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Ein Gesprch mit Helga Goetze

 Rosa von Praunheim / http://www.helgagoetze.de/rotelieb.htm

ROSA: Da war eben so ein schner Satz. Du hast gesagt, du wolltest nichts mehr besitzen.

HELGA: Ja. Ich will blo noch krperlich sein. Ich habe alles schon gehabt, mein Ego ist so aufgefllt mit Familie, mit Sachen, und ich will eigentlich jetzt nur noch an Krper ran, an Menschen. Blo, wie ich es machen soll, wei ich nicht, jeder hat sein Gefngnis, ich habe grade vor ein paar Tagen gesagt: "Ich bin aus dem magischen Kreis rausgetreten". Und das ist fr einen selber eine unglaublich tolle Erfahrung. Wenn ich jetzt die anderen Leute anhre, ist es wie ein elektrisches Feld. Ein Mann hat mir gesagt: "Ich finde, da du recht hast, aber ich will nicht, da DAS fr mich stimmt".

ROSA: Wie lange bist du schon in Berlin?

HELGA: Ich bin jetzt drei Jahre hier in dieser Wohnung. Ein Jahr lang bin ich rumgeflippt, und seit zwei Jahren habe ich resigniert.

ROSA: Und vorher warst du in Hamburg?

HELGA: Vorher habe ich dreiig Jahre in Hamburg gelebt, davon 27 Jahre in einer Familie. 1974 bin ich von meiner Familie fortgegangen und habe in Gruppen gelebt, zwei Jahre in einer Gruppe mit freier Sexualitt und Gemeinschaftseigentum, und dann bin ich hier nach Berlin gekommen.

ROSA: Bist du in Hamburg aufgewachsen?

HELGA: Nee, ich bin in Magdeburg aufgewachsen, aber meine Mutter ist Hamburgerin, und dadurch sind wir, als gegen Ende des Kriegs alles ungewi war, in die Hamburger Gegend gekommen. Dadurch bin ich 1945 in dieser Ecke gelandet.

ROSA: Bist du mit Vater und Mutter aufgewachsen?

HELGA: Ja. Meine beiden Eltern ich und ein eineinhalb Jahre jngerer Bruder. Mein Vater ist vor einer Woche gestorben. Er ist 91 Jahre alt geworden und hat die letzten Jahre im Altersheim vegetiert. Ich habe mich hingesetzt und zwei Bilder gemalt. Das erste Bild, das ist der Ha auf meinen Vater.

Mein Vater war Marineoffizier. Das war seine groe Zeit. Er hatte zwei groe Zeiten, einmal den ersten Weltkrieg und dann den Zweiten. Ich kann nicht gut malen, aber ich habe immer das Bedrfnis, etwas auszudrcken. Ich habe so eine Schiffermtze versucht zu malen, dann seine Uniform. Ich befasse mich im Moment mit dem chinesischen Horoskop, das hat mir mal einer in die Hand gedrckt, und das finde ich unglaublich literarisch. Mein Vater ist nach diesem chinesischen Horoskop eine Ratte, und da habe ich eine Ratte gemalt vom Hals bis zu seinem Geschlechtsteil, und die Ratte hat ein eisernes Kreuz erster Klasse und ein eisernes Kreuz zweiter Klasse, und in der Hand hat er sein Schiegewehr, er ist Schtze. Ich male, ohne mir etwas auszudenken, aber hinterher ist es unglaublich richtig.

Blau hat etwas mit Denken zu tun und Lila hat etwas mit Schwulitt zu tun. Mein Vater ist ein schwuler Denker oder ein denkender Schwuler, aber das ist erst wieder hinterher hochgestiegen.

So, hier habe ich die Natur hingemalt, hier unten ist die kleine Helga, und die hat eine Hand vor dem Gesicht und eine Hand vor den Augen, weil ja das kleine Mdchen nichts sehen und nichts hren durfte. Hier oben strahle ich aus, aber hier unten ist ein Gitter davor, und vor meinem Geschlechtsteil habe ich eine weie Schrze, keiner ist reiner, aber ein bichen rot als Umrandung. So dann hat mein Vater zu mir gesagt: "Ein Hahn kann immer!" Das war scheinbar sein Problem. Ich habe deshalb einen kopulierenden Hahn gemalt. Ich habe mal mit dem Schwanz meines Bruders gespielt, als er noch winzig klein war, drei bis vier Jahre alt, da hat mein Pappi gesagt: "Man sieht nicht und man fat nicht an. Ich habe in dreiig Ehejahren nicht gesehen und nicht angefat. Hier habe ich einen pissenden Mann gemalt und einen Baum.

Mein Vater hat gesagt: "Die Frau ist das Gef des Mannes." Da habe ich mich mit geschlossenen Augen gemalt und eine Blumenvase und da ist ein Baby drin. Die Frau hat keine Hnde, die hat Beine, die rumbaumeln, weil eine Ehefrau ja keine eigenen Hnde und keine eigenen Beine zu haben hat, und dies ist so, wie so ein Ei eigentlich. Das ist der Ha auf meinen Vater, Ha ist gleich Angst. Das wei ich ja schon lange, da ich total geil auf meinen Vater war. Meine Mutter war eh doof, ja? Mein Pappi und ich waren die einzigen Klugen in der Familie, ja? Das war die groe Liebe.

Sonntags sind wir als Kinder immer in einen Ruderklub gegangen. Ich habe dieses Wasser gemalt, meinen Bruder und mich, und dann ist etwas ganz Merkwrdiges passiert. Mein Vater kt meine Brust, ich htte ja den Mund bermalen knnen, aber ich habe den Mund durchscheinen lassen. Pltzlich, am Dienstag, Mittwoch, Donnerstag voriger Woche, hatte ich pltzlich Quaddeln an der Brust, am Rcken und auf dem Kopf. Ich denke: "Du hast gar nichts gegessen! Wieso hast du Quaddeln?"

ROSA: Was heit das Quaddeln?

HELGA: Quaddeln? Kannst du dir das vorstellen? So ein roter Hautausschlag, ganz komisch. Wie Nesselfieber. Und dann habe ich gedacht: Was hast du eigentlich gegessen? Da fllt pltzlich mein Blick auf diesen Mund, und da ist mir folgendes eingefallen: Ich habe meinen Mann vor der Hochzeit nur dreimal gesehen. Ich habe Im Krieg geheiratet, und meine Mutter hat immer gesagt: "Hauptsache, die wirtschaftlichen Dinge klappen, die Liebe wchst in der Ehe, und als er das zweite Mal wieder vom Urlaub wegfuhr, da steht er auf dem Bahnhof und fngt an, so an meiner Brust zu spielen und ich bin total geil, also, ich bin beinahe geplatzt. Da sagt mein Mann, so ohne sich etwas dabei zu denken: "Das magst du wohl?"

In dem Augenblick ist die Geilheit weg, also seit dreiig, fnfunddreiig Jahre, habe ich keine Geilheit mehr in meiner Brust. Das ist pltzlich hochgestiegen Weil ich mich sehr viel mit Psychologie befasse, da wei ich, da der Krper ein unglaubliches Gespr dafr hat, welche psychische Notwendigkeit da ist, um so ein Bild hervorzuholen.

Jedenfalls jetzt, da sind die Quaddeln weg, nachdem ich mir das klargemacht habe, da es irgendwas mit Geilheit zu tun hat, die mir aber an sich verboten worden ist. Spter hat mir mal ein Mann gesagt: "Die haben vergessen, dir die Geilheit in der Brust zu verbieten." Die Mse, das wei ich, war meine Mammi! Meine Mammi hat gesagt, da war ich ganz klein: "Helga, lege bitte die Hnde auf die Decke!" Als ich mit zwlf Jahren meine Tage kriegte, meine Periode... da hatte ich morgens an den Fingern Blut. Ich dachte, MAMA! Was mache ich nachts wirklich unter der Decke? Man darf das nicht denken und wissen, blo das Unbehagen ist da, also mit zwlf, fnfzehn, mit zwanzig, mit dreiig, mit vierzig, immer wenn ich meine Tage hatte (schreiend) ... zwlf Mal im Jahr immer sechs Tage, wieso hast du Blut an den Fingern? Bei der AAO, das heit Aktionsanalytische Organisation, das ist eine Gruppe in sterreich, die mit der Sexualitt experimentiert, da habe ich meine Selbstdarstellung gemacht, eine ganz lustige, frhliche Selbstdarstellung, ich habe mich schn bewegt und mit einmal sagen sie: "Helga, warum machst du solche Krallen?" und seit der Zeit wei ich, das hngt mit dieser ganzen Geschichte zusammen. Jetzt ist der Ekel endlich raus aus den Fingern, solange dauern die Sachen. Ich habe soviel erzhlt...

ROSA: Auf dem Bild fickst du mit deinem Vater? Das heit also, du warst auf deinen Vater scharf? Wie hat sich das verndert im Laufe der Zeit?

HELGA: Na, das war so, ich habe noch mehrere Bilder gemalt, weil das mein ganz starkes Problem war. Als ich drei Jahre alt war, mein Bruder war zwei oder vielleicht noch ein Jahr spter, da waren wir nach dem Baden nackedei im Zimmer, und mein Bruder hat breitbeinig dagestanden, und ich habe vor ihm gekniet und mit seinem Schwanz gespielt. Wir haben da gejubelt, das war eine unglaublich schne Situation, und dann kommt mein Vater herein! Je, hat der da rumgeschrien: "Man sieht nicht, und man fat nicht an." Zehn Jahre ging das in unserer Familie: Man sieht nicht und man fat nicht an. Mein Vater war ein sehr gut aussehender Mann und hat sich immer sehr aufgespielt, was er alles kann.

ROSA: Was hatte der fr einen Beruf?

HELGA: Der war auf der Prparandenanstalt gewesen, der sollte Lehrer werden, weil er Orgel spielen konnte. Mein Vater stammt aus einer Orgelbauerfamilie. Mein Vater war der Hippie von 1900. Nach einer Sauferei ist er von der Schule verwiesen worden und zur See gefahren. Vorher hatte er noch nie einen groen Dampfer gesehen. Aber er hat sein Kapitnspatent und sein Steuermannspatent mit Auszeichnung gemacht. Er war nachher der einzige Marineoffizier bei der Kaiserlichen Kriegsmarine ohne einjhrigen Schulabschlu, also ich wei das nicht so genau. Jedenfalls, das waren fr ihn sehr grandiose Zeiten.

ROSA: Auch im Zweiten Weltkrieg?

HELGA: Im Zweiten Weltkrieg war er Kriegsverwaltungsrat in Ruland, und da war sein grtes Erlebnis, da ihm die russischen Frauen die Hnde gekt haben, weil er ihnen Kindergrten eingerichtet hatte. Ich habe immer gesagt: "Na hr mal, erst reit du die Frauen aus ihren Familien raus und die Kinder verwahrlosen..." Ja, die Frauen haben ihm die Hand gekt, das mu ein unglaubliches Erlebnis fr ihn gewesen sein. Im Ersten Weltkrieg eben seine Kriegsauszeichnungen. Ich habe immer gesagt: "Menschenskinder, ihr schiet doch, da und da gehen doch Leute unter..." Er hat Bruttoregistertonnen vernichtet, von Menschen war keine Rede!

ROSA: Du bist in Magdeburg aufgewachsen, in begterten Verhltnissen?

HELGA: Nein, nein, denn mein Vater ist ja nach dem Ersten Weltkrieg in schlechter Verfassung zurckgekommen. Da waren die Verhltnisse nicht sehr begtert. Meine Eltern haben immer mhsam versucht, ihren Standard aufrecht zu erhalten, was eigentlich nur mit Hilfe meiner Gromutter ging. Die war berufsttig und hat den Haushalt meiner Eltern untersttzt. Mein Vater hat immer von den groen Zeiten geschwrmt, die hinter ihm lagen, spter war er Vertreter bei einem Onkel, was ihm aber eigentlich nicht gem war, na ja.

ROSA: Wie war es in der Schule?

HELGA: Ich ging auf ein sogenanntes Oberlyzeum und hatte das groe Glck, in jedem Aufsatz immer eine Eins zu kriegen. Ich habe erst bei meinen Kindern nachher mitgekriegt, was Schule eigentlich bedeutet, wie schrecklich das ist. Ich hatte irgendwie ein gutes System. Deutsch, Geschichte, Erdkunde, Religion und Biologie eine Eins; Mathematik, wo ich nie hinhrte, da habe ich irgendwann mal den Faden verloren, Chemie und Physik, also da wute ich nicht, was das bedeuten sollte, in Franzsisch und Englisch, da war ich faul. Aber mit diesen fnf Einsern, da bin ich gut durch die Schule gekommen und habe viel Zuwendung gekriegt. Das war ein gutes System, weil ich mich nur fr Sachen bemht habe, die es mir wert waren. Ich habe irgendwie schon sehr frh mitgekriegt, wie man besser durchkommt.

ROSA: In welchem Jahr bist du geboren?

HELGA: Ich bin Jahrgang 1922. Nach dem chinesischen Horoskop bin ich im Jahr des Hundes geboren, und nach unserem Tierkreiszeichen bin ich noch Fisch. Ich habe das Buch ber die chinesischen Tierkreise erst vor einem halben Jahr in die Hand bekommen, und da war ich baff. Da las ich, da Hunde also zuerst einmal fr Emanzipation und Fortschritt sind und sehr bedrfnislos. Hund/Fisch Geborene haben reiche knstlerische Anlagen, sie leben in ihrer eigenen, phantasievollen Welt, doch die Konfrontation mit der rauhen Wirklichkeit bleibt ihnen nicht erspart. Sie sollten ihr verletzliches Selbstbewutsein pflegen, dann knnen ihre knstlerischen Schpfungen spter reiche Frchte tragen. Ich dachte: Hallo, wer hat sich das ausgedacht? In zwei Jahren ist Jahr des Hundes, und wenn dann Helga nicht in aller Munde ist, dann schei' ich aufs Jahr des Hundes.

ROSA: Wie war denn deine Entwicklung unter Hitler?

HELGA: Ja. Da hat mir einer gesagt: "Du bist auch so eine alte Nazi." Ich habe dem geantwortet: "1933 war ich elf Jahre alt, hatte ich da Schuld? 1939 war ich 17 Jahre alt, hatte ich da Schuld?" Als der Krieg zu Ende war, war ich 23 Jahre alt und habe einen unglaublichen Schock gekriegt, wessen der Mensch guten Glaubens fhig ist: Hexen verbrennen, Juden vergasen! Rundherum traten alle wieder in die Kirche ein, weil die Kirche Care-Pakete ausgab und Plnnen verteilte. Da habe ich gesagt: Nicht um den Preis! Eine Institution, die im Mittelalter Chorle gesungen und dann Hexen verbrannt hat, die jetzt bis Ende der 50er Jahre in den Katholischen Kirchen Karfreitag gebetet hat: "Herr, vernichte die perfiden Juden!" Papst Johannes der 23., glaub ich, der hat das erst aus dem Karfreitagsgebet rausgenommen. Hr mal, von wem lassen wir uns eigentlich verarschen?

Hitler war ein guter Sohn seiner katholischen Kirche, der hat das getan, was ihm als kleines Kind in die Ohren eingeflstert worden ist. Ich habe 1945 den ersten Schritt genommen, da ich gesagt habe, nicht um den Preis! In meiner Ehe haben wir jede Geburtsfeier selbst im Haus ausgestaltet, jede Jugendfeier, Hochzeitsfeier und auch die Totenfeier meiner Schwiegermutter. Das Groe war ja, da mein Mann alle meine Anregungen ausgefhrt hat, bis ich nachher anfing, erwachsen zu werden, dann muten sich unsere Wege irgendwie aber auf eine unglaublich menschlich freundliche Art trennen.

ROSA: Erwachsen wurdest du mit wie vielen Jahren?

HELGA: 1968 hatte ich eine Begegnung. Ich war mit meinem Mann in Sizilien im Urlaub, in Mondello am Strand. Da kommt Giovanni! Giovanni war mit mir gleichaltrig. Er war im Krieg drei Jahre Soldat in Deutschland. Mussolini und Hitler hatten sich gegenseitig abgesprochen, Adolf brauchte von Benito noch ein paar Waggons Jungs, da haben die zuerst einmal in Sizilien angefangen, die in die Waggons reinzukippen und sie ohne Ausstattung in Kroatien aufs Feld zu kippen. So hat der Giovanni zwischen seinem 19. und 22. Lebensjahr hier bei uns gelebt. Der war in Frankoforte/Oder und in Lipzia, das heit Leipzig. Wir sangen die gleichen Schlager, das war so irre. Giovanni und ich fingen da pltzlich an, ich tanze mit dir in den Himmel hinein... (lacht) Also, mein Mann und ich sind im Urlaub in Mondello, lernen den Giovanni kennen. Der hat sich mit seinem Auto zur Verfgung gestellt, ich sprach damals kein Italienisch, mein Mann hatte mal ein halbes Jahr in Italien gearbeitet und wollte mir alles zeigen aus seiner Vergangenheit. Dann fing Giovanni an, mir ber den Rcken zu streichen, Jesses! Ich dachte, so ein Schwein, wirklich! Daneben steht mein Mann, und der fngt da im Dunklen an, Jesses!

ROSA: Da warst du wie alt?

HELGA: 46 Jahre alt. Ich bin in meiner Ehe nie auf den Mund gekt worden, Giovanni war der erste Mann, der mich ahh, Mama! Also jedenfalls hatten Giovanni, mein Mann und ich ein paar schne Tage. Dann sagte Giovanni pltzlich, er wolle einmal mit mir allein zusammen sein. Ich habe zu meinem Mann immer Vadder gesagt, er hat immer Helga zu mir gesagt. Ich sagte: "Vadder, der Giovanni, der hat gesagt, da wir einmal zusammen alleine sein wollen..." Da hat mein Mann zu mir gesagt: "Ich kann dich verstehen." Da bin ich zum ersten Mal aus dem magischen Kreis rausgetreten. Mein Pappi, der hat gesagt: "Ich kann dich verstehen!" Ahh! Ich wie ein kleines Mdchen: "Giovanni, wir drfen!" Giovanni hatte das Glck oder Pech gehabt, da seine Frau im Urlaub krank geworden war und mit den beiden Tchtern in Catania geblieben war. Giovanni hatte vierzehn Tage Spielraum, und ich sage mir, das passiert keinem deutschen Ehemann und das passiert auch keinem sizilianischen. Giovanni hat mich in ein Hotel entfhrt, und dann habe ich vier Stunden Kurzfassung gekriegt, was so die Konkurrenz zu bieten hat. Es hie mal in einer Zeitung: "Und dann bekam Frau Goetze den ersten groen Orgasmus ihres Lebens." Ich sage: "Spinnt ihr? Dieser arme Giovanni, da der mich da berhaupt in Bewegung gebracht hatte! Also, ich habe da ein Gedicht, als Dichter bin ich ein Genie, das will ich jetzt loswerden, und zwar heit das Gedicht:

DER SEXUELLE KNAST.

Eingeengt bei Mutter/Vater
Enger noch bei dem Herrn Pater
Eng und starr in Lehrermund
Eng so eng in Lehrherrnkund
Bundeswehr, oh Gott welch Knast!
Sexualitt in Hast
Ohne bung ohne Ruh
Fllt der Ehedeckel zu
Mit dem einen engen Weib
Gibt es engen Zeitvertreib
Enger Knabe Hirne denken
Wei noch nicht mal was vom Lenken
Zittern, Trieb, Ergu und Hast schafft
Sexuellen Rammelknast.
Das habe ich in einer sehr guten freundlichen Ehe erlebt. Mein Gatte hatte sich bis 32 rein gehalten fr die Ehe.

ROSA: Und du?

HELGA: Ich war zwanzig. Ich war natrlich auch unberhrt, hr mal!

ROSA: Und hattest den ersten Kontakt mit einem anderen, neben deinem Mann, mit 47 Jahren?

HELGA: 46 jetzt genau. Und dann bin ich nach Hause gefahren. Unterwegs habe ich angefangen, Italienisch zu lernen: io sono, tu sei Jesses! Das lerne ich nie im Leben. Ich bin, du bist... jedenfalls, als ich zu Hause war, lagen schon zwei Briefe da, ich sollte postlagernd schreiben. Ich habe das groe Glck gehabt, da ich diese Beziehung ein Jahr lang gestalten durfte. Das heit: Ich habe zweimal mit dem Mann allein drei Wochen Urlaub gemacht, und er ist zwlf Tage zum Entzcken meiner ganzen Familie in Hamburg gewesen. Meine Tchter, die kamen: "Mutti hat da..." und so, und die eine sagte: "Mutti, das ist ja ein toller Mann." Die eine fing an zu weinen und benahm sich, was man schlecht nennt, weil sie Angst hatte, der nimmt Mutti weg. Ein Vierteljahr spter, sie war dreizehn, da sagte sie: "Mutti, du knntest ruhig mal drei Wochen wegfahren, wir machen das dann hier zu Hause." Ein Vierteljahr spter hatte ich Geburtstag, da sagt sie: "Mutti, hr mal!" Dann hat sie mir eine Schallplatte geschenkt. (singt) Arriverderci Hans! Das war der letzte Tanz. Das Licht geht aus im Lokal, nun k mich noch mal, eh wir nach Hause gehn.

