourcen zusammenzuraffen, um dann allmählich genügend Kapital zu haben, auf dessen Basis der kapitalistische Produktions- und Ausbeutungsprozess in Gang gesetzt wird.

David Harvey, Maria Mies und Claudia von Werlhof : Aktuelle Formen ursprünglicher Akkumulation

David Harvey : The emphasis upon intellectual property rights in the WTO negotiations (TRIPS agreement) points to ways in which the patenting and licensing of genetic materials, seed plasmas, and all manner of other products, can now be used against whole populations.
Maria Mies und Claudia von Werlhof: Ursprüngliche Akkumulation weltweit, z.B. Enteignungen kleiner Produzenten, Vertreibungen der Bauern von ihrem Land, Patentierungen von Produktionsverfahren, die Trennung der Frau von ihren Körper durch Reproduktionstechnologien, die Privatisierung öffentlichen Eigentums sowie die fortschreitende Prekarisierung von Arbeitsbedingungen („Hausfrauisierung der Arbeit“).

Federici macht ihren Ansatz klar: Sie sieht ursprüngliche Akkumulation ähnlich wie Mies, Werlhof und Harvey

  • nicht als etwas 'Ursprüngliches' (Marx)
  • sondern als ein dem Kapitalismus innewohnendes und zyklisch auftretendes Prinzip.

Zudem will sie, anders als Marx,

  • nicht die Perspektive eines männlichen lohnabhängigen Proletariats und seiner Teilhabe an der Warenproduktion einnehmen.
  • Es geht ihr vielmehr darum zu analysieren, wie primitive Akkumulation die soziale Rolle von Frauen verändert und sie darauf reduziert, Arbeitskraft zu produzieren und zu reproduzieren (d.h. Arbeiter gebären, aufziehen, verpflegen und versorgen).

Federicis Untersuchung ist auch wichtig in Hinblick auf eine allgemeine Verschiebung des Arbeitsbegriffs im frühen 21. Jahrhundert, bei dem das klassische Motiv der Entfremdung nicht mehr greift, und stattdessen Identifizierung mit Arbeitsprozessen, Projektarbeit, Formen der Selbstausbeutung (für die künstlerische Arbeit mit einem verstärkten Fokus auf Selbstverwirklichung) und Flexibilität beispielhaft sind.

Federici untersucht:

  1. Eine neue Trennung der Geschlechter und die Unterwerfung der Frau, ihrer produktiven und reproduktiven Arbeit, unter die Notwendigkeit der Reproduktion von Arbeitskräften.
  2. Die Erzeugung einer neuen patriarchalen Gesellschaftsordnung, die darauf beruht, Frauen von Lohnarbeit auszuschließen und sie den Männern unterzuordnen.
  3. Die Mechanisierung des proletarischen Körpers und, im Hinblick auf Frauen, die Mechanisierung ihrer Reproduktionsarbeit (Erzeugung und Wartung von Arbeitskraft).

Wesentlich für diese drei Punkte sieht Federici die Hexenverfolgungen des 16. und 17. Jahrhunderts. Sie behauptet, dass diese Menschenjagd für den Aufstieg des Kapitalismus genau so wichtig war wie die Kolonisierung, die Sklaverei und die Vertreibung der europäischen Bauern von ihrem Land. Anzumerken ist auch, dass die Kategorie "Frau" keine vergessene Ausbeutungsgeschichte darstellt, sondern eine ganz spezielle Form der Ausbeutung. Insofern müssen wir eine ganz spezielle Perspektive einnehmen, unter der wir die Geschichte kapitalistischer Beziehungen untersuchen müssen.

Es folgt eine Leseliste ähnlicher Ansätze aus den 1980er Jahren -> S. 13.

Federicis Buch will zeigen, dass der Körper für die Frau das gewesen ist, was die Fabrik für den (männlichen) Lohnarbeiter war: der wichtigste Ort für Ausbeutung und Widerstand. Die Zentralität des Körpers in all seinen Aspekten (Mutterschaft, Geburt und Sexualität) ist in der feministischen Theorie also keineswegs fehl am Platze. Notwendigerweise ist der Körper daher kein privater, sondern ein politischer Ort, ein Ort der Identität und der Enclosure.

  • Hier ist eine Abgrenzung zu Foucaults Theorien des Körpers notwendig, denn zum einen haben Feministinnen schon länger als Foucault am Thema gearbeitet und deswegen begreifen sie den Körper nicht (wie Foucault) als einen von Diskursen konstituierten Ort, sondern als einen ganz konkreten Körper mit spezifischen Ausdrucks- und Produktionsmöglichkeiten, der Machtverhältnissen auch ganz konkret ausgesetzt ist.
  • Indem Foucault den Hexenverfolgungen keinerlei Beachtung schenkte, hat er es auch versäumt einige seiner Theorien kritisch zu überprüfen:
    • z.B. die Komplizenschaft, die Täter und Opfer angeblich zusammen konstituieren.
    • Auch bei der Lokalisierung des Entstehens von Biomacht im 18. Jhd. vergisst Foucault den Aspekt der primitiven Akkumulation, den bereits vorher sind Ausbeutung und Reproduktion von Arbeitskraft mit einer geplanten Bevölkerungspolitik zusammengefallen.

Zentral in Federicis Arbeit ist also die primitive Akkumulation als universaler Prozess in jeder Phase kapitalistischer Entwicklungsgeschichte. Kapitalismus als ein sozio-ökonomisches System ist in ihren Augen notwendigerweise auch Rassismus und Sexismus verpflichtet, weil er die inhärenten Widersprüche seiner Ausbeutungsprozesse (Freiheitsversprechen vs. Unterdrückung) rechtfertigen muss. Kapitalismus hat mit Befreiung nichts zu tun, konnte er sich doch nur so lange behaupten, weil er auf die Ungleichheiten der Arbeiterkörper weltweit aufbauen konnte.


==== -^- DIE WELT BRAUCHT EINEN RUCK! - > S 21


Um die Geschichte des Kapitalismus zu verstehen, muss man die Kämpfe verstehen lernen, die ein mittelalterliches 'Proletariat' (kleine Bauern, Handwerker, Tagelöhner) gegen den Feudalismus führte. Kapitalismus ist als eine Antwort, eine Art Gegenrevolution der Bischöfe, Päpste, Patrizier und Kaufleute gegen einen Jahrhunderte langen Kampf zu verstehen, die alle Erfolge und Möglichkeiten dieses Kampfes erst einmal zunichte machte.


LEIBEIGENSCHAFT ALS KLASSENBEZIEHUNG -> S. 22

Leibeigenschaft entstand in Europa zwischen dem 5. und 7. Jhd. als Antwort auf den Zerfall der Sklaverei, auf die sich die römische Wirtschaft gegründet hatte. Um Revolten und Desertionen im untergehenden Empire zu verhindern, mussten die Landbesitzer den vormaligen Sklaven die Bewirtschaftung eines Stück Landes und das Anrecht auf eine eigene Familie zugestehen. Zur selben Zeit begannen die Landbesitzer aber auch die freien Bauern zu unterjochen, denn die waren teilweise durch die Sklaverei in den Ruin getrieben worden oder sie suchten bei den mächtigen Landesfürsten Schutz vor den Verwüstungen, welche die Völkerwanderungen mit sich brachten. Bis ins 11. Jhd. hinein waren fast alle Bauern Leibeigene geworden. Die Leibeigenen waren mit Leib und Leben, mit dem Land, das sie bestellten, den Produkten, die sie erzeugten, mit Haus Hof, Hab und Gut dem Lehnsherrn zugehörig und gerichtlich unterstellt, d.h. für die Leibeigenen war die Willkür des Lehnsherrn Gesetz.

Wichtig ist zu bemerken, dass die Leibeigenen für ihre eigene Reproduktion (Überleben, Nachkommenschaft) selbst verantwortlich waren, weil ihnen ein Stück Land zur Verfügung gestellt wurde, das sie in eigener Regie bewirtschaften konnten. Das sicherte auch in Zeiten von Konflikten mit dem Lehnsherrn ihr Überleben. Nach dem Abtreten einer Abgabe konnten sie das Land auch an ihre Kinder "vererben". Das bewirkte eine relative Autonomie der Leibeigenen und mit der Zeit sahen sie das bewirtschaftete Land als ihr eigenes an. Sie führten die Verhandlungen der zu stellenden Abgaben und Arbeitsleistungen oftmals mit einem gefestigten Selbstvertrauen.

Neben der Nutzung des bewirtschafteten Stück Landes war die Nutzung der Commons (Allmenden) für das Wirtschaften und Wohlergehen der Leibeigenen immens wichtig. Allmenden waren Wiesen, Wälder, Seen und wilde Weiden (Almen), die für die bäuerliche Wirtschaftsform wichtige Ressourcen lieferten. In manchen Fällen entstand so auch eine gemeinsame Selbstverwaltung der Ressourcen, doch soll die mittelalterliche Ständegesellschaft hier nicht idealisiert werden, war sie doch alles andere als eine Gemeinschaft der Gleichen: es gab reiche und arme Bauern, Freie und verschiedene Grade der Abhängigkeiten, Lohnarbeiter, Männer und Frauen ...

Das Land wurde vom Lehnsherrn üblicherweise Männern übergeben und in männlicher Erblinie weitergegeben. Obwohl es auch weibliche Lehnsverhältnisse gab, waren Frauen meist von allen Ämtern ausgeschlossen und hatten generell einen zweitrangigen Status. Trotzdem kann man sagen, dass Frauen weniger abhängig von ihren männlichen Partnern waren, weniger körperlich unterschieden, sozial und psychologisch den Bedürfnissen der Männer weniger unterworfen, als später die Frauen in der kapitalistischen Gesellschaft.

  • Das gründete zum einen darauf, dass die Autorität der Väter und Ehemänner durch die Autorität des Lehnsherrn gebrochen war, weil letzterer jeden Lebensaspekt (auch der weiblichen Leibeigenen) kontrollieren konnte, bis hin zur Bestimmung der Ehegatten und das 'Recht der ersten Nacht'.
  • Zum anderen war das Land üblicherweise der Großfamilie überantwortet, in welcher Frauen in Produktion und Verteilung der Ressourcen einen gleichberechtigten Anteil hatten, also nicht alleinig von ihren Männern abhängig waren. Dieses Prinzip wurde in England so gut verstanden, dass Männer bei der Heirat ihr Lehen an den Lehnsherren zurückgaben, um es zusammen mit der Ehefrau wieder zu erhalten.
  • Außerdem wurde zwischen Reproduktionsarbeit (Kinder zeugen, gebären und erziehen) und Produktionsarbeit viel weniger unterschieden als später, weil diese Arbeiten in der Subsistenzwirtschaft ohnehin weniger voneinander geschieden waren. Frauen arbeiteten je nachdem auf dem Felde, im Stall, im Haus. Zudem arbeiteten Frauen auch öfter in Kollektiven, denn das Waschen, Spinnen, Brotbacken, Ernten und die Versorgung von Vieh auf den Commons wurde in Zusammenarbeit mit anderen Frauen gemacht.
  • Die sexuelle Trennung der Arbeit war für Frauen in Zeiten der Leibeigenschaft keineswegs eine Form der Isolation, sondern im Gegenteil eine Quelle von Kraft, von intensiven sozialen Beziehungen, von Solidarität und Schutz.

Trotzdem darf die Position von Frauen in Leibeigenschaft nicht als statisch angesehen werden, weil ihre Rolle immer von den Auseinandersetzungen der jeweiligen Gemeinden (Communities) mit dem Lehnsherren bestimmt war, und das waren Kämpfe um die Beziehungen zwischen Dienern und Herren.


DER KAMPF AUF DEN ALLMENDEN -> S. 25

Bis zum Ende des 14. Jhds. hatten die Kämpfe gegen die Lehnsherren um sich gegriffen, hatten sich aufgeschaukelt, waren häufig auch militant geworden. Die Dörfer waren ein Theater voller Konflikte geworden, und im Prinzip ging es immer darum, die aufgebürdeten Lasten, Steuern, Abgaben von Naturalien und Dienstleistungen zu reduzieren und den vielfältigen Missbrauch der Landesherren einzudämmen.

Es ging den Lehnsabhängigen darum, die von ihnen erzielten Überschüsse an Arbeit und Produkten behalten zu dürfen und ihre Rechte zu erweitern.

  • Es gab vielfach Auseinandersetzungen über den rechtlichen Status, denn es nannten sich viele einfach freie Männer.
  • Es gab Konflikte um Abhängigkeiten, z.B. weil das Korn oder die Oliven in den Mühlen des Lehnsherrn gemahlen wurden.
  • Eine zentrale Auseinandersetzung war die um die Arbeitsverpflichtung des Lehnsnehmers (an gewissen Tagen bzw. ein- bis zweimal pro Woche für den Lehensgeber).
  • Auch opponierte man gegen die Verpflichtung, im Krieg Dienste leisten zu müssen.
  • Weiters kämpfte man um die Nutzung der Allmenden (Nutzung der Forste, Weiden und Gewässer).
  • Die erbittertsten Kämpfe führte man allerdings um die Steuern, die von den Lehnsherren zum Teil willkürlich und je nach Bedarf festgelegt wurden. So gab es z.B. eine Todessteuer, eine Heiratssteuer (die höher war, wenn die Braut aus einem benachbarten Dorf kam), eine Erbschaftssteuer. Hinzu kam der Zehnte, also eine zehnprozentige Steuer, die die Herrschaft meist im Namen der Kirche einzog. Die Auseinandersetzungen wurden nicht immer offen geführt. Es gab vielerlei Möglichkeiten sich den Diensten und Abgaben zu entziehen, z.B. durch die Abgabe minderwertiger Produkte, Faulheit, Sabotage, Schmuggel, Plünderungen und Diebstahl ... Dies wurde bei Entdecken hart bestraft.
  • Oft endeten die Auseinandersetzungen mit der Flucht der jeweiligen Familie in die Städte oder in eine andere Gemeinde, manches Mal wurden sie aufgegriffen und zurückgebracht.

FREIHEITEN UND SOZIALE UNTERSCHIEDE

Die ersten Erfolge dieser Kämpfe waren Verträge, welche Privilegien und Pflichten festlegten und die den Gemeinden eine gewisse Autonomie zusicherten. Es gab Regeln, Strafen und juristische Strukturen, die Steuern und Marktrechte, Fron- und Wehrdienste regelten.

Die wichtigste Regelung bezüglich der Konflikte zwischen Lehnsherrn und Leibeigenen war die Einführung von Geldverhältnissen (z.B. für Pacht und Steuern). Mit dieser einschneidenden Entwicklung endete eigentlich das Zeitalter der Leibeigenschaft, denn ab jetzt regelte Geld alle Abhängigkeitsverhältnisse. Wie in vielen anderen Arbeitskämpfen bedeutete dieser 'Sieg' aber nur, dass Solidargemeinschaften (und Dorfgemeinschaften) zerfielen und dass durch die Einführung von Geld manche Bauern sich freikaufen konnten, Lohnarbeiter anstellen und Land und Boden aufkaufen konnten, während andere sich zur Lohnarbeit verpflichten, Schulden aufnehmen, Land verkaufen mussten etc.

Die Folgen:

  • Die Lehnsherren gaben eine gewisse Kontrolle über ihre Leibeigenen auf, weil sie nicht mehr auf deren Arbeit, sondern auf deren Zahlungen angewiesen waren.
  • Es entstanden zunehmend krassere soziale Unterschiede und große Teile der Landbevölkerung proletarisierten, d.h. sie wurden Lohnarbeiter oder schlugen sich anderweitig durch.

Die Einführung von Geld in Arbeits-, Pacht- und Mietsverhältnissen produzierte zwei weitere Nachteile:

  • Die Arbeiter konnten den Grad ihrer Ausbeutung nicht mehr benennen, da sie die Vergleichbarkeit der Arbeit, die sie für sich selbst und für den Lehnsgeber (landlord) leisteten, verloren.
  • Aus den ehemals unfreien Bauern wurden nun entweder 'freie Unternehmer', die ihr Land kapitalisierten, oder 'freie' Lohnabhängige, die den Bezug zu ihrem Land (und ihrer Möglichkeit zur Subsistenz) verloren. Auf Dauer wurden aus den Einkommensunterschieden Klassenunterschiede.

Geld und geldbasierte Marktverhältnisse begannen

  • die gemeinsame Verwurzelung in der Benutzung von Land aufzulösen und sich selbst als das neue Gemeinsame zu etablieren
  • Kriterien wie Objektivität, Rationalität und persönliche Freiheit in soziale Verhältnisse einzuführen.
  • So erschien dem Klerus die erlösende Wirkung von Almosen in Form von Geldspenden korrekturbedürftig. Das führte einerseits zu Ablasszahlungen oder zur Prekarisierung, Verwaltung und Ausgrenzung von Bedürftigen.
  • Die systematischen Angriffe auf Juden waren ein weiteres Resultat der Geldwirtschaft, da sie wegen der ihnen zugewiesenen Rolle als Geldverleiher ein leichtes Angriffsziel für ihre Schuldner waren.
  • Auch Frauen aller Klassen waren durch die zunehmende Kommerzialisierung des Lebens betroffen, so verloren sie z.B. das Recht, ein Drittel des Vermögens des Ehemannes zu erben, sie durften auch kein Land mehr besitzen. Auf diese Weise wanderten mehr und mehr Frauen in die Städte ab, wo sie oft in ärmlichen Verhältnissen lebten. Hier standen ihnen eine Anzahl Berufe offen, die später als typisch männliche Berufe bezeichnet wurden (z.B. Bierbrauer, Maurer). Diese Berufe waren üblicherweise schlecht bezahlt, so dass sich diese Frauen meist kein Stadtrecht kaufen konnten, aber immerhin gewannen sie eine neue soziale Eigenständigkeit, die ihnen erlaubte ohne Männer (auch zusammen mit anderen Frauen) zu leben.
Fallbeispiel Frankfurt (Jahreszahl?): Frauen in 200 verschiedenen Berufen, z.B. auch Lehrerinnen, Doktorinnen.
Durch die größere Präsenz von Frauen in der Öffentlichkeit häuften sich auch historische Dokumente über sie, wie Predigten, Gesetze, Gerichtsverfahren.

MILLENNIARISMUS UND DIE HÄRETIKERBEWEGUNG

Die Häretikerbewegungen speisten sich aus endzeitlicher Unrast, Heilserwartungen und sozialen Spannungen. Sie zielten auf prinzipielle Gesellschaftsveränderung weit jenseits der Querelen mit Gutsherren und Lehensgebern ab. Prophetische Weissagungen und apokalyptische Visionen rückten die damit verbundenen Umbrüche und Konsequenzen in eine realistische Nähe.

Milleniarismus und Häresie waren unterschiedliche Bewegungen:

  • Der Milleniarismus bestand aus spontanen Bewegungen ohne Organisationsstruktur oder Programm und wurde ursächlich von einem Ereignis oder einer charismatischen Persönlichkeit ausgelöst.
  • Im Gegensatz dazu war die häretische Bewegung ein ganz bewusster Versuch, eine neue Gesellschaft herbeizuführen. Die großen häretischen Sekten hatten ein gesellschaftliches Programm, das auf der Neuinterpretation religiöser Traditionen fußte. Sie hatten ausgeprägte Strukturen und eigene Organisationsformen, die es ihnen ermöglichten, die heftigen und jahrhundertelangen Verfolgungen zu überstehen und im anti-feudalistischen Kampf eine entscheidende Rolle zu spielen.

Heute weiß man über die häretischen Sekten (Katharer, Albigenser, Waldenser, die Armen von Lyon, die Brüder des freien Geistes, die Apostoliker) relativ wenig. Um diese im Mittelalter mächtigste Opposition auszurotten, gründete der Papst die Inquisition.

Obwohl der häretische Glaube von östlichen Religionen beeinflusst war, war er weniger eine Abweichung vom orthodoxen Glauben als eine Protestbewegung, die auf eine radikale Demokratisierung gesellschaftlichen Lebens abzielte.

  • Die Häresie war so etwas wie eine 'Kirche von unten', eine 'Befreiungstheologie' des mittelalterlichen Proletariats, denn sie gab den Forderungen nach geistiger Erneuerung und sozialer Gerechtigkeit einen Rahmen.
  • Den verschiedenen Gruppierungen war die Ablehnung aller Autorität gemeinsam, sowie
  • eine starke Ablehnung von geschäftlichen und kaufmännischen Dingen.
  • Sie orientierten sich an der Armut der Apostel und am 'Kommunismus' der Frühchristen (-> s.a. Taboristen).

Die Katharer z.B. waren Kriegsgegner (auch Gegner der Kreuzzüge), gegen die Todesstrafe (was die katholische Kirche zum expliziten Eintreten für die Todesstrafe veranlasste) und gegenüber anderen Religionen tolerant (weswegen z.B. ihre Gebiete auch Rückzugsorte für die andernorts verfolgten Juden wurden). In Berufung auf das neue Testament und nach dem Vorbild Christi sollten soziale Hierarchien, Privatbesitz und die Anhäufung von Reichtümern abgeschafft und durch wahrhaft emanzipatorische Strukturen ersetzt werden. Das bedeutete natürlich eine Herausforderung des Klerus, der selbst der größte Landbesitzer Europas und die ideologische Stütze des Feudalismus war.

  • Der Klerus benutzte nun den Vorwurf der Häresie (des „Ketzertums“) als Argument gegen jede Form des sozialen und politischen Aufbegehrens.

Die Katharer lehnten Heirat und Fortpflanzung ab, sie waren Vegetarier und sie weigerten sich, Tiere oder Tierprodukte zu essen. Die Bogomilen predigten, dass die sichtbare Welt die Welt Satans sei und weigerten sich Kinder zu gebären, um keine neuen Sklaven in dieses Jammertal zu setzen.

  • Die Verweigerung von Heirat und Fortpflanzung ist aber nicht als Todestrieb oder Lebensverachtung zu verstehen, sondern es ist die Verweigerung eines Lebens, das zum bloßen Überleben verkommen ist.
  • Auch war die Weigerung sich fortzupflanzen nicht mit einer Verachtung für Frauen und Sexualität verbunden, wie man das sonst bei Gruppierungen vorfindet, die Leben und den Körper verachten.
  • Manche häretischen Gemeinschaften praktizierten Sex als ein mystisches Erlebnis, als Sakrament. Sie empfanden die christliche Betonung von Keuschheit als körperfeindlich und predigten, dass man durch Sex in einen Zustand der Unschuld zurückkehren würde. Allerdings enthielten sich die "vollendeten" Katharer dem Beischlaf.

Ironischerweise wurden daher die Häretiker sowohl als Asketen wie auch als Libertine verfolgt.

Wegen der Knappheit an fruchtbarem Land und der restriktiven Kontrolle der Gilden bei der Berufsausübung war es im Mittelalter für Bauern und Handwerker wenig begehrenswert, viele Kinder zu haben. Der sexuelle Ethos der Häretiker war aus diesem Grunde durchaus einflussreich, konnte er doch als eine Form der Geburtenkontrolle gesehen werden. Er erlaubte es, Sexualität zu genießen, ohne damit notwendig verbunden Kinder in dieses 'Jammertal' setzen zu müssen.

In ihrem Kampf über die Kontrolle von Reproduktion (Ehe, Sexualität, Fortpflanzung) kriminalisierte die Kirche gewisse sexuelle Praktiken wie Analsex (Sodomie), Sex mit Tieren (Zoophilie), Masturbation, Homosexualität und kriminalisierte die Häretiker, indem sie sie mit Abtreibungen und Kindstötungen assoziierte.


DIE POLITISIERUNG VON SEXUALITÄT -> S. 37

Wie Mary Condren in ihrem Buch 'The serpent and the goddess' (1989) am Beispiel Irland beschreibt, hat der Klerus nach der Christianisierung im 4. Jahrhundert sofort begriffen, welche macht Sexualität und Begehren den Frauen über die Männer verleiht. Hier zeigt sich, wie eine patriarchale Kaste die Macht der Frauen zerbricht:

  • Frauen wurden aus jeder Liturgie und von der Teilnahme an den Sakramenten ausgeschlossen.
  • Sie mussten ihre Körper verhüllen und Sexualität wurde zu etwas gemacht, wofür man sich schämen musste.
  • In der Beichte wurde Sexualität und ihre intimen Details dann minutiös beschrieben und auseinandergenommen.
  • Das 2. Laterankonzil (1139) verbot dem Klerus Ehe und Sexualität ganz und gar. Die Ehe wurde selbst zum Sakrament. Es wurde vorgeschrieben, wie der Ritus ihres Vollzugs zu praktizieren sei.

FRAUEN UND HÄRESIE -> S. 38

Frauen spielten eine ganz wichtige Rolle in den Häretikerbewegungen.

  • Sie wurden als gleichwertig angesehen, hatten die gleichen Rechte wie die Männer.
  • Sie konnten frei herumreisen, predigen, die Sakramente zelebrieren, taufen und verschiedene Priesterämter einnehmen.
  • Es gab Frauenkommunen, es konnten aber auch Männer und Frauen zusammen wohnen ohne verheiratet zu sein.

Federici fragt sich, ob die große Anzahl an Frauen in den Häretikerbewegungen für deren "sexuelle Revolution" ausschlaggebend war oder ob der Ruf nach "freier Liebe" eher eine Idee der Männer war? (Anm.: Wie in der 68er-Bewegung? - Nicht leicht zu beantworten!)

Man weiß, dass Frauen versuchten, ihre Empfängnis zu kontrollieren. Bei Bestrafungen hatte die Kirche im Mittelalter noch ein gewisses Verständnis für die Notlagen von Frauen, das änderte sich aber drastisch nach den Pestpandemien, die etwa ein Drittel der europäischen Bevölkerung vernichteten. Jetzt stellte die von Frauen ausgeübte Kontrolle über ihre Reproduktionsfähigkeit eine Bedrohung für die ökonomische und soziale Stabilität dar.

