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Charles Fourier, Der Meisterdenker der Freien Liebe

1772 - 1837

Charles Fourier wird dem sogenannten Frhsozialismus zugeschrieben - auch utopischer Sozialismus genannt - der als Vorlufer des Marxismus verstanden werden kann. Im Grunde genommen ist jedoch das libertre Denken Fouriers in vieler Hinsicht dem anarchistischen Gedankengut nher als den sozialistischen Ideen. Selbst der Sozialist August Bebel nennt ihn in seinem Fourier-Buch den "Vater des Anarchismus". Grundstzlich geht es dem Anarchismus um die Vorstellung eines selbstgestalteten Zusammenlebens selbstbestimmter Menschen, der zwangs- und herrschaftsfreien Gemeinschaft autonomer Menschen mit direkter Basisdemokratie ohne jegliche autoritre Herrschaftsstrukturen


Die neue Liebeswelt : libert amoureuse

"La libert des amours est la libert tout court: Freiheit in den Liebesbeziehungen ist die Freiheit schlechthin"

Die wichtigste Leidenschaft ist fr Fourier die Liebe in all ihren Erscheinungsformen. Sie ist fr ihn die mchtigste Verbindungskraft und die bedeutenste Triebfeder der menschlichen Evolution. Wie kein anderer fragt Fourier nach den grundlegenden Bedingungen fr geglckte Liebe und Sexualitt. Wie kann das menschliche Zusammenleben organisiert werden, damit die Liebe in Freiheit und somit das soziale Glck berhaupt an Geltung gewinnen kann? Jeder Fortschritt - der konomische, politische, soziale und religise usw. hat nur dann einen Sinn, wenn dabei die Liebe in Freiheit vorankommt. Fourier macht deutlich: eine freie Gesellschaft ist eine Gesellschaft der freien Liebe.

Die Fesseln der Liebe in der Zivilisation

Fourier wagt sich mit einer vielschichtigen und brillanten Analyse zu den damaligen Liebessitten weit in das Thema der "freien Liebe" hinein. Mit Blitz und Donner emprt er sich ber die Verlogenheit und Falschheit in den Liebesbeziehungen der zivilisierten Menschheit und stpert ihre Hlichkeiten in der Liebe scharfsichtig auf. Die menschlichen Grundfragen der Liebe und Sexualitt mit Ausschlielichkeit, Monogamie, Puritanismus, Keuschheitsgebrden, moralischen Verboten und Geboten zu beantworten, ist fr Fourier der grte Irrtum menschlichen Zusammenlebens. Vor allem die moralischen Gebote und Verbote machen die Liebe hlich und erzeugen Angst, Lge, Eifersucht, Egoismus, Zynismus und Arglist. Die Liebe liegt in Fesseln und somit ist aller sozialer Fortschritt behindert:

"In der Zivilisation sind die Liebesbeziehungen, ganz wie die Politik, der Gipfel der Heuchelei; alle unsere Sitten wie Ehebruch und Hahnreitum, bezahlte Prostitution, Prderie der Greise, Falschheit der Mdchen und Zgellosigkeit der Knaben sowie das geheime Luderleben aller Klassen beweisen, da ein hherer Grad an Verderbtheit kaum noch mglich ist". "...Man wollte der unsozialen oder auschlielichen Liebe die Krone aufsetzen, doch die Erfahrung zeugt gegen sie; die Zivilisation bringt in der galanten Welt nur tyrannische und geprellte Mnner hervor, die weder Ritterlichkeit noch Zartgefhl kennen, niedertrchtige und heimtckische Frauen ohne Scham und Aufrichtigkeit. Derlei Ergebnisse beweisen zur Genge, da das zivilisierte System sich in Dingen der Liebe weit von den Pfaden der Ehre entfernt."
"Was ist eine Liebespaar nach der heutigen Methode? Ein Individuum zu zweit, welches das Glck fr sich allein pachten will. Ein solches Paar ist dem Mann vergleichbar, der in seinem Keller die besten Weine der Welt lagert, aber sie stets alleine trinkt, ohne je einen Freund, Verwandten oder Nachbarn einzuladen".