Also, da habe ich an diesem Kind mitbekommen, da sie einen Lernproze gemacht hatte: Da sind Mutti und Vati, Mutti wurde schon so langsam eine Greisin, dann fing Mutti wieder an, beweglich zu sein. Da ist dieser Mann, und Mutti hat es schn gehabt und so. Warum sollte sie es nicht von Zeit zu Zeit schn haben, nicht?

ROSA: Gehen wir noch mal zurck, um biographisch kontinuierlich zu sein. Deine Eltern waren sozusagen Nazis?

HELGA: Nee! Die waren ihnen nicht fein genug. Meine Mutter war eine sehr praktische Frau. Die ging ins Rote Kreuz. Fr die Damen in Magdeburg, da gab es die Frauenschaft, und da gab es das Rote Kreuz, und die Damen gingen ins Rote Kreuz. Damit sie pro forma irgendwas vorweisen konnten, trafen sie sich einmal in der Woche und nhten Babysachen. Meine Mutter ist eine unglaublich lebenskluge Frau.

ROSA: Hatte sie irgendwas gegen Hitler? Konnte sie das ausdrcken? Wie wurdest du erzogen, praktisch...

HELGA: Meine Gromutter hatte ein Lebensmittelgeschft in Wilhelmsburg, und sie hatte einen Mittagstisch. Wenn ich als Kind in den Ferien bei ihr war, da wurde einmal die Woche der Tisch sehr schn gedeckt, denn es kamen die Juden Zinner. Die waren Vertreter und es war eine unglaublich freundliche Atmosphre. Die aen bei meiner Gromutter, kriegten extra gekocht. 1933 war ich, wie gesagt, elf. Da habe ich das mit den Juden irgendwie auf eine freundlichere Weise mitgekriegt, nicht da zu Hause so Sprche gemacht wurden.

ROSA: Hattest du ein gutes Verhltnis mit deiner Mutter?

HELGA: Nein, aber ich habe inzwischen mitbekommen, da ich meine Mutter auch geliebt habe. Ich bin ein lang erwartetes Kind gewesen, und meine Mutter hat mich ein Jahr lang genhrt. Das habe ich so in Therapiestunden mitgekriegt. Mein Vater hat meine Mutter immer bewut beschimpft: Schimpfschke! Die Olle! Woran soll sich ein Kind halten? Mein Vater war von Montag bis Freitag weg, er war blo am Sonntag da, wir hatten nur einen Sonntagsvater, was sehr angenehm war, wir konnten uns immer in der Woche von meinem Vater erholen und er sich von uns. Meine Mutter war unglaublich sauer, da ich immer mit meinem Vater rumschmuste, brigens bis zum 13. Lebensjahr. Da habe ich mal auf seinem Scho gesessen und gemerkt, der hat auch so einen Schwanz, so ein Ding zwischen den Beinen. Mir hat er gesagt: "Man sieht nicht, und man fat nicht an." Der hat selbst... Von dem Augenblick an wollte ich mit meinem Pappi nichts mehr. Also nach diesem chinesischen Horoskop ist meine Mutter ein Hahn, eine sehr lebenstchtige Frau. Hhne haben es so an sich, Kikeriki, Helga, dein Kleid! Pa auf dein Kleid auf! Ich meine irgendwie habe ich auch viel von der profitiert, weil die lebensklug war. Mein Vater sagte mal: "Du bist ein ganz verlogenes Geschpf." Das ist eine totale Gemeinheit, man hat ein phantasievolles Kind und sagt von dem: Es ist ein verlogenes Geschpf. Dann hat er spter zu mir gesagt: "Du warst das reine Fragezeichen." Der hat berhaupt nicht mitgekriegt, da ich mit sieben oder acht Jahren niemand mehr gefragt habe, weil ich wute, von denen kriegst du keine richtigen Antworten. Ich mute mir alles allein zusammensuchen, was ich wissen will. Ich hatte als Kind ein schizoides System, das bedeutet: Ich habe nie die Gefhle hochkommen lassen, sondern ich habe die beobachtet. Das ist gar nicht so gut, wenn man ein beobachtendes Kind dazwischen hat. Die haben mich in der Familie aber in Ruhe gelassen. Ich brachte ja immer in Deutsch eine Eins mit nach Hause. Mit mir konnten sie angeben. Unsere Helga! Aber ich habe meine Mutter nie in dem respektiert, was eigentlich an ihr tchtig ist, das geht mir jetzt erst langsam auf. Meine Mutter hat immer gesagt: "Mein Mann ist meine Aufgabe." Aufgabe heit: Sie hat sich aufgegeben fr diesen Mann, und deshalb ist sie auf mich sauer, ich habe meine Pflicht nicht erfllt. Wenn man eine Familie hat, dann mu man...

ROSA: Wie alt ist deine Mutter jetzt?

HELGA: 83, mein Vater ist 91 geworden, sie wohnt in Wilhelmsburg, also in Hamburg. Ich habe das groe Glck, da mein Mann alles, was Familie ist, aufrecht hlt, weil er selbst in einer geschiedenen Ehe gro geworden ist, und er selbst an der Stelle entbehrt hat. Er mute ab dem dritten Jahre Ehemann-Ersatz fr meine Schwiegermutter spielen. Er hat sein Leben lang blo fr dusselige Frauen erwachsen sein mssen, einschlielich fr mich, verstehst du?

ROSA: Hast du einen Beruf gelernt whrend des Krieges?

HELGA: Nee. Also, ich bin aus der Prima abgegangen, da hat meine Mutter gesagt: "Du heiratest ja doch mal und jetzt mut du noch Arbeitsdienst und Pflichtjahr machen." Da habe ich einen Schreibmaschinenkurs gemacht. Es war sehr schwer, 1939/ 40 unterzukommen. Mein Onkel hatte ein Baugeschft in Hamburg, und da hie es, du gehst zu Onkel Otto nach Hamburg, da kannst du dienstverpflichtet werden, und so bin ich bis 1942 im Baugeschft meines Onkel gewesen. Da war eine gleichaltrige Cousine und eigentlich hatten wir es sehr schn. Wir sind in der Zeit viel ins Theater gegangen und ich habe dadurch nicht erlebt, da ich unter schlechten Dienstverhltnissen verpflichtet war. 1942 habe ich geheiratet, da bin ich noch mal ein Jahr nach Magdeburg gegangen, und dann war ich in anderen Umstnden und bin nach Misdroy gegangen und habe ein Jahr dort gelebt. Von da bin ich auf die Flucht gegangen mit einem einjhrigen Kind und meiner Mutter.

ROSA: Dein Mann war Soldat?

HELGA: Ja. Er hat das Glck gehabt, der war in der Marineartillerie und den ganzen Krieg in Swienemnde. Sein Kapitn hatte kein Interesse, da seine Offiziere wechselten, wenn er sich an sie gewhnt hatte. Auf der einen Seite, wenn man jung ist, mchte man dies und das erleben, aber er hatte das Glck und ist die ganze Zeit in Swienemnde gewesen.

ROSA: Und was hat er dann spter gemacht?

HELGA: Mein Mann ist gelernter Bankkaufmann, der war schon vor dem Krieg Prokurist bei der Deutschen Bank, und er hat dann nach dem Krieg vier Jahre bei meinem Onkel im Baugeschft gearbeitet. Da hat er mit Maurern und Handwerkern zu tun gehabt, und er hat immer gesagt, das wre fr ihn eine sehr wichtige Zeit gewesen. Dann hat er das Glck gehabt, da er 1950 wieder in der Deutschen Bank anfangen konnte. So hatte er nur vier Verlustjahre, und er hat dann vierzig Jahre lang kontinuierlich als Prokurist der Deutschen Bank bis zu meiner Fernsehsendung gearbeitet. Danach ist er vorzeitig... pensioniert worden, weil ein Prokurist der Deutschen Bank seine Gattin bei Zeiten zur Ruhe bringen, sich von ihr trennen oder sie in eine Irrenanstalt einliefern mu. Ich habe ffentlich z.B. ber unsere Hochzeitsnacht gesprochen, mein Gott!

ROSA: Und diese Hochzeitsnacht hast du in deiner ersten Fernsehsendung beschrieben.

HELGA: Ja, und das mu fr die Mnner berall ein furchtbarer Schock gewesen sein. Stell dir vor, da ihre Frauen dann auch anfangen, darber zu erzhlen. Bei mir war es z.B. so: Ich habe zu meinem Mann gesagt: "Ich habe meine Tage, ich glaube das geht nicht." Da hat mein Mann sich rumgedreht und geschlafen. Der hat mich weder gestreichelt noch angefat, ich wute berhaupt nichts. Mein Vater sagte zu mir: "Du wirst einen lteren Mann heiraten, der wird dich aufklren."

ROSA: War dein Mann lter?

HELGA: Zwlf Jahre lter.

ROSA: Hast du Ihn geliebt? War das eine Liebesheirat?

HELGA: Ich habe nie zu meinem Mann gesagt: "Ich liebe dich." Er tat mir irgendwie leid, als er mich fragte, ob ich ihn heiraten wrde. Ich habe gedacht, mein Gott, der ist schon dreiig. Wenn ich ihm jetzt auch eine Absage gebe, dann hat er nachher niemanden, keine Chance mehr. Und dann wute mein Mann etwas von Nietzsche, wirklich, man heiratet primitiv! Das hat mir imponiert, ich hatte noch nie den Namen Nietzsche gehrt. Ich holte mir Also sprach Zarathustra und eine Lebensbeschreibung. Dann hat mein Mann angefangen, mir zu schreiben. Er sagte, sieh mal, ich habe doch nicht so viel Gelegenheit, dich kennenzulernen, aber wir knnen schreiben. Er hat mir jeden Tag geschrieben. und das tat mir leid. Ich fand ihn auch irgendwie nett. Meine Mutter hatte zu mir gesagt: "Hauptsache die wirtschaftlichen Dinge klappen, die Liebe wchst in der Ehe." Aber sechs Wochen vor der Hochzeit kriegte ich pltzlich Panik. Ich habe gedacht, ich kann doch keinen wildfremden Mann heiraten! Ich bin zu ihm nach Swienemnde gefahren, das war im August, sechs Wochen vor unserer Hochzeit. Es war schnes warmes Wetter, ich erinnere mich noch, ich habe mich da im Raum umgezogen, und er hat sich umgedreht. Am Strand war es aber irgendwie schn, da habe ich gedacht, eigentlich kann ich ihn doch heiraten. Spter habe ich ihn mal gefragt: "Warum haben wir es eigentlich damals nicht gemacht?" Da hat er mir geantwortet: "Ich habe immer gedacht, wenn du nun nach Hause fhrst, dann kriegst du einen roten Kopf, wenn sie dich danach fragen, und diese sechs Wochen konnte ich auch noch warten." Aber fr mich wre das viel wichtiger gewesen, wir htten damals gefickt, weil da war eine Situation, das war ich! Und das mit dieser Scheihochzeit und Tat und Standesamt und ich war die Gattin des... nachher hat man immer gefragt: "Was ist ihr Mann? Ihr Gatte?" Ja, mein Gatte, der war Prokurist der Deutschen Bank. Ahh! Sie ist die Gattin des Prokuristen! Ich war gar nichts. Wer ich war, das, also... war unwichtig.

ROSA: Wrdest du sagen, da dein Mann eine wenig ausgeprgte Sexualitt hatte, wenig triebhaft oder wenig sexuell war?

HELGA: Eigentlich war mein Mann sexuell, aber bei dem habe ich mitgekriegt, da das zwei verschiedene Aspekte sind, wenn die zrtlichen Strebungen und die sinnliche Strebung zerschnitten sind. Also zuerst einmal, ich kriege jetzt Panik, wenn einer etwas vom Vorspiel sagt. Wenn ich geil bin, bin ich geil und zwar in der Mse, und ich erwarte, da der Mann im Schwanz geil ist. In meiner Ehe habe ich dreiig Jahre lang immer diese neurotischen Vorspiele gehabt: Ha! und Oh! Und dann zum Schlu hat er zack, zack, zack, zack und sich dann rumgedreht und geschlafen. Jesses!

ROSA: Er hat sich um deinen Orgasmus nicht gekmmert?

HELGA: Das kann man auch nicht sagen. Er hat hinterher immer gesagt: "Da sind mir die Gedanken wieder ganz weggelaufen", oder so. Der konnte ja gar nichts dafr, das waren zwei verschiedene Sachen. Wenn einer sich bis 32 rein hlt fr die Ehe, du, sein Wichsen, also das kannte er ja, nicht? Als ich mal sagte: "Weit du eigentlich, wie schwul deine Ruderei war?", da hat er mich angeschrien: "Das war Sport." Die haben immer geduscht, und mit den Augen ist es auch geil. Mnner haben ja sowieso mehr Chancen, wenigstens mit den Augen geil zu werden, wir Frauen haben noch nicht mal Chancen, mit den Augen geil zu sein, nicht wahr? Weil wir ja immer hinter verschlossenen Tren pissen mssen, fr 30 Pfennig, Schweinkram. Und die Mnner pissen umsonst.

ROSA: Du hast praktisch regelmig mit deinem Mann Sex gehabt?

HELGA: Die Sexualitt ging immer von mir aus. Ich habe das nie erlebt, da mich wer vergewaltigt hat. Ich habe mindestens drei- bis viermal in der Woche die Hand rbergelegt, und er hat auf mich reagiert. Mein Mann hat immer auf mich reagiert. Aber die letzten Jahre, irgendwas war verkehrt, aber... und zum Schlu waren diese ganzen Bnder der Handgelenke kaputt, weil ich mich bei der Fickerei immer zusammengekniffen habe mit Fusten und das so ber mich ergehen lassen habe.

Und dann habe ich mit 39 Jahren unserem Hausarzt gesagt, er mchte doch mit meinem Mann mal sprechen, meine Ehe wre so tot. Er sagte: "Meine liebe Frau Goetze, das ist doch kein Thema! Das ist nun langsam fr uns abgeschlossen, nicht wahr? Es gibt ja so viele schne Sachen, auf die man sich konzentrieren kann, aber doch bitte nicht immer auf das!"

So, da wute ich von meinem Vater, Mitte 40 ist es vorbei, da ist eine Frau eine Matrone. Mein Mann hatte mal zu mir gesagt, da war ich 35 Jahre alt, da nmlich die Sexualitt wirklich nichts mit Liebe zu tun htte, und der Arzt hatte gesagt, das wre ein Thema, das nun langsam fr uns abgeschlossen wre. Die drei Groen, Ehemann, Arzt und Vater, die fr mich entscheidend waren, hatten mir nun beigebracht, mit 39 Jahren ist es vorbei.

Dann bin ich immer in Aktion gewesen! Ich habe ja soviel Energie. Ich war im Turnverein, beim Volkstanz, ich war bungsleiterin bei Vorschulkindern, ich habe Bastelkurse gemacht und wissenschaftliche Vortrge besucht. Ich war wirklich in Bewegung. Mein Mann hat spter mal zu mir gesagt: "Du hast sowieso blo immer getan, was du wolltest." Was meine Rettung war! Denn dadurch, da ich mich viel nach auen bewegt habe, gefragt habe, gewollt habe, dadurch sind ja auch die Wellen wieder zurckgeschlagen, es war dadurch ja Bewegung in dieser Familie, aber irgendwie war ein Loch da, da war nichts.

ROSA: Das heit, du hast praktisch in deinen Ehejahren... Habt Ihr darber gesprochen, hinterher oder... whrend des Sex, warst du...

HELGA: Also hr mal! Das war die heilige Handlung, und die passierte im Schlafzimmer, da wurde kein Wort gesagt... das Wort "Ficken", also wirklich, gab es nicht. TABU!!! Bei uns in der Schule hie eine Ursel Fick, da bin ich extra mal hingegangen in die Klasse und habe sie mir angesehen. (lacht) Wir hatten keine Wrter fr DAS. Was Schwulitt war, das wute ich nicht... Ich war 1939 in einem Bro und da war so ein Lehrling und der Chef hatte wegen Homosexualitt ein Jahr Zuchthaus gekriegt. Da fragte dieser Lehrling: "Weit du, weshalb er ins Zuchthaus mu?" Und dann sagte er: "Zwischen Mnnern und Frauen darf man, zwischen Mnnern und Mnnern ist es eben verboten." Nun hatte Ich noch nie einen Schwanz gesehen und angefat, ich habe also wirklich bis zu meinem fnfzigsten Lebensjahr sogar gedacht: "Was machen die nun eigentlich? Krempeln die sich ihre Schwnze ineinander?" Ich wute ja nicht, was ein Schwanz ist. Das ging bei uns im Dunkeln, wenn ich den mal so gegen das Licht gesehen hab, fand ich das ekelhaft! Da stand sofort mein Vater da: "Man sieht nicht, und man fat nicht an!" Meine Mutter stand ja da: "Die Hnde auf die Decke!"

ROSA: Wie wrdest du deinen Bewutseinsproze erklren, wie du langsam zu dem gekommen bist, was du jetzt denkst?

HELGA: Was ich vorhin erzhlt habe, da ich als Kind meinen Eltern schon ganz frh nichts abgenommen habe, ich habe mir von niemandem Wahrheiten sagen lassen, sondern ich mute selber dahinterkommen. Ich habe sehr viel gelesen, lese jetzt immer noch viel, und dann habe ich eben 1945 die Kirche verweigert. Ich habe 1973 meine Biographie geschrieben (250 Seiten). Da gab es: 1. Kirche; 2. Bundeswehr; 3. Ehe. Und dann habe ich jahrelang mit meinen Kindern in der Schule rger gehabt. Man denkt, Hamburg, das ist so eine freie Stadt, aber da kommt die Schulleiterin und sagt: "Frau Goetze, unsere Lehrer erteilen doch so einen schnen geschichtlichen Unterricht, Religionsunterricht das ist doch fr die Bildung!" Ich sage: "Wieso? Sie haben ein Konkordat mit der Kirche abgeschlossen. Sie mssen einen konfessionell gebundenen Religionsunterricht erteilen, die katholischen Kinder nehmen ja auch nicht an diesem Religionsunterricht teil, wieso sollen meine Heidenkinder an dieser Fehlinformation teilnehmen?" Damals war ich noch dumm, verstehste? Da kommt meine Tochter nach Haus und sagt: "Mutti, ich darf immer im Religionsunterricht dabeisitzen und malen." Da bin ich wieder hingegangen, habe gesagt: "Wir haben das Elternrecht. Unsere Kinder sollen nicht am konfessionell gebundenen Unterricht teilnehmen, das bedeutet, da sie auch nicht dabei sitzen sollen und malen. Noch haben wir diese Freiheit." So habe ich mit meiner Beharrlichkeit ewig Unruhe gebracht, aber welche Eltern halten das nun durch? Es geht ja auf Kosten der Kinder, weil nachher die Lehrer auch dumm reagieren.

ROSA: Wieviel Kinder hast du?

HELGA: Sieben, fnf Tchter und zwei Shne. Jesses!

ROSA: Wann ist das letzte geboren?

HELGA: Als ich von zu Hause wegging, war die Jngste 16 Jahre alt, sie wird morgen 22 Jahre. Ich wei nicht, wann es zu frh ist und wann zu spt, da man vom Zuhause weggeht. Ich wrde auch nicht die Hand fr mich ins Feuer legen, wenn das Ganze zehn Jahre vorher passiert wre, da ich nicht zehn Jahre vorher schon weggegangen wre von zu Hause. Ich habe das groe Glck gehabt, da ich meine Familie bis zu einem bestimmten Abschlu habe bringen knnen.

ROSA: Wie hast du deine Kinder sexuell aufgeklrt?