Infolge der Pest werden Projektionen sexueller Praktiken auf die Häretiker vorgenommen und grotesk verzerrt. Sie nehmen die späteren Beschreibungen bei den Hexen vorweg: Teufelsanbetung, Hexensabbat, Tieranbetung, bacium sub cauda (Arschkuss), Orgien, Opferungen von Kindern.

Das negative Bild der Häretiker wurde nun exklusiv auf das weibliche Geschlecht übertragen. So werden aus den Verfolgungen der Häretiker im Laufe des 15. Jahrhunderts die Hexenverfolgungen. Die Häretikerbewegung endete etwa mit der Niederschlagung der Wiedertäufer in Münster (1533). Bis zu diesem Zeitpunkt aber erfreuten sich die Häretikerbewegungen trotz extremer Verfolgung wie speziellen Häretiker-Vernichtungs-Kreuzzügen etc. einer extremen Popularität und Vitalität speziell bei den unteren Klassen.

  • Das Beispiel des Fra Dolcino -> S. 41

KÄMPFE IN DEN STÄDTEN -> S. 41

Die Kontakte zwischen Stadt- und Landbevölkerung waren eng, weil viele Städte Zustrom von der Landbevölkerung erhielten, und beeinflussten die sozialen Kämpfe. Die Häretiker hatten auch in den Städten Einfluss und eine großes Gefolge, hauptsächlich in den unteren Schichten.

  • In den Städten prallten die Klassen- und Einkommensunterschiede härter aufeinander, vor allem weil der ärmere Teil der Bevölkerung keinerlei Rechte oder Schutz genoss: Viele waren Tagelöhner, hatten keine Bürgerrechte, konnten nicht Mitglied von Berufsständen oder Gilden werden.
  • Es kam im 14. Jhd. deshalb zu permanentem Aufruhr, zu Aufständen und Rebellionen vor allem in Flandern (Gent, Lüttich, Ypern) und Mittelitalien (Florenz), mit mäßigen Erfolgen, eine Arbeiterdemokratie oder sogar eine frühe Diktatur des Proletariats zumindest für einige Zeit durchzusetzen.

DER SCHWARZE TOD UND DIE KRISE DER ARBEIT

Ein Wendepunkt der Kämpfe im Mittelalter war die Pestepidemie, die als Folge der Hungersnöte von 1315-22 wie rasend um sich griff. Dieser unerwartete Bevölkerungskollaps änderte die politische und soziale Landschaft in Europa drastisch.

  • Angesichts eines bald bevorstehenden Todes wurden soziale Ordnungen über den Haufen geworfen, Arbeitsdisziplin und sexuelle Schranken aufgelöst.
  • Arbeitskraft wurde extrem rar und teuer, das ermutigte viele, das Joch der Feudalherrschaft endlich abzuwerfen.
  • Die Kräfteverhältnisse wendeten sich zugunsten der unteren Klassen.
  • Die Bauern weigerten sich, die Pacht zu bezahlen und verweigerten den Lehnsherren die Dienste.
  • Durch dieses neue Selbstbewusstsein wurden die Klassenverhältnisse, auf denen das Feudalsystem basierte, in Frage gestellt – um dem zu entgegnen wurde teilweise sogar wieder Sklaverei eingeführt.

Now is the time! Aufstände überall: Ganze Regionen revoltierten, Armeen wurden aufgebaut, in Deutschland bereitete der Bundschuh, eine Art Bauernbund, den Bauernkrieg vor. Das Ziel dieser Revolten war nicht eine Verbesserung der Verträge, sondern eine Abschaffung der Landes- und Lehnsherren. Diese Aufstände zeigten oftmals Erfolge: Leibeigenschaft war meistens abgeschafft, Löhne gut, Nahrung billig. Manche Forscher beschreiben daher das 15. Jhd. als goldenes Zeitalter des Proletariats. Das Selbstwertgefühl der Arbeiter und Bauern stieg und die Gutsherren klagten über skandalös hohe Löhne und über die Arroganz und Faulheit der Bauern, die nicht mehr arbeiten wollten, als nötig war, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen.


GESCHLECHTERPOLITIK, DER AUFSTIEG DES STAATES UND GEGENREVOLUTION

Allerdings war am Ende des 15. Jhds. bereits eine Gegenrevolution unterwegs. Es gab Bestrebungen der politischen Obrigkeit, jungen aufständischen Arbeitern das Ausleben freier Liebe zu gewährleisten, um Klassenantagonismus in Antagonismus zwischen proletarischen Männern und Frauen zu verkehren. Wie Jacques Rossiaud (Medieval Prostitution, 1988) zeigt, entkriminalisierten städtische Behörden Vergewaltigung, solange die Opfer Frauen aus den unteren Schichten waren.

  • Dadurch wurde die Solidarität, die in den unteren Schichten im Laufe der Anti-Feudalkämpfe erreicht worden war, wieder zerstört.
  • Die Störungen der Nachtruhe durch Gewalt ausübende und vergewaltigende Gangs wurden von der Obrigkeit in Kauf genommen, weil dadurch soziale Spannungen, die zu Aufständen hätten führen können, abgebaut wurden.
  • Speziell für die vergewaltigten Frauen war dies eine desaströse Entwicklung. Ihr Ansehen war geschändet, ihre soziale Stellung verloren, entweder mussten sie die Stadt verlassen oder Prostituierte werden.
  • Die Legalisierung von Vergewaltigung schaffte auch ein Klima der allgemeinen Frauenverachtung.
  • Auch desensibilisierte das die Bevölkerung in Hinblick auf Gewalt gegen Frauen, was den Boden für die Hexenverfolgung mit vorbereitete.

Die ersten Hexenprozesse fanden zu dieser Zeit, am Ende des 14 Jhds., statt – denn plötzlich bemerkte die Inquisition die Existenz einer rein weiblichen Häresie und eine Sekte von Teufelsanbeterinnen!

Die Institutionalisierung von Prostitution, die in ganz Europa stattfand, ist ein weiterer Aspekt einer Politik, die auf die Trennung der Geschlechter abzielt.

Mit dem Ziel die Aufstände der Arbeiter niederzuhalten, wurde das städtische steuerfinanzierte Bordell eingeführt.

Es wurde auch als Heilmittel gegen Homosexualität angesehen. Homosexuelle Praktiken waren in dieser Zeit weit verbreitet, wurden aber nach der Pestepidemie verteufelt, da Sex von da an hauptsächlich als Mittel der Fortpflanzung galt.

Die Bordelle waren auch ein Mittel gegen die orgiastischen Sexualpraktiken der Häretiker.

(Anm: Inwieweit haben die Häretiker zu einer Lockerung der sexuellen Verhältnisse beigetragen? Waren die Vergewaltigungen auch ein Resultat dieser Lockerung? War die Institutionalisierung von Bordellen evtl. auch ein Versuch, die Gewalt auf den nächtlichen Straßen zu entschärfen?)

Für Federici ist schwer zu beurteilen, inwieweit es dem Staat gelang, durch das Ausspielen "der Sexkarte" das Proletariat zu spalten und zu disziplinieren. Es ist aber klar, dass es in der Handhabe, d.h. in der Regulierung auch der sexuellen Angelegenheiten zu einer neuen administrativen Qualität kam, welche den Staat letzten Endes befähigte, der Manager von Klassenbeziehungen zu werden und der Oberaufseher der Reproduktion von Arbeitskraft.

Schließlich kommt Federici auf die Allianzen der Bürgerschaft mit den Adligen zu sprechen, ohne die die proletarischen Revolten nicht hätten niedergeschlagen werden können. Anders als viele Historiker, die behaupten, dass die Aufständischen kein klares Programm gehabt hätten, sieht Federici das Programm ganz klar : Gleichberechtigung! Keiner sollte mehr haben als die anderen ­– und dazu verbrüderten sich die Kämpfenden mit denen, die nichts zu verlieren hatten.

Dagegen schmiedeten diejenigen, die viel zu verlieren hatten (die neue Bürgerklasse in den Städten, die Aristokratie und die Kirche) ihre Allianzen. Denn in den Städten fürchteten die Bürger diejenigen ohne Bürgerrecht (die unteren Klassen, die Besitzlosen und Bauern) viel stärker als die Aristokratie. Die Bürger waren nur zu willig ihre so geliebte Souveränität aufzugeben und sie unter die Oberherrschaft der Landesfürsten zu stellen – und das bereitete dem Absolutismus den Weg.


==== -^- DIE AKKUMULATION VON ARBEIT UND DIE ABWERTUNG VON FRAUEN


EINFÜHRUNG -> S. 61

Bis in die frühe Neuzeit hinein konnte man in ganz Europa Aufbegehren gegen den Feudalismus beobachten: Das waren soziale Kämpfe, die eine neue egalitäre Gesellschaft forderten, die auf Gleichheit und Kooperation gebaut würde. Doch um 1525 war der Bauernkrieg (the revolution of the common man = 'der gemeine Mann') verloren gegangen - hunderttausende von Bauern waren dabei abgeschlachtet worden. 1535 endete 'Das Neue Jerusalem', der Versuch der Wiedertäufer in Münster das Königreich Gottes auf Erden zu errichten, in einem Blutbad. (Nicht zuletzt war die Bewegung von innen geschwächt worden, weil ihre Führer Polygamie und ein alttestamentarisches Patriarchat gegen den Willen der Frauen durchsetzen wollten.)

Mit diesen Niederlagen im Verbund mit kolonialer Expansion und den Auswirkungen der Hexenverfolgung kamen die revolutionären Prozesse zum Erliegen.

RÜCKBLICK: Im Spätmittelalter hatte der Feudalismus abgewirtschaftet. Zwischen 1350 und 1500 gab es im Machtverhältnis zwischen Lehnsherren und Lehnsnehmern entscheidende Verbesserungen: Die Löhne stiegen teilweise um über 100%, während Preise und Mieten um ca. 33% billiger wurden, auch die Arbeitszeit wurde kürzer.

Marx: Die Feudalwirtschaft konnte sich nicht mehr reproduzieren (d.h. fortschreiben), denn Selbstversorgung und Selbständigkeit aufgrund der hohen Löhne erlaubten eine wirtschaftliche Autarkie und einen relativen Wohlstand der Leute. Die Verteuerung von relativem Reichtum verhinderte einen akkumulierten kapitalistischen Reichtum – eine kapitalistische Gesellschaft hätte sich so nicht entwickeln können. Als Antwort auf diese Krise des Feudalismus lancierten die herrschenden Klassen in Europa eine Offensive, die etwa 300 Jahre dauerte, das Gesicht des Planeten veränderte und die Grundlagen zu einem kapitalistischen Weltsystem legte. Das bedeutete: Neue Ressourcen für neuen Reichtum erobern, und neue Arbeiter unter die Herrschaft bringen. Oder: Eroberung, Versklavung, Raub, Mord, Gewalt.

Was einige Historiker den 'Übergang' zum Kapitalismus nennen, ist für Federici kein linearer, sanfter und natürlicher Übergang, sondern eine der diskontinuierlichsten und gewaltsamsten Perioden der Weltgeschichte mit apokalyptischen Ausmaßen. Sie wird von Historikern als das Eiserne Zeitalter (Kamen), Zeitalter des Plünderns (Hoskins), Zeitalter der Peitsche (Stone) bezeichnet.

Federici kommt hier noch einmal auf die Ursprüngliche Akkumulation zurück, die These von Marx, dass sich der Kapitalismus nicht ohne die vorangehende Konzentration von Kapital und Arbeit hätte entwickeln können. Es ist die Phase, in der die Arbeiter von ihren Produktionsmitteln getrennt wurden (siehe oben: Selbständigkeit der Arbeiter im Spätmittelalter).

Marx führt einige Beispiele für diese Prozesse an:

  • Enteignung von Land und dadurch
  • Freisetzung der Bauern als (Sub)-Proletariat
  • Entdeckung von Gold, Silber und anderen Bodenschätzen Amerika
  • Versklavung der einheimischen indigenen Bevölkerung
  • Entdeckung, Kolonisierung und Plünderung von Indien und Südostasien
  • Afrika wird ein Wildpark für die kommerzielle Jagd nach Sklaven, Großwild etc.

Federici bemängelt, dass Marx diese Prozesse nur in Hinblick auf die Industrie- und Lohnarbeit analysiert, die Hexenjagd des 16. und 17. Jhds. aber nicht einmal erwähnt, die nach Federici als staatlich gesponserte Terrorkampagne zentral in den Prozessen der Enteignung gewesen ist.

Federici will sich folgenden Punkten widmen:

  1. Die Enteignung der europäischen Arbeiter von ihren Produktionsmitteln (die Auflösung der Subsistenzwirtschaft), die Versklavung der Indianer und Afrikaner. Die Zwangsarbeit in den Minen der 'neuen Welt' war nicht die einzige Methode, mit der ein Weltproletariat geformt wurde.
  2. Dieser Prozess erforderte die Transformierung des Körpers in eine Arbeitsmaschine und die Unterwerfung der Frau durch die Zuweisung einer ausschließlichen Rolle als Produzentin und Reproduzentin von Arbeitskraft. Die starke Rolle der Frauen in Europa und in Amerika wurde dadurch gebrochen, dass sie als Hexen verfolgt wurden.
  3. Demnach bedeutet 'primitive Akkumulation' nicht nur die Konzentration von Arbeitern und Kapital, sondern die Erschaffung von Unterschieden und Abspaltungen innerhalb der Arbeiterklasse. d.h. Hierarchien bauten auf Unterschieden in Geschlecht, Rasse und Alter auf.
  4. Deshalb können wir kapitalistische Akkumulation nicht als eine Befreiung aus feudalistischen Zwängen betrachten – (manche Marxisten sehen das Entstehen eines Industrieproletariats als einen historischen Prozess des Fortschritts und der Befreiung, denn alles was noch zum 'Glück' fehlt, ist die Übernahme der Produktionsmittel) ­– im Gegenteil, der Kapitalismus hat eine noch brutalere und heimtückischere Form der Versklavung errichtet, indem er in den Körper des Proletariats tiefe Trennungslinien eingeschrieben hat, welche die Ausbeutungsprozesse intensiviert und gleichzeitig verborgen haben. Auch aufgrund dieser aufgezwängten Unterschiede (vor allem denen zwischen Männern und Frauen) kann die kapitalistische Akkumulation weiter an allen Ecken und Enden des Planeten das Leben von Menschen ruinieren.

KAPITALISTISCHE AKKUMULATION UND DIE AKKUMULATION VON ARBEIT IN EUROPA -> S. 64

Gewalt war der Anfang aller primitiven Akkumulation: Die gewaltsame Unterwerfung der indigenen Bevölkerung (Latein-)Amerikas unter das Joch der Zwangsarbeit (Beispiel Potosí), eine Art zweite Welle der Leibeigenschaft speziell in Osteuropa, und in Westeuropa die gewaltsame Enteignung der Allmenden, die Hexenverfolgungen, die Kriminalisierung von Bettlern und Vagabunden und ihre Einweisung in Arbeitshäuser; die Sklavenschiffe und die Schiffe voller Zwangsarbeiter und Gefangener, die von Europa aus in die Kolonien aufbrachen ... (-> Peter Linebaugh, Die vielköpfige Hydra).

Sklaverei war nie wirklich abgeschafft worden. Nach einer Periode der Lohnsteigerungen im Spätmittelalter (-> siehe oben) sehen wir nun die Rückkehr der Sklaverei und Zwangsarbeit als die am meisten verbreitete Form von Arbeit. Das ist eine enorme Akkumulation lebendiger Arbeitskraft. Zusammen mit den gestohlenen Gütern ist dies auch eine Akkumulation toter Arbeitskraft.

Nach den Niederlagen der Bauernkriege und der Wiedertäufer in Münster kommen Leibeigenschaft und Sklaverei in Mitteleuropa zwar nicht zurück, aber das ist eine hart erkämpfte Ausnahme. Stattdessen werden die Bauern von ihrem Land vertrieben (-> Privatisierung der Allmenden) und gezwungen, sich als Lohnarbeiter zu verdingen, wobei durch die große Anzahl der Vertriebenen und Arbeitssuchenden, und durch die Konkurrenz von Sklavenarbeit und Zwangsarbeit, ein Überangebot von Arbeit existiert und die Löhne so weit sinken, dass ein Überleben kaum mehr möglich ist.

Die Folge von Sklaverei, Zwangsarbeit und Lohnsklaverei ist aber auch eine massenhafte Vernichtung von Arbeitskraft (-> Genozid) mit der Konsequenz, dass Arbeitskraft billig besorgt werden muss (-> Jagd nach Sklaven, Frauen -> Reproduktion). Resultate sind eine weit verbreitete Armut, die moralische Entrüstung darüber und Aufstände, welche die beginnende kapitalistische Wirtschaftsform bedrohen.

Diese Gründe führen zu den Hexenverfolgungen:

  1. Der Bedarf nach billiger Arbeitskraft und deren Reproduzierbarkeit
    1. durch Menschenjagd, Eroberung, Unterjochung versklaven
    2. durch Unterwerfung und Disziplinierung der Frau zum alleinigen Zweck der Reproduktion
  2. Die Disziplinierung und Beherrschung der Massen, sei es
    1. durch Gewalt und Einschüchterung und/oder
    2. durch die Aufspaltung des 'proletarischen Körpers'

(Anm.: Siehe auch die Organisation von Macht und Kontrolle in den Konzentrationslagern der Nazis. Auch hier Spaltung der Häftlinge durch nationale, rassische Kategorien, Installation von Hierarchien zwischen den Gefangenengruppen, Disziplinierung und Vernichtung durch Arbeit.)


PRIVATISIERUNG VON LAND IN EUROPA, DIE ERZEUGUNG VON MANGEL UND DIE TRENNUNG VON PRODUKTION UND REPRODUKTION

Die Enteignung von Land begann in Europa im späten 15. Jhd. parallel zur kolonialen Expansion. Sie geschah durch verschiedene Strategien:

  • Durch die Vertreibung der Leibeigenen
  • Durch Enteignung, d.h. durch die Erhöhung von Pacht und Steuern, was oft zur Folge hatte, dass die Leibeigenen diese nicht mehr bezahlen konnten und in Verschuldung und Verkauf getrieben wurden.

Weitere Formen der Enteignung waren Krieg und religiöse Reformation.

  • Kriege waren bis ins 16. Jhd. kürzere Konflikte, die oft im Sommer ausgetragen wurden, um den Bauern die Gelegenheit zu Aussaat und Ernte zu geben. Teils durch technische Innovationen, aber auch weil die Staaten in Europa den Besitz von Ländereien (Territorien) für wirtschaftliches Wachstum brauchten, professionalisierten sich die Kriege und verlängerten sich, vergrößerten sich die Armeen (teilweise ums zehnfache), wurden zu Söldnerheeren, die keinerlei lokalen Bezug mehr hatten. Das Ziel eines Krieges war nun die Eliminierung des Gegners. Übrig blieben zerstörte und leichenübersäte Felder, Dörfer, Hungersnöte, Epidemien. (-> Dürer: Apokalyptische Reiter)
  • Die Reformation führte zu großen Enteignungen von Ländereien der (katholischen) Kirche. In diesem Zuge wurden Lehensverhältnisse und -Verträge aufgelöst. Land wurde von den Adligen entweder sofort beschlagnahmt oder in Auktionen billig erworben. Handwerker und Bauern, die sich mit Recht einen Anteil am Kirchenland erhofften, wurden einfach überboten.

In England fand zu dieser Zeit die größte Umschichtung von Land (the great plunder) seit der normannischen Eroberung statt. Sie realisierte sich vor allem in der Privatisierung der Allmenden.

'Enclosure' (Einfriedung) war die Aneignung der Allmenden durch reiche Farmer und Lords. Das System offener, nicht eingezäunter Felder (open-field-system), das den Besitz der Bauern miteinander verbunden hatte, wurde damit abgeschafft.

  • Hecken, Zäune und Gräben wurden gezogen, die Hütten der Armen wurden abgerissen. Weil sie sonst kein anderes Eigentum an Boden besaßen und nur durch die Nutzung der Gemeindeflächen ein Auskommen hatten, wurden diese Leute ihrer Lebensgrundlage beraubt und in Hunger, Vagabundieren, Kriminalität getrieben.
  • Ganze Dörfer wurden niedergemacht, um eingezäunte Wildparks zu errichten. Selbst die Krone (das Königshaus) musste manchmal intervenieren, weil die Vorgänge zu Revolten und langen Rechtsstreitigkeiten führten.

Die Argumente der Modernisierer waren, dass

  • diese 'Landreform' zu mehr Effizienz führen würde, weil wenige Bauern nun für den Verkauf produzieren konnten, während vorher die meisten Bauern ausschließlich für sich selbst produzierten.
  • wenn das Land in den Händen der vielen Armen bliebe, das Land erschöpfen und unproduktiv würde (-> 'Tragedy of the commons').
  • ein Festhalten an den Commons nostalgisch und rückwärts gewandt sei.

Aber diese Argumente waren schwach.

  • Denn die Privatisierung und Kommerzialisierung der Landwirtschaft produzierte Lebensmittel für die Städte oder für den Export und nicht für das gemeine (lokale) Volk. Vor Ort konnte man nicht die Preise zahlen, die in den Städten (oder im Exportland) bezahlt wurden. Jeder Überschuss wurde exportiert und nicht lokal verkauft.
  • Die Arbeiter hatten zwei Jahrhunderte Hungersnot erlebt, genau wie das heute in verschiedenen fruchtbaren Gebieten der Erde der Fall ist, wo Menschen verhungern, weil sie durch die Weltbank in eine globale Exportpolitik hineingezwungen werden ('export or perish').
  • Auch hatten neue Agrartechniken keinen positiven Einfluss, im Gegenteil. Überall verarmten Menschen und wurden in die Landstreicherei oder Kriminalität gezwungen.
  • Heute halten sogar Befürworter von Landprivatisierung das Open-field-system für vorteilhaft, denn zum einen erlaubte es die Diversifizierung des Anbaus und man war deswegen gewappnet gegen Missernten, zum anderen waren seine kleinen Flächen mit einem vorhersehbaren Zeitaufwand zu bewältigen. Das führte auch zu demokratischen Bewirtschaftungs- und Kommunikationsformen, Selbstverwaltung und Selbstvertrauen, weil alle Entscheidungen über die Flächen von allen getroffen wurden. Die Allmenden waren wichtig für das Überleben vieler Kleinbauern, weil sie Wiesen und Weiden für die Tiere und Wälder für Beeren, Heilpflanzen und Brennstoff boten, Fischteiche, Bäche und Gewässer zum Waschen und zum Fischen.
  • Für Frauen und Männer waren die Allmenden sozialer Treffpunkt und Zentrum des sozialen Lebens. Durch sie entstand ein Netz kooperativer Beziehungen.
  • Durch die Privatisierung, Abtrennung und Umzäunung der Allmenden kam diese kollektive Produktionsweise zum Erliegen, individuelle Arbeitsverhältnisse und krassere wirtschaftliche Unterschiede zerstörten die sozialen Netze.
  • Die Zahl der armen Häusler, der Tagelöhner, der Wanderarbeiter und der Vagabunden stieg rapide an. Schwer hatten es vor allem ältere Frauen, die nicht mehr von ihren Kindern unterstützt werden konnten.
  • Insgesamt war die Bauernschaft tief gespalten und im Verlauf der Hexenprozesse merkt man, dass Streitereien um Hilfeleistungen, Mietstreitigkeiten und Benutzerrechte eine entscheidende Rolle für die Beschuldigungen spielten.
  • Auch die frühkapitalistischen Manufakturen profitierten von der Privatisierung der Allmenden und den dadurch freigesetzten billigen Arbeitskräften.
  • So gelang es auch, die Macht der städtischen Gilden und die Unabhängigkeit der Handwerker zu zerstören. Vor allem organisierte sich die Textilindustrie in ländlichen Gebieten als Heimarbeit und im Verlagssystem. Sie fußte ganz und gar auf der Arbeit von Frauen und Kindern.
  • Mit dem Verlust ihres Landes befanden sich die Arbeiter nun voll und ganz in den Händen ihrer Arbeitgeber, die diese Situation schamlos ausnutzten, den Lohn kürzten, die Tagesarbeitszeit verlängerten und das Ganze dann auch noch mit religiösem Arbeitsethos verbrämten.
  • Während Löhne im Mittelalter als Befreiung empfunden worden waren (von der Fronarbeit), wurden Löhne jetzt als Instrument der Versklavung gesehen.
  • Es gab deshalb immer mehr Bauern, die gegen Privatisierung selbst kleinsten Landbesitzes erbittert kämpften, und die es vorzogen, als Herrenlose, Vogelfreie oder Vagabunden durch die Welt zuziehen.

Die Kämpfe gegen die Enclosures dauerten in England fast 200 Jahre (16.&17. Jhd.), Anti-Privatisierungsaktionen weiteten sich manchmal zu Massenprotesten aus.

  • Der Frauenanteil bei diesen Protesten und (nächtlichen Sabotage-) Aktionen (Zuschütten von Gräben, Niederreißen von Hecken und Zäunen) war relativ hoch. Das hatte auch damit zu tun, dass Frauen bei diesen Delikten außerhalb des Gesetzes standen, denn Männer hafteten für ihre Frauen, weswegen sich Männer auch manches Mal als Frauen verkleideten.
  • Und: Für Frauen war der Verlust der Commons insgesamt härter als für Männer,
    • weil sie sich einem nomadischen Leben nicht so leicht verschreiben konnten (Kinderkriegen, Kinder, Gewalt gegen Frauen).
    • Auch konnten Frauen nicht wie Männer einfach zur Armee gehen. Die Möglichkeiten, als Köchinnen, Wäscherinnen und Prostituierte zu arbeiten, wurden bei zunehmender Professionalisierung der Armeen weniger.

