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Wsewolod E. Meyerhold (1874-1940) und die Biomechanik

Meyerhold entwickelt ein neues Bewegungssystem für Schauspieler, dem er 1918 den Namen "Biomechanik" gibt. Grundlage war die Erforschung der Bewegungstechniken in der Commedia dell'Arte. Durch die Biomechanik werden die Prinzipien der klaren analytischen Ausführung jeder Bewegung festgelegt. Ziel ist die Differenzierung jeder Bewegung mit größtmöglicher Exaktheit, ihre Mustergültigkeit in einem System des Taylorismus der Bewegungen. Dieser knüpft an die mechanisierten und rationalisierten Arbeitsabläufe in der industrialisierten Gesellschaft an. Der Schauspieler bedient seinen Körper wie eine Maschine.

  • "Das erste Prinzip der Biomechanik ist folgendes: Der Körper ist eine Maschine, der Arbeitende (Schauspieler) der Maschinist." (Die Prinzipien der Biomechanik, S. 88)
  • "Die Schaffung der Biomechanik wird die Erschaffung eines neuen Menschen sein, der in seinen Bewegungsoffenbarungen den Bedingungen der neuen, mechanischen Lebensweise angepasst ist." (Der moderne Schauspieler, S. 13)
  • => Theater wird zum Ort der Produktion.

Für das neue Gesellschaftssystem werden Schauspieler nach diesem Prinzip neu ausgebildet. Grundlagen der Ausbildung sind biomechanische Etüden und sportliches Training sowie Ausbildung in den Naturwissenschaften.

  • => Ziel des Theaters ist die Organisation der Massen.

In der sozialistischen Gesellschaft gibt es keine Trennung mehr in Arbeit und Freizeit. Arbeit wird nicht mehr als Fluch empfunden, sondern als "freudvolle Lebensnotwendigkeit". "In Zukunft wird der Schauspieler sein Spiel noch stärker mit den Bedingungen der Produktion koordinieren müssen." (Der Schauspieler der Zukunft und die Biomechanik, 1922, S. 14). Meyerhold vergleicht den Prozess des effizienten Arbeitens mit dem des Schauspielens:

  • 1. Fehlen überflüssiger, unproduktiver Bewegungen 2. Rhythmik 3. richtiges Gefühl für den Körperschwerpunkt (Kommandopunkt) 4. Ausdauer. Daraus entsteht eine tänzerische organisierte Bewegung, die auch für die Arbeit des Schauspielers gilt. Im Schauspieler vereinen sich (s.o., Mensch und Maschine) Organisator und Organisierter, Künstler und Material. Es gilt die Formel N=A1+A2. N ist der Schauspieler, A1 der Konstrukteur der die Idee konzipiert und befiehlt, A2 der Körper des Schauspielers. (Der Schauspieler der Zukunft und die Biomechanik, 1922, S. 15)

Außerdem wird auch in der Biomechanik der Bewegungsablauf unterteilt (s.u.).

  • "Die Arbeit des Schauspielers besteht im Schaffen plastischer Formen im Raum", nicht im Darstellen einer Rolle. Meyerhold fordert eine virtuose äußere Technik des Schauspielers. Haltungen, inneres Erleben oder Psychologie sollen sich über die Arbeit am Körper einstellen. Meyerhold nennt dies "reflektorische Erregbarkeit", es geht also nicht um ein Hineinversetzen in die Rolle, sondern um das, was durch genaue kontrollierte Körperarbeit entsteht. In seiner Theorie der Reflexologie knüpft er an Pawlow an. Die Differenz zwischen Darsteller und Figur bleibt wichtig. Nicht Identifikation, sondern Repräsentation.

(s. dazu Brechts Episches Theater )

Charakteristika von Meyerholds Theaterarbeit:

  • Kühle Diktion, Rhythmisches (chorisches) Sprechen, Statuenhafte/skulpturenhafte Arrangements, Pantomimische Darstellung, Nicht-realistische, stilisierte, verfremdende, marionettenhafte Körperlichkeit (hier bezieht er sich auf die Romantik, indirekt auf Kleist: Über das Marionettentheater und auf Craig: Die Über-Marionette), flächenhaftes Spiel (wenig Tiefe im Bühnenraum kombiniert mit den reliefartigen Ansichten der Biomechanik, den Rakurs), Freeze (Mie im Kabuki-Theater) = Einfrieren des Spiels.
  • Mechanische Bühne ohne Vorhang
  • Meyerholds Vorbilder sind die Commedia dell'arte, das japanische Theater (Kabuki) mit seinen artifiziellen tänzerischen Bewegungen, dessen offene Bühnenhelfer er wieder einführt, Edward Gordon Craig.
  • Verleugnung der Individualität (Einheitskostüm, Maske) erweitert die Möglichkeiten des Schauspielers. (=> Die Namen derer, die sich auf diese Techniken berufen, sind ungezählt! u.a. Living Theatre, Grotowski, Peter Brook … Meyerhold war einer der wichtigsten Erneuerer des Theaters und einer der Erfinder des modernen Schauspiels.)
  • Zum Realismus: "Wozu soll man es widerspiegeln, dieses gegenwärtige Leben. Man muss es überwinden. Wir müssen den Körper des Menschen vervollkommnen. " (Meyerhold, S. 40) Diese Haltung wird von der gesamten Avantgarde der frühen 1920er Jahre geteilt.

