About this Site - Sitemap



UTOPIE

----1400----

VORLÄUFER

----1890----

LEBENSREFORM

BOHEME

  • in München
----1918----

RÄTEREPUBLIK

  • in München

ARBEITERTHEATER 1880-1930s

WEIMARER REPUBLIK

  • braunes München
  • Berlin
  • Moskau - Paris - New York
----1955----

1960 - 1970 - 1980

----1989----

HEUTE



























edit this sidebar



Recent Changes Printable View Page History Upload File Edit Page

Bayerns Bauern whrend der Novemberrevolution 1918/1919: Ursachen und Grenzender Revolutionierung einer buerlichen Bevlkerung

 Ulrich Linse

Die von der politischen Reaktion nach 1918 gebildete Legende, die bayerische Revolution 1918/1919 sei urschlich das Werk landfremder Elemente gewesen, gehrt geschichtswissenschaftlich gesehen der Vergangenheit an. Zu deutlich konnte vom ehemaligen Ordinarius fr bayerische Geschichte an der Universitt Mnchen, Karl Bosl, und seinen Schlern durch Quellen belegt werden, da die Voraussetzungen dieser Revolution bis in die ra des Prinzregenten Luitpold (1886-1912) als der eigentlichen gesellschaftlichen Umbruchphase zurckreichen. Dies gilt auch fr die politische Mobilisierung der buerlichen Mittel- und Unterschicht im Gefolge der groen Agrarkrise am Ende des 19. Jahrhunderts -ber die agrarischen Interessenverbnde vollzog sich der Eintritt des Landvolkes in das politische Leben (Axel Schnorbus). Es traten nun diejenigen agrarischen Interessenverbnde in den Vordergrund, welche auch noch fr die Haltung der Bauernschaft in der Revolution von Bedeutsamkeit wurden: Der Bayerische Christliche Bauernverein (1898) unter der agitatorischen Fhrung des Bauerndoktors Georg Heim (1865-1938), eines Realschullehrers, welcher den linken Flgel der Zentrumspartei reprsentierte und in Zusammenarbeit mit niederem Klerus, katholischer Arbeiterbewegung, Sozialdemokraten und Bauernbund die soziale Besserstellung wirtschaftlich bedrohter Volksschichten anstrebte; und der vom Zentrum abgesplitterte radikal-buerliche Flgel, der seine Organisation im Bayerischen Bauernbund (1895) als einer parlamentarischen Interessenvertretung der Bauern fand, in Gegnerschaft zu Adel, hohem Klerus und Grobauerntum stand und in seinem Programm radikaldemokratische, antiklerikale, sozialistische und antisemitische Parolen vertrat; sein linker Flgel gewann vor Kriegsanfang an Gewicht -1913 erhlt sein Exponent Karl Gandorfer (1875-1932), Guts-und Ziegeleibesitzer, ein Landtagsmandat. Nicht zufllig war es auch, da der blutige Zusammensto der kleinbuerlichen Einwohner des oberpflzischen Ortes Fuchsmhl mit der Staatsgewalt 1894 zum Katalysator kommender politischer Entwicklungen wurde und Auswirkungen bis in die Revolutionszeit hatte: Hier begann der Einflu Heims in buerlichen Kreisen und damit sein politischer Aufstieg; hier auch die politische Zusammenarbeit zwischen der Sozialdemokratie und dem Bayerischen Bauernbund, die beide seit 1893 neu im Landtag vertreten waren.

Es ist bekannt, wie sich der Weltkrieg auf die bereits politisierte lndliche Mittel- und Unterschicht auswirkte: Die ungelste Volksernhrungsfrage lie den Schleier des Burgfriedens zerreien, polarisierte Produzenten und Konsumenten, lie allgemein in Deutschland eine gewisse Tendenz zur schrferen Durchzeichnung klassengesellschaftlicher Strukturen auch im lndlichen Bereich (Jrgen Kocka) hervortreten, und entfremdete dabei die bayerische Landbevlkerung, insbesondere das Mittel- und Kleinbauerntum, der Reichs- und Landesregierung:

Die Lebensbedingungen der Landbevlkerung waren weniger durch den Hunger, als von den indirekten Folgen des Krieges, wie unmige Arbeitslast und Mangel an Dienstboten, Fehlen von Kunstdnger und Maschinentreibstoffen und von der berschwemmung des Landes mit Bettlern und Hamsterern bestimmt. Daneben beeintrchtigte der Krieg auf dem Lande mehr als anderswo die alten Gepflogenheiten und Geschftsverbindungen. (Karl-Ludwig Ay) Dem fgt eine andere Untersuchung einige generelle Anmerkungen zur staatsfernen Mentalitt der bayerischen Bauernschaft hinzu:

Dem bayerischen Bauern, der es gewohnt ist, auf eigenem Grund als freier Herr nach seinem Gutdnken zu schalten und zu walten, sind staatliche Eingriffe wie Bebauungsvorschriften und Schlachtbeschrnkungen, sind Viehkommissare und Milchkontrolleure hchst zuwider. Die zentrale, von Preuen aus gelenkte Kriegswirtschaft, der Ablieferungszwang und die Festsetzung von Hchstpreisen fhren zu einer weitgehenden Verbitterung buerlicher Kreise. (Heinrich Hillmayr) Eine Analyse der Volksstimmung in Bayern kommt deshalb zum Schlu: Wir knnen also feststellen, da sich die Landbevlkerung sptestens seit 1916 vom Kriege und von dem Staate, der ihn fhrte, zurckzuziehen begann, da man bereit war, sein Teil zu tun, um den Staat zu zwingen, den Krieg zu beenden (...) Im Sommer 1917 war der Staatsglaube auf dem Lande weithin erloschen. (Ay)

Daran hatte natrlich der mobilisierende Effekt der Politik des Bayerischen Bauernbundes wie des Christlichen Bauernvereins einen Anteil. Heim schilderte im Krieg aufgrund eigener statistischer Erhebungen die aus dem Mangel an Arbeitskrften resultierende Gefhrdung der landwirtschaftlichen Produktion (Landwirtschaft und Volksernhrung im Frhjahr 1915, 1915; Ein Hilferuf der deutschen Landwirtschaft. Eine Vorstellung an den Reichskanzler und den Deutschen Reichstag, 1916) und vertrat in zahlreichen Presseartikeln und Versammlungen insbesondere die Interessen des bayerischen Kleinbauerntums gegen die falsche Handhabung der Hchstpreispolitik durch die Reichsregierung, welche durch nachtrgliche Erhhung der Preise fr Agrarprodukte die Kleinbauern schdigte, weil diese nicht ber groe Lagermglichkeiten verfgten und deshalb Teile ihrer Ernteertrge frher abliefern muten als die Grogrundbesitzer, die grere Mengen einlagern und damit im Gefolge des Preisanstiegs hhere Einnahmen erzielen konnten.

Bei einer Unterredung im bayerischen Kriegsministerium im Januar 1916 wurde Heim wegen dieser staatsgefhrdenden Kritik bereits gefragt, ob er beabsichtige, Revolution zu machen und sich als neuer Schmied von Kochel (eine legendenhafte Fhrerfigur im bayerischen Bauernaufstand von 1705!)an die Spitze der Bauern zu stellen - in Wirklichkeit waren es dann freilich die Brder Karl und Ludwig Gandorfer (?-1918), Grobauern und Fhrer des linken Flgels des Bauernbundes, welche durch das Bndnis mit Kurt Eisner (1867-1919) die bayerische Revolution berhaupt erst ermglichten:

Es ist bezeichnend (fr die passive bis aktive Zustimmung der bayerischen Bauern zur Revolution), da die entscheidenden vorbereitenden Gesprche zum Umsturz von 1918 nicht in irgendwelchen Lokalen Schwabings, sondern bei Karl Gandorfers Bruder stattfinden, der ebenfalls in Pfaffenberg seinen Besitz hat. . . Noch am Tage vor der Revolution sagt Eisner: <Wenn die Bauern nicht mittun, ist die Revolution unmglich.) (Hillmayr) Ludwig Gandorfer war es denn, der am Tag des Umsturzes, am 7,November, die Untersttzung der Revolution durch die Bauern mittels Lebensmittellieferungen versprach, was fr den Bestand der Revolution in der Stadt ausschlaggebend war. Die Ziele der Mnchner Revolution deckten sich zunchst mit den Wnschen der lndlichen Bevlkerung nach einer raschen Beendigung des Krieges, bei Aufrechterhaltung der ueren und inneren Sicherheit, als deren Garant das Rteregime erschien. Diese Identitt der stdtischen und lndlichen revolutionren Ziele kommt in einem vom Kurt Eisner und Ludwig Gandorfer gemeinsam unterzeichneten Aufruf vom 8. November 1918 zum Ausdruck:


<center>

An die lndliche Bevlkerung Bayerns!