Insgesamt war es für Frauen auf allen Gebieten schwieriger geworden sich durchzuschlagen.

  • Durch die Privatisierung der Commons (d.h. von Land allgemein) war in vielen Fällen Subsistenzwirtschaft – bei der Produktion und Reproduktion noch eine Einheit bildete – nicht mehr möglich.
  • Für eine Geldökonomie zählte jetzt nur noch eine Produktion, die auf den Markt ausgerichtet war.
  • Reproduktionsarbeit erschien unter einer ökonomischen Perspektive als wertlos (oder als Hindernis), ihre Rolle im Akkumulationsprozess wurde ganz und gar unterschlagen oder als Frauenarbeit mystifiziert.
  • Zusätzlich flogen Frauen aus fast aller Lohnarbeit raus oder diese Arbeit wurde erbärmlich und viel schlechter als die der Männer bezahlt.

Diese Prozesse führten bis zur Vollzeithausfrau im 19. Jhd. Deren ausschließliche Rolle als Reproduktionsarbeiterin machte die Abhängigkeit vom Mann komplett und erlaubte es dem Staat und den Arbeitgebern, die Arbeit der Frauen durch den Lohn der Männer zu kontrollieren.

  • Frauen litten an ökonomischer Abhängigkeit, unter chronischer Armut und an gesellschaftlicher Unsichtbarkeit.
  • Die Abwertung reproduktiver Arbeit wertete auch gleichermaßen ihr Produkt ab: die Arbeitskraft.

Man kann also nicht sagen, dass die mittelalterlichen Leibeigenen durch die einsetzende Geldökonomie befreit worden wären. Ganz im Gegenteil!

  • Das Land wurde von der Subsistenzwirtschaft der Leibeigenen "befreit".
  • Das Land wurde nun zu Kapital, das als Mittel der Akkumulation diente.
  • Befreit wurden auch die Landeigentümer, die nur den direkt angestellten Bauern eine Subsistenzwirtschaft erlaubten und die Lohnarbeiter jederzeit kündigen konnten.
  • Sowie das Land privatisiert war, gingen die Lebensmittelpreise nach oben.

PREISEXPLOSIONEN UND DIE VERARMUNG DER EUROPÄISCHEN ARBEITERKLASSE -> S. 76

Das inflationäre Phänomen der Preisexplosionen wurde von Zeitgenossen und späteren Ökonomen (Adam Smith) durch den Strom an Gold und Silber erklärt, der von Amerika nach Europa floss. Allerdings begannen die Preise schon vorher in die Höhe zu schnellen.

Preise stiegen, weil sich ein nationales und internationales Marktsystem etablierte, das mit Agrarprodukten spekulierte, sie importierte und exportierte.

Etwa ein Drittel der Bevölkerung hatte kein Land mehr, um Nahrung selbst zu produzieren und musste deshalb Lebensmittel kaufen.

Während die Lebensmittelpreise stiegen, verloren Löhne bis zu einem Drittel ihrer Kaufkraft. Es dauerte ein paar hundert Jahre, bis Löhne wieder auf einem Niveau waren, das mit dem des Mittelalters vergleichbar war.

Federici führt umfangreiches und drastisches Zahlenmaterial und Fallbeispiele an. Die Bevölkerung verarmt und verhungert (S. 76-80).

Zusammenfassung:

  • Überangebot an Arbeitskraft (Enteignung der Bauern, Sklaven) -> Löhne fallen
  • Weniger Bauern, mehr Konsumenten von Lebensmitteln -> Lebensmittelpreise steigen
  • Mehr kapitalistisches Know-how: Ausbeutung, Gewalt, Spekulation, Handel, Import/Export
  • Die Gold- und Silberströme aus den Kolonien kommen bei Niedriglöhnen nicht 'unten' an, sie intensivieren die Produktivität und den Handel und lassen ausdifferenzierte obere Klassen entstehen.

Kämpfte das Proletariat im 14. und 15. Jhd. um die 'Freiheit', so kämpfte es im 16. und 17. Jhd. gegen den Hunger. Auch hier kämpften Frauen an vorderster Front, da sie in ihrer Versorgerfunktion auch am stärksten betroffen waren.


STAATLICHE INTERVENTION IN DIE REPRODUKTION VON ARBEIT: ARME UND DIE KRIMINALISIERUNG DER ARBEITERKLASSE -> S. 82

Überall demonstrierten die Massen gegen die Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen, gegen die Privatisierung von Land und die Abschaffung von Gewohnheitsrechten, gegen die Einführung neuer Steuern, gegen Lohnabhängigkeit und gegen die permanente Nähe verschiedener Armeen.

Waren im Mittelalter Vagabundentum, Migration und Eigentumsdelikte ein Mittel gegen Verarmung und Enteignung, dann steigerten sich diese Phänomene nun drastisch (wenn man den Beschwerden der damaligen Behörden Glauben schenken mag). Vagabunden, Obdachlose, Bettler und Halbverhungerte überfluteten die Städte, umlagerten die Stadttore, verstopften die Straßen, überquerten Land, Flüsse und Grenzen.

  • In England (immer ein Pionier auf diesem Gebiet) erließ man Anti-Vagabundengesetze, die mit Zwangsarbeit und bei Rückfall auch mit Todesstrafe drohten.
  • Allerdings mit mäßigem Erfolg, denn die Straßen Europas waren im 16. und 17. Jhd. voll von flüchtigen Häretikern, entlassenen Soldaten, ausländischen Kunsthandwerkern, vertriebenen Bauern, Prostituierten, Hausierern, Kleinkriminellen, professionellen Bettlern, Reisenden und anderem 'niederen Volk' auf der Suche nach einer Anstellung, und zusammen mit ihnen tausende von Erzählungen, Geschichten, Gerüchten und Erfahrungen dieses sich entwickelnden Proletariats.
  • Gleichzeitig ging auch die Kriminalstatistik nach oben, so dass wir vermuten können, dass eine Wiederaneignung des gestohlenen Allmendebesitzes im Gange war.

Diese Phänomene der Verelendung können, nach Marx, als (Vor-)Bedingungen eines kapitalistischen Entwicklungsprozesses angesehen werden, der dann zu reiferen Existenzformen führt. Wenn wir aber darauf gucken, was uns die Globalisierung beschert, dann merken wir, dass Verarmung, Rebellion und die Eskalation von 'Kriminalität' strukturelle Elemente kapitalistischer Akkumulation sind.

In diesen Fällen gilt es immer

  1. eine disziplinierte Arbeiterschaft zu schaffen
  2. sozialen Protest zu entschärfen
  3. Arbeiter an die Arbeit zu binden, die ihnen aufgezwängt wurde.
  • Sport, Spiele, Tanzveranstaltungen, alles was soziale Bindungen und Solidarität unter den Arbeitern hätte entstehen lassen können, wurde nun gesetzlich geregelt und unterbunden, es galt, die Freizeit der Arbeiter produktiver zu nutzen. Die moralische Reformation der Puritaner erreichte auch nicht-puritanische Länder, volkstümliche Geselligkeit wurde durch religiöse Riten und Feste ersetzt. Das Einzäunen der Commons wurde durch ein Einzäunen des Sozialen begleitet. Vom offenen Feld ging es hinein ins Haus, von der Gemeinschaft in die Familie, vom öffentlichen Raum ins Private.
  • Ferner wurden zwischen 1530 und 1560 in ca. 60 europäischen Städten eine Art öffentlicher Beratungsbüros eingerichtet. Man weiß heute nicht mehr genau, was deren Aufgabe war, doch markiert diese städtische bzw. staatliche Initiative einen Wendepunkt, nämlich dass sich die Stadtverwaltung bzw. der Staat in das Verhältnis von Arbeit und Kapital als regulativ einschreibt. Es war eine erste Erkenntnis, dass sich das kapitalistische System allein mit Hunger und Terror nicht behaupten kann, sondern dass es zu dessen Aufrechterhaltung einen Garanten braucht, der die Klassenverhältnisse und die Reproduktionsbedingungen regelt, und der die Arbeiterschaft diszipliniert.

Mit diesem Schritt übernimmt der Staat Verantwortung ('he claims ownership over the workforce') für die Arbeiterklasse und ihre Reproduktion. Der Staat entlastet den Unternehmer von der Sorge um das Humankapital.

  • Seit dieser Zeit gibt es demografische Aufzeichnungen, Statistiken über Eheschließungen, Sterblichkeits- und Geburtenraten.
  • Es wird versucht die Verwaltung von Armut, sozial Schwachen und Kriminellen zu regeln. Dazu gibt es bis heute unterschiedliche Versuche und Ansätze.
  • In England wurden z.B. Arbeitshäuser eingeführt, in denen die die Menschen wie Zwangsarbeiter gehalten wurden (-> KZ-ähnliche Sterberaten).

Die Enteignungen in Verbindung mit den Preisexplosionen führte also innerhalb von etwa 100 Jahren zu einer Kriminalisierung der Arbeiterklasse, die, wenn sie sich nicht am Arbeitsplatz ausbeuten ließ,

  • entweder in Arbeitshäuser verbannt wurde oder
  • versuchen musste außerhalb des Gesetzes ihr Leben zu fristen.

Daher beschäftigte sich die politische Kaste im 16. und 17. Jhd. permanent mit sozialen Disziplinarmaßnahmen.


BEVÖLKERUNGSRÜCKGANG, WIRTSCHAFTSKRISE UND DIE DISZIPLINIERUNG DER FRAUEN

Innerhalb eines Jahrhunderts war Europas Traum von einem Heer billiger Arbeitskräfte ausgeträumt, denn die Europäer hatten den Tod nach Amerika gebracht: ca. 95 % der dort lebenden Bevölkerung waren im ersten Jahrhundert der Kolonisierung durch Krieg, Zwangsarbeit und Krankheiten vernichtet worden. Aber auch in Europa war das Bevölkerungswachstum rückläufig: Es gab die zweite große Bevölkerungskrise nach der Pest, nur starben jetzt vor allem die Armem an Hunger, Auszehrung, Krankheiten und Krieg. Kirche und Staat kritisierten die Armen für ihre mangelnde Bereitschaft sich zu vermehren.

Hier kommt Federici wieder auf den Begriff der Biomacht bei Foucault zurück, denn der Zusammenhang zwischen Arbeitskraft, Bevölkerung und Akkumulation von Reichtum wird hier offensichtlich, nur dass dies nicht (wie Foucault behauptet) am Ende der Hungersnot im 18. Jhd. festzumachen ist, sondern an der Bevölkerungskrise im 16. und 17 Jhd.

  • Es geschah also in dieser Zeit, dass Reproduktion und Bevölkerungswachstum zur Staatsangelegenheit (und zum intellektuellem Disput) wurden.
  • Und es geschah auch in dieser Zeit, dass die Verfolgung der "Hexen" zum neuen disziplinarischen Werkzeug wurde, mit dem der Staat Fortpflanzung regulieren und die Kontrolle der Frauen über die Reproduktion brechen konnte.
  • Damit einher ging auch eine ideologische Produktion, z.B.
    • die Behauptung der zentralen Rolle von Arbeit im Wirtschaftsleben. Kirche und Staat legten daher einen neuen Wert auf die Keimzelle für ihre Wertschöpfung und Reproduktion (Arbeit, Heirat, Familie, Kinderkriegen) und sie verdammten und verfolgten jede Art des Widerstands gegen diese Doktrin: lockeres Leben, Selbstbestimmung, Empfängnisverhütung.
    • die Behauptung, der Reichtum einer Nation sei an der Größe ihrer Bevölkerung zu messen. Für den Merkantilismus war die Verfügbarkeit der Bevölkerung der Schlüssel zum Reichtum einer Nation, Armut war deshalb nützlich und Faulheit eine Plage. Menschen sind für den Merkantilismus eine Art Rohmaterial ('workers and breeders'), aus dem er seinen Nutzen ziehen kann.

Der Protestantismus hat zu beiden Axiomen einiges beigetragen. so z.B. Luther, der sagte: Wie schwach Frauen auch sein mögen, sie haben einen entscheidenden Vorteil, nämlich einen Mutterleib, der Leben schenken kann.

Das ging schon damals einher mit Formen der Überwachung: Schwangerschaften mussten registriert werden, Spione schnüffelten Schwangerschaften unverheirateter Frauen aus, es war sogar illegal, eine unverheiratete schwangere Frau zu beherbergen. Abtreibung und Kindsmord waren die schwersten Vergehen und interessanterweise wurde deshalb (und wegen der Hexerei) das erste Mal in Europa der legale Status der Frau zu einer voll rechtsfähigen Person geändert. Auch wurde der Status der Hebammen revidiert und ihnen nun ein männlicher Doktor zur Seite gestellt.

  • Dazu wurde auch die Gemeinschaft der Frauen, die bei der Geburt anwesend war, aus dem Raum verdrängt und die die Doktoren wurden zu denen, die das 'Leben schenkten'.
  • Im Fall einer Komplikation bei der Geburt wurde das Leben des Kindes für wichtiger befunden als das der Mutter.
  • Um ihren Job zu behalten, wurden Hebammen zu Komplizinnen der Behörden.
  • Hinzu kam vermehrte soziale Kontrolle im Umgang zwischen den Geschlechtern, z.B. ob Frauen in Abwesenheit ihres Ehemannes einen anderen Mann getroffen trafen und ob dabei die Tür geschlossen war.

Anders als im Mittelalter, wo Frauen auch über die Geburt klare Kontrolle hatten, wurde nun Empfängnis, Schwangerschaft und Geburt von Männern, von Staat und Kirche kontrolliert.

  • Fortpflanzung wurde in den direkten Dienst kapitalistischer Akkumulation gestellt, der Mutterleib wurde öffentliches Territorium.
  • Frauen wurden als Gebärmaschinen gesehen, das war nicht viel anders als bei den schwarzen Sklavinnen Amerikas, nur dass Frauen in Europa nicht so offensichtlich sexuellen Übergriffen ausgesetzt waren (nur 'im Schoße der Familie') und dass sie nicht mit ansehen mussten, wie man ihnen das Kind wegnahm und es versteigerte (dafür kam es oft schon mit sieben Jahren in die Fabrik -> Kinderarbeit).).

Dieser Aspekt primitiver Akkumulation wurde von Marx nie behandelt, er sah Bevölkerungswachstum oder -Rückgang immer als 'natürlichen Effekt' der ökonomischen Umstände. Dabei ist Fortpflanzung ganz klar ein Bereich der Ausbeutung und deshalb auch ein Ort des Widerstands geworden. Denn die Weigerung sich fortzupflanzen kann auch zu einem Teil des Klassenkampfs werden. Marx fragte sich nie, ob Fortpflanzung etwas anderes als eine natürliche Gegebenheit sein könnte, und nicht etwa ein historisch und sozial determiniertes und determinierendes Phänomen, das Ausdruck verschiedener Machtinteressen ist.


ENTWERTUNG DER ARBEIT VON FRAUEN

Es kann nicht oft genug darauf hingewiesen werden, welch krasse Auswirkungen die Kriminalisierung der Kontrolle der Frauen über ihre Fortpflanzung hatte.

  • Es ist intensiv geforscht worden, um zu zeigen, wie profund das Wissen von Frauen damals war: über die ovulationshemmende und anti-spermizide Wirkung von Pflanzen, über deren Effekt auf die Regelblutung oder die Benutzung von Kräuterpessaren (-> John Riddle : Eve's herbs. A history of contraception in the west. 1997)

Diese Kriminalisierung entfremdete Frauen von einem Wissen, das von Generation zu Generation weitergegeben worden war und drängte dieses in den Untergrund (-> 'Hexen').

Es gilt hier festzuhalten, dass die Tatsache, dass Kirche und Staat den Frauen die Kontrolle ihrer Körper verboten hatte, ein physischer und psychischer Eingriff in die Integrität von Frauen war, dass somit Schwangerschaft der Status von Zwangsarbeit zugewiesen wurde und den Frauen lediglich die Sphäre von Reproduktionsarbeit blieb, was es in früheren Gesellschaften so nie gegeben hatte. Denn jetzt verloren Frauen überall den Boden unter den Füßen:

  • Ihre beruflichen Möglichkeiten wurden weiter beschränkt, meist auf Aktivitäten innerhalb des Hauses, die dann als Hausarbeit bezeichnet wurden und nicht bezahlt werden mussten, auch wenn diese Aktivitäten im Weben und Nähen für andere Leute bestanden.
  • Außerhalb des eigenen Hauses blieb lediglich Hausarbeit in anderen Häusern oder andere Dienstleistungen, die extrem schlecht entlohnt wurden.
  • Die einzige 'Karriere', die Frauen zugestanden wurde, war gut zu heiraten.
  • Der Verlust der Commons und der Verlust der damit verbundenen sozialen Rollen, die Nichtexistenz einer gleichberechtigten Rolle in Lohnverhältnissen, begünstigte auch die Ausdehnung der Prostitution.

Aber anders als im Mittelalter, wo Prostitution als notwendiges Übel akzeptiert und teilweise institutionalisiert gewesen war, und wo Prostituierte von den höheren Löhnen profitiert hatten, wurde die Situation im 16. Jhd. genau umgedreht. Die Vergewaltigung einer Prostituierten wurde nicht geahndet, die städtischen Bordelle schlossen bereits um 1540, Prostituierte wurden verfolgt, gequält und schwer bestraft. So gab es den 'ducking stool' – ein Stuhl oder Käfig, mit dem die Frauen mehrfach, bis zum beinahe Ertrinken, ins Wasser getaucht wurden.

Ein weiterer wichtiger Grund für die Entwertung weiblicher Arbeit war eine Kampagne der Handwerker, die Frauen aus ihren Werkstätten verbannen wollten, wahrscheinlich weil Frauen von Merkantilisten als billige Arbeitskräfte gebraucht wurden.

  • Petitionen in verschiedenen Städten forderten, dass es Frauen nicht erlaubt sein sollte, mit den Handwerkern in Wettbewerb zu treten.
  • Insofern blieb ihnen wieder nur die Arbeit zu Hause; und wenn es Frauen einmal wagten öffentlich zu arbeiten, dann wurden sie als Prostituierte und Hexen bezeichnet.
  • Die Misogynie des ausgehenden 15. Jhds. zeigt sich in verschiedenen männlichen Obsessionen wie z.B. dem 'Kampf um die Hosen', oder dem 'ungehorsamen Weib', das den Mann schlägt oder auf seinem Rücken reitet. Die Behörden spielten das Spiel mit, denn nur so konnte die Verbannung der Frauen an Heim und Herd bzw. in die schlecht oder unbezahlte Heimarbeit erfolgen.

FRAUEN ALS NEUE ALLMENDEN UND ERSATZ FÜR DAS VERLORENE LAND

Durch den Verlust der Commons und durch die Exklusion der Frauen aus akzeptablen Lohnverhältnissen wurden neue Geschlechterverhältnisse etabliert. Frauen wurden nicht mehr als Arbeiterinnen, sondern als Mütter, Frauen, Töchter und Witwen angesehen, auf deren Arbeit, Körper und Kinder man gratis zugreifen konnte.

Frauen wurden selbst so etwas wie der Ersatz des verlorenen Landes. Waren Frauen in der vorkapitalistischen Zeit den Männern unterworfen, so hatten sie doch Zugriff auf die Allmenden und auf andere gemeinschaftlichen Ressourcen, soziale wie wirtschaftliche. Nun, unter dem kapitalistischen Regime, wurden Frauen aber selbst zum Gemeingut, ihre Arbeit wurde als eine natürliche Ressource angesehen, die man sich leicht aneignen konnte und die außerhalb von Marktbeziehungen angesiedelt war.


DAS LOHNPATRIARCHAT

Wichtig in diesem Zusammenhang sind die Veränderungen, die sich innerhalb von Familienstrukturen herausbildeten. Die Familie schloss sich immer mehr von der Öffentlichkeit ab und wurde der wesentliche Ort für die Reproduktion von Arbeitskraft. Die Familie als der Gegenpol zum Markt wurde zum Instrument der Privatisierung aller sozialer Beziehungen und zum Ort, an dem sich die kapitalistische Disziplinierung, Ausbeutung der Arbeit von Frauen und patriarchale Herrschaft herausbildete und verfestigte.

  • In der bürgerlichen Familie wurde der Ehemann zum Repräsentanten des Staates, der die ihm Untergebenen (Ehefrau, Kinder, Hauspersonal) beaufsichtigte. Die Familie wurde zu einer Art Mikrostaat und Minikirche. Die Ehefrauen waren meist vom Familiengeschäft ausgeschlossen, ihnen wurde nur die Betreuung des Haushalts zugewiesen. Im Vergleich zur proletarischen Familie war es der Besitz an Eigentum, der dem Ehemann die Macht über Ehefrau und Kinder verlieh.
  • In der proletarischen Familie dagegen war es der Lohn bzw. der Ausschluss der Frau von einem Lohnverhältnis, der dem Mann die Macht verlieh.
  • Ein Beispiel dafür wäre Heimarbeit, bei der erwartet wurde, dass die Frau ‚mithilft‘, Waren für die Händler zu produzieren, während sie auch noch die Hausarbeiten übernehmen musste und zusätzlich die Arbeit, Kinder in die Welt zu setzen, die dann ihrerseits im Produktionsprozess der Waren mithelfen mussten.
  • Obwohl die Frauen Seite an Seite mitarbeiteten, war es lediglich der Mann, der den Lohn empfing. Auch in anderen Berufsbildern war der Mann berechtigt, den Lohn der Frau zu empfangen. Das machte es Frauen unmöglich, eigenes Geld zu haben.

Federici spricht in diesem Falle vom LOHNPATRIARCHAT und meint, man müsse auch das Wort LOHNSKLAVEREI ins richtige Licht rücken, denn es waren ja vor allem die Arbeiterfrauen, die unter sklavenähnlichen Bedingungen leben mussten.

Weil die Löhne der Männer meist nicht ausreichten, die Familie zu ernähren, mussten die Frauen zusätzlich andere Arbeiten annehmen.

  • ca. ein Drittel der weiblichen Bevölkerung arbeitete als Dienstbotin.
  • Die Rolle der „reinen“ Hausfrau bildete sich erst im 19. Jhd. heraus und war Konzepten der Effizienz von Arbeit geschuldet.

Die Arbeit von Männern und die Arbeit von Frauen differenzierte sich zunehmend aus.

  • Egal wie arm sie auch waren, männliche Arbeiter konnten immer von der Arbeit ihrer Frauen profitieren.
  • Oder sie mieteten sich Prostituierte, die damals auch oft den Haushalt versahen und sexuelle Dienste leisteten. Die Kriminalisierung von Prostitution gab den Männern absolute Verfügungsgewalt über die Frauen, denn sie brauchten nur öffentlich zu machen, dass es sich bei der Beziehung um ein Geldverhältnis handelte.

DIE ZÄHMUNG DER FRAUEN UND DIE NEUDEFINITION VON MÄNNLICHKEIT UND WEIBLICHKEIT: FRAUEN – DIE WILDEN EUROPAS

Die Widerständigkeit von Frauen gegen ihre Entmachtung und permanente Erniedrigung wurde von Männern verächtlich gemacht. Frauen galten als ‚aufmüpfig‘ und sollten ‚gezähmt‘ werden. Die entsprechenden sozialen Codes wurden durch Gesetze, aber auch durch Literatur geprägt.

  • Der Hauptgrund, warum Frauen auf jedem Gebiet sozialen Lebens den Boden unter den Füßen verloren, war eine ständige Erosion von Gesetzen, welche die Rechte von Frauen regelten.
    • Vor allem verloren Frauen das Recht, wirtschaftliche und gerichtliche Vorgänge allein zu regeln. Frauen wurden diesbezüglich schlichtweg entmündigt, in allen Bereichen brauchten sie Männer, die die Belange für sie regelten.
    • Weiters verloren Frauen, speziell in den Mittelmeerländern, sämtliche Präsenz in der Öffentlichkeit. Wegen dem andauernden Gespött der Männer und angeblich zur Vorbeugung gegen sexuelle Übergriffe sollten Frauen zu Hause bleiben, aber auch nicht vor den Häusern oder hinter den Vorhängen sitzen, weder Freundinnen noch Eltern besuchen.

Die geschlechtsspezifische Trennung der Arbeit löste auch eine Debatte über die Natur weiblicher Tugenden und Laster aus, die vor allem auch literarisch geführt wurde.

  • Insgesamt wurden die Unterschiede zwischen den Geschlechtern mehr betont und femininere bzw. männlichere Prototypen herausgearbeitet.
  • Frauen galten als minderwertig, sie mussten der Kontrolle der Männer unterstellt werden.
  • Ob von der Kanzel predigend oder in ihren Schriften – Humanisten, protestantische Reformer, Katholiken – alle verunglimpften sie die Frauen.
  • Es hieß, Frauen seien irrational, eitel, wild und verschwenderisch, ihre Zunge sei ein Instrument der Aufmüpfigkeit.
  • Die widerspenstige Frau, die Zicke, die Hexe, die Hure – das waren die Hauptthemen der Literatur der Zeit. So gesehen war auch Shakespeares 'Der widerspenstigen Zähmung' ein Manifest dieses Zeitalters. (Federici führt auf S. 101 mehr von dieser Art von Literatur an).

Mittlerweile wurden neue Gesetze erlassen, die das Verhalten innerhalb und außerhalb des Hauses regeln sollten. Im Europa der Aufklärung wurden Frauen als Zicken bezeichnet, Prostituierte (oder die man dafür hielt) wurden öffentlich ausgepeitscht und in Käfigen untergetaucht, es gab die Todesstrafe für (weiblichen) Ehebruch.