Timeline

  • 1913-17 Meyerhold leitet das Studio auf der Borodinskaja in St. Petersburg, wo er sich dem Studium traditioneller Spielformen und der Entwicklung seines Schauspielkonzepts widmet.
  • 1918 Meyerhold tritt in die KP ein.
  • 1918 Meyerhold inszeniert Majakowskis "Misterium Buffo".
  • 1920-21 M. ist Leiter der Theaterabteilung des Kommissariats für Volksbildung (Narkompros). Er ruft den Theateroktober aus: Massenkultur und Militarisierung, Aufhebung der Rampe, Annäherung von Bühne und Zuschauern nach Vorbild des antiken Theaters, Schaffung einer proletarischen Kultur durch vitale Schauspieler und ein revolutionäres Repertoire.
  • 1921 beginnt die NÖP: Schluss mit Proletkult, Massenspektakeln und Förderungen. Meyerhold verliert seinen Posten.
  • 1921 lernt M. die Gruppe der Konstruktivsten um Popova und Rodtchenko kennen; Zusammenarbeit bei Bühnenbildern
  • ab 1921 bildet M. "in der Meisterschaft der Inszenierung" und in der "Meisterschaft des Schauspielers" in seiner Werkstatt (Mischung aus Theaterschule und Laboratorium) aus (duale Ausbildung), ab 1923 am Meyerhold-Theater (gegründet als Arbeitskollektiv, ab 1926 staatlich).
  • Zusammenarbeit mit Eisenstein (Schüler), Tretjakow, Majakowski, Erdman (Dozenten), El Lisitzky u.a.
  • 1934 Kampagne gegen Formalismus und für sozialistischen Realismus: Meyerhold und sein Theater werden mehr und mehr angefeindet.
  • 1938 wird das Theater geschlossen
  • 1939 wird M. verhaftet und 1940 als Spion und Trotzkist angeklagt, verurteilt und ermordet.

Zur Biomechanik:

Die Prinzipien der Biomechanik (44 Punkte, S. 82-88): 1. Wenn die Nasenspitze tätig ist, arbeitet auch der gesamte Körper. Schlüsselbegriffe: Aufmerksamkeit, Klarheit, Kontrolle, Bewusstheit, Zäsuren, Koordinierung, Orientierung, Selbstbeherrschung, Ruhe, Methodik, Technik, Vergleich mit der Musik (Partitur) 5. Jede Bewegung besteht aus drei Momenten: 1) Absicht 2) Gleichgewicht 3) Ausführung. 18. Jede Kunst ist – Organisation des Materials. Der Schauspieler organisiert "sein" Material. 28. Jede Kunst ist auf Selbstbeschränkung gegründet. 29. Man muss ökonomisch mit den Bewegungen umgehen.

Paradox des Schauspielers: Freiheit in der Unterwerfung. Freude am Spiel(en): scherzhaft, kindlich

Kern der biomechanischen Praxis: Die Etüden Sprung auf die Brust, Schuss mit dem Bogen, Steinwurf, Ohrfeige etc. Betonungen liegen unterschiedlich auf: Handlungsfolge, Dramatik, Akrobatik, Umgang mit Objekten Beginn: Daktylus-Bewegung und Klatschen. Beine federnd. Energie sammeln und verteilen. Kommandopunkt (Solarplexus). Tänzerisch, nicht pantomimisch. Bewegungsvorbilder: Tiger, Kind

  • Otkas: vorbereitende Gegenbewegung, gestisch, körperlich, aber auch im dramaturgischen Sinn (Schaffung von Spannungen durch - entgegengesetzte -Widerspruchsbewegungen). Dient auch der Koordination der Schauspieler untereinander.Der Otkas ist "Dialektik in der Organik der Bewegungen", er ist die Negation der Negation, in der der Weg A-B zum Weg A-C-B wird. Lenin: Weggehen, um besser zu treffen, zurückweichen, um besser zu verstehen. Der Otkas ist auch bekannt im Prozess der (künstlerischen) Entscheidungsfindung. Eisenstein beschreibt ihn auf den Seiten 117ff. (Laut E. gibt es dafür in Hollywood die sogenannten Yes-Men (!) die nichts anderes tun, als die Entscheidungen ihrer Regisseure zu bejahen.)
  • Bsp. Bogen spannen, Othello, Angriff des Tigers
  • Posyl: Ausführung
  • Stoika: Stand
  • Tormos: findet während der Ausführung Otkas-Posyl-Stoika statt. "Bremse", die ein genaues, kontrolliertes Verlagern des Gleichgewichts und ein dynamisches in den Stand Kommen ermöglicht.