HELGA: Also, es hie immer, Helga wird eine gute Mutter, die spielt so reizend mit ihren Puppen. 1944 ist mein erstes Kind geboren. Ich habe unserem Fhrer 1944 noch ein Kind in die Wiege gelegt, leider blo ein Mdchen, aber besser als nichts. Da gab es ein Buch, das hie: Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind. Die drei obersten Pflegegrundstze waren Ruhe, Ordnung und Sauberkeit und da habe ich ein kleines Gedicht:

ALS MEINE MUTTER EIN BABY BEKAM

Da hat sie ein schlaues Buch und
Sie mich so nach Gebrauchsanweisung erzogen
Papieren, welch ein Fluch
Drei Gebote standen an oberster Stelle
RUHE, ORDNUNG UND SAUBERKEIT
Da stand nichts, es ist kaum zu glauben
Von Uebe und Wrme und Zrtlichkeit
Parieren mute ich wie ein kleiner Hund
Kuschl Frissl Und halte dich reiner
Und immer stand sie wie ein Wrter bereit
Und nichts konnte ich als Kind alleine
Und konnte Ich als Kind nichts tun
Wie sollte Ich es spter?
Ich bin geblieben, wie sie mich zog
Ein anstndiger, klffender Kter
Und ich belle noch und ihr seid blo noch anstndig.

Das wre also genauso, als wrde man einem Mann ein Buch in die Hand drcken und sagen: Nun bau mal schn ein Haus! Der deutsche Maurer und sein erstes Haus! Ich mchte mal wissen, was daraus wird. Krumm und schief! Du, ich war zwanzig und doof, ich bin von meinen Puppen in die Ehe gerutscht, weil es hie, das geht. Autofahren mut du wenigstens mal lernen, Mutter sein nicht. Das Kind, der erste Sugling, den ich jemals in meiner Hand hielt, war mein Sugling. Hr mal! Das ist eine totale Perversion! Nun habe ich das groe Glck gehabt, ich bin noch krperlich, ich habe meine Kinder jahrelang an der Brust gehabt. Ich habe immer dabei gelesen, das war bestimmt auch nichts Tolles. Ich konnte mich fnf Stunden am Tag aus der ganzen Familie rausziehen, habe dann gemtlich gelesen und hatte das Baby total kommunikationslos an der Brust hngen.

ROSA: Hast du alle deine Kinder genhrt?

HELGA: Ja, aber... die Neurose der Kinder ist schlimmer als die der Eltern. In meiner Familie brauchte ich meinen Kindern nichts zu verbieten, weil ich sowieso nichts ber Sexualitt wute. Eine Tochter war vier Jahre und im Kindergarten, da sagt sie abends im Bett zu mir: "Mutti, der Peter hat gesagt, wenn man da unten streichelt, das macht ganz viel Spa!" Also! Ich mchte mein Gesicht nicht gesehen haben. Ich selber habe mit 32 Jahren das erste Mal gewichst. Meine Wichsphantasien, die sind sowieso schlimm. Ich mu immer vergewaltigt werden, die machen alles mit mir. Der Vater ist gesichtslos, delegiert es an den Sohn, und der Sohn mu ausfhren, was der Vater ihm sagt. Zum Schlu darf der Sohn dann auch noch mal mitficken, wenn der Vater dann fickt, oder es ist eine ganze Schulklasse, die mit mir fickt. Ich bin nur immer ein Objekt bei meinen Wichsphantasien, alles bleibt gesichts- und krperlos.

ROSA: Dein Bewutwerden kam praktisch erst viel spter?

HELGA: Ja. Zuerst habe ich mich zwanzig Jahre lang um die Frage "Kirche" bemht. Was ist Evangelisch? Was ist Katholisch? Wer ist der liebe Gott? Wer sind die Juden? Wer ist Jesus? Was ist tattatata? Ich hatte niemanden, den ich fragen konnte. Dann war ich mal bei einem Volkshochschulkurs, da war so ein Pastor, der sagte: "Unsere liebe Frau Goetze, immer so ein bichen in Natur und so!" Na und? Ich war sprachlos, ich wute nichts. Aber nach zwanzig Jahren habe ich fr mich in Ordnung bekommen, was Kirche bedeutet. Dann bin ich 1960 Mitglied im VK geworden. Ich war die einzige Mutter weit und breit, die das Interesse hatte, sich im Verband der Kriegsdienstverweigerer Informationen zu holen, da die Shne nachher fhig waren, diesen Verweigerungsproze zu fhren. Spter sagten mir Mtter: "Bei der Bundeswehr lernen sie doch endlich mal Ordnung!" Ich sagte: "Na hrt mal! Da lernt man keine Ordnung, da lernt man, wie man sich gegenseitig am besten umbringt." Ich sagte denen: "Seid ihr irre? Ihr lat euren Kindern im Religionsunterricht beibringen, Du sollst nicht tten! und dann lat ihr ihnen beibringen, wie sie in recht kurzer Zeit recht viele Leute umbringen." Ich wollte das nicht. Meine Shne waren anerkannte Kriegsdienstverweigerer zu der Zeit, als das noch gar nicht aktuell war.

ROSA: Kannst du ein bichen erzhlen, wie das weitergegangen ist?

HELGA: Ich bin 1960 immer zu Vortrgen von Kriegsdienstverweigerern gegangen. Da haben wir z.B. ber die Utopie des Friedens gesprochen. Was hat Gandhi in Indien gemacht, um die Englnder auszuschalten? Was haben die Norweger im Krieg gemacht, um passiv Widerstand zu leisten? Das waren scheinbar ganz kleine Sachen. Ich habe Ostermrsche mitgemacht, und dann bin ich von 1964 bis 1977 einmal im Jahr zu einer freien Akademie gefahren, wo es wissenschaftliche Vortrge gab. Ich habe am Anfang keine lateinischen Wrter verstanden. Wenn die sagten "kologie", "konomie" und "Ontologie", da habe ich gar nicht gewut, wovon die redeten. Inzwischen habe ich diese Wrter dauernd im Wrterbuch nachgeschlagen und mir Kenntnisse verschafft. Nun ist es meine groe Strke. Wenn mich einfache Leute fragen, kann ich ihnen Sachen erklren, weil ich mir das nmlich selber alles so mhsam beibringen mute. 1968 bin ich nach Sizilien gefahren. Bei der freien Akademie war das Tagungsthema gerade Sinnlichkeit und Sexualitt gewesen, und ich war eine Woche lang durch viele Vortrge so vorbereitet worden, da ich zu Giovanni offen sein konnte. Wir hatten noch eine Freundin mit im Urlaub, die von ihrem Mann getrennt lebte. Und spter habe ich zu meinem Mann gesagt: "Warum hat die Gerda das nicht mit dem Giovanni erleben knnen?" "Ach", meinte mein kluger Mann, "die wre gar nicht fhig gewesen, so etwas zu spielen."

ROSA: Was fr Vortrge hast du gehrt?

HELGA: Wissenschaftliche Vortrge. Das war eine freie Akademie, die 1952 gesagt haben, in den Universitten wird so viel geforscht, sind soviel Erkenntnisse angesammelt, und das kommt nie unter die Leute. Wir wollen mal versuchen, zu einem bestimmten Thema, "Der Einzelne und die Gesellschaft" z.B., Wissenschaftler zu holen, Biologen, Psychologen, rzte und Lehrer. Dort sollten Vortrge gehalten werden, zu denen einfache Leute auch Fragen stellen knnen. Es gab also immer einen Vortrag und hinterher wurden in kleinen Gruppen Fragen gestellt. Diese freie Akademie hat eigentlich meinen ganzen intellektuellen Proze gefrdert. 1968/69 habe ich dann mit Giovanni dieses sexuelle Erlebnis gehabt und anschlieend italienische Sprachkurse besucht, im Ganzen vier Jahre. Ich spreche quasi perfetamente, questa bella lingua. Mit dem Herzen, con cuore. Doch dann mute ich begreifen, da der Giovanni seiner Familie nichts mehr erklren konnte. Der mute in Palermo bleiben und ich in Hamburg. Und da hat mein Mann mir wieder geholfen; es gbe so Bekanntschaftsanzeigen im Hamburger Abendblatt oder in den St. Pauli Nachrichten! Ich habe gedacht, spinnt der? St. Pauli Nachrichten? So ein Schweinkram, echt. Da hat er mir Zeitschriften mitgebracht, die ich so durchbltterte und dachte: Spinner! Kater sucht Ktzchen. Strenge Erzieherin gesucht!

Doch dann habe ich angefangen, auf Annoncen zu schreiben, z.B.: Junger Mann sucht Gesprch mit Atheistin oder Jdin! Mit dem habe ich mich zweimal zum Kaffee trinken in einem Caf in der Stadt getroffen. Beim zweiten Mal fing dieser junge Mann pltzlich an, ber meinen Oberschenkel zu streichen, und ich fragte ihn: "Knnen wir nicht irgendwo hingehen?" Da fiel er aus seinen ganzen Wolken heraus und sagte: "Nein!" Ich habe ein mbliertes Zimmer und in einem mblierten Zimmer wrde das nie gehen. In ein Hotelzimmer wrde er eigentlich auch nicht gehen... Wenn er mal eine eigene Wohnung htte... Ich sagte: "Du, ich mchte jetzt nach Haus." Da hat er mich angerufen, er htte eigentlich ein ganz schlechtes Gefhl gehabt. Er htte noch ein bichen bei mir bleiben mssen. "Na, ja!" sagte ich, "ist schon gut."

Das ist eine Geschichte, die auch htte weitergehen knnen, aber immer wenn ich den magischen Kreis nachher berschreiten wollte, habe ich gesehen. da es nicht ging.

ROSA: Was heit eigentlich magischer Kreis? Du hast praktisch nicht mit denen auf Grund der Anzeige geschlafen?

HELGA: Doch, ich wollte mit denen ficken, aber das kriegten die ja nicht fertig. Ich schlafe ja nicht mehr mit Leuten, sondern ich ficke. Ficken ist der Dialog zwischen zwei Gleichen, den es noch nicht gibt. Die meisten Leute rammeln, stoen, bumsen und vergewaltigen. Vgeln ist die schne Tierstufe, das ist so meine Version. Ich habe am Anfang meiner Ehe sicher noch gut gevgelt, weil ich total bewutlos war, keine Kenntnisse hatte. Wenn nachher Information reinkommt und die Gefhle langsam in Unordnung kommen, dann fangen die Leute an, zu rammeln, zu stoen, zu vergewaltigen, Selbstmordphantasien zu haben. Ficken ist eigentlich diese Bewegung. Wenn ich sage, ich bin fickerig, als Eigenschaft kann es jeder annehmen, da wei man genau, da es bei mir im Arsch sitzt, also bin ich fickerig. Wenn ich es ttig machen will, sitzt da die Sperre. Ficken ist einfach die Bewegung, hin und her, her und hin. Wir knnen uns zack, zack, zack, zack oder wir knnen uns auch ahh, ahh, ahh, ahh! Es kommt darauf an, wie wir uns bewegen, das Wort kann nichts dafr. Ficken ist ganz wertfrei, hin- und herbewegen. Wenn wir das gut knnen, mit Information, dann knnen wir strmen, und das ist das Gleiche wie Vgeln, aber mit Information. Beim Strmen brauchen wir auch keine Wrter mehr. Ahh!

ROSA: Dein Mann hat dich praktisch ermutigt, mit anderen Partnern zu schlafen. Meinte er, es wre gut fr die Ehe oder fr dich?

HELGA: Fr mich. Er war so erschpft, da er dachte, ich schaffe das nicht mehr.

ROSA: Hast du denn viel mit ihm darber geredet?

HELGA: Nein. In unserer Ehe wurde ber solche Dinge also hr mal... es war sehr schlimm eigentlich nicht geredet.

ROSA: War das fr dich eine berwindung, diese Anzeigen aufzugeben?

HELGA: Das war ganz merkwrdig, wie ein Spiel. Ich fing an, eigentlich jetzt loszulaufen, als ob mich einer auf einen Berg gestellt htte. Als htte einer mir einen Schubs gegeben und gesagt: Nun lauf! Jetzt bin ich am Laufen, bin ich immer noch am Laufen.

ROSA: Hattest du damals schon geschrieben, warst du da schon literarisch?

HELGA: Es war tatschlich so, da ich schon in jedem Schulaufsatz eine Eins hatte. Es gibt da so ein Weihnachtsbuch, das habe ich fr meine Familie gemacht. Wir haben am Totensonntag immer eine Kiste mit Erde gefllt und kleine Zweige reingesteckt, so eine Landschaft, und mein Mann hat mir kleine Holztiere geschenkt. Auerdem hatten wir eine selbstgebaute Krippe. Es war eigentlich richtig warm bei uns.

UND EIN ATMEN GEHT DURCH'S HAUS

Nun haben wir es geschafft
Feierlich und still ist's draus
Wir sammeln letzte Kraft
Kinder bauen in ihrem Zimmer fr die Eltern auf
Unten wirkt die Mutter immer, bis die Tr geht auf
Weihnachtskerzen, Weihnachtslicht, heller Tannenbaum
Merken all die Mhe nicht, staunen wie im Traum
Kleiner Baum mit deinen Flittern
Schngeputzt geschmckt
Ach du brauchst nicht mehr zu zittern
Bist ins Licht gerckt
Ist dein Sterben auch gewi
Hast das Glck gesehen
Vielen Wesen hier auf Erd
Wird das nie geschehen.
Das habe ich fr meine Kinder gemacht, ohne Anspruch. Jedes Kind bekam einen Vers, z.B.:

Die Mechthild, unsere Dicke,
Das ist eine ganz Schicke,
Wie sieht die Mechthild lustig aus,
So wie ein bunter Blumenstrau.
Da haben sie sich immer gefreut. Aber ich habe das blo als Spielerei genommen. Mich hat zur Dichterin gemacht, da mein Mann mir sagte: "Geh, aber komm wieder, wir brauchen dich alle!" Danach hatte ich ja keinen, dem ich etwas vorjammern konnte. Ich konnte doch diesem guten Mann nichts vorjammern, der zu mir gesagt hatte, sprachlos, der hat sprachlos gesagt: "Ich schaffe das nicht mehr, ich will nicht, da du leidest, du sollst leben, ich wei blo nicht, wie ichs machen soll." Nun, da habe ich angefangen, die Sachen aufzuschreiben, um den Druck loszuwerden. Ich lese eins, das heit: "Der Gockelhahn":

ICH WANDERE FRHLICH DURCH DIE WELT

Und geh so auf Besuch von Hhnerhof zu Hhnerhof
Und scheu nicht den Geruch
Da treff' ich Hhne, Gockelfein
So plusterich und bunt
Und viele Hennen untertan
Doch dienstbar und gesund
Kikeriki so schrie der eine mir
So ist das nur gerecht
Ein Hahn und zwanzig Hhnerchen
Genau wie Herr und Knecht
Ich schiele so die Beine an
Von meinen lieben Hennen
Und rhrt mir eine den Popo
Laߑ ich die andern flennen
Ich bin der Herr und mein Hormon
Das gibt mir Recht und Sitte
Das Huhn ist eine Sache nur und gackt lieb
Danke, Bitte
Ist mir danach, dann krhe ich
Und wnsche, da die Weiber den ganzen Tag und auch des Nachts
Sind meitverine Zetreiber
Ich bin die Krone der Natur und berge stolz den Samen
Und Eier legt er noch und noch der Flor der lieben Damen
Sie sagen Gick und Gack
Nur wie ich es so will
Und krhe ich dann forder ich
Die Weiber halten still
Und all die Mnner Gockelhahn
Die nehmen den zu Ma
Und wundern sich, wenn Langeweil bestimmt den ganzen Spa
Denn ohne Spannung und Ruck Zuck, wenn unser Mnne will
Dann mu man ja, wer gibt sonst Geld?
Gehorsam halten still
Doch wenn wir streiken, Hhner he
Denkt doch darber nach
Was macht dann unser Gockelhahn den lieben langen Tag?
Was ich erlebt hatte, das mute ich loswerden. So habe ich mich hingesetzt und die Sachen geschrieben aber ohne einen Anspruch.

ROSA: Du kanntest auch wenig kreative Leute um dich rum?

HELGA: Ich habe mit meiner Familie mitten im Wald gelebt, in Neugraben, das ist am Rande von Hamburg, bei den sieben Zwergen, hinter den sieben Bergen habe ich gewohnt. Auer dem Turnverein, der in so einer kleinen Dorfgemeinde immer etwas Wichtiges ist, gab es nicht viel, hchstens noch die verschiedenen Schulen meiner Kinder. Dann hatte ich so einen Hausfrauenklub, da haben wir zehn Jahre lang Kochrezepte ausgetauscht und Tat, wer krank war, dem wurde ausgeholfen. Ich kannte keine Leute, ich war nie im Theater gewesen, ich hatte sieben Kinder, ja, ich wei nicht, ob ihr euch das so richtig vorstellen knnt.

Ich hatte immer viel Rummel im Haus. Da war z.B. ein junges Mdchen mit einem unehelichen Kind ein Jahr bei uns, als die Jngste elf war. 1972 bis 74 hatte ich Drogenschtige im Haus. Von 1970 bis 72 habe ich auf Annoncen geschrieben und Annoncen in Zeitungen gehabt. 1970 hatte ich eine Annonce aufgegeben: Suche poetische Begegnung. Daraufhin hat sich ein Mann gemeldet, ein Slowake, der sprach 14 Sprachen. Er ist mit vier Sprachen gro geworden. Die Slowaken sprechen gleichzeitig Ungarisch und die Tschechen gleichzeitig Deutsch. Der ist in einer Ecke gro geworden mit allen vier Sprachen. Ich habe nachher gedacht, wie kann man das schaffen! Der sang deutsch: "Oh Tannenbaum" und slowakisch sang er "Stille Nacht, Heilige Nacht". (lacht) Der Mann war ein Zwangsneurotiker. Ich habe damals nichts von Psychologie gewut. Der hatte einen Waschtick. Wenn von Liebe die Rede war, war er pltzlich im Badezimmer verschwunden. Ich dachte, wo ist der eigentlich? Ich habe noch eine halbe Stunde Illustrierte gelesen, dann bin ich durch die Wohnung gegangen. Da sa er und wusch sich, der wusch sich, der putzte seine Zhne, da konntest du sehen, da die Mutter im Hintergrund stand und sagte: "Das nennst du Zhne putzen?" Ein hochkluger Mann, der klgste Mann, den ich kenne. Der hatte Psychologie und Medizin studiert, und der hat drei Jahre lang versucht, mich kaputtzumachen. Der hat mich drei Jahre lang zur Schwulen umfunktioniert, ich durfte drei Jahre, jetzt kommts nmlich, wieso hat Helga Goetze pltzlich Beziehung zum Schwanz, verstehst du. Ich durfte drei Jahre lang nur mit Hand und Mund an seinen Schwanz. Und zwar nachts von zwei bis drei, nachdem ich seine Wohnung gescheuert hatte. Seine Wsche habe ich die ganze Zeit gewaschen. Da fragen mich die Leute: "Warum haben Sie das denn drei Jahre getan?" Ich sage: "Ich habe von dem Mann unglaublich viel gelernt." Ich habe mal bei Castaneda gelesen, der Krieger, der braucht Wohltter und Lehrer. Mein Mann ist jahrelang mein Wohltter und mein Lehrer gewesen, und als mein Mann nicht mehr mein Lehrer sein konnte, kam der und ist drei Jahre ein sehr strenger Lehrer gewesen. Der wichtigste Satz, den er mir gesagt hatte, war: "Du warst also eine gute Mutter." Klar war ich es. Hr mal! Jesses, nee! Ich habe meine Suglinge nachts schreien lassen, weil meine Tante sagte: "Das strkt die Lungen." Jetzt ist es mir auf die Seele gefallen, Roswitha ist am 19. Dezember geboren, die hatte Dezember, Januar, Februar immer drauen gestanden. Das ist ja so schn, wenn die Kinder mal in der frischen Luft sind. Hr mal! Die hat nie geschrien. Die hat vor Schreck die Schnauze gar nicht aufkriegen knnen, weil es so kalt war. Wie mu die in ihrer Seele erfroren sein. Also Jesses! Ich habe in meiner ganzen Ehe meine Kinder nie gesehen. sondern ich habe sie immer nur so gesehen, wie die Gesellschaft wollte, da sie zu sein hatten: Ach, waren die niedlich! Die hatten so schne blonde Locken! Zeugnisse, tat tata! Jesses, und dann kam der Satz: "Du warst also eine gute Mutter." Ich war berhaupt keine gute Mutter. Ich war ein neurotisches Kleinkind, das nichts kapiert hatte und fing langsam an aufzuwachen. Seit dem Erlebnis mit Giovanni war eine Tr aufgegangen, irgendeine Tr, ich wei nicht, was fr eine. Ich habe angefangen, mir die Augen zu reiben. Wenn mein Mann mir damals nicht den Vorschlag mit den Annoncen gemacht htte, dann htte ich vielleicht diesen Giovanni auf den Thron gestellt. Ein lieber Mann, echt. Ich bin die einzige Ehefrau, die ich kenne, die keinen Grund hatte, von ihrem Mann wegzugehen. Der hatte ja gesagt: "Geh, aber komm wieder, wir brauchen dich alle!" Dann hat er 1972 die Eva kennengelernt. Das war ein groer Glcksfall. Eva war geschieden und in einer hnlichen Situation. Ihr Mann hatte eine andere Frau, und als ich 1973 im Fernsehen so auffllig wurde, da konnte mein Mann zu Eva hingehen. Als ich von zu Hause wegging, habe ich gesagt, die Eva kann doch ins Haus kommen. Sie lebt seit 1974 bei meiner Familie, also bei der Goetze Familie, nicht meiner. Seit 1975 bin ich geschieden.