All diese Regelungen und Gängelungen wären ohne das Terrorregime der Hexenjagd nicht möglich gewesen. Wirtschaftlich, sozial, kulturell und politisch gesehen, stellte die Hexenjagd den entscheidenden Wendepunkt dar, nach dem sich das Leben von Frauen drastisch veränderte.

  • Sie war die große historische Niederlage,
  • das Ende einer zumindest teilweise matriarchalen Welt, denn alles Wissen, alles Soziale und alles Know-how von Frauen, alles was im Kampf gegen die Feudalherrschaft eigentlich erfolgreich eingesetzt worden war, ging nun verloren.

Aus dieser Niederlage heraus entwickelte sich ein neues Frauenbild: Die ideale Frau und Mutter – passiv, gehorsam, sparsam, still, keusch und immer treu und fleißig den Haushalt versorgend.

  • Nach einer 200-jährigen Terrorwelle gegen Frauen setzte sich diese veränderte Rolle am Ende des 18 Jhds. durch.
  • Die anderen Rollen, die zu Zeiten der Hexenverfolgung hilfreich gewesen waren, wurden nun wie stumpfe Werkzeuge fallen gelassen.
    • Denn während der Hexenverfolgungen waren die Frauen wilde Wesen, umnachtet, unersättlich lüstern, aufrührerisch, widerspenstig, unkontrolliert.
    • Aber am Ende des 18. Jhds. war der Kanon ganz umgedreht: Frauen waren passive asexuelle Wesen, dienstbeflissener und moralischer als Männer und sogar fähig auf diese einen positiven Einfluss auszuüben. Sogar ihrer Irrationalität konnte man noch eine gute Seite abgewinnen, nämlich den Mutterinstinkt, der sie dazu antrieb, trotz Nachteilen von Schwangerschaft, Geburt und Aufzucht weiterhin eines zu tun: Reproduzieren!

KOLONISIERUNG, GLOBALISIERUNG UND FRAUEN

Die Antwort auf die Bevölkerungskrise in Europa war die Unterwerfung der Frauen unter das Joch der Reproduktion, während es in Amerika der Sklavenhandel war, der den herrschenden Klassen in Europa eine riesige Menge an Arbeitskraft zuführte.

  • So steigerte man die Produktivität, z.B. verdoppelte sich die Zuckerproduktion in Brasilien alle zwei Jahre. Das Gold und Silber aus Übersee gab den europäischen Frühkapitalisten einen ungeahnten Auftrieb und Zugang zu Arbeitskraft, Land, Waren und Ressourcen.
  • Aber der wahre Reichtum war die durch Sklavenhandel akkumulierte Arbeitskraft.

Sklaverei und Sklavenhandel waren für die europäische Arbeiterschaft ein reines Unglück, denn durch diese globale Dynamik wurden ihre Löhne niedrig gehalten.

  • In den Kolonien wurde eine neue "Ausbeutungswissenschaft' entwickelt, denn Sklavenhaltung war auch ein Experimentierfeld für die Art und Weise
    • wie man Arbeiter kontrolliert, gefügig macht und zurichtet, welche Rechte man ihnen gibt bzw. wie man sie entrechtet.
    • wie Arbeit und Arbeiter geplant, organisiert, rhythmisiert und kontrolliert werden.

Es entstand ein exportorientiertes Arbeitsmanagement. Die wirtschaftliche Integration und Synchronisation zweier Arbeitssysteme (in Europa und Übersee) ist seither für den globalen Kapitalismus paradigmatisch.

  • Der Gebrauch von Migration und Globalisierung, um Arbeitskosten zu sparen, entspricht heute wie damals einer internationalen Arbeitsteilung:
  • Die Integration billig hergestellter Waren (damals Sklavenarbeit, heute Sweatshops) in die Reproduktion der europäischen Arbeitskraft sowie die räumliche und soziale Trennung der Sklaven und der Lohnarbeit (damals).
  • Es wurde ein 'globales Fließband' installiert, das billig produzierte Waren nach Europa beförderte, damit dort die europäischen Arbeiter billig arbeiten und sich reproduzieren konnten.

So wurden Sklaven und Lohnarbeiter in einer Art miteinander verknüpft, die für heute das Muster liefert.

  • Durch die europäische städtische Lohnarbeit wurden die billig produzierten Waren auf den Markt gebracht, wo sie dann die drastischen Gewinne erzielten, die durch die Ausbeutung der Sklavenarbeit möglich wurden.

Genauso wie es bei der 'unsichtbaren' Hausarbeit der Fall war, wurde die Arbeit der Sklaven in die Produktion und Reproduktion der europäischen städtischen Lohnarbeit integriert, wobei die Unternehmergewinne sowohl aus der Arbeit dieser (schlecht bezahlten) Lohnarbeiter als auch aus der (dadurch verdeckten) Arbeit der Sklaven stammten.

Die Frage, ob die europäischen Arbeiter viel von diesen Prozessen wussten und ob sie z.B Übersee-Produkte boykottierten (-> Beispiel bei Linebaugh, Die vielköpfige Hydra) ist schwer zu beantworten.

Wichtig ist, dass europäische Deportierte und Zwangsarbeiter oft mit den Ureinwohnern und Sklaven und entlaufenen Sklaven gemeinsame Sache machten, gemeinsam gegen die Unterdrücker und Sklavenhalter kämpften und gemeinsam auch das realisierten, was in Europa das große Versprechen der 'schönen neuen Welt' war, nämlich ein freies Leben ohne Plackerei, ohne Herren, ohne Gier, wo zwischen 'mein' und 'dein' nicht mehr unterschieden wurde, wo 'alles allen gehört' (omnia sunt communia).

  • Kein Wunder, dass politische Theorie von diesen Möglichkeiten beeinflusst war und dass viele diesen Utopien folgten.
  • Allerdings wurde gerade das 'gemeinsame Sache machen' von den Kolonisatoren rücksichtslos verfolgt und ausgemerzt.
  • Der größte Trick war (wie immer, wie auch bei der Etablierung von Geschlechterunterschieden), Differenzen und Zwietracht in die Gemeinschaften zu tragen, unterschiedliche Gesetze für Europäer, Einheimische, Weiße, Bunte und Schwarze zu erlassen, die den weißen Europäern Privilegien gaben und ihnen signalisierte, sie seien etwas Besseres (-> siehe auch Herrschaft im KZ)
  • WEISS wurde nicht nur ein synonym für 'frei', sondern für die Legitimation sozialer Hegemonie

(Beispiel hierfür liefert auch Shakespeares The Tempest / Der Sturm.)


GESCHLECHT, RASSE UND KLASSE IN DEN KOLONIEN

Wäre denn Calibans Verschwörung erfolgreicher verlaufen, wenn sich Sycorax, seine Mutter und mächtige algerische Hexe, mit ihren Geschlechtsgenossinnen verbunden hätte, die zur selben Zeit in Europa verbrannt wurden?

Das ist natürlich nur eine rhetorische Frage, um zu untersuchen, inwieweit die gemeinsame Erfahrung sexueller Diskriminierung zu Allianzen zwischen den Frauen Amerikas geführt hat. Es mag zwar eine gewisse Solidarität zwischen den weißen deportierten Frauen und schwarzen Sklavinnen gegeben haben, weil sie Seite an Seite arbeiten mussten, aber durch die Institutionalisierung der Sklaverei trennten sich ihre Wege sehr bald aufgrund rechtlicher und sozialer Differenzierungen. Weiße Frauen heirateten (bzw. wurden verheiratet) innerhalb der weißen Hierarchien und Ränge, auch hatten sie dann womöglich selbst Sklaven und Sklavinnen, die ihnen Arbeit abnahmen. Heirat und Sex mit schwarzen Männern war ihnen verboten, und wenn Kinder solchen Allianzen entsprangen, wurden sie als Sklaven verkauft.

  • In Nordamerika wurde Rassentrennung gesetzlich verankert und eine rassistische Gesellschaft von oben nach unten durchgesetzt.
  • "Teile und herrsche" hieß es auch in Südamerika, aber dies war schwieriger, denn die gesellschaftliche Vermischung durch Migration, Bevölkerungsrückgang, indigene Revolten und ein weißes städtisches Proletariat war schon viel weiter fortgeschritten. Dennoch wurden rassische Hierarchien und Gesetze eingeführt, die zwischen Indigenen, Mestizen, Mulatten und der weißen Bevölkerung trennen sollten.
  • Traditionelle und hybride Glaubenssysteme liefen in Südamerika parallel zu denen der Kirche.
  • Speziell zwischen Frauen gab es viel interkulturellen Austausch bezüglich traditioneller magischer Rezepte, zwischen afrikanischen, europäischen und indigenen Mythen und Riten, Liebestränke, Heilmittel etc.
  • Es gelang, dass Frauen, die sich in einer ähnlichen Situation befanden, ihre Erfahrungen, ihr traditionelles, aus verschiedenen Kulturen stammendes Wissen und Know-how austauschen und dadurch ihre Reproduktionsarbeit besser kontrollieren und gegen sexuelle Diskriminierung kämpfen konnten.

Es zeigt sich an spezifischen Fällen, dass die Diskriminierung aufgrund von Geschlecht und Rasse ein typisch europäisches Produkt ist:

  • z.B. in Mexiko und Peru, wo Frauen durch die spanischen Behörden ihrer Autonomie beraubt wurden. Es wurden einfach neue Gesetze eingeführt, die besagten, dass eine Frau bei der Heirat das Eigentum ihres Ehemannes wurde. Frauen mussten deshalb auch ihren Ehemann begleiten, wenn dieser zur Zwangsarbeit (Mita-System) eingezogen wurde. (-> S. 111)
  • Ein anderes Beispiel bei den Naskapi-Indianern im Norden Kanadas zeigt, wie die Franzosen dort Privateigentum, männliche Überlegenheit, Monogamie und das Schlagen und Bestrafen von Kindern einführten. (-> S. 110/111)

Bis zum Ende des Sklavenhandels war die Arbeits- und Geschlechtertrennung in Amerika nicht stark ausgeprägt, denn die Plantagenbesitzer fanden es profitabler, die Sklaven zu verbrauchen (d.h. durch Arbeit zu vernichten), als deren Reproduktion zu befördern. Man könnte ironisch sagen, dass Frauen in der Sklaverei etwa den gleichen Status erreicht hatten wie die Männer der gleichen Klasse. Aber trotzdem wurden sie nicht gleich behandelt, sie bekamen weniger zu essen, mussten sexuelle Belästigungen und Übergriffe der Sklavenhalter dulden.

Erst als 1865 (Datum von mir geändert, stimmt dann auch der Kontext?) die Sklaverei offiziell abgeschafft wurde, begannen die Plantagenbesitzer in Nordamerika und in der Karibik mit einer Art von 'Sklavenzucht', d.h. je nach Bedarf sollten Frauen gebären oder eben nicht.

Speziell in der Karibik gelang es Frauen, ihre Rolle zunehmend selbst zu bestimmen, auch in Zusammenhang mit der Bewirtschaftung der sogenannten 'provision grounds', die den Sklaven zugestanden wurden, um sich selbst zu versorgen. Der Verkauf von Überschüssen aus den provision grounds etablierte ein Nebengeschäft und ließ halb legale Märkte entstehen.

Karibischen Sklavinnen gelang es, auch die Kultur der Weißen zu beeinflussen, sowohl als Heilerinnen, Wahrsagerinnen und Expertinnen magischer Rituale, wie auch in den Küchen und Betten ihrer Herren. Selbst weiße Arbeiterinnen übernahmen den Stil und den Habitus dieser Frauen. In der Karibik gelang es, ein gewisses weibliches Selbstverständnis herzustellen, das auf Überlebensstrategien und Netzwerken der Frauen gegründet war.

Dies begründete nicht nur eine neuen weibliche Identität, sondern legte auch die Grundlagen für eine neue Gesellschaft, die – gegen den kapitalistischen Versuch, Mangel und Abhängigkeiten zu errichten – Frauen die Wiederaneignung wirtschaftlicher Subsistenz erlaubte. Das bedeutete Land, Nahrung und generationsübergreifende Weitergabe von Wissen und Zusammenarbeit in die Hände von Frauen zu legen.


KAPITALISMUS UND DIE TRENNUNG NACH GESCHLECHT UND ARBEIT

Als eine Art Zusammenfassung:

Primitive Akkumulation hat eine neue patriarchale Ordnung hervorgebracht und Frauen zu unbezahlten Dienstmädchen der männlichen Arbeiterschaft gemacht.

Die Trennung nach Geschlecht und geschlechtsspezifischer Arbeit legte nicht nur die Rollen und Aufgaben fest, die Frauen und Männer erfüllen sollten, sondern auch ihre Beziehungen zueinander, ihre Beziehung zu ihrem Leben, zu ihrer Umwelt und zu Herrschaftsverhältnissen und Wirtschaftssystemen.

Die internationale Aufteilung der Arbeit war zusammen mit der geschlechtsspezifischen Aufteilung der Arbeit vor allem eine Aufspaltung der Arbeiterklasse und ein unglaublicher Anschub kapitalistischer Akkumulation.

Das muss betont werden, denn die Vorteile, die der Kapitalismus aus der Unterscheidung zwischen Landarbeit und Fabrikarbeit erwirtschaftete, verblassen, wenn sie ins Verhältnis zur Abwertung der Frauen, ihrer Arbeit und ihrer sozialen Position gesetzt werden.

Die Unterschiede in den Machtverhältnissen zwischen Männern und Frauen und das Verheimlichen der unbezahlten Arbeit der Frauen (unter dem Deckmantel natürlicher Unterlegenheit) haben es dem Kapitalismus erlaubt, den unbezahlten Teil des Arbeitstages drastisch auszudehnen und mithilfe des (wenigen) männlichen Lohnes auch noch die unbezahlte Arbeit der Frauen zu akkumulieren.

In vielen Fällen konnten dann Klassenwidersprüche zu Widersprüchen zwischen Männern und Frauen werden.

Insofern ist die primitive Akkumulation vor allem eine Akkumulation der Unterschiede, Ungleichheiten, Hierarchien, Trennungen, die die Arbeiter voneinander, ja sogar von sich selbst entfremdet haben.

Wie wir gesehen haben, sind männliche Arbeiter oft Komplizen dieser Prozesse. Sie haben versucht, ihre Macht gegenüber dem Kapital zu bewahren, indem sie Frauen, Kinder und die kolonisierte Bevölkerung abgewertet und mitgeholfen haben, sie zu disziplinieren. Aber die Macht, die sie durch ihre Lohnarbeit und durch ihren Beitrag zur kapitalistischen Akkumulation über Frauen gewonnen haben, wurde mit einem hohen Preis bezahlt: Mit der Entfremdung von sich selbst, mit einer primitiven Dis-Akkumulation, d.h. mit der Auflösung und Preisgabe ihrer individuellen und kollektiven Kräfte.

In den folgenden Kapiteln untersucht Federici diesen Prozess der Dis-Akkumulation, indem sie der Frage nachgeht, wie der proletarische Körper geformt, deformiert und in eine Arbeitsmaschine verwandelt wurde, wie Frauen als Hexen denunziert und verfolgt wurden und wie in Europa und in der neuen Welt Wilde und Kannibalen erschaffen wurden.


==== -^- DER GROSSE CALIBAN


­­Federici stellt die These auf, dass der menschliche Körper (nicht die Dampfmaschine oder die Uhr) die erste Maschine war, die vom Kapitalismus entwickelt wurde.

Voraussetzungen für die Entwicklung des Kapitalismus:

  • Disziplinierung des Körpers
  • Rationalisierung des menschlichen Wesens
  • Umwandlung und Neukanalisierung der Kraft/Stärke des Individuums in Arbeitskraft
  • Menschen als das den höchsten Ertrag bringende Betriebsmittel.

Entstehung der Arbeiterklasse, der neuen Unterschicht in West-und Mitteleuropa im 16./17. Jhd.

Beginn des Zeitalters der Vernunft, des Skeptizismus und des methodischem Zweifels

die WISSENSCHAFTLICHE RATIONALISIERUNG war eng verbunden mit dem Aufzwingen der Kontrolle über eine unwillige Arbeitskraft.

Auswirkungen der Protestantischen Reformation + Aufstieg der Handelsbourgoisie

Enteignung der Landbauern, der Auflösung der Allmende und des Lehnswesens

Die potentielle Arbeitskraft, die in der Masse der Besitzlosen steckte, die sich nun als Lohnarbeiter dem Meistbietenden verdingen sollten, war nicht sofort als solche einsetzbar, da dieser neuen Einordnung zunächst immenser Widerstand entgegenstand. Die Leute riskierten lieber den Galgen und zogen als Bettler, Vagabunden und Gauner durch die Gegend, als sich den neuen Arbeitsbedingungen der Lohnarbeit unterzuordnen.

Praktisch: -> Ein Großteil der Leichen diente den einsetzenden anatomischen Studien und damit der Entwicklung eines Bewusstseins für die Funktionszusammenhänge des menschlichen Organismus.

ANATOMIE entsteht als wissenschaftliche Disziplin (Verweise schon im mittelalterlichen Intelligenziauntergrund). Im 17. Jhd. wurden anatomische Analogien gezogen von den Arbeitsstätten der Manufakturarbeiter: Körper als Fabrik: Arme als Hebel, Herz als Pumpe, Lunge als Blasebalg, Augen als Linsen, Faust als Hammer

Es gab zwei verschiedene Körperkonzepte:

  • MAGISCH: Der Körper ist ausgestattet mit Macht und Kraft sogar nach dem Tod -> Angst vor Sezierung, keine Möglichkeit der Wiederkehr nach dem Tod. Leichen wurde eine heilende Wirkung nachgesagt. Es gab immer eine Traube kranker Leute, die um die Galgen versammelt war.
  • MECHANISCH: Körper, der schon lebendig als tot angesehen wurde.

Anatomisches Theater: Öffnung als eine öffentliche Zeremonie, ähnlich wie eine Theatervorführung (Teilung der Stunden in verschiedene Phasen, bezahltes Ticket für den Eintritt, Verhaltensregulierung von Teilnehmer/Zuschauern und den Produzierenden). -> Entstehung allg. Theatertechniken in Anlehnung daran.

Die „schlafenden Energien“, die in der enteigneten, umherziehenden Masse lagen, richteten sich gegen die aufstrebende Handelsbourgoisie und den Geldadel, kurzum gegen die Besitzenden, die sich wiederum durch vermehrten Diebstahl und Raub immer unsicherer fühlten.

TERRORREGIME: 'BLOODY LAWS'

Verbote und Ausmerzen jeglicher „unnützer“ Tätigkeiten, da sie das individuelle Verantwortungsbewusstsein und die großkapitalistische Arbeitsmoral unterminierten. Dieses Vorgehen ebnete den Weg für ein Denken, das sich nur noch auf die Arbeit als höchsten, da den einzigen und damit existentiellen Wert ausrichten sollte.

Soziale Gesetzgebung in der Mitte des 16. Jhds. in England und Frankreich:

  • Spieleverbot, insbesondere Glücksspiele
  • Tavernen wurden geschlossen
  • Nacktheit wurde bestraft genau wie viele andere unproduktive Formen der Sexualität und Geselligkeit
  • Verbot zu Trinken, zu Fluchen, zu Verfluchen
  • Intensivierung der Strafen, insbesondere bei Eigentumsdelikten
  • Multiplizierung der Exekutionen
  • Angriff auf Okkultismen wie Hexerei, Magie, Astrologie, Wahrsagerei, Aberglaube und dem geheimnisvollen/magischen Blick auf die Welt, sowie auf das animalische natürliche Konzept von Welt

MAGIE ALS QUELLE SOZIALEN UNGEHORSAMS

Magic kills industry (Francis Bacon)

Zerstörung eines vorkapitalistischen Glaubens, seiner Ausübungen und seiner Existenzen:

  • Der Kosmos als lebendiger Organismus, bevölkert von geheimnisvollen Mächten, in dem jedes Element in einer mitfühlenden, mitschwingenden Beziehung zum Rest ist.
  • Natur als ein Universum von Zeichen, die unsichtbare Affinitäten/Neigungen bezeichnen, die entziffert werden können. Jedes Element versteckt Fähigkeiten und Mächte in sich – Blätter, Pflanzen, Metalle, und das Meiste des menschlichen Körpers.
  • Es gab Glückstage und Pechtage, Tage für Schwangerschaft, Tage zum Reisen und andere, an welchen man sich nicht von zu Hause wegbewegen sollte, Tage fürs Heiraten etc.
  • Übernatürliche Kräfte: Der magnetische Blick, sich selbst unsichtbar machen, sich an zwei Plätzen gleichzeitig befinden können, seinen Körper verlassen, den Willen anderer zu fesseln durch eine magische Zauberformel/ Beschwörung.
  • Die Hexenverfolgung war der Höhepunkt der staatlichen Intervention gegen den proletarischen Körper in der beginnenden Moderne:
  • Verdammung von Abtreibung und Empfängnisverhütung als Maleficium (lat. übles Werk: Schadenszauber, Magie, Hexerei), die sich dann auf den weiblichen Körper übertrug.
  • Der Uterus wurde reduziert auf eine für die Reproduktion von Arbeit zuständige Maschine in den Händen des Staates und des medizinischen Standes.

Konzeptualisierung des Körpers

  • Ziel: Einheitliches und vorhersehbares Verhalten (Arbeitsprozess ist abhängig von solchem Verhalten).
  • Kontrolle der herrschenden Klasse über die natürliche Welt, das menschliche Wesen klassifiziert und degradiert den Körper
  • Fähigkeiten -> Unterwerfung/Abhängigkeit/soziale Nützlichkeit
  • System der Vorhersehbarkeit: Verhalten wird berechnet, organisiert, in Machtverhältnisse investiert

Der Körper wird der ihm innewohnenden Teleologie beraubt, die ihm von der natürlichen Magie oder dem gemeinen Aberglauben zugesprochen werden.

Körper von der Person getrennt = Entfremdung (Marx). Der Arbeiter muss beständig auf seine Arbeitskraft (seine Energien, Fähigkeiten) achten und wird zum Objekt.


DESCARTES -> CARTESIANISMUS

Der Körper: „eine reine Ansammlung von Mitgliedern“, eine rohe Angelegenheit, vollständig getrennt von vernünftigen, verstandesmäßigen Qualitäten

Treatise of Man (De homine, 1662), = Anatomisches Handbuch, physiologisch und psychologisch:

  • Körperliche Eigenschaften und Triebwerke und Bewegungen, Blutzirkulation, Dynamik der Sprechweise, Einflüsse und Auswirkungen der Gefühle und Empfindungen und Sinneseindrücke.
  • Absichtliche und unwillkürliche Bewegungen, klassifiziert in all ihren Komponenten und Möglichkeiten

Unsterblichkeit der Seele

  • Präsenz des Gedanken/des Gedachten als Hauptunterschied zu Tieren, die keine Seele haben wie die unsere,
  • Studium tierischer Organe: Vivisektion, als Sezierung am lebendigen Körper von Tieren, die keine Schmerzen fühlen können, da sie keine Seele haben.

KARTESISCHER DUALISMUS: Die Seele ist zu vollkommener Souveränität über den Körper fähig und Zentrum der Macht. Der Mensch ist verantwortlich für all seine Handlungen, das externalisierte Rationale selbst ist die Essenz des Menschen. -> Der denkende Kopf und die Körpermaschine

AUTONOMER WILLE: Der Wille kann die Bedürfnisse, Reaktionen, Reflexe des Körpers kontrollieren, einen geregelten Ablauf der Lebensfunktionen erheben, den Körper – unabhängig von seinen Wünschen – zwingen, nach äußeren Vorgaben zu arbeiten. Menschliches Verhalten kann nicht von externen Faktoren wie z.B. den Sternen manipuliert werden. Disziplin ist nicht mehr nur von einem äußeren Zwang abhängig.

Hierarchische Beziehung zwischen Verstand/Geist/Kopf und Körper.

Verteidigung und Manifestierung der Unsterblichkeit der Seele

Christentum: Verteidigung der Religion

Möglichkeit, den Atheismus/ die Ungläubigkeit zu besiegen inklusive der natürlichen Magie: Intellektuelle Rechtfertigung + Wiederherstellung der aktiven Seite der natürlichen Magie = Seele

Im Vormärz religiöser Toleranz formt und legitimiert der Cartesianismus das vorherrschende Weltbild, sowie die Beziehung zwischen Mensch und Natur in der Mittel- und Oberschicht: Es geht um Selbstbeherrschung.

URSPRÜNGE DER BÜRGERLICHEN SUBJEKTIVITÄT: Selbstmanagement, Mündigkeit, Bestimmtheit, Selbstdisziplin, Selbstorganisation, Selbstbeherrschung, Verantwortung, Konstrukt des Gedächtnisses, Konstruktion der Identität

Die Vernunft spielt dabei die Rolle des Richters, Inquisitors, Managers, Verwalters.


HOBBES

Körper als eine Ansammlung von mechanischen Bewegungen. Er ist nicht autonom, er operiert auf der Basis einer externen Ursache, in einem Spiel zwischen Anziehung und Aversion, wo alles wie in einem Automaten reguliert wird.

Entwicklung von der Kompetenz der Selbstkontrolle in der Person.

Gewissen als Voraussetzung sozialer Regierbarkeit. Aufruf zur Vernunft. Eine zweischneidige, gefährliche Waffe/Schwert

Das eigene Verhalten vom individuellen Gewissen verwalten zu lassen und dieses Gewissen zum ultimativen Wahrheitsrichter zu machen -> radikalisiert -> anarchische Verweigerung der errichteten, vorherrschenden, etablierten Autoritäten.