Verlangsamung auch im dramaturgischen Sinn.

  • Rakurs: horizontale Flächigkeit der Sicht, perspektivisch verkürzte Pose als Zwischenstadium der -> Bewegung (durch Freeze, Verlangsamung, Wechsel) => Visualisierung und Kinofizierung des Theaters

Mehr zur Terminologie: Elke Klusmann

Meyerholds Inszenierungen:

Der großmütige Hahnrei (1922) ist die erste biomechanische Inszenierung:

  • Die körperliche, dynamische, distanzierte Spielweise etabliert sich als Kontrapart zu Stanislawskis vom inneren Erleben ausgehendenden, realistischen Theater-System (beide Theatermacher sollten sich in den 1930er Jahren im Zuge der Formalismus-Debatte aufeinander zubewegen).
  • Meyerhold arbeitet mit Montagen von Szenen. Die Schauspieler agieren akrobatisch auf einer konstruktivistischen Bühne die durch Schrägen, Drehelemente, Treppen etc. zur Dynamik herausfordert. * Psychologie wird durch Haltung und Bewegung ersetzt, die Liebesszene scheint trotzdem zu funktionieren ("Sie fliegen aufeinander zu, Leichtigkeit, Freude, Spiel … " (Kritik, S. 169)).
  • Elemente des Trainings und Etüden werden eingebaut.
  • Die Schauspieler agieren in Arbeitskleidung (Prosodeshda).
  • Meyerhold geht es um die visuelle Wirkung der Bewegung (z.B. im Rakurs) mehr als um die realistische Rollengestaltung. Es war ein "Theater der sozialen Maske" (S. 175), in der der Schauspieler mit der Bühnenfigur spielt (s.a. Brechts V-Effekt ).
  • Inszenierungen: Tarelkins Tod, Der Wald, Der Revisor, Das Schwitzbad, Die Wanze u.a.
  • Meyerhold nennt die Biomechanik in den 1930ern auf Druck von Lunatscharski "Sozio-Mechanik"; er verteidigt aber seine Methode als "musikalischen Realismus", wo alle Elemente wie ein Orchester zusammenspielen. Taylorismus und Reflexologie treten in den Hintergrund zugunsten einer offeneren Beziehung des "Innen" und "Außen". Emotionaliät wird zugelassen.
  • Am Proletkult-Theater unter Eisenstein und in Eisensteins Regiearbeiten wird die Biomechanik weiterentwickelt. Eisensteins "Audrucksbewegung" schließt den Otkas in den organischen Bewegungsprozess mit ein.

Nachgeschichte Die Biomechanik wird mit Schülern Meyerholds in die Emigration getragen. In den 1970er Jahren versuchen das Living Theatre, Mel Gordon und andere, biomechanische Etüden anhand von Fotos und Zeitzeugen zu rekonstruieren. In Europa interessieren sich Grotowski, Brook und Barba für die Methode. 1981 findet das 1. internationale Meyerhold-Symposium in Stockholm statt. 1972-76: In der UdSSR leitet Nikolai Kustos, einer von Meyerholds Instrukteuren, am staatlichen Theater für Satire in Moskau Kurse in Biomechanik. Ende der 1980er Jahre inszeniert die Gruppe Warten auf Godot In der Folge geben die Gruppenmitglieder Genadi Bogdanov und Alexej Lewinski Unterricht und Workshops in Biomechanik. 1997: Thomas Ostereier inszeniert mit Bogdanov zusammen in dieser Technik "Mann ist Mann" von Brecht am Deutschen Theater/Baracke.

Heute wird Biomechanik noch gelehrt:

  • in Padua: http://www.microteatro.it/public/cisbit/it/content/ilcorpocoscienterm.asp
  • im Mime Centrum Berlin: http://www.mimecentrum.de/bewegungs.htm bei "Tony De Maeyer, Biomechanik Schauspieler und Lehrer. Das Training steht im Rahmen des biomechanischen Prinzipien: 'Otkas-Posyl-Stoika'. Mit dem spezifischen, dynamischen biomechanischen Training wird das Körperbewusstsein geschärft, sodass der Schauspieler immer mehr mit seinem Körper zu "denken" beginnt. Unsere Aufmerksamkeit geht hier vor allem auf das Spiel des Gleichgewichts, Rhythmus, Raum und Warhnehmung, auf die Musikalität und die poetische Ausdruckskraft der Körper im Bewegung."
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