ROSA: Wie hat die Eva auf dich reagiert?

HELGA: Die Eva ist unglaublich lieb. Ich habe so dunkel das Gefhl, da die ein paar Jahre als geschiedene Frau auch versucht hat, eigene Sachen zu machen, und da kommt man ja in entsetzliche Sachen rein, nicht wahr? Verheiratete Mnner. Zu mir kam der eine immer und sagte: "Helga Goetze, eine halbe Stunde, dann mu ich wieder gehen." Da habe ich ihm nach anderthalb Jahren gesagt: "Du, ich brauche eine Nacht." Er sagte: "Das kann ich meiner Frau doch nicht erklren!" Ich sag: "Na hr mal! Ich habe das jetzt ausprobiert. Ich mu mich auf irgendwas freuen knnen, ich mu wissen, jeden ersten Freitag im Monat kommst du. Dann habe ich irgendwas, worauf ich mich einstellen kann. Du kommst, dann essen wir schn, machen wir eine schne Nacht, und morgens frhstcken wir, dann gehst du. Mehr als einmal im Monat mu es nicht sein, aber die Nacht brauche ich, und wenn du das deiner Frau nicht erklren kannst, mut du darauf verzichten."

Ich habe folgendes Gedicht geschrieben, nachdem ich das anderthalb Jahre mitgemacht hatte:

HEUT RIEF MEIN KLUSCHEN WIEDER AN

Das ist ein schicker Mann
Der mchte so gern mit zweien mal
Weil er so dufte kann
Doch leider mangelt es an Zeit Und?
Mutti darf nichts ahnen
So ruft er hin und wieder an
Will er in fremde Bahnen
So eine Stunde, hrst du das?
Und bring mir neue Bilder
Dann geil ich mich ein bichen auf
Und werd ein bichen Wilder
Und unser Kluschen sagt zu mir
Mann soll die Faulen hauen
Die Haare ab und in den Knast
Das sind doch solche Sauen.
Als Kluschen dann ein ander Mal
Da sag ich: Lieber Klaus
Man soll dich hauen, sperren ein in ein Gefngnishaus
Nanu! Warum? Sagt unser Mann und
Ich sag ihm ganz bieder:
Gehrt sich das fr einen Mann zu hren meine Lieder?
Die Stories, die ich so erzhl und diese geilen Bilder
Das tut ein Mann doch wirklich nicht, ein Mann ist doch kein Wilder.
Der sitzt bei seiner Ehefrau und seinen beiden Buben
Und geht zur Arbeit und nach Haus und lebt in seinen Stuben
Ich will jetzt keine Mnner mehr mit haarigen Gewissen
Dann stinkt die ganze Liebe mir, das Bumsen und das Kssen
Sag doch deinem Eheweib, ich kenn da eine Nette
Mit der mchte ich so ab und an ganz gerne gehn zu Bette
Und kann ich das mit gutem Sinn, da bin ich lieb und frhlich
Und ganz vielleicht ergibt fr dich ein Spiel sich manchmal hnlich
Denn jeder Mann und jede Frau, die haben ihren Klang
Und variabler und vertieft wird jeder neue Sang
Wer Ordnung liebt und Sicherheit und fertige Gesetze
Auch das ist gut, bringt nicht viel Leid
Und auch kein Gehetze.
Doch wer ein bichen Spielraum mag und manches fremde Leben
Mu wissen, da die Liebe bleibt ein Nehmen und ein Geben.
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Das war die Erfahrung von anderthalb Jahren. Ich habe das nur schaffen knnen, weil ich mich nicht gegen meine Familie wehren mute. Wenn ich noch Kraft htte aufwenden mssen, denen da zu Hause etwas erklren zu mssen, da wre ich ganz schnell resigniert. Aber ich hatte den Schutz des Hauses. Mein Mann hat sich vor mich gestellt, z.B. nach der Fernsehsendung, als ich mich ein halbes Jahr nicht auf die Strae getraut habe. Eine meiner Tchter hatte mit dem Schulorchester eine Auffhrung, und da habe ich meinen Mann gefragt, das war im Juni 1974, ob er mitkommt. Mein Mann ist freundlicherweise mitgekommen. Dann hat sich ein Musiklehrer der Schule neben mich gesetzt, mit dem ich zweimal gefickt habe. Nun, da haben die Lehrer, Eltern und Schler geglotzt... zum Schlu glotzte die Frau unseres Ortsamtsleiters so, da ich folgendes Gedicht schrieb:

BEIM SCHULKONZERT

Frau Nachbarin, was schauen
Sie Ich? sitze brav und stille
Und links ein Mann und rechts ein Mann
Das ist so frech mein Wille
Nun stieren Sie und kombinieren
Was mag die Frau so machen?
Und links ein Mann und rechts ein Mann
Sie tut mit beiden lachen.
Frau Nachbarin, was denken Sie
Ich tu mit beiden boxen
Ins Auge rein, die Fresse blau
genau so wie mit Ochsen
Das darf man doch, ich wei genau
Das Boxen ist genehm
Und linksgehaun und rechtsgehaun,
Findet dieses Land bequem
Das Auge Blut, die Lippe Blut
Und Blut aus beiden Ohren
Das wrmt so schn, sieht lustig aus
Wir sind oft ganz verfroren
Denn was Sie denken Nachbarin
Das drfen wir nicht tun
Mit links einem Mann und rechts einem Mann
In einem Bette ruhen?
Das tut auch keiner, keine Angst
Wir sind so brav gerichtet
Und Zrtlichkeit und Hautkontakt
Wird prgelnd nur berichtet
Ich liebe dich, so schreit ein Mann
Und schlgt auf seinen Sohn
Das sprst du doch, du faules Aas
Ich will dein Bestes schon
Ich liebe dich, schreit eine Frau
Und lt die Stcker sausen
Sie schreit das laut, brllt frchterlich
Und alle kriegen Grausen
Ich liebe so, ein Kindlein weint
Ich liebe liebe dolle
Da kommt wie Gott die Obrigkeit
Das ist die eigene Olle
Frau Nachbarin, Frau Nachbarin
Sie brauchen nicht zu glotzen
Ihr Blick erkltet mich ins Mark
und gleich beginnt das Kotzen.
ROSA: Kannst du mal die Fernsehsendung beschreiben? Wie war die aufgebaut? Was hat da so schockiert?

HELGA: Da wurden zwanzig Minuten aus einem vorher gedrehten Film, ein Interview mit meinem Mann, ein Interview mit zwei Tchtern und ein Interview mit mir gezeigt. Ich habe ungefhr die Geschichten erzhlt, die ich eben auch erzhlt habe, ber meine Hochzeitsnacht und Giovanni. Mein Mann sagte: "Sie hat das Recht auf ihr eigenes Leben, und wenn sie jetzt andere Wege geht, dann bin ich nicht berechtigt, sie festzuhalten." Die Tchter meinten so ein bichen verlegen: "Sie ist jetzt auch immer viel frhlicher." Was sollten die da viel sagen? Und diese Sendung wurde hundert Leuten vorgefhrt. Die sollten Fragen stellen. Das war sehr witzig. Da war Volker Pilgrim ich hatte in der Nacht mit ihm Liebe gemacht und sa also wie auf so einer Wolke, neben mir sa Frau Dr. Hedda Huser als Gesprchsleiterin, Frau Dr. Just-Dahlmann, Staatsanwltin aus Mannheim und dann Wulfing von Rohr, der dieses Ganze arrangiert hatte und Clemens Kording, ein junger Nervenarzt, der mit dem Wulfing zusammen diesen Film gedreht hatte.

ROSA: Hattest du in dem Film schon ber Ficken gesprochen? Hattest du das Wort schon genannt? Oder ging das mehr darber, da eine Frau in deinem Alter... Anzeigen, die noch...

HELGA: HAUSFRAU SUCHT KONTAKTE, so hie der Film. Sie haben zu dritt fnf Tage bei uns in der Wohnung gedreht, wie meine Tchter die Badewanne schrubben, was die in der Wirklichkeit noch nie getan haben, und Geige ben. Dann haben sie mich beim Einkaufen aufgenommen, so eine Art Kaffeeklatsch. Dann sind sie aber mit mir zu einem Transvestiten gegangen, der sich zur Feier des Tages besoffen hatte. Da merkte ich zuerst einmal, da der total geil auf diese jungen Kameramnner war, da der ja eigentlich schwul war, was mir bis dahin entgangen war. (lacht) Dann haben die Filmer ein groes Schild auf die Hauptstrae in Hamburg gestellt, und da stand: Hausfrau, 48 Jahre alt, 30 Jahre verheiratet, hat Kontakte sexueller Art auerhalb der Ehe. Was sagen Sie dazu? Dann haben sie eine halbe Stunde Volkes Stimme eingesammelt und hatten 40% negativ und 60% positiv, also von: "Knnen Sie mir die Adresse von der geben?" bis "Das Schwein mte verbrannt werden!" Im Januar 1972 habe ich das erste Mal mitgekriegt, wie ein Volk reagiert, wenn man so etwas ffentlich macht.

ROSA: Hast du auch erzhlt, wie diese Kontakte vor sich gingen? Wie du die Mnner getroffen hast?

HELGA: Ja. Ja. Dieses Wort "Ficken" z.B. Zu meinem Sprachgebrauch gehrte das auch nicht, nicht wahr? Da hatte ich 1970/71 eine Begegnung mit einem Mann, der war zwei Jahre lter als ich und Pfarrer gewesen. Er war verheiratet und hatte groe Kinder. Der hatte zweimal eine sexuelle Beziehung auerhalb seiner Ehe. Einmal mit einer Gemeindehelferin und einmal mit einer Sozialarbeiterin. Beim zweiten Mal hat seine Frau ihn beim Vorgesetzten angezeigt. Sie hat gesagt: "Hren Sie mal! Ein Pastor? Der ist nicht ganz dicht, schon das zweite Mal, Sie mssen ihn mal auf seinen Geisteszustand hin untersuchen." Zu mir hat der Pfarrer gesagt, da seine Vorgesetzten ihn begriffen htten, aber das Fuvolk htte ihn zu Fall gebracht. Ich sagte: "Du bist witzig, erst programmierst du dein Fuvolk, dann wunderst du dich, wenn die normal reagieren." Er hat also sein Amt mit fnfzig Jahren zur Verfgung gestellt, weil er gesagt hat: "Mein Jesus hat gesagt: Wer ohne Fehler ist, werfe den ersten Stein. Aber ich kann die Gesetze nicht mehr erfllen." Er arbeitete als kommissarischer Lehrer in einer Schule fr geistesgestrte Kinder und hat noch mit 52 Jahren sein Sportlehrerexamen gemacht. Er hatte mir auf meine Annonce in den St. Pauli Nachrichten geschrieben. Da antworteten brigens 25 sehr tolle Leute, alles Akademiker, weil das nachher hie, "Ja, wer schreibt denn auf so etwas?" Ich hatte eine Annonce: "Weibliches Wesen, geistig vielseitig interessiert, sucht Begegnung in Krper, Geist und Seele." Aber die kriegten natrlich Heidenngste, als die hrten, da ich verheiratet bin, einen richtigen Ehemann und sieben Kinder habe. Zwei Rechtsanwlte, mit dem einen habe ich jahrelang nachher noch telefoniert. Der sagte, er htte noch nie so ein intelligentes Gesprch gefhrt, aber was der fr Angst hatte, da ich heil aus der Wohnung wieder rauskam, damit er keine Schwierigkeiten kriegte.

ROSA: Du bist zu denen in die Wohnung gegangen?

HELGA: Verschieden, da kamen auch welche nachher zu uns. Unser Haus war so gro und so eingerichtet, da das ging, ohne Leute zu belstigen.

ROSA: Hast du mit allen gefickt, die du getroffen hast?

HELGA: Ja, ich denke immer, jeder mu eine Chance kriegen. Nicht, da man wie Knig Drosselbarts Tochter von vornherein sagt: Bei dem pat mir die Nase nicht, bei dem... also, bei mir hat eigentlich jeder die Chance gekriegt. Manchmal hatte ich ein zweites oder drittes Mal auch nicht so viel Lust und habe manche Sachen auch sehr lange hinziehen lassen, so wie mit dem Slowaken, wo das drei Jahre lang ging. Das war ja eigentlich eine sehr drftige Sexualitt. Die Leute sagen dann: "Da hast du doch nichts bei gehabt." "Doch!", sag ich, "ich habe immer sekundre Orgasmen gehabt," wenn man einen Schwanz anfat... Das ist ein elektrisches Feld, das geht auch durch meine Mse. Es ist irgendwie nicht richtig, aber es ist besser als nichts. Ich habe sehr viel von dem Mann gelernt und fr mich auch noch Genu gekriegt, das war nicht ganz ohne Genu.

ROSA: Hast du dich in der Zeit in verschiedene Mnner verliebt?

HELGA: Giovanni, das war das, was man Liebe sagen kann. Und dann bin ich eben immer weitergegangen, ich bin da nicht hngengeblieben. Ich wurde mal gefragt, wieviel Kontakt ich gehabt htte. Ich sagte, na, vielleicht zweihundert oder so, ich in meiner Doofheit. Dann haben die nachgerechnet: Die Frau Goetze hat in drei Jahren zweihundert gehabt. Das macht jede Woche einen neuen Liebhaber. Sie wechselt die Mnner wie Pullover oder so. Da habe ich gesagt: "Jede Woche einen neuen Pullover anziehen, ist ja an sich nicht schlecht. Jede Woche ein neuer Liebhaber, das wre Klasse! Montag fangen wir an. Montag, Donnerstag, Samstag, Sonntag! Und dann schon wieder ein neuer Liebhaber! Wo gibt es denn bei uns in der Gesellschaft Liebhaber? Ich habe kaum einen gefunden. Na ja, mit dem Pfarrer, da bin ich etwa zehnmal einmal in der Woche hingefahren. Und der hatte zu mir gesagt: "Heute machen wir aber einen schnen Fick." Gott, habe ich gedacht, was ist das fr ein Sauloch! Aber der war dabei so herzlich und so intensiv. Das war einer, der viel mehr Kenntnisse hatte als ich, und pltzlich hat sich dieses Wort eigentlich mit seiner herzlichen Art verbunden. Der hatte den Habitus eines Pastoren und wenn ich das die ganze Woche um mich htte den Habitus eines Pastoren mchtest du das die ganze Woche um dich haben? Aber einmal die Woche war das gar nicht schlecht! Verstehst du? Einmal die Woche, da haben wir auch gut miteinander gesprochen, und er hat mir immer Delikatessen aus den Lden besorgt. Und dann bin ich gerne hingefahren und bin auch gerne immer wieder weggefahren. Aber eine ganze Woche wre der mir auf den Wecker gefallen. Jetzt ist es so, da ich das Erste und Beste haben will, ich will nicht mehr das Zweitbeste haben. Da habe ich z.B. einen Studenten kennengelernt, mit dem habe ich nach anderthalb Jahren den ersten groen Vaginalorgasmus meines Lebens gehabt. Ich war derart aufgerissen, da ich anderthalb Tage ahh, aha, ahh... gedacht habe, das knnen die Leute ja nicht aushalten, Menschenskinder mit so einem kaputten Krper. Pltzlich lie die ganze Gespanntheit nach. Der hat zu mir gesagt: Du groe schne Frau, du! Da hatte ich das erste Mal das Gefhl, jetzt bin ich gemeint, nicht irgendwie eine Attrappe oder eine Idee, sondern das ist die Helga, die ist jetzt da und das ist die Frau. Ich wei, was ein Vaginalorgasmus ist, leider hat man ihn viel zu selten, weil wirklich, da darf nichts Verlogenes mehr dabei sein. Wer schafft das schon?

ROSA: Wie lief die Diskussion bei der Fernsehsendung nach dem Film ab?

HELGA: Da meinte z.B. Frau Dr. Just-Dahlmann: Na ja, sie kenne auch solche Personen wie mich, die nenne man HWG. Da sagte ich, ja, HWG heit hufig wechselnder Geschlechtsverkehr. Aber ich nehme kein Geld, und die Frauen, die Frau Dr. Just-Dahlmann kennt, die haben sich das finanzieren lassen. Ich brauche das nicht, weil mein Mann mich finanziert hat, sicher auch fehlerhaft aber... (lacht) Dann meldete sich z.B. eine junge Frau und sagte: "Es geht doch nicht, da man sich noch extra ein Stck Kuchen leistet oder so." Da sa ein Frsorger aus Hamburg im Publikum. Ich hatte das groe Glck, da Volker, Wulfing und Clemens fr mich waren. Im Publikum sa Jan Wahls, der auch fr mich war. Dann war da noch die Freundin von diesem Transvestiten, von dem ich erzhlt habe, die sagte auch etwas sehr Wichtiges. Als ich sagte: "Ich rede nur fr Randgruppen, ber die Glcklichen brauchen wir nicht zu reden," da meldete sie sich: "Jede Frau ber 40 ist in dieser Gesellschaft Randgruppe." Dann sagte ich: "Wenn einer ins Krankenhaus kommt, ist keiner gefeit, da er nicht auch Randgruppe wird. Das geht so schnell. Eigentlich spreche Ich fr alle. Wer sich noch nicht getroffen fhlt, hat selber schuld. Aber viele fhlten sich getroffen. Also, es war derart berwltigend, da die Beleuchter nach der Fernsehsendung auf mich zugekommen sind und mich umarmt haben. So etwas htten sie berhaupt noch nicht erlebt.

ROSA: Das war 1973?

HELGA: Danach gab es ja diesen groen Eklat. Werner Hfer forderte Lisa Krmers fristlose Entlassung. Es mute eine Dokumentation hergestellt werden, wie es dazu kommen konnte, diese Frau im Fernsehen auftreten zu lassen. Werner Hfer meinte, er wolle den Namen Helga Goetze nicht wieder hren: ihr Jargon verrate sie! Was heit das, bitte schn? "Schichtenspezifische Sprache!" Eine Dame kennt gewisse Wrter nicht, und wenn sie die kennt, sagt sie die nicht. Wenn sie die sagt, ist sie keine Dame mehr. Ich bin eine Dame plus Jargon, ich bin ja mehr geworden, ich bin ja nicht weniger geworden. Auch Prof. Dr. Robert Jungk sagte vor zwei Jahren: "Was die Frau Goetze sagt, ist ja teilweise richtig, aber wie sie es sagt..." Und meine komischen Freunde, die berall sitzen, beim Fernsehen und sonstwo, die sagen: "Helga, du bist ja sehr tchtig, aber deine Form, Helga, deine Form! Die Frauen der Sommeruniversitt 1980 haben am letzten Tag die Polizei holen lassen, um mich wegzuschaffen wegen Hausfriedensbruch. Und dann sagte eine: "Man will sich doch mit der nicht in einen Topf werfen lassen."

ROSA: Warst du bei deiner Fernsehsendung sehr nervs?

HELGA: Nee!

ROSA: Hast du gleich den Mut gehabt, in der ffentlichkeit alles auszusprechen?

HELGA: Ich war derart naiv, ihr knnt euch nicht vorstellen, wie naiv ich war. Du mut mal bedenken, ich habe das schon erzhlt, da ich in der Schule jeden Aufsatz eine Eins schrieb, ich habe mich immer getraut, dumme Dinge zu fragen und bin da immer gut durchgekommen. Ich habe mein ganzes Leben lang mit meiner nicht sehr qualifizierten Art Zuwendung gekriegt, und das hat mir eben bis jetzt geholfen.

Bei der Fernsehsendung war es so gewesen, da ich die Nacht vorher mit Volker Pilgrim zusammen war. Wulfing von Rohr teilte mir mit, da der WDR diesen Film aufgekauft htte, da da zwei Sendungen entstehen sollten und da ich vier Stunden Fragen beantworten mte. Da habe ich gedacht, die armen Leute, die wissen gar nicht, wer du bist. Das ist doch eine Schande. Du knntest denen noch zwei Gedichte schicken, ein harmloses und ein aggressives. Und ich in meiner Doofheit schickte Frau Dr. Just-Dahlmann und Frau Dr. Hedda Huser, Frau Dr. Lisa Krimer und Volker Pligrim, den ich damals noch nicht kannte, zwei Gedichte. Das eine, harmlose, heit: FICKEN IM MAI. Du siehst, ich habe das Wort schon damals benutzt. Pa auf, es ist ganz s.