Beispiele: Diggahs und Prediger und der Kern der mechanischen Priester, die in der Erleuchtung der staatlichen Gesetzgebung und dem Privatbesitz entgegenstanden. Der Aktivismus von puritanischen Sekten während des englischen Bürgerkrieg hat gezeigt, dass Selbstbeherrschung zu einer leicht zu unterlaufenden subversiven Absicht werden kann.


PURITANISCHE SEKTEN:

Analyse von Neigungen und individuellen Begabungen – Grenzen der Imagination, Wirksamkeiten der Gewohnheit, Nutzen/Benutzung von Angst, wie man bestimmte Emotionen/Leidenschaften vermeidet oder wie sie neutralisiert werden können und wie sie rationeller nützlich gemacht werden können, psychologische Tendenzen, Neigungen des Individuums, Laster und Tugenden.

Konzeption des Körpers als ein Behältnis für versteckte Gefahren und Schmutz –Exkremente als ein sichtbares Zeichen der Verdorbenheit des Körpers, Symbole für die kranken Verstimmungen, von denen man annahm, dass sie im Körper wohnen, worin man die widernatürlichen Tendenzen ansiedelte.

Unterwerfung des Körpers als eine tägliche Praxis, Entsagung des Körpers im Asketentum des Mittelalters, Erniedrigung (eine rein ablehnende Funktion), Einführung des Konzepts von einem temporären und illusorischen Wesen der irdischen Freuden.


DIE GEBURT DES INDIVIDUUMS IN DER KAPITALISTISCHEN GESELLSCHAFT

Die Entfremdung vom Körper führt zur individuellen Identität.

Der Körper als eine fremde Realität, die man bemisst/abschätzt, entwickelt und auf Abstand hält, um von ihm die gewünschten Ergebnisse zu bekommen = Alter Ego, historischer Konflikt zwischen Körper und Geist (Gegenspieler).

Konflikt zwischen der Vernunft/ Verstand/ Kopf und der Leidenschaft des Körpers.

Kräfte/ Stärken der Vernunft: Sparsamkeit,Vorsicht, Verantwortungsbewusstsein, Selbstkontrolle/ Zurückhaltung/ Selbstdisziplin.

Niedere Triebe/ Instinkte des Körpers: Lüsternheit, Eitelkeit, systematische Zerstreuung, Verschwendung, Vergeudung vitaler Lebensenergien.

Gleichmachung (Homogenisierung) von sozialem Verhalten. Konstruktion eines Individuums, dem sich alle anpassen sollten.

Festmachung des Körpers in Zeit und Raum -> zeitlich-räumliche Identifikation des Individuums. (Magie beruhte auf einer qualitativen Konzeption von Raum und Zeit, die einen regulierten Arbeitsprozess unmöglich machte.)

  • FOLTERKAMMERN waren Laboratorien, in denen man viel über den Körper erfuhr.

Dieselben anatomischen Untersuchungen, die am individuellen Einzelkörper durchgeführt wurden, wurden jetzt am SOZIALEN KÖRPER erforscht durch die Erhebung von Populationen und ihrer Entwicklung/Bewegung.

Politische Arithmetik (William Petty): Neue Wissenschaft, die jede Form sozialen Verhaltens in Nummern, Gewichtung und Maße einteilt.

Entwicklung der Statistik und Demographie: Prophezeiungen wurden durch Wahrscheinlichkeitsberechnungen ersetzt.

Die Geburt des Körpers im 17. Jhd. markiert auch sein Ende.

SPRACHBILDER: 'The great multitude of men'

Die große Masse an Menschen ähnelt Maschinen = Träger von Arbeitskraft / Produktionsmittel / Arbeitsmaschinen, da ihnen jegliche Vernunft fehlt.

Proletariat als 'great beast': ein vielköpfiges Monster, wild, exzessiv, lärmend. Rein instinktive, animalische Wesen. Ekelhafte Monster der Trägheit, Untätigkeit, Trunkenheit, der unkontrollierten Leidenschaften, Gefühle, grenzenlosen Fantasien, explodierend in tobenden Aufständen. Undiszipliniertheit, fehlende Produktivität, Unmäßigkeit, Lust nach sofortiger körperlicher Befriedigung -> Schlaraffenland anstelle des Arbeitslebens.

Wie Caliban personifizierte das Proletariat die krankhaften Verstimmungen im sozialen Körper. Der Körper begann Ekel und Ablehnung hervorzurufen. Ekel, den die Mittelklasse für den Körper zu fühlen begann, für die nichtproduktiven Aspekte des Körpers: Der Körper ist voll von Schmutz. Exkremente konfrontierten die Menschen mit ihrer animalischen Seite.

Einführung von MANIEREN, die versuchten zu regulieren, wie man lachen sollte, gehen, niesen, wie man sich bei Tisch benehmen sollte, in welchem Ausmaß man singen sollte, Witze machen, Spielen ... Benutzung von Besteck, Entwicklung von Scham in Bezug auf Nacktheit.


==== -^- THE GREAT WITCHHUNT IN EUROPE


EINFÜHRUNG

Die Hexenjagd erscheint kaum in der Geschichte des Proletariats. Bis heute bleibt sie eines der am wenigsten erforschten Phänomene in der Europäischen Geschichte oder sogar in der Weltgeschichte. Die Anklage der Teufelsverehrung wurde von Missionaren und Eroberern als ein Werkzeug für die Unterwerfung der örtlichen Bevölkerung in die Neue Welt gebracht. Dass die Opfer meistens Bäuerinnen waren, kann vielleicht dazu beigetragen haben, dass die Historiker diesem Genozid gleichgültig gegenüberstanden, eine Gleichgültigkeit, die an Komplizenschaft grenzt, da die Vernichtung der Hexen seit damals immer noch dazu beiträgt, ihre körperliche Eliminierung zu trivialisieren, indem man annimmt, dass dies ein unbedeutendes Phänomen, wenn nicht gar eine volkstümliche Angelegenheit war.

Fast nur ausschließlich Männer haben sich in der Vergangenheit mit der Aufarbeitung der Hexenjagd beschäftigt = angemessene Erben der Dämonenforscher des 16. Jhds.!

Obwohl sie die Hexenausrottung missbilligten, bestanden jedoch viele darauf, sie als bemitleidenswerte/ jämmerliche Dummköpfe darzustellen, gepeinigt von Halluzinationen, „entehrt oder frustriert in der Liebe“ oder sogar als Perverse, denen es Spaß machte, ihre männlichen Inquisitoren mit ihrer sexuellen Fantasie zu provozieren.

Mary Daly zitiert aus 'The history of Psychatry' (F.G. Alexander, S.T. Selesnick):

Beschuldigte Hexen spielten oftmals in die Hände der Verfolger. Eine Hexe enthüllte ihre Schuld dadurch, dass sie ihre sexuellen Fantasien vor Gericht gestand. Sie erreichte erotische Genugtuung, indem sie diese Details vor ihren männlichen Anschuldigern preisgab. Diese „ernsthaft gestörten Frauen“ waren besonders anfällig dafür, zuzugeben, dass sie Dämonen und Teufel in sich trügen und mit bösen Geistern zusammenlebten, so wie gestörte Individuen heutzutage, die sich beeinflusst von Zeitungsüberschriften einbilden, selbst gesuchte Mörder zu sein. (Daly 1978:213)

... Sodass ihre Verfolgung als ein Prozess von „Sozialtherapie“ erklärt werden konnte, der den nachbarschaftlichen Zusammenhalt wieder erstarken ließ. Oder in medizinischen Begriffen beschrieben, als eine „Panik“, „fixe Idee“,“Epidemie“ – alles Charakterisierungen, die die Hexenjäger in Schutz nehmen und ihre Verbrechen entpolitisieren.

Frauenfeindlichkeit/ Frauenhass, schulmeisterliche/ wissenschaftliche Annäherung, frauen- auslöschende Betrachtungsweise diskreditiert die Opfer der Verfolgung als sozial Gescheiterte.

Aus dem Untergrund wurde die Hexenjagd erst wieder durch die feministische Bewegung hervorgeholt, die die Identifikation mit den Hexen als Symbol weiblichen Aufstandes adaptiert. Frauen stellten eine Behinderung für die Machtstrukturen dar, deshalb wurden sie massakriert und den grausamsten Foltern unterworfen.

Der Krieg gegen Frauen dauert mindestens zwei Jahrhunderte lang. Er ist der Wendepunkt in der Geschichte der Frauen in Europa, die „ursprüngliche Sünde“ im Prozess der sozialen Herabsetzung der Frau.

Es ist die Frauenfeindlichkeit, die heute immer noch institutionelle Praxis und Mann-Frau Beziehungen charakterisiert.

Marxistischen Historikern hätte eigentlich beim Erforschen der Transformation zum Kapitalismus die Hexenjagd in ihrer Dimension – hunderttausende Frauen wurden in weniger als zwei Jahrhunderten verbrannt, gefoltert, gehängt – verdächtig erscheinen müssen. Sie haben sie aber bis auf wenige Ausnahmen außer Acht gelassen, als ob diese für die Geschichte des Klassenkampfes irrelevant gewesen wäre.

Zur gleichen Zeit der Kolonialisierung und Auslöschung von Bevölkerungsteilen der Neuen Welt, finden die englischen Enclosures, der Beginn des Sklavenhandels, die Einführung der Bloody laws gegen Vagabunden und Bettler statt.

Höhepunkt: Unterbrechung, herrscherlose Zeit zwischen dem Ende des Feudalismus und dem kapitalistischen Startvorgang/Abheben. Als die Bauern, das Landvolk die Spitze ihrer Macht erreichten, tritt ihre historischen Niederlage ein.

Der Prozess der sozialen Herabsetzung der Frau.

These: Die Hexenverfolgung ist das erste einende Terrain in der Politik der neuen europäischen Nationalstaaten, entstanden mit und durch die Reformation. Sie ist das erste Beispiel einer Europäischen Vereinigung – von Frankreich, Italien, Deutschland, Schweiz, England, Schottland und Schweden.

Gesetzliche Neuerung im 7.+8. Jhd.: Schadenszauber als Verbrechen.

Mitte des 15. Jhd. gibt es eine Veränderung: Zeitalter der Volksaufstände, der Epidemien und der einsetzenden feudalen Krise.

Doktrin der Hexerei: Hexerei wird als eine Form von Ketzerei/ Häresie ausgewiesen, und gilt als höchstes Verbrechen gegen Gott, Natur und den Staat. 1435-1487: Es werden 28 Abhandlungen über Hexerei verfasst. Höhepunkt 1486: Malleus Maleficarum (Der Hexenhammer), der einer neuen päpstlichen Bulle folgte, (Innocent VIII, Dummis Desiderantes), die besagte, dass die Kirche Hexerei als neue Bedrohung betrachtete.

Intellektuelles Klima: Skepsis -> Ludovico Ariosto, Giordano Bruno, Nicolo Macchiavelli schauten mit Ironie auf die kirchlichen Märchen, die die Taten des Teufels betrafen, betonten indessen (v.a. Bruno) die schändliche Macht von Gold und Geld. „non incanti ma contanti“ (Nicht Zauber, sondern Münzen/ not charms but coins) ist das Motto eines Charakters in einer von Brunos Komödien, die die Sicht der intellektuellen Elite und der aristokratischen Kreise zusammenfasst.

Nach Mitte des 16.Jahrhunderts: Spanische Eroberer unterwerfen die Bevölkerung Amerikas. -> Die Zahl der Frauen, die auf Hexerei geprüft wurde, stieg rasant an.

Die Initiative der Verfolgung ging von der Inquisition über auf weltliche Gerichte.

Höhepunkt der Hexenverfolgung war zwischen 1580 und 1630 = Feudale Beziehungen ebneten schon den Weg für wirtschaftliche und politische Institutionen, die typisch für den kaufmännischen Kapitalismus waren. ('Iron Century')

Kaiser Karl V führte 1532 im Imperialen Strafgesetz die Todesstrafe für Hexerei ein.

Im protestantischen England wurde die Verfolgung durch drei Gesetze des Parlaments legalisiert (1536, 1542, 1604). Letzteres führte die Todesstrafe ein – selbst wenn kein zugefügter Schaden nachgewiesen werden konnte.

Nach 1550 wurde Hexerei zum Kapitalverbrechen. Die Bevölkerung wurde aufgefordert, der Hexerei verdächtige Frauen zu melden, auch in Frankreich, Schweiz, Schottland, Spanische Niederlande.

Die Mechanismen der Verfolgungen bestätigen, dass Hexenverfolgung kein spontaner Prozess, keine Bewegung von unten war, auf die die Herrschenden und administrativen Klassen antworten mussten. Es gab eine offizielle Organisation und Verwaltung und ständige massive ideologische Unterweisungen. Autoritäten drückten öffentlich ihre Sorge über die Verbreitung von Hexen aus, reisten von Dorf zu Dorf, um Leute zu lehren, wie man Hexen erkennt, manchmal auch mit Namenslisten von Verdächtigen und damit drohend, diejenigen, die sie versteckten oder ihnen halfen, zu bestrafen.

WERBEN UM ANSCHWÄRZUNG

Schottland 1603: Synode von Aberdeen: Pfarrer der Presbyterkirche mussten ihre Gemeindemitglieder unter Eid nach Verdächtigen fragen. Behältnisse (BEICHTSTUHL??) wurden aufgestellt, damit die Informanten anonym bleiben konnten. Nachdem eine Frau unter Verdacht geraten war, mahnte der Priester von der Kanzel die Gläubigen, gegen sie auszusagen und verbot ihnen, ihr zu helfen.

Deutschland: In Übereinstimmung der Deutschen Prinzen, berufen von der lutheranischen Kirche, gab es die Aufgabe Besucher/Gäste zu beobachten.

Norditalien: Priester und Autoritäten fungierten als Antreiber, Angeklagte waren total isoliert, und wurden unter anderem gezwungen, Zeichen auf ihren Kleidern zu tragen, sodass die Leute ihnen fern blieben.

  • Es war die erste Verfolgung, die von einer Multimediapropaganda Gebrauch machte, um eine Massenpsychose unter der Bevölkerung zu erzeugen.

Es war das Jahrhundert der Genies, Triumph der Kopernikanischen Revolution, Geburt der modernen Wissenschaft, Entwicklung des philosophischen und wissenschaftlichen Rationalismus.

Hexerei war eines der beliebtesten Subjekte in der Debatte der europäischen intellektuellen Elite:

Richter, Anwälte, Dämonologen, Staatsmänner, Philosophen, Wissenschaftler, Theologen befanden Hexerei als das schändlichste Verbrechen und schrieben Kampfschriften und Dämonenlehren und riefen auf zur Bestrafung.

Beispiele:

Hobbes: Skeptisch gegenüber der wirklichen Existenz von Hexerei. Bestätigte aber die Verfolgung als ein Mittel der Staatskontrolle.

Jean Bodin, ein französischer Anwalt und politischer Theoretiker, (Aristoteles und Montesquieu des 16.Jhs.), war leidenschaftlich in seinem Hass und seinen Aufrufen zum Blutvergießen. Schrieb ein Buch über „Beweise“ (Demomania, 1580):

  • Hexen sollten lebendig verbrannt werden (zuvor erst gehängt, dann verbrannt)
  • Auch Kinder sollten verbrannt werden

s.a.: Bacon, Kepler, Galileo, Shakespeare, Pascal, Descartes

Pamphlete, die Details aus den bedeutendsten Gerichtsverfahren veröffentlichten, gehörten zu den ersten Produkten der Druckpresse. Juristen, Magistrate und Dämonologen, oft in Personalunion, trugen am meisten zur Hexenverfolgung bei. Es war die Perfektionierung einer Gesetzesmaschine, die am Ende des 16. Jahrhunderts einer standardisierten, fast bürokratischen Form des Gerichtsverfahrens gleicht durch:

Systematisierung der Auseinandersetzungen

Entgegnungen der Kritiker

Ähnlichkeiten der Bekenntnisse über nationale Grenzen hinweg

Künstler wurden rekrutiert (z.B. Hans Baldung)


ROLLE DER KIRCHE

These: Ohne die Kirche wäre die Hexenverfolgung gar nicht möglich gewesen.

Die religiöse Ideologie wurde in ihrem politischen Bedeutungsumfang offensichtlich. Die katholische Kirche stellte das metaphysische und ideologische Gerüst und hetzte zur Verfolgung der Hexen wie zuvor schon zur Verfolgung der Häretiker. Die Hexenverfolgung war eine Zuspitzung einer Jahrhunderte andauernden frauenfeindlichen Kampagne der Kirche. Es gab päpstliche Bullen, die dazu aufforderten, Hexen aufzuspüren und zu bestrafen.

Die Inquisition hing immer schon von der Kooperation mit dem Staat ab, der die Exekutionen ausführen sollte, damit die Kirche einem Blutvergießen entkam.

Katholische und protestantische Nationen, die sich in jeglicher Hinsicht im Krieg miteinander befanden, vereinten sich, um Hexen zu verfolgen.

Nach der Protestantischen Reformation, die die Macht der katholischen Kirche untergrub, begann die Inquisition den Eifer der Autoritäten zur Hexenjagd einzuschränken und die Judenverfolgung zu intensivieren.

Gründe für die Hexenverfolgung waren Veränderungen im Produktionsmodus. Die Zentralisation der Staatsmacht bedeutete die Konstruktion einer neuen patriarchalen Ordnung, in der keine gesellschaftlich anerkannten Verbrechen, keine spezifischen Verstöße

sondern zuvor akzeptierte Praktiken, eine Bandbreite an volkstümlichem Glauben, kommunale Lebensformen, z.B. volkstümliche Magie und Gruppen von Individuen, aus der Gemeinde ausgeschlossen wurden,

und sie verallgemeinerte Elemente weiblichen Verhaltens in den Augen des Volkes als abscheulich:

  • Die Körper der Frauen, ihre Arbeit, ihre sexuelle Macht und ihre Macht über die Fortpflanzung, ihre Fähigkeit zu heilen
  • Der Widerstand der Frauen gegen die Verbreitung der kapitalistischen Beziehungen
  • Frauen sollten unter staatliche Kontrolle gestellt und in wirtschaftliche Ressourcen umgewandelt werden.

Hinzu kam ein Umschwung von gesetzlichen Abwicklungen von einem privaten zu einem öffentlichen Anschuldigungssystem. Auch verjährte und nicht bewiesene Verbrechen wurden unter Folter untersucht und bestraft.

  • Maximaler Horror: Jeder Protest konnte bestraft werden, und selbst die ordinärsten Dinge des täglichen Lebens konnten verdächtig sein.
  • Anschuldigungen: Körper und Seele an den Teufel verkauft zu haben, mithilfe von Magie Scharen von Kindern ermordet und ihr Blut ausgesaugt zu haben, Gifte mit ihrem Fleisch gemacht zu haben, den Tod der Nachbarn verursacht zu haben, Vieh und Ernte zerstört zu haben, Stürme heraufbeschworen zu haben und andere Scheußlichkeiten …

TEUFEL UND HEXE

Der Glaube an den Teufel verstärkt sich in Zeiten, in denen ein Produktionsmodus durch einen anderen ersetzt wird.

Eine Änderung der materiellen Bedingungen des Lebens geht mit einer Infragestellung der sozialen Ordnung einher, z.B. was Gesetze, Erzeugung von Leben und Wachstum, Natürlichkeit, Traditionen angeht. Eine Aufhebung üblicher Rechte hat Armut, Hunger, soziale Desorientierung zur Folge.

  • Bsp.: Teufelsglauben der kolumbianischen Landarbeiter und bolivianischen Minenarbeiter, zu einer Zeit, in der in beiden Ländern monetäre Beziehungen Wurzeln schlugen. Diese war in den Augen der Leute diabolisch und tödlich im Vergleich zur älteren und immer noch erhaltenen eigenbedarfsorientierten Produktion ( vgl. Michael Taussig, Der Teufel und der Warenfetischismus in Südamerika, 1980).

Die Armen glaubten, dass die Wohlhabenderen einen Pakt mit dem Teufel hätten.

Macht übertrug sich in die Hände einer neuen Klasse der Modernisierer, einer protokapitalistischen Klasse.

Essex, schottisches Lowland: Auswirkungen der Presbyterianischen Reformation, mind. 4000 Opfer = 1% der weiblichen Bevölkerung (in anderen Teilen der britischen Inseln wurde weder Land privatisiert, noch gab es Hexenverfolgung, z.B. in den schottischen Highlands und in Irland (kollektive Landhaltung, Verwandschaftsbindungen)).

Verbreitung des städtischen Kapitalismus mit all seinen Konsequenzen: -> Vertiefung sozialer Distanzen, Landenteignung, Zusammenbruch aller kollektiven Beziehungen

Anschuldiger der Hexenverfolgungen waren meist Arbeitgeber, Landlords, wohlhabende und angesehene Gemeindemitglieder, lokale Machthaber mit oft engen Beziehungen zum Zentralstaat.

Erst später, als die Angst vor Hexen unter der Bevölkerung gesät war, kamen die Anschuldigungen auch von den Nachbarn.

Beschuldigte waren oft arme Bäuerinnen, Lohnarbeiterinnen, Witwen, alte Frauen, öffentlich Wirkende, oder von Haus zu Haus ziehende Bettlerinnen. Wenn es Männer traf, waren diese oft Tagelöhner. Betroffen waren auch arme Cottars, die immer noch ein Stück Land hielten, kaum überleben konnten, die oft die Feindlichkeit der Nachbarn erregten in der Annahme sie hätten ihr Vieh auf deren Land grasen lassen und die Miete nicht gezahlt. Gründe waren der 'Böse Blick', der Tod eines Bettlers dem Almosen verwehrt wurde, Nicht-Bezahlung der Miete, die Forderung nach öffentlicher Betreuung ...


MAGIE

Volkstümliche Magie setzt den Glauben an eine lebendige unvorhersehbare Welt voraus, den Glauben, dass es eine Macht in allen Dingen (Wasser, Wörter, Bäume, Substanzen etc.) gibt.

Jedes Ereignis wird als Ausdruck einer geheimnisvollen Macht interpretiert, im täglichen Leben hieß das: Beschwörung ist so weit verbreitet, dass es niemanden gibt, der mit etwas beginnt oder etwas tut, ohne zuvor Zuflucht in einem Zeichen, einer Beschwörung, Magie oder heilsamen Mitteln zu suchen. Die Leute, die diese Praktiken ausübten, waren meistens arme Leute, die ums Überleben kämpfen mussten und daher immer versuchten, das Desaster aufzuschieben und danach strebten, die kontrollierenden Mächte zu beschwichtigen und sogar zu manipulieren, um Schaden und das Böse fernzuhalten und das Gute, das aus Fruchtbarkeit, well being, Zufriedenheit, Gesundheit und Leben bestand, zu beschwören.

Bei Schmerzen bei der Arbeit, wenn sie das Vieh auf das Feld treiben, wenn sie einen Gegenstand verloren haben oder sie ihn nicht wieder gefunden haben, wenn sie nachts die Fenster schließen, wenn jemand sich seltsam benimmt oder krank wird, rennen sie sofort zum Wahrsager, um den zu fragen, wer sie ausgeraubt hat, wer sie mit einem Fluch belegt hat, oder um ein Amulett zu holen. Wörter, Namen, Reime, die Namen Gottes, der Heiligen Dreifaltigkeit, der Jungfrau Maria, der Zwölf Apostel ... werden öffentlich und insgeheim geflüstert, stehen geschrieben auf Papierfetzen, werden geschluckt, getragen als Amulette. Sie machen auch seltsame Geräusche, Zeichen und Gesten, praktizieren Magie mit Kräutern, Wurzeln und den Zweigen eines bestimmten Baumes. Sie haben ihren bestimmten Tag und Platz für alle diese Dinge. (1594, aus dem Brief eines deutschen Ministers - Name?)

Es herrscht eine anarchische molekulare Konzeption der Aufsplitterung von Macht in der Welt und ihrer Unvorhersehbarkeit, und die Möglichkeit, eine privilegierte Beziehung zu den natürlichen Elementen einzugehen, genauso wie der Glaube an die Existenz von Macht, die nur für bestimmte Individuen zugänglich ist – aber diese ist nicht allgemein und ausbeutbar! Vielleicht entwuchs daraus sogar eine Art Arbeitsverweigerung, ein Mittel des Widerstands von unten (grassroot resistance). Das ist ein Hindernis in der Rationalisierung des Arbeitsprozesses und eine Bedrohung für die Etablierung des Prinzips der Individualverantwortlichkeit. Die Welt musste also entzaubert werden, um dominiert werden zu können. Im 16. Jhd. war der Angriff auf die Magie in vollem Gange, und Frauen waren die häufigsten Ziele. Auch wenn sie keine Expertenheilerinnen oder Magierinnen waren, waren sie diejenigen, die gerufen wurden, um ein Tier zu kennzeichnen, wenn es krank war, ihre Nachbarn zu heilen, ihnen zu helfen verlorene oder gestohlene Gegenstände wiederzufinden, ihnen Amulette oder Liebestränke zu geben, ihnen die Zukunft vorherzusagen. -> Eine Bandbreite an weiblichen Tätigkeiten wurde verfolgt, die den Armen Selbstvertrauen gab, und die anscheinend die natürliche und soziale Umwelt beeinflussen und die verfasste Ordnung untergraben konnte.


HEXENVERFOLGUNG UND KLASSENAUFSTAND

Hexerei wäre wahrscheinlich nicht zu einer dämonischen Verschwörung aufgebauscht worden, wenn sie nicht im Zusammenhang mit sozialen Krisen und Kämpfen aufgetreten wäre.