Die schweren Schicksalsschlge,die unser Vaterland seit Kriegsausbruch getroffen, haben zu gewaltigen Umwlzungen in der Hauptstadt des Vaterlandes gefhrt.

Unter dem Drucke der drohenden Invasion habt Ihr selbst nach dem Zustandekommen einesbaldigen Friedens unter allen Umstnden und mit allen Mitteln verlangt. Diesem Verlangen haben wir Rechnung getragen.

In der Nacht zum 8. November hat sich ein provisorischer Arbeiter-,Soldaten- und Bauernrat im Landtage konstituiert. Eine Volksregierung, die das Vertrauen der Massen geniet, soll unverzglich eingesetzt werden.

Eine konstituierende Nationalversammlung, zu der alle mndigen Mnner und Frauen das Wahlrecht haben, wird so rasch wie mglich einberufen werden.

Der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenrat betrachtet es als die erste und grte Aufgabe, dem Volke den heiersehnten Frieden zu bringen und ist zum Zwecke der Einleitung von Friedensverhandlungen mit den Ententemchten in Verhandlungen getreten. Noch ist aber die Gefahr nicht vorber. Der Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrat lehnt es zwar ab, die nationale Verteidigung durchzufhren,er wird aber unter allen Umstnden den Grenzschutz aufrecht erhalten, damit Leben und Eigentum der bayerischen Bevlkerung geschtzt und erhalten bleibt.

Zu diesem Zwecke werden alle notwendigen militrischen Manahmen durchgefhrt werden und ihr knnt mit Ruhe und Sicherheit der weiteren Entwicklung der Dinge entgegensehen.

Der Rat der Arbeiter, Soldaten und Bauern wird alles tun, die Selbstauflsung der Heeresverbnde zu verhindern, damit Zustnde wie in sterreich und Tirol, wo heimkehrende Soldaten plndern und Kulturwerte zerstren,unmglich werden.

Bauern! Die Lebensmittel in den Stdten sind durch verkehrte Manahmen der bisherigen Militr- und Zivilverwaltung knapp. Wir fordern auch auf, die neue Regierung sofort durch rege Lebensmittelbelieferung in die Stdte zu untersttzen, denn nur dadurch ist diese in der Lage, die Massen zu beherrschen und Hungerkrawalle mit unausbleiblichen unseligen Folgen fr das flache Land hintenan zuhalten.

Beamte,Brgermeister und Gendarmen!

An euch ergeht die Aufforderung fr Ruhe,Ordnung und Sicherheit im Lande zu sorgen und die Amtsgeschfte in der bisherigen Form auszufhren.

Nicht zerstren wollen wir, sondern wiederaufbauen und wir wollen allen Volksgenossen ohne Unterschied des Standes eine sichere Existenzschaffen,eine Existenz, die es jedem mglich macht, ein menschenwrdiges Dasein zufhren!

Es lebe die soziale Republik!

Der Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrat </center>

Kurt Eisner, Ludwig Gandorfer

(Aus: Mnchner Neueste Nachrichten Nr. 565 v.8.11.1918, Titelseite)


Karl Gandorfer war es dann, der nach dem Unfalltod seines Bruders Ludwig dessen politische Stellung einnahm und seine Partei, den Bayerischen Bauernbund, geschlossen ins Lager der Revolution fhrte. Das oberste Vertretungsorgan der spontan entstandenen lokalen Bauernrte, der Zentralbauernrat, wurde so im wesentlichen zu einer Parteiorganisation des Bauernverbundes. Damit kommt Bayern innerhalb der deutschen Revolution eine Sonderrolle zu: Denn nur hier findet sich . . . die anderwrts nicht klar erkennbare Verbindung der Bauernrte zur sozialistischen Bewegung (Heinrich Muth).

Freilich lie sich das revolutionre Bndnis zwischen Stadt und Land, das Eisner und die Brder Gandorfer vollzogen hatten, nicht auf die Dauer halten:

Mit dem Fortschreiten der Revolution bildet sich immer augenscheinlicher ein Gegensatz zwischen Stadt und Land heraus, der seine Ursache darin hat, da der Bauer die fr ihn wichtigen Forderungen durch den Umsturz verwirklicht sieht bzw. deren Erfllung fr ihn in greifbare Nhe gerckt ist. Mit dem Abschlu des Waffenstillstandes, der Rckfhrung der Truppen, der Beseitigung der Monarchie, der immer geringer werdenden Gefahr eines Krieges im eigenen Lande und dem bevorstehenden Abbau der von Preuen gesteuerten Zwangswirtschaft ist er grtenteils zufriedengestellt. Jetzt wnscht er sich eine Regierung, die Ruhe und Ordnung im Lande aufrechterhlt. Nur ein geringer Teil der landwirtschaftlichen Bevlkerung, der es ja auch weitgehend an theoretischer und praktischer Schulung fehlt, ist bereit, am Aufbau neuer staatsrechtlicher Verhltnisse mitzuarbeiten . . . Fr eine immer mehr anwachsende radikale (stdtische!) Minderheit sollte aber der politische Wechsel vom November nur der Auftakt sein fr einen grundlegenden sozialen Umbruch, sollte es zu einer wirklichen Revolution kommen. Solchen Gedanken stehen die Bauern ablehnend gegenber . . . Was (der Bauer) jetzt braucht, ist Ruhe und Ordnung, um ungestrt arbeiten zu knnen und keine politischen und wirtschaftlichen Experimente. Einer Regierung, die ihm das nicht garantieren kann, mu er die Anhngerschaft versagen. Mit dem Bekanntwerden von Sozialisierungsplnen, der steigenden Erregung ber die chaotischen Zustnde in Mnchen und den bergriffen von plndernden Soldaten aus Mnchen beginnt dessen Isolierung und Abschnrung. Mnchen aber ist, wie kaum eine andere Stadt, mit dem Umland verbunden und auf es angewiesen, die wachsende Entfremdung von seinem Einflubereich birgt den Keim des Untergangs fr das in Mnchen agierende politische System in sich. (Hillmayr)

Mit dem Erfolg der politischen Revolution und der Angst vor einer soziokonomischen Revolution verblat das revolutionre Motiv der Bauernschaft; tritt das staatserhaltende Motiv von Ruhe und Ordnung in den Vordergrund. Heim und der Christliche Bauernverein hatten bereits im Dezember 1918 zum Boykott des Rtesystems aufgerufen, nachdem es sich zeigte, da sie zu keiner Einflunahme auf die Rte in der Lage waren. Der Bauernbund vermochte zwar bei den Landtagswahlen vom Januar 1919 mit der Erringung von 15 (aus 156) Mandaten einige beachtliche Erfolge zu erzielen (Niederbayern 30,8%, Schwaben 22,4%, Oberbayern 12,3%, Oberpfalz 4,9%, frnkische Kreise je rund 1% der abgegebenen Stimmen); doch konnte sein linker revolutionrer Flgel sich nur solange als Vertreter der ober- und niederbayerischen Bauernschaft behaupten, als er die Eigentumsrechte der Bauernschaft und des lndlichen Gewerbes, Handels und der Kleinindustrie schtzte. Denn in Bayern hatte der Grogrundbesitz nie eine bedeutende Rolle gespielt; im Gegensatz zu Ostelbien, wo die Gutsherrschaft das Bild des flachen Landes bestimmte, herrschte in Bayern der mittelgroe buerliche Familienbetrieb (5-20 ha) vor, wie er sich unter der bayerisch-sdostdeutschen Grundherrschaft entwickelt hatte (Pankraz Fried). Das Wort Sozialisierung war deshalb nicht Fanal, sondern Schreckgespenst fr die bauernbndische Landbevlkerung. Die Ausrufung der 1. Rterepublik am 7. April 1919 (nachdem die gesetzmige Regierung des Ministerprsidenten Johannes Hoffmann nach Bamberg ausgewichen war) konnte der Landbevlkerung auch durch folgendes abwiegelndes Flugblatt Karl Gandorfers nicht mehr schmackhaft gemacht werden:


<center>

An die lndliche Bevlkerung!

(Kundgebung des Landesbauernrats)

Unsinnige Gerchte, die in den letzten Tagen aus den Stdten aufs Land getragen wurden, haben dort Ansichten gebildet und Befrchtungen erregt, die keineswegs begrndet sind.

Die unselige Verschleppungspolitik der Weimarer Nationalversammlung hat den berdru der Massen des arbeitenden Volkes am Parlamentarismus gesteigert.

Das Wiedererwachen des preuischen Militarismus unter Noske und seiner Freikorpsfhrer haben die anfnglichen Erfolge der Revolution zunichte gemacht. Die zentralistischen Bestrebungen Weimars, die darauf hinzielten

BAYERN JEDER SELBSTNDIGKEIT ZU BERAUBEN

und dem Berliner grokapitalistischen Schiebertum neue Quellen zuerschlieen, muten naturnotwendig zu einer Unzufriedenheit fhren, die nicht mehr einzudmmen war.