Fourier ist sich sicher, da Liebesbeziehungen kaum mit der Ausschlielichkeit einer monogamen Ehe zu vereinbaren seien. Die eigentlichen Liebesbeziehungen fnden vor allem in den versteckten oder geheimen auerehelichen Liebschaften und in der kuflichen Liebe ihren Platz. In 99 von 100 Fllen werde gegen das Gebot der ehelichen Treue verstoen. Dies war keine berraschung fr Fourier, so sah er die lebenslngliche, ausschlieliche Treue im Widerspruch zu den Bedrfnissen des Menschen. Eine falsche und engherzige Sittlichkeit sowie eine ungerechte Gesellschaftsordnung ntige die Menschen zur Lge und Verstellung:

"Wissen die Moralisten nicht selbst, da ewige, ausschlieliche Treue in der Liebe der menschlichen Natur zuwiderluft; da man vielleicht einige Dummkpfe beiderlei Geschlechts, niemals aber alle Mnner und Frauen zu solchen Sitten bekehren kann; und da somit jede Gesetzgebung, welche Eigenschaften fordert, die mit den Leidenschaften unvereinbar sind, nur lcherliche Spekulationen hervorbringen und Unordnung stiften kann, da die ganze Gesellschaft sich dann stillschweigend zusammenschliet, um die bertretung der Gesetze gutzuheien? Ist dies nicht das Ergebnis des Liebessystem, das seit 2500 Jahren herrscht? Es lt nur die Sitten der Unterdrckung fortdauern, die in den finsteren Zeitaltern herrschten, Sitten, auf denen zu bestehen lcherlich ist, in einem Jahrhundert, das sich seiner Vernunft und seiner Achtung fr die Natur rhmt"
"Ich kritisiere hier die Zivilisation nur insofern, als sie die eiferschtige Liebe zum ausschlielichen System erheben will. Ebenso wrde ich mich gegen ein Volk wenden, das bestimmte Bruche, die einer allgemeinen Liebeskommune gleichkmen, zum System erheben wollte. In der Harmonie gilt die Regel, alle ausschlielichen Systeme zu vermeiden, denn sie sind das Grundbel der Zivilisation"

Mit dem Begriff "Harmonie" versucht Fourier die Mglichkeiten einer zuknftigen Gesellschaft zu beschreiben, die den anarchistischen Vorstellungen einer kommunitren Gesellschaft enstpricht. Eine kommunitre Gesellschaft ist eine freie Assoziation bzw. Fderation von so weit wie mglich autonomen, autarken, selbstorganisierten Lebensgemeinschaften

Zudem kritisiert Fourier immer wieder die brgerliche Familie und die unauflsliche Ehe, die zur Isolation, Egoismus und Feindschaft fhren und somit im Grunde genommen a-sozial sind:

"Wenn das husliche Leben auch vor einigen Nachteilen der Ehelosigkeit schtzt, so gewhrt es doch niemals irgendein positives Glck, selbst dann nicht, wenn zwischen den Ehegatten vlliges Einvernehmen herrscht; denn wenn ihre Charakter einander glcklich ergnzen, so wrde sie nichts daran hindern, auch in einer Ordnung zusammenzuleben, in der die Liebe frei und die husliche Gemeinschaft anders organisiert ist.
"Das mnnlich Geschlecht, wiewohl das strkere, hat die Gesetze nicht zu seinem Vorteil gemacht, als es die isolierte Haushalte und deren Folgeerscheinungen, die lebenslange Ehe einfhrte. (...) Konnte es etwas Besseres erfinden als den isolierten Haushalt und die unauflsliche Ehe, um die Liebesbeziehungen und die Sinnenlust mit Langeweile, Kuflichkeit und Falschheit zu vergiften?"
"Das heutige System, das den Zusammenschlu der Menschen infolge der Isolierung der Haushalte auf ein Minimum beschrnkt, hat die Menschheit auf den Gipfel der Verderbtheit gefhrt".
"Die Zivilisation bewirkt, da der Mensch in ewigem Kriegszustand mit seinesgleichen lebt und jede Familie der geheime Feind aller anderen Familien ist".

Fourier kritisiert hierbei insbesondere die Unfreiheit der Frau. In Bezug auf die Stellung der Frau dachte Fourier zu seiner Zeit ungemein fortschrittlich:

"Der gesellschaftliche Fortschritt fllt immer zusammen mit der zunehmenden Emanzipation der Frau, und der Rckschritt der Vlker hat seine Ursache in der Schmlerung der weiblichen Freiheiten... Die Erweiterung der Vorrechte der Frauen ist die Grundvoraussetzung fr jeden gesellschaftlichen Fortschritt"

Bemerkenswert sind auch Fouriers kritische uerungen ber die gesellschaftlich vermittelte Prderie im Alter. Er kritisiert vehement die Arroganz, mit der wir annehmen, da Liebe und sexuelle Lust ein Privileg der Jugend sei:

"Unsere Gelehrten geben sich die grte Mhe, uns beizubringen, den Zauber der Liebe zu ersetzen, auf die man im Herbst des Lebens verzichten mu. Als Entschdigung bieten sie uns sentimentales Flickwerk, schrullige Zrtlichkeiten fr die Familie, das Vaterland und die Moral usw., die nicht auf Gegenseitigkeit beruht und darum nur halbe Lust ist..."
"Alle sind der berzeugung, da die Liebe ihrem Alter nicht mehr ansteht, und dennoch ist sie das Gut, dessen Verlust sie am meisten beklagen. Um sich dessen zu vergewissern, braucht man einem Graubart, der die Liebe vergessen und sich in Unabnderliche gefgt hat ... Beherzigen wir diese Wahrheit, die keine Weisheit unserer Wissenschaften zu ersticken vermag, da nmlich die Liebe ein Bedrfnis jeder Altersstufe ist und da die Zerstreuungen, die man sich zu verschaffen wei, dieses Bedrfnis nicht aus dem Weg rumen knnen ..."
"Die Greise werden bald erkennen, da sie die betrogenen Opfer des Zwangssystems und der Arglist der Zivilisation sind. Und da die zivilisierten Gesetze zu allen Zeiten das Werk der Alten waren, ist es um so verwunderlicher, da sie sie so sehr zu ihrem Nachteil geschaffen und die Beziehungen in der Liebe und in der Familie so eingerichtet haben, da die Jugend sie hat, verhnt und ins Grab drngt".

Fourier kommt zu dem Schlu:

"Unsere Erneuerer haben beschlossen, die Leidenschaft zu chten, die am geeignetsten ist, Beziehungen unter den Menschen zu knpfen: sie haben die Liebesbeziehungen auf ein Minimum eingeschrnkt. Ihr Ehesystem lt nur die Form der Liebe gelten, die zur Fortpflanzung der Art unerllich ist. Es lt sich keine Gesellschaftsordnung vorstellen, die die Flgel der Liebe strker beschnitte ...

Daraus ergibt sich ein doppelter politischer Widersinn: zum einen wird die Gesetzgebung durch ein System erniedrigt, gegen das sich die bergroe Mehrheit insgeheim auflehnt; zum anderen zeitigt dieses System ganz andere Ergebnisse, als man sich wnschte, denn es erzeugt Armut, Unterdrckung, Betrug und Gemetzel.; Ergebnisse, die dem Willen der Natur geradewegs entgegenstehen. Die Natur hat die Liebe erfunden, um die sozialen Beziehungen unendlich zu vermehren".

"Man wrde sich um alle Frchte der vorangegangenen Kritik an den zivilisierten Liebesverhltnissen bringen, wenn man verge, da in der Harmonie alle Formen der Liebe vllig frei sein werden. Ich habe ihre lcherliche Seiten nur deshalb geschildert, um eine Vorahnung von jenen anderen Sitten zu geben, die in der Harmonie miteinander wetteifern werden, wo jede Leidenschaft die Chance hat, ihre Wahrheit und ihre Freiheit zu finden".

In blicher Manier versucht Fourier die Unfreiheiten in der Zivilisation dadurch zu berwinden, indem er die noch latenten, versteckten Mglichkeiten des sozialen Fortschritts in der gegebenen Gesellschaft aufsprt und herausfordert. Als kritischer Mastab dienen ihm die Bedrfnisse der menschlichen Leidenschaften, die er genau studiert und sie zu ihrem Lebensrecht verhelfen will. So kommt er schlielich mit seiner gewaltigen Visionskraft zur Idee der freien Liebe. Was Fourier dabei an Ideen hervorgebracht hat, ist derart radikal, da sie auch heutzutage noch sozialen Sprengstoff enthalten und das zivilisatorische System ins Wanken bringen knnten. Mit ungeheurer Zivilcourage wagt er sich an alle Tabus heran, die bis heute noch unverstanden und somit unerlst geblieben sind. Und wo Tabus herschen, geht es um essentielle Probleme der menschlichen Gesellschaft. Fourier will diese Probleme nicht mit moralischen Geboten und Verboten angehen, sondern mit Aufklrung, Verstndnis und Verstndigung. Denn fr Fourier ist klar: Erkenntnis und Liebe, erkennende Liebe, ist das, was die Welt im Innersten zusammenhlt.

Die freie Liebe als Schlssel zur Harmonie:

"Untersuchen wir, welche Mglichkeiten es gibt, die Leidenschaften zu entfalten, statt sie zu ersticken. Dreitausend Jahre wurden tricht damit vergeudet, unterdrckende Theorien zu entwickeln. Es ist an der Zeit, der Gesellschaftspolitik eine andere Wendung zu geben. (...) Der menschlichen Vernunft htte es besser angestanden, jene unbezwingbaren Krfte, die man Leidenschaften nennt, nicht zu kritisieren, sondern deren Gesetze zu studieren".