'Zufall' zwischen ökonomischer Krise und Hexenverfolgung: Hauptpreisanstieg zwischen Ende des 16.Jhds. und der ersten Hälfte des 17. Jhds. Dies ist auch die Zeit der meisten Anschuldigungen und Verfolgungen von Hexen.

Die Intensivierung der Verfolgungen ging einher mit der Explosion der städtischen und ländlichen Aufstände. Bauernkriege gegen Landprivatisierung inkl. Auflehnung gegen die Enclosures in England (1549, 1607, 1628, 1631); „von nun an brauchen wir nicht mehr zu arbeiten“, mit Hacken und Spaten bewaffnet, zerstörten sie die Zäune rund um das Gemeindeland.

Frankreich 1593-95: Aufstand der Croquants gegen den Zehnten, übermäßige Besteuerung, steigende Brotpreise

Massive Hungersnöte in weiten Teilen Europas

Innerhalb dieser Aufstände waren es oft Frauen, die die Aktionen initiierten und leiteten.

Exemplarisch der Aufstand bei Montpellier 1645: Begonnen von einer Frau, die ihre Kinder vor Hunger beschützen wollte.

Nachdem die Aufstände niedergeworfen worden waren, wurden viele Frauen zusammen mit Männern inhaftiert oder abgeschlachtet. Frauen waren es, die den Widerstand im Untergrund fortsetzten.

In den Cevennen, wo sich tausende von Bauern zusammengeschlossen hatten und sich von 1476 bis 1525 kontinuierlich gegen die feudale Macht auflehnten, wurde der Aufstand brutal niedergeschlagen und zwei Jahrzehnte später wurde genau in dieser Region eine große Anzahl von Frauen auf den Scheiterhaufen gebracht.


ORGANISATIONSFORM: HEXENSABBATE

Hexensabbate oder Synagogen waren die berühmten nächtlichen Vereinigungen, zu denen wahrscheinlich tausende von Menschen zusammen kamen, oft von weither gereist. Der Horror der Autoritäten vor den Sabbaten äußerte sich im Horror, den sie darüber verbreiteten.

Klassenaufstand zusammen mit sexueller Unterdrückung war ein zentrales Element in den Beschreibungen des Sabbats: Darstellung als ein monströse sexuelle Orgie und als eine subversive politische Versammlung, gipfelnd in einer Reihe von Verbrechen, die die Teilnehmer begingen und mit den Anweisungen des Teufels an die Hexen, gegen ihre Meister/ Herren/ Herrscher zu rebellieren.

Es gibt eine mögliche Verbindung von Bauernaufständen und Hexensabbaten, vgl. eine Studie zu Hexenverurteilungen in den italienische Alpen am Anfang des 16. Jhds. von Luisa Muraro: Während eines Gerichtsverfahrens erzählt eine der Beschuldigten spontan von einem großen Feuer in den Wäldern und dass ihre Mutter sie angewiesen hat, sie solle weglaufen, dieses sei das Feuer der Frau des Spiels (ital. gioco, was in vielen Dialekten das ursprüngliche Wort für Sabbat war). In derselben Region gab es 1525 einen Bauernaufstand, bei dem Häuser der Geistlichen, Burgen und Konvente niedergebrannt wurden. Die Aufständischen forderten das Recht, dass jedes Dorf seinen Priester selbst wählen konnte, den Erlass des Zehnten und der Abgaben, Jagdfreiheit, weniger Konvente und mehr Unterkünfte für die Armen. - Sie wurden besiegt, massakriert, die Überlebenden wurden gejagt.

Das Feuer der Frau des Sabbats war in der Ferne, wohingegen im Vordergrund die Feuer der Aufstände und die Scheiterhaufen der Unterdrückung brannten.

KANNIBALISMUS war ein zentrales Motiv des Sabbats. Kannibalismus war auch Teil einer Morphologie der Aufstände, da Arbeiterrebellen ab und zu mit der Drohung, sie zu essen, ihre Verachtung für diejenigen ausdrückten, die ihr Blut verkauft hatten. Das Essen von Menschenfleisch symbolisiert eine totale Inversion sozialer Werte, geht konform mit dem Bild der Hexe als Personifizierung moralischer Perversion, wie sie es in vielen Ritualen ist, die der Hexerei zugeschrieben werden. Die Hexe ist ein lebendes Symbol für die Welt, die aus den Fugen ist, die auf dem Kopf steht: Immer wiederkehrende Bilder des Mittelalters, gebunden an milleniaristisches Streben nach Subversion der sozialen Ordnung. (Die Masse feierte umgekehrt, die gegen-den Uhrzeigersinn drehenden Tänze.)

Transgressive Merkmale des Hexensabbats vom Blickpunkt der sich entwickelnden Arbeitsdisziplin (vgl. Luciano Pavaretto, Streghe e potere, 1998). -> Nächtliche Dimension des Sabbats ist ein Verstoß der zeitgenössischen kapitalistischen Regulierung der Arbeitszeit.

Nutzung von Zeit und Raum entgegen der neuen kapitalistischen Arbeitsdisziplin, Herausforderung an Privateigentum und die sexuelle Orthodoxie, da die Nacht die Unterscheidung zwischen den Geschlechtern und zwischen "meinem und deinem" verschleierte.

Pakt zwischen Hexe und Teufel = conjurato = wie oft Pakte zwischen Sklaven und Arbeitern im Kampf.

Der Teufel repräsentierte in den Augen der Ankläger ein Versprechen von Liebe, Macht und Reichtum deretwegen eine Person ihre Seele verkaufen, d.h. gegen jedes natürliche und soziale Gesetz verstoßen würde.

Flug, Flucht und Reise = wichtiges Element in den Anschuldigungen gegen Hexen: Angriff auf die Mobilität von Gastarbeitern, Wanderarbeitern, reflektiert die Angst vor Vagabunden, die die Autoritäten in dieser Periode sehr beunruhigten.

Schon die Häretikerverfolgung bestrafte spezifische Formen sozialer Unterwanderung unter dem Mantel religiöser Orthodoxie.

Die Hexenverfolgung entwickelte sich zuerst dort wo auch die der Häretiker am intensivsten tätig waren (Südfrankreich, Jura, Norditalien).

In einigen Teilen der Schweiz wurden Hexen Herege ("Häretiker") oder Waudois ("Waldenser") genannt

Auch die Häretiker wurden auf dem Scheiterhaufen verbrannt als Betrüger der wahren Religion, und Verbrechen beschuldigt, die auch bei den Hexenverfolgungen wieder auftauchen: Sodomie, Kindesmissbrauch, Tierverehrung. Teilweise waren dies rituelle Anschuldigungen, die die Kirche immer schon gegen Religionsrivalen bewegte.

Die sexuelle Revolution war essentieller Inhalt der häretischen Bewegung, von den Katharern bis zu den Adamiten

WEITERER HISTORISCHER KONTEXT DER HEXENVERFOLGUNG:

Schwarzer Tod / Pest

Traumata, Orientierungslosigkeit, Verwirrung, Dislokation

Wendepunkt der Europäischen Geschichte im 15./16.Jhd. in der profunden Änderung der Klassenbeziehungen, durch die kapitalistische Reorganisation des sozialen und wirtschaftlichen Lebens.

Mehr als 80% der auf Hexerei geprüften und wegen ihr Exekutierten in Europa im 16. und 17. Jahrhundert waren Frauen. Vor dem Höhepunkt der Verfolgung hatten Männer bis zu 40% der Beschuldigten gestellt; später eine geringere Zahl, meistens aus den Rängen der Vagabunden, Bettler, Wanderarbeiter, Zigeuner, und Priester niederer Klassen.

Im 16.Jhd. war die Anklage der Teufelsverehrung ein allgemeines Motiv im politischen und religiösen Kampf geworden. Es gab kaum einen Bischof oder Politiker, der nicht beschuldigt wurde, ein Hexer zu sein.

Protestanten beschuldigten die Katholiken, hauptsächlich den Papst, dem Teufel zu dienen;

Luther wiederum wurde der Magie beschuldigt, genauso wie John Knox in Schottland, Jean Bodin in Frankreich und viele mehr.

Juden wurden der Teufelsverehrung beschuldigt, oft dargestellt mit Hörnern und Klauen.


FRAUEN ALS BÖSE WESEN

Assoziation von Verhütung, Abtreibung und Hexerei erstmals in der päpstlichen Bulle von Innozenz VIII 1484: Mit ihren Beschwörungen, Zaubern, Formeln und anderen verwünschten Aberglauben und grausamen Zaubern ... hindern sie Männer am Zeugen und Frauen am Empfangen; Ehemann und Ehefrauen können daher nicht ihre sexuellen Akte vollziehen.

Fortpflanzungsverbrechen bestimmten seitdem die Gerichtsverfahren.

Stereotype ab dem 17. Jhd.:

Hexen tun sich angeblich zusammen, um die Zeugungsfähigkeit von Mensch und Tier zu zerstören, verschaffen Abtreibungsmittel, und gehören zu einer Kindsmördersekte, die die Kinder dem Teufel opfert.

Die Hexe wird assoziiert mit einer unzüchtigen, lüsternen alten Frau, die feindlich gegenüber dem modernen Leben ist, die sich von Kinderfleisch ernährt oder Kinderkörper dazu benutzt, ihre Zaubertränke zu machen (-> später ein Stereotyp in Kinderbüchern).

Thesen zur Hexenverfolgung:

Margaret Murray, Anthropologin der 1920er Jahre (-> später Ökofeministin und "Wicca"-Praktizierende):

Hexerei war eine frühere matriarchale Religion, auf die die Inquisition ihre Aufmerksamkeit richtete, nachdem die Häretiker besiegt waren, angetrieben von einer neuerlichen Angst vor Abweichungen in der Lehre.

Hexen waren Ausübende eines früheren Fruchtbarkeitskults, der darauf abzielte, günstige Bedingungen für Geburt und Fortpflanzung zu schaffen.

Die Kirche sah darin heidnische Riten und die Herausforderung ihrer Macht.

Unter den Angeklagten befanden sich viele Geburtshelferinnen, bis zum 16.Jhd. war die Geburt ein weibliches Mysterium.

Bei wachsender Armut und Unterernährung im 16. und 17. Jahrhundert war die Kindersterblichkeit hoch. Frauen mussten als Sündenböcke dafür herhalten. Es gab aber auch Beschuldigungen, die Empfängnis zu verhindern.

Silvia Federici:

Die Hexenverfolgung war ein Versuch, Geburtenkontrolle zu kriminalisieren und den weiblichen Körper, den Uterus, in den Dienst von Bevölkerungswachstum und der Produktion und Anhäufung von Arbeit zu stellen.

Die Hexenverfolgung wurde von einer politischen Klasse vorangetrieben, die beunruhigt vom Bevölkerungsrückgang war und der Meinung, dass eine große Bevölkerung den Wohlstand der Nation bedeutet.


ROLLENBILDER DER HEXE:

Die Hexe war Geburtshelferin, die selbst die Mutterschaft verweigerte, Bettlerin, die sich mit Stehlen von Butter oder Holz ihrer Nachbarn durchschlug, eine freie promiskuitive Frau – Prostituierte oder Ehebrecherin, im Allgemeinen eine Frau, die ihre Sexualität außerhalb der von Ehe und Fortpflanzung praktizierte. Ein "schlechter Ruf" galt als Schuldbeweis.

Die Hexe war auch die rebellische Frau, die sich stritt, fluchte und nicht weinte unter Folter – rebellisch nicht im Sinne einer spezifisch subversiven Aktivität, sondern im Sinne einer weiblichen Persönlichkeit, die sich innerhalb des Landvolks im Laufe des Kampfes gegen die Feudalmächte, als Frauen an der Spitze der Häretikerbewegung standen, entwickelt hatte.

In weiblichen Verbindungen sah man zudem eine Herausforderung an die Kirche und an die männliche Autorität.

Darstellung der Hexen in mittelalterlichen Moralspielen und Fabliaux: Immer bereit, die Initiative zu ergreifen, aggressiv und lustvoll wie ein Mann, männliche Kleidung tragend, stolz auf dem Rücken ihres Mannes reitend, in der Hand eine Peitsche.

Viele Hexen waren Geburtshelferinnen oder "weise Frauen", traditionell die Trägerinnen weiblichen Wissens und Kontrolle. Der Hexenhammer beschreibt sie als schlimmer als alle anderen Frauen, da sie der Mutter halfen, die Frucht ihres Leibes zu zerstören, eine Verschwörung, die möglich war, weil Männer die Geburtsräume nicht betreten durften.

Absichten der Verfolger, Auswirkungen auf die soziale Position der Frau:

Zerstörung der Methoden, die Frauen besaßen, um die Fortpflanzung zu kontrollieren, indem diese als teuflische Mittel angeklagt wurden.

Institutionalisierung der staatlichen Kontrolle über den weiblichen Körper als Voraussetzung für seine Unterordnung zur Reproduktion von Arbeitskraft.

Silvia Federici:

So wie die Enclosure die Landbewohner vom Gemeindeland enteignete, so enteignete die Hexenverfolgung die Frauen von ihren Körpern. Sie wurden somit "befreit" von jeglichem Hindernis, das sie davon abhielt, als Maschinen für die Reproduktion von Arbeitskraft zu funktionieren.

Der Scheiterhaufen errichtete mehr Grenzen um den weiblichen Körper, als es Zäune um die ehemaligen Allmenden gab.

Hebammen mussten von nun an beweisen, gute Katholikinnen zu sein.

In England und Frankreich war es Ende des 16. Jahrhunderts nur noch wenigen Frauen erlaubt, Geburtshilfe auszuüben, bis dahin war es ihr unantastbares Geheimnis gewesen.

Anfang des 17. Jhds. gab es die ersten männlichen Geburtshelfer. Im Laufe eines Jahrhunderts geriet der Geburtsvorgang fast vollkommen unter staatliche Kontrolle.

Alice Clark (Titel?, 1968):

Der kontinuierliche Prozess, in dem Frauen von Männern im Beruf verdrängt wurden, ist ein Beispiel, wie sie von allen Zweigen professioneller Arbeit ausgeschlossen wurden. Indem ihnen die Möglichkeit verweigert wurde, eine entsprechende professionelle Ausbildung zu erhalten, begann der soziale Abstieg der Hebammen.

weibliche Deprofessionalisierung. Hebammen wurden marginalisiert, weil ihr Ausschluss vom Beruf die Kontrolle der Frauen über Fortpflanzung untergrub.

SPEZIFISCHE ANKLAGEN GEGEN HEXEN:

Vergiftung des Ehemannes, Tod des Arbeitgebers, Prostitution der Tochter.

Speziell Frauen aus den niederen Klassen wurden angeklagt.

Die Verbindung zwischen Erziehung und Bestrafung wurde auf den Kopf gestellt, Bodin: "Wir müssen Terror unter einigen verbreiten, indem wir viele bestrafen." In einigen Dörfern wurden nur wenige ausgespart.

Federici:

Die Hexenverfolgung war ein Krieg gegen Frauen; ein abgestimmter Versuch, Frauen herabsetzen, zu dämonisieren, ihre gesellschaftliche Macht zu zerstören.

SEXUELLER SADISMUS BEI DER FOLTER

Standardprozedur: Die Frau wurde nackt ausgezogen und komplett rasiert (Argument:Teufel versteckt sich in ihren Haaren), am ganzen Körper mit langen Nadeln gestochen, inklusive in ihrer Vagina, auf der Suche nach dem Kennzeichen mit dem der Teufel, wie man annahm, seine Kreaturen markierte. Oft wurde sie vergewaltigt, Jungfrau (Zeichen der Unschuld) oder nicht. Wenn sie ihre Verbrechen nicht bekannte, wurden ihre Gliedmaßen hin und her gerissen, sie wurde auf Eisenstühle gesetzt, unter denen ein Feuer brannte, ihre Knochen wurden gebrochen. Hexen wurden in der Öffentlichkeit verbrannt oder gehängt, die Exekution war ein wichtiges öffentliches Ereignis, an dem alle Gemeindemitglieder teilnehmen mussten inkl. die Kinder der Hexe, insbesondere ihre Töchter, die in einigen Fällen vor dem Scheiterhaufen ihrer Mutter ausgepeitscht wurden.

In den Folterkammern und auf den Scheiterhaufen wurden die bürgerlichen Ideale

von Weiblichkeit und Häuslichkeit geschmiedet. Es folgte eine Regulierung des Familienlebens, der Geschlechter- und Besitzverhältnisse in Westeuropa.

Ehebruch wurde mit Todesstrafe belegt.

Prostitution und außereheliche Geburt waren gesetzlich verboten, Kindstötung wurde zum Kapitalverbrechen erklärt.

Frauenfreundschaften wurden Gegenstand der Verdächtigung und von der Kanzel angeprangert als Zerstörung der Allianz zwischen Ehemann und Ehefrau. Frau-Frau-Beziehungen wurden dämonisiert, sie wurden gezwungen, sich gegenseitig als Komplizinnen von Verbrechen zu denunzieren.

  • "gossip" bedeutete im Mittelalter "Freundin/Freund" -> Das Wort bekam eine abfällige Konnotation („Klatsch“), ein weiteres Zeichen des Grads der Zerstörung von gemeinschaftlichen (weiblichen) Verbindungen.

Auf ideologischer Ebene wurde ein Zusammenhang zwischen dem herabgesetzten Bild der Frauen durch die Dämonologen und dem Bild der Weiblichkeit gebildet, das durch die zeitgenössischen Debatten um "die Natur der Geschlechter" konstruiert wurde:

Die stereotype Frau war körperlich und geistig schwach, sowie biologisch anfällig für das Böse

Die diente sehr wirksam der männlichen Kontrolle über Frauen und der neuen patriarchalen Ordnung.

HEXENVERFOLGUNG UND DIE MÄNNLICHE VORHERRSCHAFT – DIE ZÄHMUNG DER FRAUEN

Teufel zur Zeit der Hexenverfolgung:

Frau als seine Dienerin/ Sklavin; Teufel als ihr Besitzer und Meister, Zuhälter und Ehemann. Der Teufel sucht die ausgewählte Frau auf und fragt sie, ob sie seine Dienerin sein will, sie beschwört ihn umgekehrt nur selten. Er stempelt sie mit seinem Zeichen durch sexuellen Verkehr mit ihr, manchmal ändert er auch ihren Namen = klassisches Beispiel einer Meister/Sklaven- oder Ehemann/Ehefrau -Beziehung.

Succubus (weiblicher Dämon).

Ein einziger männlicher Pakt mit dem Teufel wurde als perverser Ehevertrag dargestellt.

Bekenntnis der Frauen vor Gericht: Sie wagten es nicht, dem Teufel nicht zu gehorchen, oder dass ihnen der Sexualverkehr mit ihm keine Freude bereitet habe = Gegensatz zur These, dass Hexerei der unersättlichen Lust der Frauen entspringt. Dies heiligt die männliche Vormachtstellung, stiftet Männer dazu an, Frauen zu fürchten und sie als Zerstörerinnen des männlichen Geschlechts zu sehen.

Malleus Maleficiarum: Frauen sind hübsch anzusehen, aber vergiftend ist es, sie zu berühren, sie ziehen Männer an, aber nur um sie zu unterminieren, sie tun alles, um ihnen Gefallen zu bereiten, aber die Freude, die sie bereiten ist bitterer als der Tod, ihre Fertigkeiten kosten Männern den Verlust ihrer Seele und vielleicht ihrer Geschlechtsorgane (Kors und Peter, 1972)

Man nahm an, Hexen könnten Männer kastrieren oder sie impotent machen, entweder indem sie ihre Zeugungskräfte einfroren oder indem sie männliche Penisse stahlen und sie in Vogelnestern oder Schachteln versteckten, bis sie unter Nötigung dazu gezwungen wurden, sie ihren Besitzern wiederzugeben.

Diese Propaganda separierte die Frauen erfolgreich von den Männern. Es gab nur vereinzelte Versuche von Ehemännern, Söhnen oder Verwandten, ihre Frau, Mutter oder Verwandte vom Scheiterhaufen zu befreien. Es gab keine Organisation von Männern gegen die Verfolgung.

Ausnahme:

Ein Fischer aus dem Baskenland hörte 1609, dass Ehefrauen, Mütter, Töchter ausgepeitscht, ausgezogen und exekutiert wurden. Die Fangzeit wurde früher beendet, und die Fischer fuhren zurück. Mit Prügeln in der Hand und befreiten sie ihre Frauen, die gerade zum Verbrennungsplatz gefahren wurden.

(Anm: Diese eine entschlossene Aktion war alles, was es brauchte, um die Gerichtsverfahren zu stoppen?)

"Witch-finders": Manche Männer machten ein Geschäft daraus, bezeichneten sich als Hexenaufspürer und reisten von Dorf zu Dorf und drohten Frauen anzuklagen, wenn sie nicht bezahlten. Manche nutzten die Gunst der Stunde, um sich von ungewollten Ehefrauen oder Liebhaberinnen zu befreien, oder um die Rache der Frauen abzuwenden, die sie vergewaltigt oder verführt hatten. Die Mehrheit der in Hexenprozessen untersuchten Männer waren Verwandte von verdächtigten oder verurteilten Hexen.

Die Hexenverfolgung war die Wurzel einer tiefen psychologischen Entfremdung von Frauen, brach die Klassensolidarität und untergrub die weibliche kollektive Macht.

Marvin Harris:

Die Hexenverfolgung fragmentierte alle ruhenden Energien des Protests, machte jeden impotent und abhängig von den sozial dominanten Gruppen und hat zudem noch einen lokalen Ausgang ihrer Frustrationen eröffnet. Sie hat die Armen daran gehindert, die kirchlichen Autoritäten und weltlichen Anordnungen zu konfrontieren und ihre Forderungen nach Wiederverteilung von Wohlstand und sozialem Status zu realisieren.

Genau wie heute unterdrücken die herrschenden Klassen durch die Unterdrückung der Frauen das gesamte Proletariat viel wirksamer. Sie stifteten enteignete, verelendete und kriminalisierte Männer dazu an, die Schuld an ihrem persönlichen Unglück auf die kastrierende Hexe zu schieben.

Frauenfeindliche Propaganda der Kirche

Physische Impotenz war das Gegenstück zu moralischer Impotenz, die körperliche Manifestierung der Erschütterung der männlichen Autorität über Frauen, da rein funktionell gesehen kein Unterschied existiert zwischen einem kastrierten Mann und einem der hilflos verliebt ist.

Neues Bild: Mann als König und die Frau seinem Willen ergeben, selbstlos der Haushaltsorganisation gewidmet.

Sexuelle Leidenschaft untergräbt männliche Autorität über Frauen, da er im sexuellen Akt den wertvollen Kopf verliert, in dem in der kartesischen Philosophie die Quelle der Vernunft vermutet.

Wie Macht im Anbruch der modernen Ära die Leute dazu verpflichtete, über Sex zu sprechen, ("diskursive Explosion", die Foucault in dieser Zeit entdeckte), wurde nirgends machtvoller demonstriert als in der Folterkammer:

Keine gegenseitige Erzeugung von Lust zwischen der Frau und ihrem Beichtvater.

Zwang, sexuelle Abenteuer im Detail zu schildern, z.B. wurden alte Frauen gezwungen zu schildern, wie sie in ihrer Jugend das erste mal vom Teufel genommen worden waren, was sie bei dieser Penetration gefühlt hatten, welche unkeusche Gedanken sie dabei hatten.

Verrückt durch Schmerzen, kann man nicht annehmen, dass die Wortorgien, zu der die Frauen gezwungen wurden, ihre Lust stimulierte oder ihre Freude daran sich wiedereinstellte.

In der Geschichte der Sexualität war der konstante Diskurs über Sex keine Alternative zur Unterdrückung, sondern steht im Dienst von Unterdrückung, Zensur und Verweigerung.

Erzeugung eines weiblichen Perversen:

von Natur aus pervers und sinnlich; ein Wesen eigener Art

Umwandlung des weiblichen erotischen Lebens in ein Arbeitsleben (vis erotica-->vis lavoratia): Destruktiver Charakter dieses Prozesses

Hier zeigen sich die Grenzen einer allgemeinen Geschichte der Sexualität, wie Foucault vorschlägt (Sexualität von der Perspektive eines undifferenzierten, geschlechtsneutralen Subjekts aus betrachtet, und als eine Aktivität, die wahrscheinlich die selben Folgen für Männer und Frauen trägt).

HEXENVERFOLGUNG UND DIE KAPITALISTISCHE RATIONALISIERUNG VON SEXUALITÄT

Erste Schritte in Richtung "sauberer Sex in sauberen Laken":

Weibliche Sexualität: Arbeit, Dienst für Männer und Fortpflanzung

Verbot von allen nicht reproduktiven Formen weiblicher Sexualität als anti-gesellschaftlich, geradezu dämonisch.

Mythos der alten Hexe, die auf ihrem Besen (wie auf Hunden, Ziegenböcken, Esel/Stute) fliegt, eine Projektion eines erigierten Penis, Symbol von ungezügelter Lust. -> Neue sexuelle Regeln, die der "alten hässlichen" Frau, nicht mehr fruchtbar, das Recht auf ein Sexualleben abstreiten. In der Ikonographie der Hexenverfolgung verhinderte hohes Alter die Möglichkeit eines sexuellen Lebens, verwandelte Sex in ein Werkzeug des Todes anstatt in ein Mittel der Verjüngung.

HEXEN UND TIERE

Unabhängig vom Alter (aber nicht von der Klasse) gab es in den Hexengerichten eine konstante Identifizierung von weiblicher Sexualität mit Bestialität. Bsp.: Kopulieren mit dem Ziegengott (einer der Repräsentationen des Teufels), der geschmähte Kuss "sub cauda".