GUTEN MORGEN LIEBES SCHWNZCHEN

Wickel wackel nackedei
Machen wir doch gleich ein Tnzchen
Hin und her und rauf und rein
Kleines Schwnzchen, bist du mde?
Komm, ich geb' dir einen Ku
Unser Tnzchen ist doch Freude
Ist kein leistungshartes Mu
Kleines Schwnzchen, sieh' mein Ktzchen
Schnurrt und ruft so sehr nach dir
Meine Hhle friert alleine
Gib ihn her, von dir zu mir
Kleines Schwnzchen, ist das mglich
Du bist ja ein groer Schwanz
Voller Freude, voller Feuer,
tanzt er seinen Liebestanz
Langsam, langsam wilder Groer
Meine Rose geht entzwei
Meine vollen Lippenbltter lieben zarte Tnzerei
Was! Du willst mich wie ein Cello geigen
Voller Kraft und Schwung
Ahh du Schwanz, mein Wundervoller
Ich bin wieder maienjung.
Das war das Harmlosere. (lacht) Pa auf, nun kommt das andere. Es heit:
SPERMA, PISS UND MENSCHENKOT
Ich schlage meine Mutter tot
Meine Mutter, diese Sau, ist das Innbild jeder Frau
Tot die Sau, die Schweinefrau
Schn gelackt und angetan
Rouge die Wange, blitz der Zahn
Bauch und Arsch und Busen wren gut zum Schmusen
Diese Sau, die Lausefrau
Sie ist Wrter, ich gefangen
Wie im Kfig voller Bangen
Tag und Nacht in ihrem Schrei
Ihr ist alles einerlei
Ohne Ohren, diese Sau
Nennt man sowas wirklich Frau?
Und das bin ich.

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Nun, ich habe diese Gedichte losgeschickt. Der Wulfing ruft mich an, schreit: "Helga, bist du nicht mehr zu retten? Die haben bei mir angerufen und gesagt: Das ist ja Pornographie! Das ist ja unerhrt! So eine Frau! Da sagte er: "Nichts Schriftliches mehr, Helga, die brauchen gar nicht zu wissen, da du Gedichte machst. Die sollen erst einmal so..." (lacht) Ich habe bei der Fernsehsendung ohne Zettel und Bleistift da gesessen und neben mir, die schrieben alle eifrig. Gott, dacht ich, wie wird das werden? Dann wurde es so schn. Wenn ich ins Schleudern kam, war entweder Volker da oder Wulfing, da hinten sa Jan. Also, ich sa wie auf einer Wolke, mir konnte berhaupt nichts schief gehen. Vier Stunden habe ich Fragen beantwortet und bin nicht einmal ins Schlittern gekommen.

ROSA: Das wurde aber alles nicht gesendet?

HELGA: Doch! Das waren zwei Sendungen. Eine bei der ARD, die allerdings nur eine Stunde dauerte. Das war eigentlich schade. Die zweite Sendung im Klner Raum lief zweieinhalb Stunden. Die Hamburger wollten auch diese zweite Sendung kriegen, das war irgendwie pltzlich ganz komisch. Da hat die Nordschau eine halbe Stunde gemacht. Sie haben Leute auf der Strae interviewt, was die zu der Sendung von Helga Goetze sagen, und sie haben Prof. Schorsch gefragt. Der hat sich sehr wissenschaftlich geuert: "An Frau Goetze wird die emotionale Ausgehungertheit von Hausfrauen gut demonstriert." Dann durfte nicht mehr gesendet werden. Ich habe unglaublich enthusiastische Sachen erlebt. Zum Beispiel in der Nacht, nach der Fernsehsendung, hat mich Jrgen Becker vom Suhrkamp Verlag angerufen: Sie htten den Dr. Unseld geweckt, und der htte ihm freie Verfgung gegeben, er drfte mit mir sofort einen Vertrag abschlieen und wre berwltigt von der Flle meiner Mglichkeiten. Er meinte auch, da das wissenschaftlich fundiert sei und emotionale Lebendigkeit htte. Kiepenheuer und Witsch Verlag hat mir geschrieben, sie wollten auch etwas mit mir machen. Nach 10-14 Tagen haben Wulfing von Rohr und Volker Pilgrim sich fr mich einsetzen wollen, doch da war alles dicht! Alles dicht! Alles dicht! Clemens de Boor hat ein Institut fr Konfliktforschung in Kln, der hat mir zwei berwltigende Briefe geschrieben. Er wollte mit mir sofort noch in diesem Jahr in Maria Laach zusammenarbeiten. Du, und eine Woche spter, da war alles dicht.

ROSA: Wie erklrst du dir das?

HELGA: Ich bin ans Tabu gekommen. Das hat mir im Mai 1974 der wissenschaftliche Sekretr der Freien Akademie, der Medizinaldirektor Dr. Lothar Stengel von Rotkowski geschrieben: "Du mut Geduld haben, du bist die primre Tabubrecherin. Ich habe das nicht verstanden. Ihr knnt euch nicht vorstellen, wie naiv ich war. Ich hatte von nichts eine Ahnung. Homosexualitt z.B. mit meinem Freund Wolfgang habe ich ein halbes Jahr zusammengelebt, der ist schwul. Durch mich werden viele Mnner bi. Jetzt spiele ich mich auf, aber sie trauen sich wirklich dann auch mal, mit einer Frau zu ficken, weil die wenigstens vernnftig redet. Wenn ich sage, da durch mich Mnner bi geworden sind, hrt sich das ein bichen billig an, aber ich will nicht, da das billig ist. Der Wolfgang hat zu mir gesagt: "Du hast doch gewut, da ich schwul bin?" "Nee," sag ich, "ich habe gewut, da du drei Jahre mit Helmut zusammengelebt hast, aber ich mchte auch gern mal mit Helmut zusammenleben. Helmut mag ich, das hat fr mich nichts mit Schwulsein zu tun, sondern das ist eine Beziehung von Mensch zu Mensch, ob das ein mnnlicher Mensch ist oder ein weiblicher Mensch. Ich habe keine Lust, mich in so einen Kasten reinzusortieren"

ROSA: Was machst du fr einen Unterschied zwischen Liebe und Sexualitt?

HELGA: Fr mich ist es ja keiner. Die Leute wollen mich angreifen und sagen: Du willst blo krperlich. Aber, was heit blo krperlich? Ich bin mein Krper. Wenn ich sage, ich brauche einen Mann blo zum Ficken, dann gucken die Mnner mich an, als ob ich wahnsinnig sei. Ich habe gelernt. Ich bin eine emanzipierte Frau. Ich besorge meine Kohlen allein, ich bezahle meine Miete, ich bezahle meine Krankenkasse. Fr solche Sachen hatte ich frher immer meinen Sklaven, und den brauche ich nicht mehr, verstehst du? Ich wrde unglaublich gern einen Gefhrten haben, der meine Arbeits- und Lernprozesse mitverfolgt leider kann ich mir nicht mehr vorstellen, da das einer mchte aber ficken kann ich wirklich nicht allein.

ROSA: Versuch das mal zu erklren, mit Liebe und Sexualitt und so, du hast dich praktisch in der ganzen Zeit nie verliebt...

HELGA: Weit du, es ist so: Ich bin ein Fisch, ich wei nicht, ob du etwas von Fischen verstehst. Fische hngen mit ihren Gefhlen immer drin, bei mir ist keine Beziehung zu Ende. Z.B. habe ich mit diesem Wolfgang 1974 ein halbes Jahr zusammengelebt. Der war schwul. Das erste Vierteljahr haben wir immer vor dem Einschlafen fnf Minuten unglaublich intensiv gefickt, aber dann hat er sich umgedreht und ist sofort eingeschlafen. Das war der erste Mann, mit dem ich zusammen schlafen konnte, ahh! Mit Wollgang abends ins Bett zu gehen, das war der Himmel! Wirklich, an seinem Rcken einschlafen... Dann fing er an, jede Nacht wegzulaufen, jede Nacht um halb elf, das war wie im Mrchen! Wenn das Glcklein halb elf klang, dann klappte schon die Tr. Gegen Morgen kam er total abgejackelt nach Hause, legte sich ein bis zwei Stunden schlafen, stand pnktlich auf, ging zur Arbeit, kam um 17 Uhr nach Hause, legte sich hin, und dann, um halb elf, bam, bam, bam, rannte er wieder los.

ROSA: Wie alt war der?

HELGA: Der war so Anfang dreiig. Er hat mich angeschrien: "Du verstehst mich gar nicht richtig. Ich will das ja gar nicht, jede Nacht einen anderen aufreien." Wolfgang, das war nmlich das Schne, das war kein Intellektueller. Da habe ich das, was Schwulitt ist, ehrlich mitgekriegt. Was die Intellektuellen da fr wissenschaftlichen Quatsch drum herum erzhlen! Aber bei Wolfgang, da habe ich das mitgekriegt, da so ein Vater gesagt hat, als er seine beiden Shne beim Wichsen erwischte: "Solche schwulen Sue, die wren bei Hitler vergast worden." Mit siebzehn haben sie ihn von zu Hause rausgeschmissen. Dann ist er mit einem Freund in einem Hotel gewesen, und der Freund hat sich das Leben genommen. Da haben sie zu ihm gesagt: Er htte sehen mssen, da sich dieser ltere Mann, der mit einem Auto sich so einen jungen Mann mitnimmt, das Leben nehmen wollte. Das wre unterlassene Hilfeleistung gewesen. Da hat er zehn Monate Knast gekriegt, ein 18jhriger, und, weil er schwul war, Einzelhaft. Als er entlassen wurde, wollten die Eltern nichts mehr von ihm wissen. Dann habe ich mitgekriegt, wie kameradschaftlich Mnner sind. Wolfgang mute von Dortmund nach Hamburg ziehen und bekam unglaublich viel Hilfe von Mnnern. Die waren untereinander sehr kameradschaftlich. Ich habe mich wirklich bei diesen Schwulen unglaublich wohl gefhlt, ganz viel Wrme, Nhe und Freundlichkeit erfahren Frauen sind viel isolierter.

ROSA: Noch mal zurck zu Liebe und Sexualitt. Du machst keine Unterschiede?

HELGA: Gefhle mssen wachsen, das ist so, wie ein Garten. Ich habe mich oft verliebt, einmal z.B. in Michael. Das war ein 22jhriger, der nannte sich Wiener Student. Er ist mit 12 Jahren ins Kinderheim gekommen, weil sein Vater Sufer war, und wenn ein Kind in ein Kinderheim kommt, weil der Vater Sufer ist, dann mssen entsetzliche Sachen vorgegangen sein. Der hat mir erzhlt: Weihnachten wurde altes Zeug ber den Zaun geschmissen, das war Weihnachten bei Sufern. Einmal ist er zu seiner Mutter ins Bett gekrochen, als der Vater in der Kneipe sa, und da hat die Mutter ihn aus dem Bett geschubst. Das war sein Schlsselerlebnis. Er wollte seine Mutter trsten, wollte ihr helfen, aber sie hat das gar nicht begriffen und ihn aus dem Bett geschmissen. Mit dem habe ich also, als er zu uns in die Wohnung kam, dreimal gefickt und das war unheimlich intensiv. Am vierten Tag sagte er: "Was willst du hier? Geh nach unten!" Der war ein halbes Jahr bei uns. Er machte alle Frauen an, und alle Frauen waren geil auf ihn. Nach drei Tagen sagten die zu mir: "Ich wei gar nicht, der Michael ist immer so gemein zu mir." Eines Tages kam Michael mal zu mir und sagte: "Helga, du bist immer so weit weg! Ich habe gar keine Nhe mehr zu dir." Ich sagte: "Pa mal auf. Das ist wie ein Garten. Da gibt es vier Beete. Ich will das mit dem Garten erklren, weil das schn anschaulich ist. Wenn ein Beet nicht gepflegt wird, wenn man also nur drei Beete bearbeitet und sich ums Vierte nicht kmmert, weil man keine Zeit und keine Kraft mehr hat, dann wachsen da die Brombeeren, das Unkraut und die Brennesseln. Nach einem halben Jahr mchtest du wieder in den Garten gehen und wunderst dich, da du keinen Zugang mehr hast zu diesem Stck Garten. So ist das mit der Liebe auch. Das mu gepflegt werden.

ROSA: Versuch doch mal, Unterschiede zu beschreiben. Es gibt doch Unterschiede im Sexuellen. Ein Krper ist unterschiedlich, ein Gesicht ist unterschiedlich... Wie bewertest du...?

HELGA: Das Bewerten habe ich mir abgewhnt. In der Gruppe mit freier Sexualitt, in Hamburg, wo ich gelebt habe, da war Christoph. Er war klein, zierlich und leicht verpickelt. Das war ein Mann, der mit dreiundzwanzig fr sich entschieden hatte, da ihn in dieser Gesellschaft kein Mdchen ansieht. So ist er vier Jahre lang in den Puff gegangen. Das war einer der wenigen sexuellen Partner, der real mit mir umgehen konnte. Wir haben morgens aus dem Schlaf heraus gefickt. Er kam abends immer sehr angespannt nach Hause, und wir haben eine Stunde zusammen gelegen und meistens zum Abschlu noch mal gefickt. Dann hatten wir bis Mitternacht in der Gruppe sehr viele Aktivitten und sind dann noch um den Block gegangen. Zum Einschlafen haben wir noch mal gefickt. Sonnabend/Sonntag machten wir Rollenspiele. Mit dem hatte ich die Sexualitt, die ich mir wnsche. Obgleich Christoph berhaupt nicht der Mann ist, wo man verliebt drauf sein kann. Wenn die Tr ging, hatte ich kein groes Gefhl fr ihn. Wenn er im Zimmer war, hatte ich kein groes Gefhl fr ihn. Aber wenn wir die Hnde aufeinander legten, da passierte einfach etwas. Der hatte eine unglaublich schne schwingende Art und konzentrierte sich immer auf das Gefhl in seinem Schwanz. Ich konnte merken, da er total bei sich war, der hat keine Wichsbilder dazwischengelassen. Mit dem hatte ich einfach eine gute Sexualitt. Nach zehn Monaten ist Verena dazwischengekommen, eine 17jhrige. Da packte Christoph die groe Liebe. Er fuhr total auf Verena ab. Verena war in einer geschiedenen Ehe gro geworden, die hate ihren Vater, hate ihre Mutter, ihre Gromutter und ihren kleinen Bruder. Wenn du 17 bist, versteckst du deinen Ha noch nicht. Christoph, der wute in der Beziehung immer nicht, ist sie jetzt gerade ihre Gromutter, ist sie jetzt ihr Vater, ist sie ihre Mutter oder der kleine Bruder. Christoph, das Arschloch, spielte dann immer noch Pappi, und da war Verena natrlich total sauer. Wie kommt sie dazu, mit so einem Scheipappi, der ihr immer gute Ratschlge gibt und so, etwas zu machen. Die hatten anderthalb Jahre eine Beziehung auf Leben und Tod. Christoph sagte: "Das war furchtbar! Die war geil, und ich konnte sie nicht ficken. Die hat mich nicht an sich rangelassen."

Dann ist Verena weggegangen. Christoph war im vorigen Jahr vier Tage bei mir und auch in diesem Jahr Ostern. Im vorigen Jahr war das sehr drftig. Da war er sehr verletzt und Mamas lieber Junge, der es mir recht machen wollte, aber das war kein tolles Gefhl freinander. In dem Jahr, in dem wir uns nicht sahen, hat er Gesangstunden genommen und ein 2jhriges Kind betreut. Er hat Musik gemacht, an einem Theaterworkshop teilgenommen und war diesmal unglaublich vertieft bei mir. Wir hatten vier unglaublich schne Tage. Vor zwei Tagen rief er mich an und sagte: "Helga, ich hatte gar nicht mitgekriegt, da du mir damals Liebesbriefe geschrieben hast. Die lese ich jetzt." Stell dir das vor! Nach drei Jahren sind ihm meine Liebesbriefe als Liebesbriefe aufgegangen. So lange dauerte das, versteh mal! Christoph will jetzt zu Janov nach Amerika fahren. Er hat sich 20.000 Mark zusammengespart und mchte eine groe Therapie machen. Ich persnlich mchte gerne Gruppen einrichten mit Leuten, die an der Sexualitt arbeiten wollen. Da soll Christoph auch dabei sein. Neuerdings hat auch Verena wieder an Christoph geschrieben. Sie ist schon in Amerika und macht eine groe Urschreitherapie mit. Das ist mein System. Ich habe ein gewhrendes System, das Gefhl hat fr Wachsen. Jeder mu das Recht haben, seine eigenen Wege zu gehen, seine eigenen Erfahrungen zu machen. Ich will mit Leuten, die wissen, da eine Zweierbeziehung nicht mehr geht, etwas zusammen machen. Ein Neurotiker will immer den anderen in sein System reinbringen. Das ist furchtbar, es geht um Leben und Tod, weil ein Baby das andere Baby zur Mama oder zum Papa machen will, und das sind total verlogenen Beziehungen.

ROSA: Knnen wir kurz noch mal weitergehen. Also 1973 war die Fernsehsendung. Was passierte danach? Dein Mann hatte dann Schwierigkeiten?

HELGA: Ja. Wobei das so war, da mein Mann sich eigentlich verbesserte. Er hatte einen Privatvertrag mit der Bank und konnte durchaus seine Kenntnisse besser anbringen. Er hatte dreimal die Woche eine Beraterttigkeit bei einem reichen Mann und war dadurch pltzlich nur noch drei Tage ttig. Er hatte nicht mehr den Personalrger, den man als Prokurist bei der Deutschen Bank hat, und der war fr ihn immer eine groe Belastung. Es hat sich dann eigentlich fr meinen Mann positiv geordnet. Ich bin 1974 von zu Hause fortgegangen, und in der Zeit war Volker Pilgrim fr mich sehr wichtig. Der hat immer gesagt: "Die Emanzipation beginnt ber die eigene konomie, und wenn du wischen gehst." Nun schien es ja zuerst so, da ich mit meinen Gedichten etwas machen knnte. Bei meinen Gedichten wei ich, da ich ein Genie bin, weil ich schwierige Tatbestnde einfach sagen kann. Das ist eine groe Kunst. Aber ich habe dann schon mitgekriegt, da sie keiner wollte.

ROSA: Du hattest ein Buch gemacht, und das erste Buch hatte der Filmregisseur im eigenen Verlag rausgegeben.

HELGA: Ja, die haben mir alle Gedichte aus der Hand gerissen. Die Fernsehsendung war im August 1973, und sie wollten im Oktober zur Buchmesse in Frankfurt ein Buch vorlegen, weil sie wahrscheinlich mit Recht annahmen, da das alles werbemig sehr gnstig sei. Aber es passierte dann genau dasselbe, was ich berall erlebte: Kein Buchhndler hat sich das Buch auf Lager genommen. Das Buch heit: HAUSFRAU DER NATION ODER DEUTSCHLANDS SUPERSAU? Manche sagen z.B., wenn der Titel "Zeugnisse eines Aufbruchs" wre das steht auf der Innenseite: "Helga Goetze, Zeugnisse eines Aufbruchs" dann htten die Leute sich damit identifizieren knnen, das wre besser gewesen. Ich habe das Buch erst fertig in die Hand gekriegt, ich hatte keinen Einflu darauf. Volker und Wulfing sagten: "Das ist ein Gag! Werbemig wissen wir Bescheid, und das Buch wird ein groer Erfolg." Volker hat sich zwei Jahre total gewundert, der ist nmlich von 1973 bis 1975 ganz viel in Frauengruppen gewesen und hat immer gesagt: "Holt doch die Helga Goetze! Wieso mu ich immer mit euch reden? Da gibt es doch eine tolle Frau!" Vor mir halten die Frauen totale ngste. Da hat Volker obendrein in Mnchen erzhlt, da er mit mir gefickt htte und die Frauen waren entsetzt, weil jede Frau wei, in welcher Preislage man zu ficken hat: Jedenfalls nicht mit einer solchen alten Tante, die da peinlich redet.

ROSA: Was bedeutet fr dich Alter?