Dies gilt besonders fr die Leidenschaft der Liebe. Doch was versteht Fourier hier eigentlich unter Liebe?

Fourier unterscheidet grundstzlich zwei Liebesformen: die "geistige Liebe", die "Herzensbindung" und die "materielle Liebe", also die sexuelle Liebe. In der zuknftigen Gesellschaft - der Harmonie - knnen die beiden Formen der Liebe gleichwertig in Freiheit ausgebt werden, wobei er die "libert amoureuse" in Form der freien Sexualitt besonders betont. Solange die materielle Liebe - die Sexualitt - unerlst bleibt und herabgewrdigt wird, knnen die sozialen Tugenden wie Symphatie, Selbst- und Nchstenliebe, Wahrheit, Vertrauen usw., die der geistigen Liebe inne wohnen, nicht voll zur Geltung kommen. Fourier macht deutlich: Ein sexueller Humanismus fhrt zum Humanismus schlechthin.

"Wir wollen von einer neuen Ordnung der Liebe sprechen, in der das Gefhl, der edle Teil der Liebe, in hellem Glanz erstrahlen und alle Beziehungen verzaubern wird. Denn worauf grndet ihr Reich? Darauf, da das Materielle nicht unterdrckt wird, sondern volle Befriedigung findet, und da das Bedrfnis danach nicht unziemlicher ist als die Gelste der anderen Sinne (...). Erst wenn das Materielle befriedigt ist, knnen die edlen Regungen der Liebe ihren Aufflug nehmen ...
" ... Wer die Rechte der materiellen Liebe verkennt, gefhrdet die geistige Liebe... Die Philosophen der Liebe haben, unter dem Vorwand, das materielle Prinzip herabzusetzen, das sentimentale Prinzip entthront. Unsere Gelehrten haben die materielle Liebe als reienden Strom dargestellt, den es in seinem Bett anzustauen gilt, da er angeblich zerstrerisch ist. Und was trgt sich zu? Der eingedmmte Strom ergiet sich ber die Felder und verwstet zehnmal mehr Land, als er in einem ausreichend breiten Bett eingenommen htte. Indem man den rechtmigen Aufflug und die gesellschaftliche Ausbung der materiellen Liebe... untersagt, vervierfacht man ihren Einflu und verliert jedes Ma".
"Ich verleihe der spirituellen Liebe groen Glanz, gerade weil ich die materielle Liebe hell erstrahlen lasse".

Fourier macht immer wieder deutlich, da die Unterdrckung der Liebe - vor allem der sexuellen Liebe - in ein Fiasko fhrt: "Nicht die Vergngungen sind schdlich, vielmehr die Seltenheit der Vergngungen, woraus der Exze entsteht". Gleichzeitig betont er, da die geistige und sexuelle Liebe in einem dialektischen Spannungsverhltnis stehen. Ohne diese Balance verkommt ein Wert zu seiner entwertenden bertreibung: Sinnvoll gelebte Sexualitt braucht eine geistige Basis wie auch die geistige Liebe ohne die sexuelle Liebe nicht voll zur Geltung kommen kann:

"Die Heuchelei entsteht aus der Unterdrckung. Sobald man eine der beiden Triebfedern, sei es das Materielle oder das Geistige, lhmt, tritt dasselbe ein, wie wenn man ein Bein des menschlichen Krpers lhmt: das andere kann nicht alleine gehen, und um sich fortbewegen zu knnen, mu sich der Krper auf knstliche Gerte sttzen, auf Krcken, Prothesen usw. Ebenso verhlt es sich in der Liebe. Wenn man unter irgendwelchen Vorwnden - moralichen oder religisen - eine der beiden elementaren Arten der Liebe behindert, wird die andere in den falschen Rythmus fallen: begnstigt das Gefhl auf Kosten des Materiellen oder das Materielle auf Kosten des Gefhls - in beiden Fllen beraubt ihr den Krper einer seiner Sttzen und berlt die Liebe der allgemeinen Falschheit. Und so gewi man beiden Beinen volle Bewegungsfreiheit lassen mu, so gewi mu man den beiden Elementen der Liebe dieselbe Freiheit garantieren, andernfalls beide verflscht wrden und ihre Zusammensetzung ebenso falsch wre wie ihre Elemente.
"Unterdessen berufen sich die Zivilisierten auf ihre Vorurteile, ihre tugendsamen Phantastereien, die uns zwingen, das sinnliche oder materielle Prinzip zu unterdrcken. Krzer und offener knnte man sagen, da sie keinen sozialen Mechanismus kennen, der es erlaubt, beiden Elementen der Liebe freien Lauf zu lassen (...)".