Hexen halten eine Vielzahl von Tieren, Wichteln oder Vertraute, die ihnen in ihren Verbrechen helfen und mit denen sie eine intime Beziehung unterhielten: Katzen, Hunde, Frösche, Feldhasen, die sie wahrscheinlich von speziellen Zitzen saugen ließen. Tiere als Instrumente des Teufels: Ziegen und Stuten (night-mares) flogen sie zum Sabbat, Kröten gaben ihr Gift für ihre Gebräue.

Ehe zwischen Hexe und ihren Tieren: Möglicher Bezug auf die bestialischen Sexualpraktiken der Landbevölkerung in Europa, die auch lange Zeit nach Ende der Hexenverfolgung Kapitalverbrechen blieben.

Die „Ära der Vernunft“ begann, das Menschliche vom Körper loszulösen: Tiere waren einer drastischen Abwertung unterworfen, reduziert auf reine Brut, das ultimative ANDERE, beständiges Symbol der schlimmsten menschlichen Instinkte/Triebe. Kopulation mit einem Biest ->HORROR, Angriff auf das Fundament eines menschlichen Wesens, das sich immer mehr mit seinen immateriellen Elementen zu identifizieren begann.

Nicht nur weibliche Sexualität, sondern Weiblichkeit an sich wurde dem Animalischen verwandt zugeschrieben. (Kröte = Symbol der Vagina)

Als nicht produktiv und deswegen verbotene Formen von Sexualität galten (instruktive Liste der Gerichtsverfahren):

Homosexualität, Sex zwischen Alten und Jungen, zwischen Menschen verschiedener Klassen, Analverkehr, Geschlechtsakt von hinten (führt zu Unfruchtbarkeit), Nacktheit, Tänze, kollektive Sexualität (vorherrschend im Mittelalter), Frühlingsfeste ländlichen Ursprungs (im 16. Jhd. noch überall in Europa gefeiert).

Jegliche transgressive Treffen wurden von den Autoritäten als Sabbat beschrieben: Bauernzusammenkünfte, Rebellenlager, Festivals, Tänze. Hexen tanzen auf diesen Zusammenkünften, springen auf und ab zu dem Sound der Pfeifen und Flöten und frönten dem Kollektivsex und der Lustbarkeiten.

Bsp: Beschreibung des May Day in England 1583 (Anatomy of abuse, P. Stubbes): Alle kommen zusammen, Kinder, Männer, Frauen, alt und jung, rennen in die Büsche, den Wald, Hügel und Berge, wo sie die ganze Nacht freudige Zeiten verbringen, am Morgen kommen sie mit Birkenbogen und Zweigen der Bäume nach Hause, ihr Hauptjuwel ist ihr Maibaum, den sie mit großer Verehrung bringen, dann fallen sie über das Bankett und Festessen her, um darum herum zu springen und zu tanzen, wie die heidnischen Leute es zur Verehrung ihrer Idole taten.

Pilgerreisen -> von der katholischen Kirche gefördert, von Presbyterianern abgelehnt als Versammlung des Teufels und unzüchtige Angelegenheit. Kampagne des Staates und der Kirche gegen solche Zeitvertreibe.

Ginzburg:

Sabbat als Halluzination alter armer Frauen, als Vergeltung ihrer armseligen Existenz. Träume von geröstetem Brot und Aale wurden aber als Zeichen teuflischer Konnivenz interpretiert. -> Dies wurde von wohlgenährten, Fleisch essenden Bürgern so gedacht. Es gab bis ins 18. Jhd. viele und lange Abhandlungen von Europas Eliten über die Rollen von Succubi und Incubi, ob die Hexe vom Teufel geschwängert werden konnte, etc.

Die Rolle der Hexenverfolgungen, speziell in der kapitalistischen Lehre von Sexualität, wurde aus unserem Gedächtnis gelöscht. Einige der Haupttabus unsrer Zeit können bis dahin zurückverfolgt werden: -> Bsp.: Homosexualität

"faggot" (engl.) = Reisigbündel: Sie wurden als Anmachholz für die Scheiterhaufen verwendet, auf denen die Hexen verbrannt wurden;

"finocchio" (ital.) = Fenchel: Wurde dazu benutzt, den Gestank des verbrannten Fleisches zu überdecken, indem man ihn in den Scheiterhaufen streute.


DIE PROSTITUIERTE UND DIE HEXE

Prostitution erfuhr einen Entwertungsprozess in der kapitalistischen Neuorganisation sexueller Arbeit.

"Eine Hure wenn sie jung ist, eine Hexe wenn sie alt ist".

Beide täuschen und verderben Männer, indem sie eine Liebe vortäuschen, die nur auf den Sold aus ist, geldgierig, gewinnsüchtig (Stiefelmeir, Titel ? 1977).

Hexe, die ihre Seele dem Teufel verkauft = Prostituierte, die ihren Körper dem Mann verkauft.

  • Beide sind auf verbotene Macht und Geld aus. Beide waren Symbole der Unfruchtbarkeit,

Personifizierungen der unproduktiven Sexualität.

Die Prostituierte war im Mittelalter ein positiver Charakter gewesen, der in der Gemeinschaft einen sozialen Dienst verrichtete. Nun wurden sie als mögliche weibliche Identität abgelehnt. Die Prostituierte starb als legales Subjekt, nachdem sie tausend Mal am Scheiterhaufen als Hexe gestorben war, durfte jedoch im Illegalen kontrolliert überleben.

Die Hexe war das unkontrollierbare Subjekt. Sie konnte Schmerz und Leid zufügen, die Elemente aufwirbeln und den Willen der Männer fesseln, Schaden anrichten nur durch einen Blick, den Bösen Blick (malocchio), der töten konnte.

  • Unterschied zum Renaissancezauberer, der weitgehend immun gegen die Verfolgung war: sexuelle Natur ihrer Verbrechen und Status der niederen Klasse.
  • Analogien von Hexe und Renaissancezauberer:

angelernte magische Tradition; Glaube an einen neoplatonischen Ursprung, daran, dass Eros eine kosmische Kraft ist, die das Universum durch Sympathiebeziehungen, Zuneigung und Anziehungskraft bindet und den Magier/ die Hexe befähigt, in seinen/ ihren Experimenten die Natur zu imitieren und zu beeinflussen.

Bsp.: Die Hexe konnte Stürme hervorrufen, indem sie mimetisch in einer Pfütze rührte, oder eine Anziehung ausüben, ähnlich den Bindungen von Metall in der alchemistischen Tradition.

  • Festschreibung einer Verbindung zwischen Sexualität und Wissen, verbreitet in der Magie und

Alchemie: Frauen eignen sich Geheimnisse der Chemie an, indem sie mit rebellischen Dämonen schlafen/ oder: Hexen gelangen zu ihrer Macht, indem sie mit dem Teufel kopulieren.

Hohe Magie wurde nicht verfolgt, Praktizierende galten als zu einer Elite gehörig, die oft Prinzen und anderen hoch positionierten Leuten diente.

Alchemie wurde dagegen immer mehr missbilligt als nutzlose, faules Streben, somit eine Zeit- und damit Ressourcenverschwendung.

Anders als Hexerei, wurde hohe Magie (besonders Astrologie und Astronomie) in die Reihe der Naturwissenschaften mit einbezogen.


HEXENVERFOLGUNG IN DER NEUEN WELT

Kolonisierte Ureinwohner Amerikas und versklavte Afrikaner versorgten das Kapital mit anscheinend grenzenlosem Arbeitsangebot, was notwendig für die Akkumulierung war. Das Schicksal der Frauen war ähnlich wie in Europa und mit dem der Europäerinnen verbunden. Die Hexenverfolgung brachte Teufelsverehrungsanklagen nach Amerika, um den Widerstand der örtlichen Bevölkerung zu brechen, und um Kolonisierung und Sklavenhandel in den Augen der Welt zu rechtfertigen.

Luciano Parinetto: Die amerikanische Erfahrung überzeugte die europäischen Autoritäten, an die Existenz ganzer Hexenbevölkerungen zu glauben und in Europa dieselben Techniken von Massenvernichtung anzuwenden, die in Amerika entwickelt worden waren.

Der Mönch Diego de Landa beschreibt im Yucatan der 1560er Jahre Vergötterungsverfahren, Folter, Auspeitschen, Auto-da-fes.

Hexenverfolgung in Peru: Zerstörung des Kults der lokalen Götter, die von den Europäern als Dämonen betrachtet wurden. Überall sahen die Spanier das Gesicht des Teufels: in den primitiven Lastern, im Essen der Indianer, in ihrer 'barbarischen' Sprache.

Auch in den Kolonien wurden die Frauen als schwachköpfige Wesen und als Hexen angeklagt, und wurden daher die treuesten Verteidiger ihrer Gemeinschaften.

Im Laufe des 17. Jhds. steigerte sich der Austausch zwischen der Hexenideologie und der rassistischen Ideologie, entwickelt auf dem Mutterboden der Bezwingung und des Sklavenhandels.

Teufelsverehrung und diabolische Interventionen wurden zu Hauptcharakterisierungen der nichteuropäischen Gesellschaften. Bei den Lappen, den Samoyen, den Hottentotten und Indonesen gab es keine Gesellschaft, die nicht durch irgendeinen Engländer als "aktiv unter teuflischem Einfluss stehend", bezeichnet worden wäre.

KENNZEICHEN DES DIABOLISMUS waren anormale Lust und sexuelle Potenz.

Teufelsdarstellung: zwei Penisse, Märchen von bestialischen sexuellen Praktiken und verbotene Hingabe an die Musik und das Tanzen.

Systematische Übertreibung der sexuellen Potenz der Schwarzen -> Übersexualisierung von Frauen und dunkelhäutigen Männern = Hexen und Teufel

Diese wurzelt in der globalen Arbeitsteilung, die aus der Kolonialisierung Amerikas, dem Sklavenhandel und der Hexenverfolgung hervorging.

  • Definition von Schwarzsein und Weiblichkeit durch Bestialität und Irrationalität. Sie trachtet nach der Exklusion von Frauen in Europa und Frauen und Männern in den Kolonien aus dem gesellschaftlichen Lohnvertrag durch die konsequente Naturalisierung ihrer Arbeit bzw. Ausbeutung.

DIE HEXE UND DIE GEBURT DER MODERNEN GESELLSCHAFT

Neue Protestantische Ethik:

Das Geben von Almosen gilt nun als Verschwendung und Ermutigung zur Faulheit. Institutionen, die die Armen mit Lebensmitteln versorgt hatten, brachen zusammen. Manche alte Frauen benutzten daher die Angst vor Hexen, um zu bekommen was sie brauchten.

Historisch war die Hexe Dorfgeburtshelferin, Medizinerin, Wahrsagerin oder Heilerin. Eine ihrer bevorzugten Kompetenzen waren amouröse Intrigen. Die städtische Verkörperung dieser Hexe war die Kupplerin, die Celestina (vgl. Fernando de Rojas, 1499): Trotz ihrer vielen Verpflichtungen hatte sie Zeit zur Messe oder zur Vesper zu gehen, jeder kannte sie, etc.

BÖSE HEXE: "bad witch" flucht, ruiniert die Ernte, ließ die Kinder ihrer Arbeitgeber sterben, lähmte die Rinder

GUTE HEXE: "good witch", die Heilung betrieb, wurde sogar noch ernsthafter bestraft.

Nach dem Konzil von Trient (1545-1563) nahm die Gegenreformation eine starke Position gegen die populären Heilerinnen ein. Sie fürchtete deren Macht durch die Verwurzelung in der Kultur ihrer Gemeinden.


ROLLE DER WISSENSCHAFT UND DES MODERNEN WISSENSCHAFTLICHEN WELTBILDES IN DER HEXENVERFOLGUNG

Vorabend des wissenschaftlichen Rationalismus, Theorie der Aufklärung: Moderne Wissenschaft transformiert intellektuelles Leben, indem sie einen neuen Skeptizismus hervorbringt. Sie entdeckte das Universum als selbstregulierenden Mechanismus, in welchem direkte und konstante göttliche Intervention unnötig war.

Joseph Klaits (1985) betont, dass dieselben Richter, die die Hexengerichte beendeten, die Existenz von Hexen nie in Frage stellten. Newton und andere Wissenschaftler der Zeit akzeptierten weiterhin übernatürliche Magie als theoretisch möglich. Descartes stand den Hexenverfolgungen agnostisch gegenüber, Joseph Glanville und Thomas Hobbes unterstützten sie.

Ende der Hexenverfolgungen:

Vernichtung der Welt der Hexen, Verinnerlichung einer sozialen Disziplin, die das siegreiche kapitalistische System erforderte.

Sichereres Gefühl der herrschenden Klasse, was ihre Macht betraf.

(Anm.: Moderne Wissenschaft als Ursache für die Hexenverfolgung? Vgl. The Death of Nature, Carolyn Merchant, 1980)

Teilweise provoziert durch die die kartesianische Philosophie, ersetzte der Paradigmenwechsel in der Wissenschaft ein organisches Weltbild, das Natur, Frauen und Erde als nahrungsgebende Mütter ansah, durch ein mechanisches Weltbild, in dem diese zu reinen Ressourcen wurden, und löschte jegliche ethische Vorbehalte zu ihrer Ausbeutung aus.

Verbindung zwischen Hexenverfolgungen und dem Aufstieg der modernen Wissenschaft in der Arbeit von Francis Bacon, einem der Väter der neuen wissenschaftlichen Methode: Sein Konzept der wissenschaftlichen Untersuchung der Natur basierte auf der Befragung der Hexen unter Folter, die Natur als eine Frau darstelllend, die erobert, enthüllt und vergewaltigt werden sollte.

  • Profunde Entfremdung zwischen Menschen und Natur durch die moderne Wissenschaft.

Aber: Newton verdankt die Entdeckung der Gravitationskraft einem magischen Blick auf die Welt.

Als die Welle der mechanischen Philosophie Anfang des 18. Jahrhunderts zu ihrem Ende kam, kamen neue philosophische Trends auf, die die Werte "Sympathie /Mitgefühl", Sensibilität und Leidenschaft betonten, und die sich leicht in das Vorhaben der neuen Wissenschaft integrierten. Dieses intellektuelle Gerüst war nicht direkt aus dem philosophischen Rationalismus entnommen, sondern war eine Art ideologische Bricolage: Elemente des christlichen Mittelalters, rationalistische Argumentationen, moderne bürokratische Gerichtsverfahren wurden zusammengebracht, auf die selbe Art wie der Nazismus den Kult von Wissenschaft und Technologie mit einem Szenario kombinierte, das vorgab, eine mythische Welt von Blutsbanden und vormonetären Zugehörigkeiten zu erneuern. -> "Zurückgehen" war ein Mittel, um vorwärts zu schreiten und die Bedingungen zur Anhäufung von Kapital zu errichten.

TEUFELSBESCHWÖRUNGEN

Das Loswerden von Pantheismus und Animismus definiert eine zentralisiertere Art der Verortung und Verteilung von Macht im Kosmos und in der Gesellschaft.

Paradox: Der Teufel funktioniert nun als wahrer Diener Gottes, als sein Verwalter oder Geheimagent. Er bringt Ordnung in die Welt, indem er sie von schlechten Einflüssen entleert und Gott als den einzigen Herrscher wieder geltend macht. Er festigt auch Gottes Befehlsgewalt über menschliche Angelegenheiten, damit sich Gott innerhalb eines Jahrhunderts aus der Welt zurückziehen könne, um zufrieden seine uhrgleichen Arbeiten von weit weg zu betrachten.

Rationalismus und Mechanismus sind keine unmittelbaren Ursache für die Verfolgungen, aber sie trugen ihren Teil dazu bei, eine Welt zu erschaffen, die die Natur ausbeutet.


DAS ENDE DER HEXENVERFOLGUNG

Die europäische Elite löschte einen ganzen Existenzmodus aus, der im Spätmittelalter ihre politische und ökonomische Macht bedroht hatte. Die soziale Disziplin wurde erneuert, die Vorherrschaft der herrschenden Klasse gefestigt, Ende! Später wurde die Hexenverfolgung zu einem Gegenstand der Lächerlichkeit gemacht, ein Aberglaube, bald aus dem Gedächtnis gelöscht.

Am Ende der Hexenverfolgung begann die herrschende Klasse die Kontrolle über sie zu verlieren, und geriet selbst unter Beschuss ihrer eigenen repressiven Maschinerie:

Deutschland (? Angaben ? Midelfort):

Als die Flammen höher schlugen und die Flammen näher an den Namen der Leute leckten, die sich an hohen Rängen und Macht erfreuten, verloren die Richter die Überzeugung über die Bekenntnisse und die Panik ließ nach ...

Frankreich:

  • Die letzte Welle der Hexenverfolgung verbreitete gesellschaftliches Chaos: Diener beschuldigten ihre Herren, Kinder ihre Eltern, Ehemänner ihre Ehefrauen etc. Der König entschied einzugreifen; Colbert dehnte die Rechtsgebung von Paris auf ganz Frankreich aus, um die Verfolgungen zu beenden. Ein Gesetz wurde veröffentlicht, in der Hexerei nicht einmal erwähnt wurde. Genauso wie der Staat die Hexenverfolgung begann, genauso kam es zu ihrem Ende: indem verschiedene Regierungen die Initiative ergriffen.

18.Jhd.:

Gemeine Verbrechen vervielfachten sich plötzlich: vermehrte Inhaftierung wegen Besitzbeschädigung (Anzünden von Häusern und insb. Getreidespeicher und Heulager), Überfälle, Körperverletzung.

Neue Verbrechen gingen in das Statutenbuch ein: Blasphemie wurde als ein strafbares Vergehen behandelt; Frankreich: nach der sechsten Verurteilung sollte man ihnen die Zunge rausschneiden. Sakrileg (Die Profanisierung von Reliquien und der Diebstahl von Hostien).

Es gab neue Begrenzungen beim Verkauf von Giftstoffen:

  • ihr Privatgebrauch wurde verboten,
  • Lizenzpflicht bei Verkauf,
  • Todesstrafe für Giftmischer.

Die neue gesellschaftliche Ordnung war bald genügend gefestigt, dass Verbrechen als solche identifiziert und bestraft wurden, ohne Rückgriff auf das Übernatürliche (vgl. Mandrou, frz. Parlamentarier, 1968 Kontext/Angaben?): Es war schwierig, einen Beweis für Hexerei zu erbringen, solche Verurteilungen wurden dazu benutzt um Schaden zuzufügen. Deshalb hat man aufgehört sie wegen dem Ungewissen zu beschuldigen, um sie wegen dem Bestimmten anzuklagen.

Als das subversive Potential der Hexerei erst einmal zerstört war, war es sogar erlaubt, sie weiterzuführen. Nach Ende der Hexenverfolgungen arbeiteten viele Frauen weiterhin als Wahrsagerin, Zauberin oder Hexe.

1704: In vielen Provinzen Frankreichs gibt es keinen Ort wo nicht jemand als Hexe betrachtet wird.

Im 18. Jhd. begann Hexerei auch die städtischen Adligen zu interessieren. Da sie, ausgeschlossen von der wirtschaftlichen Produktion, sich in ihren Privilegien bedroht sahen, befriedigten sie ihr Streben nach Macht mit dem Rückgriff auf Magie.

Die Autoritäten waren nicht länger interessiert an der Verfolgung dieser Ausübungen. Stattdessen begann die europäische Intelligenzia im 18. Jhd. sogar Stolz auf ihre Aufklärung zu sein, und selbstbewusst die Geschichte der Hexenverfolgung neu zu schreiben, indem sie sie als Produkt eines mittelalterlichen Aberglaubens verkaufte.

Aber: 1871 begann die Pariser Bourgeoisie instinktiv die weiblichen "Communards" zu dämonisieren und sie zu beschuldigen, dass sie Paris in Flammen setzen wollen.

Die bürgerliche Presse griff zur Erzeugung und Verbreitung des Mythos der "Petroleuses" auf das Repertoire der Hexenverfolgung zurück. Die Feinde der Commune behaupteten, tausende proletarische Frauen verwünschten und versahen (wie Hexen) die Stadt Tag und Nacht mit Tonnen von Kerosin und Aufklebern mit dem Kürzel B.P.B. (bon pour brûler= gut zum Verbrennen), um die Stadt vor den Augen der aus Versailles anrückenden Truppen in Schutt und Asche zu setzen. Verdächtig galten schlecht gekleidete Frauen, die ein Weidenkörbchen, eine Schachtel oder eine Milchflasche trugen. Hunderte von Frauen wurden getötet. Die Petroleuse war dargestellt als ältere Frau mit wildem Aussehen, ungekämmtem Haar, in ihren Händen der Behälter für die Flüssigkeit, mit der sie ihre Verbrechen beging.


==== -^- KOLONISIERUNG UND CHRISTIANISIERUNG


EINLEITUNG

18. Jhd.: Ein Fluss von Gold, Silber und anderen Ressourcen führt von Amerika nach Europa

Spaltung des neuen globalen Proletariats mit Mitteln der verschiedenen Klassenbeziehungen und der Disziplin = Beginn der von Konflikten geprägten Geschichten innerhalb der Arbeiterklasse.

Kontinuität zwischen der Bezwingung der Bevölkerung der Neuen Welt und der Menschen in Europa, besonders der Frauen, in der Umwandlungsphase zum Kapitalismus.

  • Erzwungene Enteignung ganzer Gemeinden von ihrem Land
  • Hohes Ausmaß an Armut
  • Das Einführen von Christianisierungskampagnen, die die Selbstbestimmung der Leute und ihrer Gemeinschaftsbeziehungen zerstörten.
  • Konstante gegenseitige Befruchtung mit Formen der Unterdrückung die in der Alten Welt entwickelt worden waren und in die Neue Welt transportiert wurden, und dann wieder zurückimportiert wurden nach Europa
  • Ausdehnung der Hexenverfolgung auf die amerikanischen Kolonien

Salem galt zunächst als die einzige Ausnahme der außereuropäischen Verfolgung von Männern und Frauen, die der Hexerei bezichtigt wurden.

Teufelsverehrung, eine Schlüsselrolle in der Kolonisierung der amerikanischen einheimischen Bevölkerung.

Hauptbezugswerke, die Federici in diesem Kapitel verwendet:

  • Studie zur Hexenverfolgung und Neudefinierung von Geschlechterbeziehungen in der Inkagesellschaft und in Peru von Irene Silverblatt (Moon, Sun and Witches,1987) – erste englische Rekonstruktion der Geschichte der andinen Frauen, die als Hexen verfolgt wurden.
  • Dokumentation der Auswirkungen der Hexenverfolgung in Amerika auf die Hexengerichtsverfahren in Europa, (jedoch Betrachtung der Hexenverfolgung als geschlechtsneutral)
  • Aufsatzserie "Streghe e Potere" von Luciano Parinetto,1998: Hexenverfolgung als Befreiungsstrategie, die von den Autoritäten benutzt wurde, um Terror zu installieren, kollektive Widerstände zu zerstören, ganze Gemeinschaften zum Schweigen zu bringen und deren Mitglieder gegeneinander auszuspielen.

Strategie der Enclosure, abhängig vom Kontext: Land, Körper oder soziale Beziehungen

Europa: Hexenverfolgung = Entmenschlichung und paradigmatische Form der Unterdrückung, die Versklavung und Frauenvernichtung rechtfertigt.

Die Hexenverfolgung zerstörte nicht den Widerstand der Kolonisierten: Hauptsächlich durch den Kampf von Frauen gab es nach wie vor eine Verbindung der amerikanischen Indianer mit dem Land, den lokalen Religionen und der Natur. Dies war für mehr als 500 Jahre eine Quelle von antikolonialem und antikapitalistischem Widerstand.

Heute gibt es neuerliche Angriffe auf die Ressourcen und Modi der Existenzen von indigenen Bevölkerungen auf dem Planeten.


DIE GEBURT DER KANNIBALEN

Als Kolumbus zu den Indianern segelte, war die Hexenverfolgung in Europa noch kein Massenphänomen. Teufelsverehrung war bereits eine gängige Waffe unter der Elite, um gegen politische Feinde vorzugehen, und ganze Populationen wie die Juden und Moslems zu verunglimpfen. Eine repressive Gesellschaft hatte sich im mittelalterlichen Europa entwickelt, gefüttert von Militarismus und christlicher Intoleranz, die auf das "Andere" oder die "Anderen" hauptsächlich mit Aggression schauten.

Ethnografische Modelle als Filter, durch den die Eroberer die Kulturen, Religionen und sexuellen Bräuche der angetroffenen Leute im Neuen Zeitalter der Ausdehnung sahen:

  • Kannibale
  • Ungläubiger
  • Barbar
  • missgestaltete Rassen
  • Teufelsverehrer

Diese Definitionen halfen die Fiktion zu kreieren, dass die Eroberung nicht nur ein unverfrorenes Streben nach Gold und Silber war, sondern eine Konvertierungsmission. -> So erhielt die spanische Krone 1508 den Segen des Papstes und die katholische Kirche die vollständige Autorität über Amerika.

DETAILS

Kulturelle Kennzeichen trugen zur Erfindung der Indianer bei. Nacktheit, Sodomie waren Zeichen für Wesen, die in einem tierähnlichen Zustand lebten. -> Sie waren Beasts of Burden, Lasttiere. Ein Zeichen ihrer Bestialität war ihre Neigung, alles was sie hatten, im Tausch mit etwas von geringem Wert wegzugeben.

Peitsche, Galgen, Stock, Gefangenschaft, Folter, Vergewaltigung und gelegentliches Töten wurden die Standardwaffen, um Arbeitsdisziplin in der Neuen Welt einzuführen.