HELGA: Ganz mit mir in Einklang gekommen bin ich 1977. Ich habe im Holocaust-Film als Statist mitgespielt. Ich war zu der Zeit in Osterreich, in dieser Kommune von Otto Muehl, da war ich schon seit 1975 fter gewesen. 1977 war ich viereinhalb Wochen da. Da hie es, die Amerikaner drehen in Wien einen Film, sie brauchen zwanzig junge Frauen als Statisten, ob ich mitkme? Da waren noch zehn Frauen aus dem Obdachlosenasyl, und als wir uns nackt ausziehen muten da genierten sich diese Frauen. Ich sagte: "Hier ist keine Mama, und ihr kriegt doch Geld fr das Ausziehen. Da habe ich an mir selber gemerkt, da ich pltzlich diese schiefen und krummen Frauen angucken mute. Eine hatte den Arsch so hngen, die andere hatte den Busen so hngen, und pltzlich war mein Auge interessiert. Das war alles gelebtes Leben. Das war keineswegs vor Alter hlich. Da habe ich mir das so klar gemacht. Wenn du eine Reihe junger Birken siehst, dann achtest du auch nicht auf den einen Stamm, denn der hat ja noch keine Gestalt. Aber wenn du einen einzelnen Baum siehst, einen alten einzelnen Baum hier ist ein Ast abgebrochen und der ist knorrig und windschief oder so dann wirst du aufmerksam und findest den schn. So habe ich mich mit mir vershnt. Das ist meine Gestalt. Ich habe z.B. einen Nabelbruch. Dazu hat Volker gesagt: "Das ist dein Knubbel. Das kann man auch im Dunklen erkennen."

Ich zeige auch meine Brste auf der Strae. Einmal sagte eine Frau: "Das Nhren verdirbt die Figur!" "Na", sage ich, "ich wei nicht. Ich habe sieben Kinder immer ein Jahr genhrt. Meine Brste sind ein bichen weich, wie Pudding, aber manche mgen Pudding. Die Geschmcker sind Gott sei Dank verschieden. Ich nehme ja auch kein Lngenma mit und messe die Schwnze ab, sondern die Gefhle, die ich dadurch kriege, das ist das, was ich will

ROSA: Du kriegst nach deinem Auszug immer noch Geld von deinem Mann?

HELGA: Ich wollte meine eigene konomie machen. Ich bewarb mich beim Arbeitsamt. Da war eine sehr nette Bearbeiterin, und die sagte: "Fr sie haben wir etwas Passendes. Bei der Caritas, bei den knastentlassenen Mnnern, da wird eine Wirtschafterin gesucht. Da stellen Sie sich mal vor!" Ich bin hingegangen, eine 52jhrige serise Frau, mit meinem Zertifikat, das habe ich von meinem 44. bis 46. Lebensjahr gemacht. Ich bin staatlich geprfte Hauswirtschafterin. Ich war eben immer in Aktion. Und dann habe ich bei der Caritas als Wirtschafterin angefangen. Am 9. Tag kam Herr Adler, das war sein Name. Herr Adler kam an und dann so eine kleine Mama Papagei im Hintergrund als Zeugin: "Frau Goetze, kommen Sie bitte in die Kche!" Die Tr ging zu: "Sie sind fristlos entlassen." Ich: "Wieso denn das?" "Sie wissen doch, wer Sie sind." Ich sagte: "Habe ich nicht gut gearbeitet?" "Doch! Wir haben Sie eine Woche lang beobachtet und da ist gar nichts vorgefallen." Ich sage: "Was soll denn da vorfallen? Ist das pervers, wenn nichts vorfllt? Denkt ihr, ich spring die alle einzeln an?" Da hatte mir einer gesagt: Seine Olle ist fremdgegangen, als er im Knast war. Ich sagte: "Was heit fremdgegangen? Die hat einen getrstet. Du freust dich auch, wenn dich eine trstet." Das konnten die verstehen, aber die sollten ja nichts mehr verstehen! Jedenfalls war ich total fertig. Heute wrde ich damit besser umgehen knnen, aber 1974, gerade flgge von zu Hause, weit du, ich war so stolz, da ichs bis dahin geschafft hatte und nun sagen die also: "Raus!" Ich lief zum Arbeitsamt. Eine Mitarbeiterin dort sagte: "Wir wissen jetzt mehr ber Sie, wir knnen auch nichts mehr fr Sie tun." Ich kriegte Panik und lief zur Gewerkschaft. "Sind sie Mitglied?" "Nein." Da bin ich nach Hause gegangen und lag drei Tage im Bett. Ich habe in meinem Leben ganz wenig Depressionen gehabt, aber damals habe ich gedacht: Jetzt ist es aus! Das schaffst du einfach nicht, das schafft man nicht. Da hat mich einer angerufen und sagte: "Hr mal, wegen so etwas darf man nicht fristlos entlassen werden. Es gibt eine ffentliche Rechtsauskunft, die kostet sechs Mark, und da gehst du hin." Ich habe mich wieder aufgerafft. Da war eine nette Juristin. Dann habe ich einen Arbeitsgerichtsproze gefhrt, in dem ging es nur um mein Geld. Im Stern und Spiegel stand auch etwas darber und da hie es nachher: Haben wir damals gelacht! Ich verstand berhaupt nichts mehr. Um meine Person habe ich nicht mehr gekmpft, weil ich gegen Praline zwei Prozesse verloren hatte. Praline hatte gesagt: Ich wre geisteskrank, psychisch gestrt, exhibitionistisch, nymphomanisch und an Promiskuitt erkrankt. Promiskuitt ist HWG, hufig wechselnder Geschlechtsverkehr. Ich mu das immer erklren: Das ist bei den Mnnern eine hohe Ehre, und bei den Frauen ist das einfach eine Schweinerei, ein krankhafter Zustand! Ich habe den ersten Proze verloren, und meine Freunde sagten: "So geht das ja nicht." Sie haben Henry Miller und die ganze Weltgeschichte der Literatur rangeholt. Da haben die Richter blo gelacht und gesagt: "Eine Hausfrau mit sieben Kindern! Die soll sich nach Haus scheren, wo sie hingehrt von wegen Dichterin mit diesen paar Knttelversen..."

ROSA: Wie war der Proze, gegen was hast du protestiert?

HELGA: Praline hatte einen Bericht ber die Fernsehsendung gemacht und hatte einen Psychologen als Berater, der immer so seine Bemerkungen machte: Diese Frau ist psychisch krank...

ROSA: Du wolltest das verndern, was hat dich daran gestrt?

HELGA: Ich will ja an mir aufzeigen, wie kaputt alles ist. Sexualitt mu gelernt werden! Jetzt bin ich so radikal, ich sage: "Ficken ist kologie. Alle Schulen mssen geschlossen werden. Alle Kinder mssen ein Jahr lang schmusen und ficken und an den Aggressionen arbeiten, die sind derart aggressiv, das kann man sich berhaupt nicht vorstellen, wenn man mit denen keinen Kontakt hat!" Mir haben elfjhrige Mdchen erzhlt, sie htten sich schon eingeteilt in gute Jungs, schlechte Jungs, gute Mdchen, schlechte Mdchen. Was bedeutet das? Alle Mdchen sind geil auf die guten Jungs! Ich sage: "Was machen die schlechten Jungs?" Das interessiert keinen, der Mensch ist zur Ware gemacht worden. Du mut ein Buch lesen: Norbert Elias. ber den Proze der Zivilisation. Da steht drin, die Verbote knnen aufgehoben werden, wenn sowieso nichts mehr passiert. Ich behaupte, da Sexualitt nicht mehr passiert. Dann sagen die Leute: "Wir kennen aber die Statistiken, Frau Goetze! Die jungen Mdchen fangen heute alle viel frher an." Aber bestimmt wird es bald neue Statistiken geben: Die hren heute auch alle viel frher auf. Wenn sie zwei-, dreimal die Sexualitt mies erlebt haben, wollen sie nicht mehr. Eine Mutter sagte zu ihrer Tochter: "Ich besorge dir die Antibabypille, aber bitte nicht in meiner Wohnung!" Wo soll die hingehen? Es ist November. Ich habe eine rztin gefragt, ob sie nicht auch fnde, da man Rume einrichten mte, wo Heranwachsende hingehen knnen? Da sagte sie: "Das htte gerade noch gefehlt! Die Kinder sind zum Lernen Ea zum Anziehen und Futtern und das leider Gottes 20 Jahre das kann ganz schn verbittern und nun meinen Sie, auch noch sexuell htten Kinder etwas zu wissen. Na hren Sie mal! Die kacken doch von alleine und gehen pissen..." Das geht noch weiter, aber ich kann es nicht auswendig, ich mte nachgucken. Zum Schlu heit es: Dann flssen die ganzen Gewinne weg und wrden Profite wegsplen. Das htte grad noch gefehlt. Die Leute sollen arbeiten und konsumieren. Gefhle sollen sie nicht haben. Ich will eine neue Gesellschaft. Ich kann in dieser Gesellschaft meine Bedrfnisse nicht praktizieren.

ROSA: Wie kam es, da du das zur Botschaft gemacht hast?

HELGA: Bis 1972 habe ich gedacht, das ist mein privates Leiden. Da habe ich auf dummerhaftige Weise Annoncen aufgegeben und Leute getroffen. Das war irgendwie schn, aber meine private Sache. Wenn man anfngt, sexuell offener zu sein, da kriegt man einen Blick fr soziale Mistnde. Da las ich in der Zeitung, da Drogenschtige von rzten, Pastoren, Sozialarbeitern usw. betreut werden. Da habe ich gedacht, da dieser "Release-Verein" sicher auch mal ein Gesprch mit einer Frau brauchen knnte. Da habe ich harmlos nachgefragt. Ihr knnt euch gar nicht vorstellen, wie naiv ich an alles rangegangen bin, was meine Strke ist. Hinterher wollte ich alles wissen und habe mir Bcher geholt. Aber erst einmal bin ich so ganz harmlos rangegangen. Ich telefonierte mit einem jungen Mann und fragte, ob die Drogenschtigen nicht Probleme mit ihrer Sexualitt htten? Da ist am nchsten Tag ein junger Mann zu mir gekommen, der seit dem siebten Lebensjahr im katholischen Kinderheim gewesen ist, weil seine Eltern tot waren.

Die Kinder muten sich jeden Abend im Kreis aufstellen und mit geschlossenen Augen ber lliche und unerlliche Snden meditieren. Wenn sie wichsten und es zum Samenergu kommen lieen, war das eine Todsnde, die sie vor Gott verantworten muten. Wenn es nicht zum Samenergu kam, dann war das eine lliche Snde. Das fiel mir alles auf die Seele. Malte sagte: "Helga, das Kinderheim war immer wie ein Gefngnis. Da war ja niemand, keine Mutter mehr, kein Vater. Wir waren denen total ausgeliefert. Da dachte ich, das kann doch nicht angehen. So hilflos darf man Kinder doch nicht diesen furchtbaren Leuten berlassen. Dann bin ich immer mehr dahinter gekommen. Mein Mann meinte: "Du hast sowieso blo lauter Schmarotzer im Haus." Da habe ich noch gedacht: Seine Kinder sind keine Schmarotzer, aber die Fremden, um die sich keiner kmmert, das sind Schmarotzer. Dabei habe ich durch die viel Zuwendung gekriegt. Die haben oft ein gutes Feeling, die in Kinderheimen mit fremden Leuten sehen muten, wie sie zurechtkamen. Seit 1972 habe ich gemerkt, da mein privates Leiden gesellschaftlich produziert ist. 1972 habe ich mir ber Gewerbeschein ein Institut fr Sexualinformation gekauft. Man konnte das in Hamburg fr 12 Mark 50. Da wute ich erst gar nicht, was ich damit machen sollte. Ich bin ins Jugendzentrum in der Fabrik gegangen und habe ein Jahr lang mit den jungen Leuten gesprochen, das heit, die haben mir ihre Geschichten erzhlt. Ich konnte gar nicht viele Informationen geben, die haben mir ihre Sachen erzhlt. Dann bin ich ins Fernsehen gekommen, von zu Hause weggegangen, bei der Caritas rausgeflogen da ich noch lebe, ist das grte Wunder. Wolfgang hatte dafr gesorgt, da ich mir eine Putzstelle suchte. Er sagte: "Dann gehst du eben putzen." Ich bin ein Jahr lang bei reichen Leuten in Blankenese als Putzfrau gewesen. Um die Zeit fingen meine Auftritte in Kabaretts an, in Hamburg in der "Wendeltreppe". Das war ein sehr renommiertes Kabarett. Da fing das so an: "Helga, wenn du noch einmal etwas gegen die Kirche sagst, und wenn du das Wort Ficken gebrauchst, fliegst du raus." Ich sagte: "Das ist wegen des Reims ntig: Ficken ist auf beglcken, Rammeln ist auf begammeln. Wenn ich Rammeln habe, dann mu ich begammeln. Der Dichter hat nicht so viele Mglichkeiten." Da begannen die Einschrnkungen. Jeder wollte mich einschrnken. Einer sagte: "Helga, du bist mir zu ehrlich mit dir kann man kein Geld machen." Der andere: "Ich habe immer gedacht, du bist unmoralisch, aber du bist ja moralischer als wir alle zusammen." Dann hatte ich das Glck oder Pech gehabt, da ich 1975 mit einer Zweierbeziehung zu Otto Muehl nach sterreich gekommen bin. Dort war eine Gruppe mit freier Sexualitt und Gemeinschaftseigentum, die vor allem Mttern und Suglingen Schutz gab, so da eine Frau nicht angewiesen ist auf einen neurotischen Eheman und dem nicht gewachsen ist, sondern die ganze Gruppe sich fr die Kinder verantwortlich fhlt. Das hat mich derart fasziniert, da ich meine Arbeitsstelle kndigte. Seit Juni 1975 bin ich geschieden, weil mein Mann anfing, mir Vorschriften zu machen. Er meinte, ich wrde das Niveau herabziehen. Ich sagte. "Hr mal! Wo ich bin, ist mein Niveau. Wenn die Leute das nicht kapieren... ich kann nichts fr die Ideen von den Leuten. Ich bin immer mein Niveau. Aber vielleicht ist es besser, du bist nicht mehr dafr verantwortlich, wir lassen uns lieber scheiden." Dann richtete ich in Hamburg eine Gruppe mit freier Sexualitt und Gemeinschaftseigentum ein. Mit der Gruppe habe ich schwierige Sachen miterlebt, aber auch sehr schne. Michael war 18, der hat zuerst gekotzt beim Ficken und beim Kssen war ihm bel. Da hatte ich gerade in dieser Gruppe in sterreich mitgekriegt, wer kotzen kann, hat die Gefhle noch locker, der ist noch nicht so abgepanzert. Wer nicht mehr kotzen kann, ist derart abgepanzert, da er seine Gefhle gar nicht mehr sprt. Deshalb habe ich jedesmal einen Kotzeimer fr den Michael geholt, und nach dem Ficken hat er zwei Finger in den Hals gesteckt und gekotzt. Nach drei Monaten machte ihm das Ficken Freude. Ein Mann sagte: "Na, wenn ich mit so einer Ollen ficken mte, wrde mir auch schlecht werden." Michael hat dann angefangen, mit Franziska zu ficken, einem schnen jungen Mdchen und hat am Anfang auch kotzen mssen. Eine Frau erzhlte (ich erzhle solche Sachen gerne als Beispiel): "Ich dachte immer, blo Frauen wirds schlecht beim Ficken." Eine 40jhrige Frau sagte, wenn ein Mann in ihrer Gegenwart kotzen wrde, dem wrde sie aber glatt einen Tritt in den Arsch geben. So habe ich immer mehr hautnah mitgekriegt, da wir keine Sexualitt haben. Monika war 28 Jahre alt, sie war Hebamme. Sie hat erzhlt, was sie fr eine schne Sexualitt htte. Dann kam raus, sie hat alle Mnner angemacht und sich dann nicht ficken lassen, wegen ihrer Mama... da saen die Verbote. Da hat Michael ihre Hand genommen und gesagt: "Komm Monika! Jetzt fat du mal deine Mse an." "Nein!" Der sagte: "Helga, die hat ihre Mse bisher nur aus hygienischen Grnden angefat, sie hat noch nie ihre eigene Mse angefat." Er hat dann vorsichtig ihre Hand genommen, und sie haben Doktorspiele gemacht. Monika hat langsam angefangen, Gefhle fr sich zu kriegen. Sie hat vier Monate hier in der Wohnung nicht mit mir gesprochen, weil ich ihren Geburtstag nicht beachtet hatte. Ich wute nicht, wann sie Geburtstag hatte. Da sagte ich: "Hr mal, Monika! Wenn dir der Tag so wichtig ist, mache ihn uns doch schn." Krzlich fragte ich sie: "Monika, was htte ich damals machen mssen?" Sie sagte: "Helga, du konntest nichts machen. Ich mute das Problem mit meiner Mutter an dir abarbeiten." Weihnachten hat mir Monika geschrieben: "Helga, ich lebe erst, seitdem ich dich kenne. Vorher habe ich immer nur auf das reagiert, was ich dachte, da die Leute von mir erwarteten. Heute kann ich meine eigenen Gefhle und Bedrfnisse anmelden, und ich kann auch respektieren, da andere Leute Bedrfnisse haben." Ich wei nicht, was Liebe ist? Ich glaube, da hat alles sehr viel mit Liebe zu tun. Aber Verliebtsein, das ist Schwulitt und das ist... wenn ich an der Reklamesule diese schnen Zigarettenreklamen sehe, hr mal, da bin ich total geil auf die, das ist doch klar, die nehmen doch Figuren, auf die ich geil bin, oder? Sonst wrde ich ja nichts kaufen.

ROSA: Hast du einen Typ? Volker sagte mir, da du an sich ganz gern junge Leute magst, junge Mnner magst und auch ein bichen Bisexuelle?

HELGA: Nein. Ich hatte zwei Mnner, die an der Sexualitt gearbeitet haben, und die in meinem Alter waren. Der eine war Giovanni und das war total das Tollste, und der andere, das war der Pfarrer. Das waren eigentlich meine besten Partner. Aber sage mir einen Mann in meinem Alter, der an der Sexualitt arbeitet. Ich kenne keinen. Der Pfarrer ist aus dem magischen Kreis ausgestiegen, er hat sein Pfarramt verlassen, wer lt es denn schon darauf ankommen, nicht? Ich habe keinen Typ. Wer sich verndern will und was entsteht.

Ich wollte immer wissen warum ich leide. Ich habe mir viel Material besorgt und erst, wenn ich irgendwie fr mich Klarheit habe, wenn ich das ausdrcken kann, dann kann ich das anderen Leuten erklren. Wir haben 6000 Jahre Patriarchat. Da hat irgendwer gesagt: Macht euch die Erde untertan! Wir mssen uns mal vorstellen, die Menschen sind wie Ameisen, winzig klein, und die Erde ist gro, ein Achtel ist Landmasse und sieben Achtel sind Wasser. Dann sind die Leute losgegangen. Ich sage immer als Beispiel: Durch die Wste Gobi geht man blo, wenn man sexuell entsetzlich frustriert ist. Wenn du sexuell nicht frustriert bist, dann brauchst du ja nicht durch die Wste Gobi zu marschieren. Unter diesem Menschenbild, welches das Patriarchat aufgestellt hat, wurde jeder Mann zum Helden. Das bedeutet Sadismus und Einsamkeit.

Jeder Mann ist im Gefhlsbereich Baby, Bulle oder tckischer Hund. Jede Frau ist im Gefhlsbereich Dornrschen, Kuh oder tckische Krte. Frauen durften 6000 Jahre lang keine eigenen Sachen machen. Alle Frauen sind totgemachte Lcher. Wir mssen berhaupt nicht denken, da irgendwas hier sich von allein entwickeln kann. Wir sind das Produkt von 6000 Jahren menschlicher Produktion. Die Mnner haben aggressive Stostangen, und dahinter ist die Wste. Jedem Jungen ist mit zwlf Jahren klar gemacht worden, bald geht es los. Mit wem es losgehen soll, das ist ihm nicht gesagt worden.