Nach Fourier gilt es, einen "Kultus der Wollstigen Leidenschaften" zu entwickeln, der die Wollust und somit alle Arten der Lust zu ihrer Freiheit verhilft. In der Zukunft - der Harmonie - werden "alle Formen der Liebe frei sein". In Fouriers Vision bilden alle Leidenschaften, von dem Universum der Planeten und Gestirne auf die Gesellschaft bertragen, "die Elemente eines riesigen Orchesters". Der Mensch darf sie weder mibilligen noch verwerfen. Ganz im Gegenteil: die Vielfalt der Leidenschaften sind "unendlich kostbar", sie sind "wie die Zapfen und Fugen in einem Geblk". Fourier ist sich sicher:

"Die Natur will in den Vergngungen eine ungeheure Vielfalt".

Fourier thematisiert die freie Liebe in vielfltigen Variationen. Der Verschiedenheit und Vielfalt in den Liebesbeziehungen gem, versucht Fourier ein umfassendes Konzept zu entwickeln, das komplex und flexibel genug wre, sich den vielfltigen Mglichkeiten und Bedrfnissen in der Liebe anzunhern. So z.B. denkt er an die Mglichkeit, die verschiedenen individuellen Vorlieben im Sexualverhalten ber spezielle Korps (Verbnde) zu organisieren, zu denen man/frau sich freiwillig zuordnen kann. Fourier beginnt bei den geschlechtsreifen Jugendlichen. Da gibt es die Gruppe der Vestalinen (in Anlehung an die jungfrulichen Priesterinnen im antiken Rom) und der Vestalen (die mnnlichen Teilnehmer): diese Jungen und Mdchen (bis ca. 21 Jahre) bleiben in der Liebe keusch. Dagegen knnen die Gruppenteilnehmer Innen? der Damoiselles und Damoiseaux sexuelle Liebesbeziehungen eingehen. Ab dem 21. Lebensjahr geht es dann entsprechend der zunehmenden sexuellen Freizgigkeit weiter: es folgen die Odalisken, die Fakiressen, die Bacchantinnen, die Bayaderen (jeweils auch die mnnlichen Teilnehmer), die je auf unterschiedliche Art spezielle Vorlieben haben und zudem verschiedene sexuelle Dienstleistungen ausben. Fourier unterscheidet auerdem noch weitere (sexuelle) Liebesformen: Htrogamie, Monogamie, Hmigamie, Androgamie, Phanrogamie, Ultragamie usw.. Durch diese Unterscheidungen und Gruppenbildungen will Fourier das Streben nach Klarheit und Transparenz des Verlangens und seiner Befriedigung ermglichen.

Fourier mchte die Idee der freien Liebe jedoch keineswegs normieren oder gar ideologisieren. Er schreibt:

"Vor allem auf dem Gebiet der Liebe mu man einen dogmatischen Ton vermeiden".

Fourier geht nahezu alle zivilisatorischen Tabus an und pldiert fr eine Vielzahl sexueller Lebensstile. Einige Aspekte sollen hierzu im folgenden dargestellt werden:

Freie Liebe und Zweierliebe schlieen sich nicht aus

Fourier setzt sich fr eine Partnerschaftskultur ein, in der die Liebesbeziehungen frei und flexibel gelebt werden knnen. So will er die "unsoziale oder auschlieliche Liebe" berwinden. Dabei thematisiert er die zentralen Knackpunkte solcher Liebesformen: Unbestndigkeit, Dauer, Treue, Vertrauen, Eifersucht. Fourier macht deutlich, da sich freie Liebe (Abwechslung, Unbestndigkeit) und Zweierliebe (Dauer, Kontinuitt) nicht ausschlieen mssen:

Im Feld der freien Liebe kann und wird jedeR Liebende "sich einen oder mehrer 'Drehpunkte' (pirots) in der Liebe schaffen. Mit diesem Begriff bezeichne ich eine Neigung, die sich durch alle Strme der Unbestndigkeit erhlt". Wenn sich z.B. ein Liebhaber,

"der von einer Frau zur anderen eilt und im Wechsel bald mehrere Frauen gleichzeitig, bald nur eine einzige liebt, bewahrt sich darber hinaus eine lebhafte Leidenschaft fr eine 'Pivolate', eine Drehpunktliebe, zu der er immer wieder zurckkehrt. Diese Geliebte bt einen dauerhaften Reiz auf ihn aus, er liebt sie auch whrend der heftigsten Leidenschaft fr eine andere (...) Bei dieser Liebe handelt es sich also um eine zusammengesetzte Bestndigkeit, die sich mit den Unbestndigkeiten, den Treuebrchen vertrgt und darum den Titel einer 'transzendenten Treue' verdient (...) Die 'Drehpunktliebe' ist wahrlich eine transzendente Treue und umso erhabener, als sie die Eifersucht berwindet, welche die gewhnliche Liebe verunstaltet. Mnner und Frauen sind nicht eiferschtig ob der Unbestndigkeit ihrer 'Pivolaten', denen sie vertrauen (...)"