In einer ersten Phase (1530 -1550), als die Spanier noch glaubten, die Einheimischen würden leicht zu konvertieren oder unterdrücken sein, bestand zunächst ein anderes, idyllisches Bild der Indianer als unschuldige und großzügige Wesen, die in einem mythischen Goldenen Zeitalter oder in einem irdischen Paradies ein Leben frei von Mühe und Tyrannei lebten (= literarischer Stereotyp). Dies drückt die Unfähigkeit der Europäer aus, die Völker, auf die sie stießen, als wirkliche menschliche Wesen zu sehen.

Es folgte eine Phase der Massentaufen, inbrünstige Versuche, die Indianer zu überzeugen, ihre Namen zu ändern, sich von ihren Göttern, sexuellen Bräuchen, besonders der Polygamie und Homosexualität, abzuwenden. Barbusige Frauen wurden gezwungen sich zu bedecken, Männer in Leinenkleidung mussten Hosen anziehen.

Hauptsächliches Mittel der Teufelsbekämpfung war das Verbrennen lokaler "Idole".

Politische und religiöse Führer aus Zentralmexiko wurden zwischen 1536 und 1543 – als die Inquisition in Amerika eingeführt wurde – von Pater Juan de Zumarraga auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Jemandem seine Macht aufzuerlegen, ist nicht möglich, ohne die vorherige bis zu dem Punkt zu verleumden und zu verunglimpfen, bis eine Identifizierungsmöglickeit mit ihr nicht mehr gegeben ist.

Ideologische Maschinerie, die die militärische ergänzte: Darstellung der Kolonisierten als schmutzige und dämonische Wesen, die jegliche Art von Abscheulichkeiten praktizieren. Dieselben Verbrechen, die zunächst fehlender religiöser Erziehung zugeschrieben wurden – Sodomie, Kannibalismus, Inzest, Transvestismus – wurden nun zu Zeichen dafür, dass die Indianer unter der Herrschaft des Teufels standen und sie somit gerechtfertigterweise ihres Landes und Lebens beraubt werden durften. Der Perspektivenwechsel vollzog sich angeblich beim Zusammentreffen mit imperialistischen Staaten, wie denen der Azteken oder Inkas, wo Menschenopfer gebracht wurden, eine Unterdrückungsmaschinerie vorhanden war, Massenopfer, Kriegsgefangene, Kinder- und Sklavenhandel existierten.

(Anm.: Warum waren die Spanier schockiert, wenn sie selbst z.B. 1521 über 100 000 Menschen abschlachteten, nur um Tenochtitlan zu erobern?)

Kannibalische Rituale ähneln mittelalterlichen medizinischen Praktiken in Europa: Menschenblut trinken, besonders das von denen, die einen gewaltsamen Tod gestorben sind, Mumienwasser – gewonnen durch das Einweichen von Fleisch in verschiedenen Spirituosen – war ein gebräuchliches Heilmittel gegen Epilepsie und andere Krankheiten. Menschenfleisch, Blut, Herz, Totenschädel, Knochenmark und andere Körperteile wurden rituell in allen Gesellschaftsschichten verzehrt.

Logik der Kolonisierung: Entmenschlichung und Furcht vor denen, die man versklaven will.

Hohe Sterblichkeitsraten durch Epidemien in der Eroberungsphase wurden von den Spaniern als Bestrafung Gottes für das bestialische Benehmen der Indianer interpretiert.

Wenn die Indianer durch die ideologische Kampagne nicht als Dämonen und Tiere dargestellt worden wären, wären keine Aufzeichnungen von Debatten darüber vorhanden, ob Indianer menschliche Lebewesen sind oder nicht.

Die Vervollständigung der Unterdrückungskampagne bildeten Illustrationen, die in Europa nach 1550 von der Neuen Welt in Umlauf waren: Massen an Nackten, kannibalische Festmahle (vgl. Hexensabbate mit menschlichen Köpfen und Gliedern), sowie Literatur, z.B. "Le Livre des Antipodes" von Ludwig Gottfried (1630) mit Horrorbildern von Frauen und Kindern, die sich mit menschlichen Eingeweiden vollstopfen, oder eine kannibalische Gemeinschaft um einen Grill versammelt, die Beine und Arme schlemmen und dabei das Rösten der menschlichen Überreste beobachten.

Hauptbeiträge der kulturellen Erzeugung der Indianer als bestialische Wesen sind die Illustrationen in "La singularité de la France Antarctique" (Paris, 1577) von André Thevet und im Buch "Wahrhaftige historia" von Hans Staden (Marburg,1557), in dem er seine Gefangenschaft bei den kannibalischen Indios Brasiliens beschreibt.


AUSBEUTUNG, WIDERSTAND UND DÄMONISIERUNG

Trotz der Massaker und der Ausbeutung mit dem System der Encomendia hatten die Spanier die Subsistenzwirtschaft noch nicht vollständig zerstört. Anhäufung von Wohlstand war weiterhin abhängig von der Enteignung der Güter der Indianer, weniger von der direkten Ausbeutung ihrer Arbeit(skraft). Die Spanier übernahmen zunächst die Form von TRIBUTSYSTEMEN, die schon von den Inkas und Azteken eingeführt worden waren: Die Oberhäupter der Gemeinden (Caciques) lieferten Anteile (cuotas) von Gütern und Arbeit in einer Höhe ab, von der man annahm, dass dadurch die örtlichen Wirtschaften weiterhin bestehen konnten. Dies war nicht dauerhaft ausreichend, um die Bedürfnisse der Eroberer zu stillen.

Wendepunkt 1550: Die Spanische Krone beschließt ein drastischeres Ausbeutungssystem aufgrund einer Krise der "Plünderökonomie". Es wird immer schwieriger, genug Arbeitskräfte für die Obrajes (Manufakturen), wo Güter für den internationalen Markt produziert wurden, und für die neu entdeckten Silber- und Zinnminen, wie die legendäre in Potosí, zu bekommen.

Situation in Spanien: Es werden immer mehr importierte Güter und Nahrung gekauft, weniger das im eigenen Land produzierte. Die kolonialen Plünderungen finanzierten die spanische Gebietserweiterung in der Neuen Welt. So war die spanische Wirtschaft stark gebunden an die konstante Einkunft von Gold und Silber und um 1550 bereit zur Untergrabung der Macht der Encomenderos, um sich den Bulk der Indianischen Arbeit direkt anzueignen.

Steigender Widerstand gegen die Kolonisierung, Antwort in Mexiko und Peru: Kriegserklärung an einheimische Kulturen

Drakonische Intensivierung der Kolonialherrschaft

in Yucatan 1562: Diego de Landa unternimmt eine ANTIGÖTZENBILDKAMPAGNE: Mehr als 4500 Leute wurden, unter der Anklage Menschenopfer zu bringen, brutal gefoltert. Die Bestrafungen waren so grausam – heftige Auspeitschungen, die das Blut zum Fließen brachten, jahrelange Versklavung in den Minen –, dass viele Leute starben oder arbeitsunfähig wurden, andere flohen aus ihrer Heimat oder begingen Selbstmord. -> Die Arbeit wurde unterbrochen und die regionale Ökonomie erschüttert. Dies war das Fundament zur Gründung einer neuen Kolonialwirtschaft, die den lokalen Bevölkerungen signalisierte, dass die Spanier bleiben würden und die Herrschaft der alten Götter vorüber war.

in Peru, 1560er Jahre: Erster breit angelegter Angriff auf den Diabolismus, zeitgleich mit dem Aufkommen der TAKI ONQUOY BEWEGUNG = nativ millienaristisch, gegen die Kollaboration mit den Europäern predigend, für eine pan-andinische Allianz. Anbetung der örtlichen Götter (Huacas). Huacas = Berge, Knospen, Steine, Tiere, die den Geist der Vorfahren verkörpern. Es gibt eine kollektive Fürsorge, Fütterung, sie werden verehrt, damit jeder sie als Hauptverbindung zum Land sieht und wichtig für die landwirtschaftliche Reproduktion. Frauen sprachen zu ihnen, um eine gesunde Ernte zu erbitten.

  • Ermutigung, die christliche Religion und damit die von den Spaniern erhaltenen Namen, Essen und Kleidung zu verweigern.
  • Aufruf zur Verweigerung der Tributzahlungen und der Arbeitsverpflichtungen.
    • Versprechen: Wenn sie dies tun, drehen die wiederauferstandenen Huacas die Welt und zerstören die Spanier, indem sie ihnen Krankheit und Fluten in ihre Städte schicken, den Ozean anschwellen lassen und jegliche Erinnerung ihrer Existenz auslöschen.
    • Beginn eines neuen Gefühls der Identität, das die Teilungen der traditionellen Organisation des Gemeinschaftslebens (ayllus) überwindet. Die Andenbewohner reflektieren über sich als ein Volk, als "Indigene": Im Norden bis nach Lima, im Osten bis nach Cuzco und über die Höhe der Puna des Südens bis nach La Paz im jetzigen Bolivien.

ANTWORT: Das Konzil von Lima (1567):

Priester sollen den Indianern die zahllosen Aberglauben, Zeremonien und teuflischen Riten austreiben, Hexendoktoren einsperren. Sie entdecken und zerstören Schreine und Talismänner, die mit der Verehrung lokaler Götter verbunden sind. Diese Empfehlungen wurden bei der Synode von Quito (1570) wiederholt.

  • Das Verbot der Verehrung der Huacas war also die Zerstörung der Gemeinschaft, der geschichtlichen Wurzeln, der Verbindung zum Land, der intensiven spirituellen Beziehung zur Natur. Dies gilt auch für das restliche Vizekönigreich Peru und für Mexiko.

DETAILS:

Götzenbilder wurden zerstört, Tempel niedergebrannt, diejenigen, die einheimische Riten und Opfergaben praktizierten, wurden mit dem Tod bestraft. Festivitäten wie Banketts, Lieder, Tänze genauso wie künstlerische und intellektuelle Aktivitäten (Malerei, Skulpturen, Beobachtung der Sterne, Hieroglyphen schreiben), denen man die Inspiration des Teufels unterstellte, wurden verboten und diejenigen, die an diesen Dingen teil hatten, gnadenlos zur Strecke gebracht. Gleichzeitig gab es eine Reform zur Ausbeutungsintensivierung der eingeborenen Arbeitskräfte und einen stärkeren Fluss der Edelmetalle in die Truhen der Spanischen Krone.

  1. Gewaltige Erhöhung des Arbeitspensums, die die örtlichen Caciques für die Minen und Obrajes zur Verfügung stellen mussten
  2. Durchsetzung dieser neuen Regel, oder die Herrschaft wurde unter Beobachtung der lokalen Repräsentanten der Krone gestellt. Diese war befugt zu verhaften und andere Formen der Strafe auszuüben.
  3. Es gab ein Neubesiedlungsprogramm, um die städtische Bevölkerung in designierte Dörfer zu platzieren. Zerstörung der Huacas und Verfolgung früherer Religionen. Unter dem Deckmantel der Christianisierung verehrten die Menschen weiterhin ihre Götter genauso wie sie kontinuierlich zu ihren Milpas = Feldern zurückkehrten, nachdem sie aus ihren Häusern vertrieben worden waren.

1619 -1660: Höhepunkt des Angriffs auf die lokalen Götter, begleitet nun auch von Hexenverfolgungen, die speziell auf Frauen abzielten.

Beispiel einer Hexenverfolgung, durchgeführt vom Inquisitorenpriester Juan Sarmiento in Huarochiri (selbes Muster wie in Europa):

Lesen des Edikts gegen Götterverehrung, Predigt gegen diese Sünde, geheime Denunziationen von anonymen Informanten, Befragung der Verdächtigen, Einsatz von Folter, um Bekenntnisse herauszubekommen, Verurteilung, Bestrafung, hier: Öffentliches Auspeitschen, Exil und andere Formen der Demütigung. Exemplarische Rituale, didaktische Theaterstücke an das Publikum und die Teilnehmer selbst gerichtet. -> Dem öffentlichen Erhängen im mittelalterlichen Europa sehr ähnlich.

Praxis: Angeklagte wurden auf Esel gesetzt, mit riesigen Kreuzen um ihren Nacken, und gezwungen diese Markierungen von diesem Tage an zu tragen. Auf die Köpfe setzten die religiösen Autoritäten eine mittelalterlichen Coroza, einen kegelförmigen Hut aus Pappe, was ein katholisches Zeichen für Verachtung und Schande war. Die Haare wurden abgeschnitten, was ein andinisches Zeichen der Verachtung war. Peitschenhiebe auf den nackten Rücken, Stricke um den Nacken, mit einem ihre Verbrechen Ausrufenden am Anfang einer sie der Stadt vorführenden Parade. Nach diesem Spektakel wurden die von den 20, 40 oder 100 Hieben mit der neunschwänzigen Katze blutenden Angeklagten vom Henker zurückgebracht.

Schlussfolgerung von Spalding (Angaben?):

Die Einschüchterung der Bevölkerung, die Erschaffung eines Todesorts, erzeugt Angst und paralysiert potentielle Rebellen. -> Lieber sich anpassen, als dieselbe Tortur durchmachen zu müssen. Die Strategie ist teilweise erfolgreich: Freundschaften und Allianzen brechen zusammen, der Glaube an die Wirksamkeit der Götter wird geschwächt und die Verehrung derselben wandelte sich von einer öffentlichen kollektiven zu einer individuellen geheimen Praxis.

Das Wesen der Anschuldigungen änderte sich:

1550: Öffentliches Zugehörigkeitsbekenntnis der Leute und ihrer Gemeinde zur traditionellen Religion

1650: Verbrechensanschuldigungen drehen sich um Hexerei, um geheimnistuerisches Verhalten. -> Immer ähnlicher den Beschuldigungen gegen die Hexen in Europa.

Beispiel: Huarochiri 1660: Verbrechen drehten sich um Heilen, verlorene Güter finden und andere Formen, die allgemein Dorfhexerei genannt werden könnten. Die Vorfahren und die Huacas waren trotz der Verfolgung weiterhin essentiell für die Gemeinden.


FRAUEN UND HEXEN IN AMERIKA

28 von 32 Angeklagten in Huarochiri waren Frauen; auch in der Taki Onquoy Bewegung waren es Frauen, die den alten Modus der Existenz am meisten verteidigten und sich der neuen Machtstruktur entgegenstellten – wahrscheinlich weil sie diejenigen waren, die es am negativsten betraf. In der vorkolumbianischen Zeit hielten Frauen eine machtvolle Position inne. Es gab viele wichtige weibliche göttliche Wesen in ihren Religionen. Die Frauen waren wichtig für die Organisation der Gesellschaft, die Sphären ihrer Aktivität waren sozial anerkannte Bereiche. Sie waren den Männern nicht gleich, aber ihnen komplementär durch ihren Beitrag zu Familie und Gesellschaft. Frauen waren Farmerinnen, Hausarbeiterinnen, Weberinnen, mit der Aufgabe die farbenfrohen Kleidungsstücke, die im täglichen Leben und in Zeremonien getragen wurden, anzufertigen. Sie waren Töpferinnen, Kräuterfrauen, Heilerinnen (curanderas), Priesterinnen (sacerdotisas), im Dienst der Hausgötter. In Mexiko stellten Frauen den Pulque Maguey (Agavenpulque) her, eine 'göttliche' Substanz, die mit der Muttergöttin assoziiert wurde.

Gründe, warum Frauen zu Hauptfeinden der Spanier wurden: Nach Ankunft der Spanier wurde die wirtschaftliche und politische Macht neu strukturiert. Die neue koloniale Gesellschaftsordnung bevorzugte die Männer.

1528: Ehepaare durften nicht mehr geschieden werden, um Kinder und Frauen auch zur Minenarbeit verpflichten zu können, Verbot der Polygamie. Frauen mussten ihren Männern zu den Orten der Mita (Zwangsarbeit) folgen. Zweitfrauen wurden zu Mägden deklassiert, ihre Kinder in fünf verschiedene Typen der Illegimität gelabelt.

Die Frau wurde zur Sklavin gemacht, musste als Magd / Weberin / Köchin arbeiten für den Priester, den Ehemann, den Häuptling oder in den Manufakturen

Um ihre Macht zu erhalten, begannen die Frauen die Gemeindeländer zu übernehmen. Das Recht auf Wasser und Land wurde ihnen aber genommen.

In der europäischen Fantasie war Amerika selbst eine liegende Frau, die verführerisch den sich nähernden weißen Fremden einlädt. Manchmal waren es sogar die Indianermänner selbst, die ihre weibliche Sippschaft den Priestern oder den Encomenderos auslieferten, um im Gegenzug eine wirtschaftliche Belohnung oder einen öffentlichen Posten zu bekommen.

Frauen lehnten Symbole ihrer Unterdrückung ab, widersetzten sich den spanischen Administratoren, der Geistlichkeit und den eigenen Offiziellen ihrer Gemeinden. Frauen weigerten sich zur Messe zu gehen ihre Kinder zu taufen oder zu kooperieren. In den Anden begingen einige Frauen Selbstmord oder töteten ihre männlichen Kinder, aus Abscheu vor dem Verhalten der männlichen Verwandten, und um sie vor der Minenarbeit zu bewahren.

Die Frauen kümmerten sich um die Reorganisation ihrer Kommunen. Sie wurden Priesterinnen, Anführerinnen, Halterinnen der huacas (Funktionen, die sie nie zuvor innehatten).

In Peru gab es Unterweisungen der Leute, was sie den katholischen Priestern bekennen durften und was besser nicht zu erwähnen war.

Indigene zogen sich in die höher gelegene Puna zurück, wo sie weiter die alte Religion ausüben konnten.

Indigene Männer flohen oft aus der Unterdrückung der Mita und der Tributzahlungen, indem sie ihre Gemeinden verließen und zur Arbeit als yaconas (Diener) in die aufstrebenden Haciendas gingen.

Frauen wurden als Hexen verfolgt aufgrund von: Ausüben der alten Religion, Anführerschaft in der antikolonialen Revolte, Spezialistinnen in medizinischem Wissen, die vertraut waren mit den Eigenschaften von Kräutern und Pflanzen.

Im 17. Jhd. bekannten die andinischen Frauen unter dem Einfluss von Folter, intensiver Verfolgung und erzwungener kultureller Anpassung dieselben Verbrechen wie die sogenannten Hexen in Europa: Pakte und Kopulation mit dem Teufel, durch die Luft fliegen; Steine, Berge, Knospen zu verehren, die Huacas zu füttern, Salbungen und Wachsbilder zu machen, Verschreiben pflanzlicher Medizin, die Autoritäten zu verhexen und ihren Tod zu verursachen.

Vor der Kolonialisierung war die Teufelsverehrung unbekannt.

Die Isolierung der Hexen vom Rest der Gemeinde gelang jedoch nicht; sie wurden nicht in Ausgestoßene verwandelt, sondern meistens zu Comadres (Hebammen). In informellen Dorfwiedervereinigungen verflocht sich Hexerei und die Aufrechterhaltung der alten Traditionen und bewusster politischer Widerstand. Die Religionsausübung wurde auf Kosten des vormals kollektiven Wesens in den Untergrund gedrängt. Aber die Bindungen mit den Bergen und den anderen Orten der Huacas wurden nicht zerstört. Starke Präsenz der Frauen in populären Aufständen bis ins 18.Jhd., wo sie in einem von vier Fällen den Angriff gegen die Autoritäten leiteten.

Frauen waren Schlüsselfiguren in der Bewahrung der alten Religionen und den antikolonialen Kämpfen.

DER STURM

Die Charaktere von "The Tempest" symbolisieren den Widerstand der Ureinwohner Amerikas gegen die Kolonisierung. Ironischerweise wurde Caliban und nicht seine Mutter Sycorax (die Hexe) von lateinamerikanischen Revolutionären als Symbol des Widerstandes gegen die Kolonisierung verwendet. Caliban konnte seinen Meister nur bekämpfen indem er ihn verfluchte: in der Sprache die er von ihm gelernt hatte. Er ist folglich noch abhängig in seiner Rebellion von den Werkzeugen seines Meisters. Sycorax hingegen war so mächtig, dass sie den Mond kontrollieren konnte, Flut und Ebbe entstehen lassen konnte. Sie hätte vielleicht ihrem Sohn lehren können wie man die lokalen Mächte wertschätzt: Land, Wasser, Bäume, die Schätze der Natur und die gemeinschaftlichen Bande, die über Jahrhunderte hinweg den Befreiungskampf nährten.

DIE EUROPÄISCHEN HEXEN UND DIE "INDIOS"

Bumerangeffekt: Repressive Strategien wurden in Amerika übernommen; umgekehrt gab es Auswirkungen auf die Ereignisse in Europa durch die Hexenverfolgung in der Neuen Welt. Die Hexenverfolgung war auch in Europa ein Phänomen der Christianisierung.

"Land des Teufels": Ausrottung als politische Strategie

Vgl. Massaker an den Hugenotten

Verbindung Europa – Lateinamerika: Gebrauch der Berichte über die Indianer durch europäische Dämonologen (vgl. Jean Bodin; Francesco Maria Guezzo).

Zerstreuung des Europäischen Zentrismus, der die Hexenstudien charakterisierte, durch den globalen Charakter der kapitalistischen Entwicklung. Eine herrschende Klasse hat sich Ende des 16. Jhds. Europa aufgeprägt, die in der Formung eines Proletariats kontinuierlich mit Wissen und Herrschaftsmodellen operierte, das sie international sammelte.

Zwischen dem europäischen und lateinamerikanischen Hexenbild gab es thematische und ikonographische Korrespondenzen: Selbstsalbung mit halluzinogenen Substanzen bzw. mit Kröten, Salamandern, Schlangen, Kinderknochen; Menschenopfer bei den Priestern der Azteken und Inkas gleichen den Vorbereitungen der Hexen für den Sabbat; Kindesopferungen an den Teufel etc.


HEXENVERFOLGUNG UND GLOBALISIERUNG

Die Hexenverfolgung endet mit steigender politischer und wirtschaftlicher Sicherheit in den kolonialen Machtstrukturen und in den europäischen Machtstrukturen Ende des 17. Jhds.

Vor der großen Anti-Götterverehrungskampagnen des 16. und 17. Jahrhunderts verzichtete die Inquisition auf die Beeinflussung des moralischen und religiösen Glaubens der Bevölkerung Amerikas, in der Annahme, dass diese keine Gefahr für die Kolonialherrschaft darstelle. Götterverehrung und magische Praktiken wurden als Schwächen oder Marotten ignoranter Leute dargestellt. Von da an sind die Beschäftigungen mit Teufelsverehrung in die sich entwickelnden Sklavenplantagen von Brasilien, der Karibik und Nordamerika weitergezogen, wo die englischen Siedler ihre Massaker an den amerikanischen Indianern rechtfertigten, indem sie sie Sklaven des Teufels nannten.

Beim Gerichtsverfahren von Salem in Neu-England 1693 argumentierte man, man sei im Land des Teufels angekommen. Geister, Dämonen, Hexenmeister, Teufel. Schwarze und Indigene wurden besonders häufig beschuldigt, Hexen zu sein. Im 18. Jahrhundert wurde die Hexe zur afrikanischen Obeah-Frau, die als Triebfeder der Aufstände dämonisiert wurde. Mit zunehmendem (Neo)Kolonialismus / primitiver Akkumulation kommt es immer wieder zu Hexenverfolgungen. Bsp: 1840 in Westindien, in den 1980er Jahren in Nigeria und Südafrika -> Kampf um Ressourcen.

Frauen werden in Scharen verfolgt und vernichtet. Meistens sind sie alt und arm. In Kenia, Nigeria und Kamerun geschieht dies in den 1980er und 90er Jahren gleichzeitig mit auferlegten Strukturanpassungsprogrammen des IWF und der Weltbank.

  • Dies ist einen neue Runde von Enclosures. Sie verursacht unvergleichliche Armut unter der Bevölkerung.

In Nigeria bekannten in den 1980er Jahren unschuldige Mädchen, tausende Menschen getötet zu haben. Mit der der Sklaverei war es nicht vorbei; Hexerei, Kolonisierung und Christianisierung pflanzten in die Körper der kolonisierten Gesellschaften das Hexenverfolgungsrepertoire der Bourgeoisie ein, und die unterdrückten Gemeinschaften holten es von Zeit zu Zeit in ihrem eigenen Namen unter ihren eigenen Mitgliedern wieder hervor. In anderen afrikanischen Ländern gab es Petitionen, die die Regierungen aufforderten, die Hexen stärker zu verfolgen. In Brasilien und Südafrika sind ältere Frauen von Nachbarn getötet und die Verwandtschaft der Hexerei angeklagt worden. Zur selben Zeit entwickeln sich neue Arten von Hexenglauben – vgl. das Dokument von Michael Taussig über Bolivien, wo arme Leute die neuen Reichen verdächtigen, ihren Wohlstand durch verbotene, übernatürliche Mittel erhalten zu haben. Über aktuell stattfindende Hexenverfolgungen in Afrika und Lateinamerika wird selten berichtet. Ähnlich wie bei den Hexenverfolgungen des 16. und 17.Jhds gelten sie vielen Historikern als Randphänomene der Geschichte, die nichts mit unserer heutigen Welt zu tun haben. Das Wiederauftauchen von Hexenverfolgungen in vielen Teilen der Welt in den 1980er und 90er Jahren ist aber ein klares Zeichen von ursprünglicher Akkumulation. Wieder stehen auf der Weltagenda: Enteignung von Land und anderen gemeinschaftlichen Ressourcen, Massenarmut, Plünderungen, das Säen von Spaltung in einstmals geschlossene zusammenhaltende Gemeinden. Hexenverfolgungen sind auch heute ein ein Mittel, den Widerstand gegen Enteignung zu kriminalisieren und sich zur Neige gehende Ressourcen anzueignen.

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