Jedes Mdchen hat mit zwlf Jahren gesagt bekommen: Pa auf! Die Mnner sind alle Schweine, und du siehst doch deinen Vater, und das mu sich lohnen. Das Mdchen kriegt also mit zwlf Jahren Informationen, da sie sich zurckhalten soll, und der Junge kriegt mit zwlf Jahren Informationen, da es bald losgeht. Wir sind total aneinander vorbei programmiert. Inzwischen haben wir die Erde derart erobert, da wir sie ein paarmal in die Luft knallen knnen. Wenn wir jetzt nicht anfangen, an den Gefhlen zu arbeiten, gehen Menschen und Tiere zugrunde. Das System Patriarchat hat Gefhle abgespalten. Denken und Fhlen sind zwei verschiedene Bereiche. Die meisten Leute fhlen berhaupt nichts, die denken Gefhle, die denken: "Ist der schn? Auf den will ich geil sein." die wissen gar nicht, was Gefhle sind, Gefhle sind ganz etwas anderes. Da legt man die Hand auf den anderen und da passiert etwas. Die Krper haben Weisheit. Diese Weisheit haben die meisten Leute verloren. Ich will jetzt an den Gefhlen arbeiten. Ich habe im Moment vier Mglichkeiten anzubieten: Das, was ich am liebsten mchte, ist, eine Hetre zu sein. Das bedeutet, da ich hier einen Salon habe und die Leute kommen zu mir, und ich spreche ber das, was ich gemalt habe, was ich gelesen habe, und am Abend sage ich: "Heute mchte ich gerne, da du bei mir bleibst." Das mu eine hohe Ehre und eine ganz schne Sache sein, auch fr einen Mann. Das zweite ist, da ich Tempelprostitution will. Die Sexualitt mu wieder von den Frauen organisiert werden und nicht von den Mnnern und zwar in heiligen Hallen, wo schne Musik spielt, schne Bilder sind. Man geht anonym hin, aber es geschieht eine heilige Handlung. Wir mssen lernen, da jede Begegnung in der Gegenwart stattfindet. Die Beziehung ist nicht, weil meine Mama oder weil mein Papa oder lange blonde Haare oder einen Schwanz, der 30 cm lang ist, sondern in diesem Moment, wo wir zusammen sind, da passiert Begegnung. Und das knnte zum Beispiel als Tempelprostitution gemacht werden. Drittens biete ich an, es sollen sich zehn Mnner und zehn Frauen zusammentun das ist jetzt blo als Beispiel, es knnen auch drei Mnner und drei Frauen sein die sollen an der Sexualitt arbeiten. Das Leben ist Arbeit. Die Leute haben vor dem Wort "Arbeit" Angst. Aber Wachsen ist auch Arbeit. Ich verspreche den Leuten zehn Jahre Frust. Wenn nmlich verkehrt programmierte Krper anfangen, sich echt zu bewegen, kommt da zuerst an Gefhl soviel Ha, Ekel und Aggression hoch.

Unsere Wut! Diese Scheimama! Denn es ist so: 90% unserer Gefhle werden im ersten Jahr gebahnt und die restlichen 10% bis zu unserem vierten Lebensjahr. Mit vier Jahren sind wir schon vorkonditioniert auf unsere Gefhlssensibilitt und Gefhlstiefe. Ich bin z.B. ein Jahr genhrt worden, und ich wei, da ich dadurch eine gute Grundlage habe. Aber wer von Klein an hilflos dagelegen hat, der hat doch nie Vertrauen zu Wrme und Zuwendung gehabt und mu das wieder erlernen. Wir mssen einmal zurckgehen bis zu unserem Sugling, und von da an mssen wir uns erst aufbauen, sonst passiert nichts. Viertens biete ich an: Alle Schulen schlieen, die Kinder schmusen und ficken lassen und an den Aggressionen arbeiten. Ich will dabei sein. Aber ich will zur Verfgung der Kinder da sein. Ich habe das mal auf dem Bild gemalt.

Hier ist ein Uterus, und frher hatten wir im Uterus den Helden. Jetzt wollen wir mal in den Uterus die geile Frau reintun, also so als Arbeitsmglichkeit, ich habe noch ein Gitter drbergemalt. Wer in solchem Haus gro geworden ist und solche Eltern gehabt hat, mu faschistisch sein. Ich behaupte, wir sind alle faschistisch. Faschismus ist Menschen-verachtung. Eine hat zu mir gesagt: "Frau Goetze, das kann doch nicht so sein, wir haben vielleicht kleine faschistische Zge."

"Ich sage: "Hr mal! Bist du 33% faschistisch oder 67% faschistisch? Solange du ein halbes Prozent faschistisch bist, mut du an deinen Gefhlen arbeiten."

Otto Muehl in sterreich hat gesagt: "Jetzt schneidet eure Haare ab und zieht eure Kleider aus und dann wollen wir sehen, was von euch noch brig ist, wenn ihr nackt seid, Mnnlein, Weiblein, Mnnlein, Weiblein." Nun ist es so, da manche Leute sich bei dem System entwickeln knnen, andere nicht. Ich habe jetzt das Buch gelesen von Theweleit: Mnnerphantasien. Da ist mir aufgegangen, wer schon eine Ich-Konstruktion hat, wer schon einen Vater bekmpfen kann, das nennt man den dipuskomplex. Wer also schon die Wut auf seinen Vater rauslassen kann und sich gegen seinen Vater behaupten kann, der kann sich in dieser Gruppe entwickeln. Wer aber im Mutterleib geschdigt worden ist oder in den ersten Wochen und Monaten, der hat einen ganz weichen Kern und hat sich einen Panzer darbergebaut, der kann sich in solchen Gruppen nicht entwickeln. Der baut sich einen neuen Gruppenpanzer auf, von auen kann das ganz schn aussehen. Aber fr die Sexualitt ist keine Chance.

Ich habe einen Satz gelesen: Ich htte viel mehr begriffen, wenn man mir nicht so viel erklrt htte. Heinrich Bll hat mal geschrieben: Die Erlsung kommt von der unnormalen Gromutter. Ich wei inzwischen: Wir sind alle aus einer Mse rausgekommen. Jeder kleine Junge und jedes kleines Mdchen ist aus der Mse einer Mutter rausgekommen. Eigentlich mte die Mutter so entwickelt sein, da sie den Jungen und Mdchen etwas von sich erzhlen kann. Dem Jungen von seinem Schwanz, da er ein Mann ist, und was das fr eine schne Sache ist, und dem Mdchen etwas von ihrer Mse, und da sie nachher wieder Mutter wird, und da das auch eine tolle Sache ist. Aber das hat keine Mutter getan. Esther Vilar schreibt in ihrem Buch "Das Polygame Geschlecht", glaube ich, da jede Frau sich einen Mann sucht als Mutterersatz. Das bedeutet, sie kastriert dem Mann seine Sexualitt und aktiviert seinen Brutpflegetrieb. Das habe ich mit meinem Man auch gemacht. Dreiig Jahre lang war mein Mann Vater und Mutter zugleich fr mich. Das ist auch eine Art Liebe, aber diese Liebe will ich nicht mehr. Ich will die Liebe, die wirklich mit Schwanz und Mse entsteht. Was da entsteht, das wissen wir noch nicht. Ich habe, Gott sei Dank, schon Sachen erlebt, da ich wei, wovon ich rede:

Der Mike ist gekommen

Die Gefhle schlagen aus
Da gehe ich ins Bett rein
und fick mich tchtig aus
Denn Gefhle, die haben unglaublich viel Schwung
Und wenn ich mit dir plaudere, wird mir unheimlich jung.
Ich hatte im vorigen Jahr eine sehr intensive sexuelle Beziehung mit einem Mann, der nach dem fnften Mal Panik gekriegt hat vor mir. So intensiv wollte er es nicht. Er sagte am Anfang konnte er mit meiner schnellen Bewegung nicht mitkommen. Als er mitkam, da ist ihm schlecht geworden. Dann ist er nicht wiedergekommen. Als er hier auf dein Sofa lag, hatte ich das Gefhl, ich sollte seine Pornofilme nachspielen, da hat er sich gut gefhlt. Da habe ich wieder mitgekriegt: Wenn es uns schlecht wird, dann fngt die Vernderung an. Wo die Angst ist, da geht es lang. Wir knnen an der Oberflche bleiben. Die meisten Menschen haben gar keine Lust, so tief reinzugehen, wo es weh tut, wo die Schmerzen kommen.

ROSA: Glaubst du, da jeder mit jedem ficken soll?

HELGA: Eigentlich kann es jeder mit jedem. Aber so, wie wir sind, im Moment nicht. Wenn wir das schaffen, dann sind wir wirklich mndige Menschen.

ROSA: Was machst Du denn fr eine Auswahl? Wenn du aus dem Haus gehst, gibt es da Leute, die sympathischer sind, oder die du attraktiver findest?

HELGA: Ich habe gelesen, wie verlogen das ist. Diese Intellektuellen, die sich so eine schne Fassade aufbauen, was habe ich bei den fr einen Kitsch und Quatsch mitgekriegt! Wolfgang oder Christoph z.B., du, die hatten nicht die Fassade. Ich habe mit denen nachher viele schne Sachen erlebt. Z.B. mit Wolfgang, der ist jetzt 38. 1974 hat er mich angeschrien, da ich doch gewut htte, da er schwul sei. 1977 haben wir wieder angefangen zu ficken. Mit dem habe ich ein paarmal auch zu dritt gefickt, also noch ein schwuler Freund von ihm war dabei. Mir hat es sehr gut getan, weil die dafr gesorgt haben, da ich eben gut drangekommen bin.

ROSA: Mit wem hast du zuletzt gefickt?

HELGA: Ach, im Moment habe ich eine sehr schwierige Beziehung mit einem Mann, der ist Armenier, er hat einen trkischen Ausweis, ist 35, Dr. Sowieso an der TU. Der hat wirklich blo alles im Kopf. Jetzt habe ich angefangen, mich zu verweigern, ich will das nicht mehr.

Der benutzt seine ganze Intelligenz, um seinen Ekel weiter zu kultivieren. Er ekelt sich vor Kssen. Er ekelt sich vor Msengeruch. Ich sag: "Hr mal! Eine Mse riecht nach einer Mse. Benzin riecht nach Benzin, eine junge Mse riecht nach einer jungen Mse, eine alte Mse, die ist wie Kse und Wein. Ahh, das ist schn, durchwachsenes Leben. Ich will keine Leute mehr an mich ranlassen, die sagen, steck deine Zunge weg oder so. Ich mache das nicht mehr. Alles oder nichts. Du, dann will ich lieber nichts.

ROSA: Wo hast du den kennengelernt?

HELGA: Den habe ich bei der AAO kennengelernt. Den kenne ich auch schon drei Jahre. Mit dem habe ich schon mal in einer Gruppe mit freier Sexualitt zusammengelebt. Der hat mich vorgestern nachts um zwlf angerufen: "Helga, ich wei jetzt, wie meine Sexualitt luft. Ich suche mir immer ganz junge Mdchen, die wie Jungs aussehen, da spiele ich meinen eigenen Vater, der mich fickt!"

ROSA: Waren, sagen wir, deine letzten Beziehungen oder Sexualbeziehungen, jnger, sehr viel jnger als du?

HELGA: Ja, jetzt ist es eigentlich so, da nur jngere Mnner da sind.

ROSA: Wie kommt das? Du spielst also die Mutterrolle, die Sexualitt weckt oder...

HELGA: Das wei ich nicht. Diesen Nelu habe ich bei der AAO kennengelernt, wo die Leute sich verndern wollen. Ich habe von Anfang an gewut, da ich so eine Art Hebamme bin, so eine Art Mammi, und ich will das nicht. Ich will dir etwas sagen: Junge Leute sind lter als ltere Leute, wutest du das? Jeder junge Mensch, der 20 Jahre alt ist, hat erst einmal total seinen Vater und seine Mutter drauf. Diese Dalina, die Tochter von der Friedel, die ist 6 Jahre alt von der knnen wir alle etwas lernen. Im Grunde ist es so da die jungen Leute lter sind als die lteren Leute. Ich wei nicht mehr wo ich mich bewegen soll. Ich bin hier in Kreuzberg, ich gehe ins Kreuzberg Caf. Auf der Strae umarmen mich pltzlich die wildesten Gesellen. Wenn ich mal in der Kneipe bin, sagen die: "Helga, stell dich auf den Tisch, fang an." Da war ich im alternativen Umweltdorf, habe sechs Wochen einen Workshop Sexualitt gehabt, die Stachelschweine sagen zu mir, ich sei zu intelligent fr ihr Publikum. Wo soll ich noch hingehen? Erzhle mir das mal! In Hamburg bin ich beim "Literatrubel" gewesen. Da habe ich mich beworben. Da hie es, ich wre nicht seris. Ich sagte: "Braucht ihr heutzutage serise Dichter? Wute ich gar nicht" Dann sagte Prof. Bialas: "Ach, Frau Goetze, wir tun es auch, aber wir reden nicht darber." Ich sag: "Hr mal! Du hast genug Geld um ins Reich der Sinne nach St. Pauli zu gehen. Aber wo gehen unsere 14-, 16-, 18-jhrigen hin? Hast du dir Gedanken darber gemacht? Die wollen auch anfangen, zu leben." Da gucken mich alle an: Peinlich, diese Goetze! Ich habe ins Goldene Buch der Stadt Hamburg geschrieben: Wer nimmt das Sexualleben der Heranwachsenden und der Frauen ber dreiig wahr?

Dann habe ich bei Willi Brandt dazwischen geschrien. Er sagte: "Ich rede vom Frieden!" Ich schrie: "Und ich vom Ficken!" Dann bin ich bei unserem Wirtschaftsminister, Otto Graf Lambsdorff, gewesen, das war 1977. Ich habe die alle mal heimgesucht... Kohl und alle, alle. berall habe ich immer zwischen geschrien. Also bei Graf Lambsdorff, der hat ber Energie gesprochen, und da dachte ich, Helga Goetze, sei sanft. Wirklich: sei sanft, sonst bringt das gar nichts, wenn du immer so hart bist. Man konnte ans Mikrofon gehen und Fragen stellen. Ich sagte: "Ich mu eine ganz wichtige Frage stellen. Ich versteh da etwas nicht. Ich war 1939 17 Jahre alt, und da fing der Krieg an. Das bedeutet, ich habe sechs Jahre miterlebt, wie groartig das Patriarchat fhig ist, Kriege zu fhren. Sechs Jahre lang sind tglich Bomben gefallen, sind Flugzeuge geflogen. Wenn nachts die Bomben flogen, kriegten wir trotzdem am Tag unser Essen. Also, das Patriarchat ist total fhig, Kriege zu organisieren, und das hat auch mit der Energie geklappt, nicht? Wir haben kaputtgeschlagen bis zum Ural, wei der Geier alles, und es waren immer Bomben da. Ich habe nie gehrt, da die einen Materialmangel hatten. Die hatten bis zum Schlu ihr Material, nicht? So, nun haben wir den Krieg verloren und unser lieber Gott war gemein. Der Gott der Englnder und Franzosen war lieber, der hat die siegen lassen, und wir haben verloren. Das war Pech, kommt ja vor. Nun haben wir 30 Jahre Wiederaufbau, wir haben Energie aufgewendet, die Straen zu bauen, unsere Kongrehallen. Was wir alles haben, ist total tipptopp. Knnen wir jetzt mal mit den Menschen anfangen? Wir reden nur von Quantitten, knnen wir jetzt nicht von Qualitten anfangen? Wer kmmert sich jetzt mal um die psychische Ausstattung der Menschen?"

Da hat einer gesagt, das wre ein Statement, darber knnten wir doch nicht diskutieren. "Wieso?" fragte ich. "Warum sollen wir da nicht anfangen, ber die Qualitt des Menschen zu diskutieren? Noch mehr Krankenhuser, noch mehr rzte, noch mehr Saufen, noch mehr Zigaretten? Das ist doch wohl keine Lsung. Ich will den nchsten Schritt zum mndigen, sich selbst bestimmenden Menschen." Ich wei, ich will alles verndern. Ich wei, da ich das nicht schaffe, aber ich mu es trotzdem wollen. Ich habe zu Volker Pilgrim gesagt, ich brauche nichts zu schreiben, Simone de Beauvoir hat schon alles geschrieben. Da hat er zu mir gesagt: "Wissenschaft bringt nichts in Bewegung. Du bringst die Dinge in Bewegung." Einer hat gesagt: "Solche Leute wie du, die werden immer erst nach dem Tod berhmt." Ich sagte: "Ich werd mich beeilen, dann habt ihr schneller den Nutzen."

Aber ein anderer hat gesagt: "Du hast ein duftes Thema, Helga Goetze, du kannst es noch zu deinen Lebzeiten schaffen." Im Moment sind ganz viele Sachen in der TAZ ber mich. Die TAZ hat ein Gedicht von mir verffentlicht. Es heit: DAS WEIB EINE KOLONIE und es ist folgendermaen entstanden: Eine Frau blttert in einem Gesundheitsbuch von 1972, und unter dem Stichwort "Frau" stehen da viele Stichworte: Hygiene und 1000 Sachen. Ach, denkt sie, was steht unter dem Stichwort "Mann"? Sie blttert, und da stand gar nichts. Weit du, was sie da fr ein Beispiel gebracht hat? Wenn man einen Kunstfhrer ber Italien hat, dann steht ber diese Kunstschtze eine Menge drin, aber ber Italien selbst nichts. Wenn Italien eine Kolonie htte, dann wrde ber die Kolonie etwas da stehen. So, und da habe ich mich hingesetzt und schrieb:

DAS WEIB EINE KOLONIE

Entdeckt, verwickelt, entwickelt, eingewickelt
Zersetzt, zerteilt, zerschunden, zerschlagen
benutzt, beschdigt, beschmt
Weib, ein Mittel fr Gesundbeterei der Schamanen
Territorium, bestimmt, besetzt, besudelt
Land, eingeteilt, kategorisiert
Duftmarken, doof kolonisiert gut
Landemarken, Arsch, Busen, Schminke
Gesundheitssport, Leistungsgert, Maschine
Brachland, Sumpf, Moor, schwankendes Torf
Angst im Nebel, der Landvermesser wird trockenlegen
berschaubar machen, bersichtlich, fr den Export hergerichtet
Es mu sich lohnen, das Territorium hlt sich sprde
Es lernt seine Preise, verkaufe dich nicht billig
Ware, was nichts kostet, ist nichts wert
Der Herr setzt seinen Fu auf sein Land und hit seine Fahne
La Bandiera, die Potenz, und wehe,
sein Gelnde wird von fremden Hnden berhrt
Partner? Wie kann ein Sklave Partner von Herren sein?
Dmlich gemacht, Damenhaft, sthetisch die Kultur der Eroberer
Setzen wir unseren Gewaltlosen Widerstand fort
Passiv, Aktiv, die Strategie der Verlorenen
Verweigern wir ihre Kirchen, ihre Schulen, ihre Universitten
Ich habe meinen Lehrstuhl fr freies Lieben, freies Sprechen erffnet
und halte meine Vorlesungen auf den Straen der Eroberer
Da schicken sie ihre Polizei
und verfangen sich in ihrer eigenen Pornographie
Lachen ttet, lachen wir ber die Anmaung von Verderbern,
Die ihre eigene Substanz versaut haben
An ihrer eigenen Kotze sollen sie ersticken
Oder kommen auf Knien und das Land freisetzen
Freiheit ist mehr Arbeit
Aber eine Kolonie, die lacht, ha
Die hat Energie und Vibration
Tanzen wir, schreien wir, weinen wir, ficken wir
Vom Sklaven kann Herr viel profitieren, wenn es darum geht

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ROSA: Du hast sehr viele Aktionen auf der Strae gemacht. Kannst du mal beschreiben, wie... Was war deine erste Aktion?

HELGA: Ich bin 1975 in Kabaretts aufgetreten, und da habe ich gedacht: Helga, alle Leute knnen mit ihren Produkten Geld machen, warum kannst du das nicht? Ich bin im Januar 1976 ins LIT eingetreten. Das ist in Hamburg ein Kreis von Kunstschaffenden, die von der Stadt untersttzt werden. Dorthin bin ich jeden Dienstag treu und brav gegangen und wollte mich auch mal produzieren. Ich habe mit meinen Gedichten angefangen, und dann hat pltzlich eine Frau nach dem dritten Mal gesagt: Helga Goetze, deinetwegen sind schon Leute weggeblieben. Du machst die Mnnern an, und wenn du von allein nicht gehst, dann mu ich dir das nahelegen, da du nicht mehr kommst. 1976 hatten die Literatur auf dem Markt, da habe ich mich gemeldet und wollte gern einen Termin haben. Da hie es: Ihre Gedichte sind ganz niedlich, aber was sie dazwischen sagt... 1977 habe ich mich wieder beworben, doch da hie es: Ich sei nicht seris. "Braucht ihr jetzt serise Dichter?" habe ich die gefragt. Wolf Biermann sagte: "Jetzt fngt sie ja wieder vom Ficken an." Ich sagte: "Vom Nichtficken! Hast du das nicht kapiert? Ich rede vom Nichtficken!" Einer hat mich aufgefordert: "Komm her, stell dich doch auf die Strae und mach einen Gegenliteratrubel. Stell dich hier auf die Bank und fang an." Da habe ich mich dann in der Spitalerstrae auf die Bank gestellt und meine Sachen aufgesagt, z.B. ALS MEINE MUTFER EIN BABY BEKAM... Die Leute meinten: "Frau Goetze, da mu doch auch sthetik dabei sein." Ich sage: "Echt wahr! Mein linkes Bein ist echt noch sthetisch, guck mal, 58 Jahre. Aber mein rechtes Bein... wenn ich ein Mann wre und wrde mit solchen Beinen im Bett aufwachen, ich wrde glatt in Ohnmacht fallen. Da sind Krampfadern." Dann sagte einer: "Dann ist dein linkes Bein dein Balzbein."