Die transzendente Treue ist also nicht durch die Ausschlieung, sondern durch die Einbeziehung anderer charakterisiert. Zudem betont Fourier immer wieder, da die Eifersucht nicht zur Liebe gehrt. Denn im Zustand der Eifersucht wird man fordernd, unsozial und zerstrt somit letztlich die Liebe. In seiner Lieblingsstadt Paris erkennt Fourier bereits schon soziale Fortschritte, die die Eifersucht verndern:

"Schon findet man in unseren Sitten Beispiele fr gemeinschaftliche Liebe, die eine deutlich philantropische Frbung haben, Liebende, die um bestimmter gemeinsamer Vorteile willen, die sie andernorts nicht finden knnen, sich zu einer geheimen Gesellschaft zusammenschlieen. Sie ahnen, da die Eifersucht alle ihre Freuden beeintrchtigen wrde und verstndigen sich als gute Freunde und Brder".

Wenn wir dieser Spur weiterfolgen und fr die freie Liebe neue Verhltnisse schaffen, dann ist sich Fourier sicher: "In den Liebesversammlungen der Harmonie, wo kein Mitrauen, kein Interessenstreit, sondern im Gegenteil innige Freundschaft herrscht, wird man groes Vergngen daran finden, jede Eifersucht abzulegen".

Auch wenn Fourier die Bedeutung der freien Liebe fr den sozialen Frieden besonders hervorhebt, will er sie nicht zur Norm setzen. So will er auch nicht vllig die monogame Ehe abschaffen: "Jedes Paar steht es frei, den Ehebund einzugehn". Fourier unterscheidet demnach verschiedene Liebesformen, welche die Dauer und Ausschlielichkeit unterschiedlich betonen.

Liebesvielfalt

Neben der heterosexuellen Liebe wrdigt Fourier auch die gleichgeschlechtliche Liebe in all ihren Variationen. Somit kommt auch die Bisexualitt, das zweigeschlechtliche sexuelle Begehren, zu ihrem Recht. Zudem beschreibt Fourier auch sexuelle Liebesformen, fr die es auch heute noch gar keine eindeutige Begriffe gibt. Er selbst bekennt sich ffentlich zu seinen homophilen (schwulen) Neigungen und bekundet gleichzeitig, da er sich von Lesben ("Sapphisten") auf besondere Weise angezogen fhlt. Insgesamt will Fourier die erstarrten monosexuellen Verhaltensformen - ausschlieliche Homo- oder Heterosexualitt - berwinden. Wenn die Liebe befreit wird, dann bewirken die leidenschaftlichen Anziehungskrfte zwischen den Menschen eine Vielfalt und Verschiedenheit von Beziehungen, die Eindeutigkeiten ausschlieen.

Sexuelle Minderheiten

Fourier setzt sich vehement und unglaublich kenntnisreich fr das Recht der sexuellen Vielfalt und Selbstbestimmungsmglichkeit ein. Dabei bercksichtigt er auch sexuelle Minderheiten und pldiert fr Toleranz, Verstndnis und Verstndigung. So akzeptiert er auch die sado-masochistische Liebe, Voyeurismus, Exibitionismus u.a. als ehrbare Leidenschaften, die nicht von vornherein kritisiert werden sollten. An dieser Stelle mu ausdrcklich darauf hingewiesen werden, da Fourier sich eindeutig und unmiverstndlich gegen alle Formen des Mibrauch, die das soziale Miteinander brutalisieren und pervertieren knnten, entschieden ausspricht.