Dieser drohenden Aufsaugung Bayerns konnte nur durch eine energische Selbstndigmachung Bayerns begegnet werden. Der Landtag bot nicht die Gewhr jener Rckgratfestigkeit, welche die neupreuische Unersttlichkeit als Gegengewicht erfordert. Deshalb griffen die Massen durch die Proklamierung der Rterepublik zur Selbsthilfe.

BAYERN REGIERT SICH SELBST

Mit berraschender Schnelligkeit hat sich diese Wandlung vollzogen. Der Bauernrat hat sich entschlossen, sie mitzumachen. Dabei leitet ihn seine bernommene Verpflichtung,die Interessen des Landes in jeder Situation, auch der gefhrlichsten, zu wahren.

Die wichtigste Aufgabe, die sich die Rteregierung gestellt hat,heit Sozialisierung.

Die Sozialisierung des Grogrundbesitzes, der Groindustrie und des anhufenden Besitzes ausbeutender Grokapitalisten duldet keinen Aufschub mehr.

DIE SCHAMLOSEN KRIEGSGEWINNLER MSSEN ENDLICH ERFASST WERDEN!

Unter Ablehnung jener extremen Sozialisierungsplne, wie sie gewisse Wirrkpfe in vollkommener Verkennung der bayerischen Verhltnisse hegen, hat der Bauernrat strikte Bedingungen gestellt, von denen seine Mitarbeit abhngt.

Der Bauernrat kann eine Sozialisierung nicht gutheien, die sich auf die kleinen und mittleren Betriebe der Landwirtschaft, des Handwerks und des Gewerbes, sowie auf die Kleinindustrie erstreckt. Den Bauernrat leitet vor allem das Gesetz: Die Sozialisierung darf nicht zu einer Strung der Volksernhrung fhren.

Nie wird sich der Bauernrat von seiner Verpflichtung abtrennen lassen, die Rechte der Bauern und der gesamten mittelstndischen Berufe zu wahren!

Habt daher Vertrauen zu uns! Bedenkt, da ein hartes Stck Arbeit vor uns steht, da es gilt, Berge von Schwierigkeiten abzutragen. Vom ersten Tag der Revolution an ist es der Mitarbeit des Bauernrats gelungen, die Rechte der Bauern, der Handwerker, Gewerbetreibenden, berhaupt des ganzen werkttigen Volkes zu schtzen. Dieselbe Arbeit wollen wir auch in dieser Stunde im Interesse aller unserer in harter Arbeit fronenden Volksgenossen im Vertrauen auf deren Einsicht und Untersttzung leisten.

Unterscheidet zwischen der Ruhe Eurer Drfer und der Aufgeregtheit, die heute die Grostdte beherrscht; Euch soll diese Ruhe gesichert bleiben! Ihr aber mt den Stdten helfen, Ihr mt Geduld haben mit einer ausgehungerten, tausendfltig enttuschten Bevlkerung. Ihr drft nicht grollend bei Seite stehen, Euch nicht durch feige Hetzer aufwiegeln und betren lassen.

VOLKS- UND STANDESGENOSSEN !

Ihr mt die neue Zeit verstehen lernen! Sie arbeitet nicht gegen Euch! Und bringt Euch nur Gutes!

Qult Euch nicht in Sorge um Euren schwer erarbeiteten Besitz, um Eure Sparpfennige, um Eure Scholle! Die neue Rteregierung wird Euch schtzen!

Vertraut uns auch weiterhin! Die allernchste Zukunft wird zeigen, da wir nur in Eurem Interesse gehandelt haben.

Der Zentralrat hat auf Antrag des Landesbauernrates einstimmig beschlossen, die Sozialisierung der Land- und Forstwirtschaft, des Handwerks und Gewerbes vom Zentralwirtschaftsamt, welches dem Ministerium fr Handel und Industrie zugeteilt ist, abzutrennen und in vollem Umfange dem Ministerium fr Land- und Forstwirtschaft zu unterstellen.

Landwirtschaftliche Betriebe bis zu 1000 Tagwerk, Gewerbe und Handwerk werden nicht sozialisiert.

BAUERN, KLEINGEWERBETREIBENDE UND HANDWERKER!