In Bezug auf die neue Liebeswelt macht Fourier immer wieder deutlich, da der Weg dorthin langsam beschritten werden mu. Er pldiert fr eine stufenweise Entwicklung, fr bergangsphasen, wendet sich also entschieden gegen ein Hau-Ruck-Verfahren, da sonst die Freiheiten in der Liebe auf Kosten der Schwcheren ausgelebt werden wrden. Fourier betont, da die Vernderung der bestehenden Liebesordnung nur von einer Generation vollbracht werden kann, die "..gewissen Gesetzen der Ehre und Rcksichtnahme treu ist... Die Sitten der Zivilisation in der Liebe sind eine Kloake des Lasters und der Falschheit: eine Generation, die durch solche Gewohnheiten geprgt ist, knnte eine Ausweitung der Freiheiten in der Liebe nur mibrauchen." Auch wenn in der Harmonie alles frei und erlaubt sein soll, so schrnkt Fourier diese Freiheit mit einem klaren Vorbehalt ein, der Kantschen Moral verwandt: "alle Neigungen", vorausgesetzt, sie "beeintrchtigen oder krnken keinen anderen, sind wertvoll und in der genossenschaftlichen Ordnung ntzlich". Hier wird deutlich: Fourier setzt sich fr das sexuelle Selbstbestimmungsrecht ein. Sexuelle Freiheit in diesem Sinne findet erst an den gleichen Rechten anderer Menschen ihre Grenzen.

Sexuelles Minimum

Neben der fr ltere Menschen zwanghaft verordnete Prderie denkt Fourier auch an behinderte und migestaltete Menschen, die fr die Liebe und Sexualitt weniger attraktiv wirken knnten. Falls diese Menschen keine Partner Innen? finden sollten, so gibt es fr diese spezielle Liebesdienste, wo sie in ihren Leidenschaften anerkannt und gewrdigt werden. Fourier thematisiert dies im Zusammenhang mit dem Begriff der "Barmherzigkeit in der Liebe".

Doch auch generell will Fourier das Recht auf eine sexuelles Minimum garantiert sehen. In der Harmonie, schreibt er, mu jedem geschlechtsreifen Menschen ein zufriedenstellendes Minimum an sexuellen Vergngungen garantiert sein. Da die Erfllung sexueller Bedrfnisse so grundstzlich wichtig fr den sozialen Frieden ist, mu der sexuelle Notstand und die Zwanghaftigkeit in der Liebe durch das Recht auf eine Minimum an sexueller Befriedigung berwunden werden. Sonst wrde weiterhin wie in der Zivilisation die Liebe durch Korruption, Mibrauch und Falschheit beschmutzt werden. Um dies zu erreichen, sollen in Zukunft hierfr spezielle Liebesdienste fr die Allgemeinheit eingerichtet werden. In der Harmonie wrden dieses Amt und diese Ttigkeit hoch geachtet sein und nur von ehrbaren und speziell ausgebildeten Liebesdiener Innen? vollbracht werden knnen.

Liebe und Religion

Liebe und Religion sind fr Fourier untrennbar miteinander verflochten. Fourier kennt keinen Gott der Enthaltsamkeit, der Verdrngungen, er kennt auch keine Snde, nein, fr ihn ist das Gttliche und Heilige unauflslich mit dem Erotischen verbunden. Demnach sollten religise Kulte "die Liebe zu Gott mit der Liebe zu den Vergngungen verbinden". Fourier bezieht sich hierbei hufig auf alte Kulturen, die sich der positiven Vielfalt natrlicher Potenzen gewahr wurden und dabei "die Leidenschaften und die Anziehung vergttlichen, die von den neuen Kulturen verboten und entehrt werden". Gerade in bezug auf Kulturen vom Alten Orient, der griechischen Mythologie, aber auch in bezug auf Naturvlker, die Fourier untersuchte, erkennt er, da Sexualitt fester Bestandteil religiser Vorstellungen war. Die ungezwungene Art und die Selbstverstndlichkeit, mit der man sie in Mythen als zentralen Wesenszug von Gttinnen und Gtter aufnahm als ob die sexuelle Lust das "Natrlichste von der Welt" wre, faszinierte Fourier. Er ist sich sicher, da es eine Zeit gab, in der die Menschen "den Geschlechtsakt auf dem Altar vollzogen, zum groen Ruhme Gottes". Dementsprechend greift er die christliche Religion scharf an: "Das Christentum hat gesndigt, indem es einen anderen Weg nahm als die Mythologie". Und weiter:

"Indem man uns Gott als schrecklichen Herrn geschildert hat, von Dmonen, Feuerglut und Schlangen umgeben, hat man uns Gedanken eingeblasen, die so falsch sind, da das Jahrhundert sich in die Gottlosigkeit gestrzt hat". "Die Ursache fr diesen Aufstand ist das abstoende System, das der Wollust feindliche Dogma der rmischen Glaubenslehre".

Ganz anders sieht Fourier hier die Zukunft einer neuen Liebeswelt: "In der Harmonie (...) mu der religise Kult die Liebe zu Gott mit der Liebe zur Lust verbinden, die keine Gefahren mehr bergen wird".