Jeder Grund zur Angst ist behoben! Ihr seid dem Einflu radikaler Reformer, denen bayerische Eigenart fremd ist, entrckt. ber Euer Schicksal bestimmen nur noch Eure bewhrten Standesgenossen, denen Euer Wohl und Wehe am Herzen liegt und die Eure Lebensbedrfnisse kennen und verstehen und selbst um den Preis von Existenz und Leben fr die Wahrung Eurer Rechte eintreten. </center>

Carl Gandorfer
Vorsitzender des Landesbauernrats

(Flugblatt, um den 12. 4.1919, Original im Internationalen Institut fr Sozialgeschichte, Amsterdam)


Die Mitglieder des Zentralbauernrats muten aber bereits vor der Ausrufung der Rterepublik erkennen, da die Landbevlkerung nicht bereit war, die Rteregierung zu untersttzen, sondern weiter hinter der Regierung Hoffmann stand: Damit sind die Wrfel ber die Rterepublik schon gefallen, noch ehe sie ausgerufen wird. In der Woche vom 6. bis 13. April (= der 1. Rterepublik) verlassen die meisten Mitglieder des Zentralbauernrates Mnchen und kehren nicht mehr auf ihren Posten zurck. Bis auf die Bezirksbauernrte von Regensburg und Moosburg sagen sich die Rte und die Anhnger im Bauernbund von Gandorfer und seiner Richtung los. (Hillmayr) Am 25. April brach die Milchversorgung der Hauptstadt zusammen. Das revolutionre Bndnis zwischen Stadt und Land war umgeschlagen in Widerstand gegen das Rtesystem und den Sozialismus.

Doch das Nachzittern des revolutionren Aufbruches des bayerischen Landes ist auch ber die Niederschlagung der 2. Mnchner Rterepublik in den ersten Maitagen des Jahres 1919 hinaus zu verspren: Als Max Weber (1864-1920), seit 1919 Professor fr Nationalkonomie an der Universitt Mnchen, am 4. 9. 1919 eine Eingabe an das Bayerische Ministerium des Inneren machte, mit der Bitte, amtliches Material fr eine wissenschaftliche Bearbeitung der bayerischen Bauernrte zur Verfgung zu stellen (es handelte sich um die Dissertation von W. Mattes), wollte zwar das Kultusministerium davon absehen, dieses Vorgehen Webers dienstaufsichtlich (zu) wrdigen, lehnte aber jede amtliche Hilfe ab, damit nicht neuerdings Beunruhigung in die Bevlkerung getragen wird!



Literatur

  • Albrecht, Willy: Die Fuchsmhler Ereignisse vom Oktober 1894 und ihre Folgen fr die innere Entwicklung Bayerns im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts, in: Zeitschrift fr bayerische Landesgeschichte, Bd. 33,1970, S. 307-354
  • Bosl, Karl (Hg.): Bayern im Umbruch. Die Revolution von 1918, ihre Voraussetzungen,ihr Verlauf und ihre Folgen, Mnchen-Wien 1969 (darin insbesondere die Aufstze von Karl-Ludwig Ay, Heinrich Hillmayr, Karl Mckl, Friedrich Mnch und Axel Schnorbus)
  • Hillmayr, Heinrich: Roter und weier Terror in Bayern nach1918. Ursachen, Erscheinungsformen und Folgen der Gewaltttigkeiten im Verlauf der revolutionren Ereignisse nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, Mnchen 1974
  • Hundhammer, Alois: Geschichte des Bayerischen Bauernbundes, Diss. Mnchen 1923.
  • Mattes, W.: Die bayerischen Bauernrte. eine soziologische und historische Untersuchung ber buerliche Politik, Diss. Stuttgart-Berlin 1921
  • Mitchell, Allan: Revolution in Bayern1919/19. Die Eisner-Regierung und die Rterepublik,Mnchen 1967
  • Muth, Heinrich: Die Entstehung der Bauern- und Landarbeiterrte im November 1918 und die Politik des Bundes der Landwirte, in: Vierteljahreshefte fr Zeitgeschichte, 21. Jg., 1973, S. 1-38
  • Renner, Hermann: Georg Heim als Agrarpolitiker bis zum Ende des Ersten Weltkriegs,Diss. Mnchen 1957
  • Renner,Hermann: Georg Heim, der Bauerndoktor, Lebensbild einesungekrnten Knigs, Mnchen 1960
  • Stelzle, Walter: Die wirtschaftlichen und sozialen Verhltnisse der bayerischen Oberpfalz um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Der Streit von Fuchsmhl, in: Zeitschrift fr Bayerische Landesgeschichte, Bd. 39, 1976
Edit Page - Page History - Printable View - Recent Changes - WikiHelp - SearchWiki
Page last modified on June 06, 2005, at 01:27 AM