Die Orgie

Die Orgie ist fr Fourier das i-Tpfelchen seiner grandiosen Vision einer neuen Liebeswelt: ein feierliches Ritual, ein groes Liebesfest, an dem alle teilnehmen knnen, um im gemeinsamen Rausch ihr Gemeinschaftsglck zu zelebrieren, sozusagen ein Triumph des Zusammenspiels aller Leidenschaften.

Die Orgie ist fr ihn in diesem Sinne eine emanzipatiorische, friedenstiftende Handlung, weil sie die Sympathien zwischen den Menschen verstrken kann und eine ungeheure Verbundenheit schafft:

"Die Natur treibt uns zur Liebesorgie. (...) Man mu also einrumen, da die Orgie ein natrliches Bedrfnis des Menschen ist und da lediglich die Ausbung dieses Vergngens geregelt werden mu (...) Folglich bedeutet die Orgie den edlen Aufflug der freien Liebe (...) Sie verstrkt die Sympathien jedes Einzelnen durch eine gemeinsame, kollektive Leidenschaft, die fr alle Beteiligten eine neue Beziehung bedeutet".

Die Orgie hat fr Fourier eine sozial-integrative Wirkung und ist eine Institution des sexuellen Humanismus in reinster Ausprgung. Entsprechend wird die Orgie sorgfltig durch ein "Ministerium" organisiert. Da der Mensch durch die Orgie in seinen Leidenschaften umfassend befriedigt wird und sich somit generell das soziale Glck verstrken kann, werden sich "die Symphatien hufen und gegenseitig steigern". Der Fourier-Kenner Nicolaus Sombart, der in seinen "Pariser Lehrjahren" in die hohe Kunst der Orgie eingefhrt wurde, beschreibt in bezug auf Fourier den "Mehrwert" einer Orgie gegenber der normalen Zweiersexualitt folgendermaen:

"Exhibitionismus. Die Lust, sich nicht nur einem Partner, sondern einem Publikum zu zeigen. Sich, seinen Krper, seine 'Schnheit' bewundern zu lassen und zu fhlen, da die anderen dadurch erregt werden (...); Voyeurismus. Die Lust am Sehen und Zusehen. Plaisir des yeux. Es geht dabei immer um das Sehen der 'Urszene', was mit dem Schauder einer Tabuverletzung verbunden ist; Die Lust am Wechsel. Jene Passion, die Fourier die papillone nennt; das Flattern von einer Situation zu einer anderen, das Naschen; das Kontraste und hnlichkeiten Ausprobieren und Auskosten; Die Lust am Experimentieren (...) Sich selbst und andere in neuen Situationen und Konstellationen zu erproben und zu beobachten; Die Mglichkeit, die eigene homosexuelle Komponente ins Spiel zu bringen. Das Geheimnis der Partouze ist die Bisexualitt, auf einer noch tieferen Ebene: die polymorph-perverse Grundposition; Die Entlastung von den Zwngen der Konfrontation mit einer Rolle, einem Partner; Die beliebige, uneingeschrnkte Dauer. In der Polyphonie asynchronischer Ablufe, an denen der einzelne Teilnehmer, je nachdem, passiv, aktiv, halbpassiv, halbaktiv, in allen Nuancen, die ihm geboten werden und zu Gebote stehen, partizipiert (...) Im Curriculum der Menschwerdung ist es fr beide Geschlechter eine unerlliche Erfahrung, ein initiatorischer rite de passage".

Sombart ist sich sicher: "Wer stirbt, ohne an einer Orgie teilgenommen zu haben, kennt das Leben nicht".

Fourier betont immer wieder, da die "edle Orgie" nichts mit den sozial bedenklichen Ausschweifungen in der durch Puritanismus geprgten Zivilisation zu tun habe. Die sexuell verklemmten und frustrierten Menschen der Zivilisation mssten dafr erst ausgebildet werden.

Wohlgemerkt: Die Orgie wie berhaupt die Idee der freien Liebe kann sich nach Fourier in ihrem humanistischen Potential nur unter bestimmten Voraussetzungen und Bedingungen entfalten. Erst wenn sich die gesellschaftlichen Organisationsprinzipien verndern und die Menschen ein anderes sittliches Niveau erreichen, kann die neue Liebeswelt entstehen:

"Zur Einfhrung guter Sitten bedarf es einer Gesellschaftsordnung, die es versteht, dem Feuer der Leidenschaften gerecht zu werden und ihrem indirekten und schdlichen Aufflug vorzubeugen, nmlich der nach rckwrts gerichteten, verdrngenden Bewegung, einem Grundbel der Zivilisation in allen ihren Phasen".
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