Um sthetik zu gengen, zeige ich mein Balzebein
Ei, das Linke ist das HbscheFicker balz ins Linke rein
den das Rechte hat so Adern, Narben und ein berbein
Nein, das Rechte ist nicht hbsche
Ich verberg das rechte Bein
Hat der Dumme angebissen
Wie ein Tier beim Balzen
Garn ich ihn verrckt mir um
Bumm! in das Linke, in das Hbsche
Ei, du Ficker, beiߒ ins Linke
Beiߒ ins hbsche Balzebein
Denn du Blder, erstmal bumsen
Dann zahl ich dir alles heim.
Dann sage ich: Wir scheien uns alle an. Mal sind es die Locken, manche Frauen stehen auf einem Porsche, was denkst du, wie die einen Mann lieben, der einen Porsche hat? Hr mal! Liebe! Wir wissen berhaupt nicht, was das ist. Liebe, was ist das? In diesem Land ein fremdes Wort, man mu es kennen, bersetzen ist so schwer, dies bersetzen in ein neues Land, wo Geborgenheit und Gestaltung winken. Wir wissen noch nicht, was Liebe ist. Wir haben blo Bedingungen gelernt und sthetischen Schnulzenkram. Ich habe mal einen kennengelernt, der hatte eine Schttellhmung. Der hat neun Jahre im Knast gesessen. Den haben sie da fr Schwulitt vergewaltigt und haben lange sein Kopfkissen auf den Kopf gedrckt... Als ich zum ersten Mal in die Knacki-Kneipe kam, da sagte er: "Helga, wann ficken wir?" "Gott!" habe ich gedacht, "jetzt kommt die Stunde der Wahrheit." Beim zweiten Mal hat er wieder gesagt: "Helga!" Beim dritten Mal habe ich zu ihm gesagt: "Pa mal auf, Joseph. Ich mache das mit der Hand und dem Mund." Da sagte er: "Wir mssen auf die Toilette gehen." "Nee," sage ich, "wir knnen das hier machen. Wer kommt, der kann doch sehen, da du Bedrfnisse hast." So habe ich es ihm mit der Hand und dem Mund gemacht. Der konnte nmlich noch nicht mal wichsen.

Nachher habe ich mit einer Frau darber gesprochen, die fragte mich: "Was hast du denn davon gehabt?" Ich sage: "Wenn ich Kraft und Zuwendung kriege, dann kann ich auch etwas abgeben. Dann soll Joseph auch zu mir gehren. Der ist nmlich nicht so verlogen. Die anderen sind alle noch so verlogen, aber der hat nichts mehr mit Lgen. Neun Jahre Knast! Da gibts nichts mehr zu lgen.

Auf der Spitalerstrae in Hamburg, da habe ich unglaublich gut gelernt, auf Leute zu reagieren. Z.B. habe ich meine Brste mal gezeigt. Da wurde ein alter Mann ganz bla und sagte: "Das ist ja Pornographiel!" Aber auf einmal dreht er sich um und sagt: "Die Frau ist in Ordnung!" Da hatte ich wirklich vor allen Leuten so einen Lernproze gezeigt.

Manche gingen vorbei und riefen mir ihr Wunschgedicht zu, das ich aufsagen sollte. Die hatten schon ihre Lieblingsgedichte. Einer hat mir mal gesagt: "Pa mal auf, Helga Goetze. Mit dir ist das wie mit der Milch. Du mut dir mal vorstellen, da ist ein groer Bottich, in den kommen langsam Bakterien rein, die Sonne und so. Dann fngt die Milch so langsam an, sich zu zersetzen. Aber erst, wenn die Milch berall sauer ist, dann gerinnt sie, und darauf mut du warten.!" Solche Sachen haben mir einfache Leute erzhlt. Ich habe da unglaublich viel gelernt.

MORGEN KOMMT DER WEIHNACHTSMANN

Kommt mit Sack und Gaben
Und die Kinder wundern sich
Weil sie alles haben
Autos, Puppen, Schiegewehr
Huser, Fressen und noch mehr
Morgen kommt der Weihnachtsmann
Und bringt seinen Plunder an
Hier drei Mark und dort dreihundert
Pelzgemntel, alles Wunder
Zhlt die Schecks und zhlt die Gaben
Die die Weihnachtsmnner haben
Kommt ein kleines Mdchen an
Das den Dreck nicht brauchen kann
Bettelt leiser, habe mich lieb
Bitte mir ein Kchen gib
Da fngt unser Weihnachtsmann
Frchterlich zu brummen an
Ksse sind nicht zu bezahlen
Liebe gibt man niemals aus
Denn die Menschen raffen, rechnen. Fhlen?
Dabei kommt nichts raus
Drum merkt alle hier im Land
Weihnacht wird gefllt mit Tand
Roboter und Stampfmaschinen
Hampelmnner, Hampeltrinen
Morgen kommt der Weihnachtsmann
Der fr sie das Fest ersann.
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Dann kam die Polizei. Fnfzigmal habe ich 1977 da auf der Strae gespielt. Beim siebten Mal ist die Polizei gekommen. Die Polizisten waren echt freundlich. Man sah die schon von weitem, die kamen immer sehr langsam und waren unentschlossen.

Aber da war ein groer Kreis Leute drumherum. Einer aus dem Publikum brauchte das blo anzuzeigen, dann ist das fr die Polizei ein Akt. Da sagte der eine Polizist: "Frau Goetze, merken Sie gar nicht, da Sie stren?" Ich sage ihm: "Hr mal! Das ist das einzige, was ich will."

1978 und 79 bin ich auf eigene Kosten nach Hamburg gefahren zum Literatrubel und habe meine Bilder an diesem Platz, wo die ganzen Aktivitten waren, Dichterlesungen, Buchverkauf usw. gezeigt. Pltzlich stehen hinter mir zwei Polizisten in Zivil und sagen: "Packen Sie bitte ihre Bilder zusammen, sonst mssen wir Sie mit Gewalt hier wegfhren." Ich sage: "Hrt mal! Ich will da zuhren." Das Verrckte war, da gerade das Thema; "Wo steht die neue Frauenbewegung heute?" dran war. Indem Moment hat mich die Polizei im Polizeigriff weggebracht.

Da sagte nachher eine Frau: "Helga, das hast du doch arrangiert?" Ich sagte; "Spinnt ihr?" Ich habe zweimal laut "Hilfe" geschrien. Aber da hilft dir keiner, das mut du wissen. Dann habe ich gesagt: "Na, macht eure Literatur schn weiter." Und zu den Polizisten: "Ich schrei nicht lnger. Ihr knnt mich wieder loslassen." Ich wei inzwischen, wann man schreien mu, und wann man nicht mehr schreien darf. Dann hat mich im Polizeiauto ein Polizist freundlich auf die Schulter gekloppt und gesagt: "Na, Frau Goetze." Ich sag; "Na, hren Sie mal! Haben wir uns schon mal kennengelernt? Ich kann mich nicht erinnern." Dann haben sie mich in eine Zelle gesperrt und anschlieend wurde ich in die Wachstube geholt.

Da hie es: Frau Goetze, Paragraph soundso, wenn wir Sie noch einmal auf der Strae agitieren sehen, sperren wir Sie wieder ein. Ich sag: "Hr mal! Bin ich ein Computer, den man abstellen kann?" Und dann, Bums, sa ich wieder in der Zelle. Nach einer Weile kommt ein netter, lterer Beamter und sagt: "Was ist denn hier eigentlich los?" Dann haben sie mich wieder gehen lassen, und abends konnte ich meine Bilder abholen. Danach stand in der ZEIT: Es gibt soviel Gewaltpornographie, wieso die garantiert menschenfreundliche Pornographie der Helga Goetze mit Gewalt von der Strae geholt wird, ist mir ein Rtsel in unserem, ach so freien Land.

In Berlin bin ich vom Kudamm weggeholt worden. Dort sind sechs Bilder von mir beschlagnahmt worden. Das Verfahren wurde hinterher niedergeschlagen. Das hie dann, es ist wohl doch keine Pornographie. Kunst ist es aber auch nicht. Ich erinnere ans Leben und dafr gibts noch keine Paragraphen. Werden sie sicher bald finden.

ROSA: Bist du nach einmal in der Zelle gewesen, fr eine Nacht oder einen Tag? Bist du nie verurteilt worden durch ein Verfahren?

HELGA: Nee, ich wei zu viel Bescheid. Aber du, wer nimmt das alles auf sich? Erzhle mir, wer nimmt das alles auf sich?

ROSA: Du gehst hier auch in die U-Bahn?

HELGA: Hier ist das so. Ich bin aus der Pubertt meiner Gefhlsentwicklung raus. Ich habe jetzt ganz viel ausprobiert. Ich habe eine Zeitlang wirklich nicht gefragt: "Was bist du?" Ich habe mit den unmglichsten Leuten gefickt. Ich habe mit Malte gefickt, der drogenabhngig ist, 24 Jahre alt. Der hat eine Stunde gekmpft. Nach einer Stunde ist er pltzlich aufgesprungen, nach oben gerannt, hat sich aus dem Quelle-Katalog ein Unterwsche-Mdchen gesucht, hat sich das Bild runtergeholt, hat den Schwanz wieder reingesteckt, und dann konnte er abspritzen. Es war sehr oft ganz schn schlimm. Mich hat noch nie einer in die Pfanne gehauen. Ich habe von niemand gehrt, da sie sagten: Die Goetze, die schmeit sich jedem an den Hals. Oder: Was die macht! Volker macht es noch ein bichen wissenschaftlich und redet noch so ein bichen drumrum, was er meint, das ich wre, aber er hat trotzdem auch gute Gefhle fr mich, eigentlich jeder. Ich habe mal mit einem ganz jungen Menschen gefickt, und die Eltern wollten mich anzeigen. Seine Eltern hatten ein Gedicht entdeckt, in dem ich nmlich geschrieben hatte: Das erste Mal ficken, das mte wie Weihnachten sein! Dann habe ich nachher geschrieben: Das war wie Totensonntag und Erster Advent, das ist noch lngst nicht Weihnachten. Das erste Mal ficken ist, wenn so ein Toter anfngt, sich langsam zu bewegen. Das Gedicht haben die Eltern gefunden und wollten mich anzeigen. Da sagte ich: Erstens habe ich kein Geld genommen. Geld nehmen ist ja immer pervers; nicht? Zweitens, sagte ich, es ist doch gut, wenn die Gesellschaft sich fragt, wo gehen die Heranwachsenden hin? Dann haben die aber keinen Proze gefhrt. Im letzten Moment war das immer so...

ROSA: Was hltst du von Prostitution? Wie beurteilst du das?

HELGA: Ich bewundere die, aber ich knnte das nicht. All die psychischen Krankheiten von diesen Leuten an mich ranlassen. Wer das versteht, aber im Grunde ist das alles Krankheit. Krzlich habe ich eine Prostituierte besucht. Die schien mir unglaublich stark zu sein, doch dann kam raus, da sie ein narzitischer Typ war, mit einem totalen Ha und Ekel vor Mnnern. Es ist eben dann das Geld oder so, damit kann sie sich jedesmal wieder organisieren.

ROSA: Wie lebst du jetzt finanziell?

HELGA: Ich habe das Glck, da ich, seitdem ich geschieden bin, Geld von meinem Mann bekomme. Ich habe mir vorgenommen, deswegen kein schlechtes Gewissen zu haben. Ich habe 28 Jahre eine gute Ehe gefhrt, nachher hat sich das langsam aufgelst. Es ist so, da zu Hause keinem etwas weh tut. Mein Rechtsanwalt hat gesagt, ich htte um die Huser kmpfen sollen. Wir hatten Besitz. Aber ich habe gesagt: Mein Mann hat mich meine Spiele spielen lassen, und die Huser sind blo auf dem Papier viel wert, da wohnt eine Familie drin, und das ist ein groer Garten. Wir haben keinen Streit ums Geld gemacht. Er hat mir zuerst 500 Mark gegeben, und jetzt kriege ich 750 Mark. Ich mu davon 68 Mark Krankenkasse bezahlen. Ich habe in diesem Jahr vier oder fnf Auftritte gehabt, mit circa 200 Mark, habe noch ein paar Bcher zu verkaufen und neuerdings eine Tonkassette und das ist eigentlich so das, was ich fr Material und Telefon brauche. Ich komme mit dem Geld zurecht.

ROSA: Wie glaubst du, da es weitergeht?

HELGA: Ich wei im Moment berhaupt nichts. Ich bin an einem Punkt, wo ich total resigniert bin. Ich wei, da meine Art sexuell und kreativ zu sein, gut ist. Heute kann ich mal der bse Wolf sein, und morgen will ich Dornrschen sein. Ich will manchmal eine Mammi sein, aber ich brauche manchmal den Pappi. Ich kann total infantil sein, und ich wei, da es den Leuten eigentlich unglaublich gut tut. Ich will zwischen Leuten sein, die kreativ an der Sexualitt arbeiten wollen. Blo, wie ich es machen soll, wei ich nicht. Meine Freundin Friedel ist 36. Die hat praktisch auch keine Sexualitt, so eine gutaussehende Frau. Die fhrt hin und wieder mal nach Kln, da ist ein Farbiger, mit dem sie manchmal fickt. Die wei es auch nicht zu organisieren. Ihr Mann war schwul, der ist mal wegen Exhibitionismus angezeigt worden. Sie hat gar nicht kapiert, was das ist. Was ist Exhibitionismus? Was ist schwul? Warum fat er sie nicht an? Warum...? Der ist ein ganz Lieber, der Charlie ist lieb. Seine Mutter hat ihm immer die Bettdecke weggezogen, um nachzusehen, ob er auch nicht wichst, na hr mal!

ROSA: Was glaubst du, wie sieht das aus, wenn Du lter wirst. Wirst du immer versuchen, weiter Sexualitt zu haben?

HELGA: Ich mach mir nie ber ungelegte Eier Gedanken. Kommt Zeit, kommt Rat. Ich bin im Moment noch so schn krperlich, ich tanze unglaublich gern. Ich kann reden und mich bewegen. Warum soll ich nicht sagen, da ich ficken will und sonst nichts! Versteh mal, alles andere habe ich ausprobiert. Ich habe schon alternatives Gemse gezogen, als es noch gar nicht so hie. Wir hatten zwanzig Jahre eigenes Gemse. Ich habe sieben Kinder fr diese Gesellschaft kaputtgemacht und wei unglaublich gut, wovon geredet wird. Eine studiert noch, und eine ist Bankangestellte, eine lebt in Sdfrankreich, macht das Alternativleben. Ich habe berall Praxis, verstehst du?

ROSA: Wie reagieren deine Kinder jetzt auf dich?

HELGA: Mechthild hat mich am meisten verstanden. Die ist jetzt 24 und hat mal in einer ffentlichen Veranstaltung gesagt: "Sie hat auch das Recht auf ihr eigenes Leben!" Als ich mal so jammerig gesagt habe: "Ich habe euch im Stich gelassen," da hat sie geantwortet: "Bring deine Sachen in Ordnung, dann hilfst du uns am meisten." Das Ist ein ganz toller Satz, bring deine Sachen in Ordnung.

ROSA: Und die anderen?

HELGA: Du, mehr oder weniger. Die lteste z.B. hat acht Jahre mit einem Mann gelebt, dessentwegen sie sich hat sterilisieren lassen. Der wollte sie total als Mama und Kind und wei der Geier, was. Nach acht Jahren haben sie zwei Jahre in Sdfrankreich gelebt. Sie wollten ein alternatives Leben. Dort hat sie einen Franzosen kennengelernt und hat einen schnen Sommer mit Serge erlebt. Doch Serge soff und wurde immer aggressiver. Er klaute auch und stellte die geklauten Sachen auf ihrem Grundstck ab. Sie sollte ausgewiesen werden. Da hat sie ihn rausgeschmissen. Ihr Mann ging auch, und sie war allein da in Sdfrankreich. Sie berlegte, was als Nchstes zu tun sei, und sie wollte ein Kind. Sie hat sich aus Haiti ein einjhriges Kind geholt, das ist jetzt drei Jahre alt, und seit der Zeit sind wir wieder in Kommunikation. Sie liest auch meine Durchschlge. Ich habe jetzt gerade einen Brief von einer franzsischen Lehrerin bekommen, die hat eine Frenet-Alternativschule in Frankreich, und die haben bei meiner Tochter eine Woche lang getpfert, also eine Schulklasse. Ich will im Frhjahr meine Tochter besuchen. Meine Tochter hat auch den magischen Kreis berschritten, seit der Zeit konnte sie auch wieder mit mir Kontakt aufnehmen. Ein Sohn idealisiert mich sehr. Ich wei nicht, wie ich ihn dazu bringen kann, da er wei, da ich ihn als Sugling habe schreien lassen, und da er erst den Ha rausbringen mu, sonst ist alles verlogen. Ein Sohn will nichts mehr mit mir zu tun haben. Eine Tochter ist Lehrerin fr Atmung und Stimme, mit der habe ich auch keinen Kontakt.

ROSA: Wie haben sie das geuert, weshalb sie den Kontakt abgebrochen haben?

HELGA: Bei der ltesten habe ich das richtig mitgekriegt. Ich habe mir doch dieses Institut fr Sexualinformation ber Gewerbeschein geholt. Ich hatte ein Schild an der Haustr. Als sie das erste Mal zu Besuch kam, da ist die nicht ins Haus reingekommen. Sie blieb vor dem Schild stehen und kam nicht rein. Der Ulrich hat mir 1972 einen Brief geschrieben. Seitdem er mitbekommen htte, da ich auf Annoncen schreibe und selber welche in die Zeitung setze, knnte er mich nicht mehr als Mutter bezeichnen.

ROSA: Hast du keinen Kontakt mehr zu ihm?

HELGA: Kinder sind Gste im Elternhaus, und Kinder sind mehr oder weniger unsere Freunde. Man hlt, was man lt! Kinder brauchen auch ihre eigene Zeit. Bei der ltesten habe ich das mitgekriegt, da die jetzt erst fr meine Sachen offen ist, weit du? Die vier ltesten haben meine Lernprozesse nicht mitbekommen, aber die drei Jngeren haben die mitbekommen, und zu denen habe ich einen besseren Kontakt. Die haben gesehen, wie das ging, da Mutter manchmal Besuch hatte und Vati jetzt zur Eva hinfhrt. Die haben gesehen, da das auch eine Mglichkeit ist.

ROSA: Du bist In dieser Kommune von Otto Muehl gewesen. Wie lange warst Du da?

HELGA: Ich war 1975 elf Tage da. Da habe ich am neunten Tag die Haare zur Glatze schneiden lassen. Das war fr mich ein unglaubliches Erlebnis, weil... du kannst ja jetzt meine Haare sehen. Ich habe nie den Standard erfllt. Ich bin jahrelang zum Friseur gelaufen. Ich wollte auch wie andere Frauen aussehen. Jahrelang trug ich Dauerwellen und eine Percke. Fr mich war das so unglaublich wichtig, da mal die Haare einfach weg waren. Das hat die AAO auch mitbekommen, diese Gruppe von Otto Muehl. Die haben 1973 auf dem Acker gearbeitet, die Mnner hatten ursprnglich lange Haare, das war so eine Hippie-Kommune, mit langen Haaren und langen Brten. Doch bei der Arbeit auf dem Acker haben die Haare gestrt, und so haben die Mnner Haare und Brte abrasiert. Da wollten die Frauen das auch. Sie entdeckten, da die Leute pltzlich ganz schne klare Gesichter hatten. Wieviel Neurose in den Haaren sitzt! Viele Mnner kriegen frh eine Glatze. Wenn ein Mdchen schne blonde Locken hat, dann heit das nicht, das ist ein schnes Mdchen, sondern: Guck mal, die Blonde da! Dann geht es blo um die Haare.

ROSA: Wurdest du akzeptiert in der Kommune?

HELGA: Ich hatte zuerst nicht so richtig kapiert, was da luft. Als ich hinkam, da hie es: Helga Goetze zieh dich aus. Ich hatte einen Bstenhalter, einen Gummistrumpf, einen Hfthalter und fing da vor der ganzen Gruppe an, meine Sachen runterzufummeln. Das hat fr mich alles irgendwie sehr viel bedeutet. Das mu einmal gemacht werden. Dann zu sagen: Hier, Hallo! Ich bin 52 Jahre alt. Damals war ich 52, das ist sechs Jahre her.

ROSA: Warst du die lteste dort?

HELGA: Ja. Dann war es so, da die damals so eine Art Schreitherapie hatten. Ich dachte: Du kannst gar nicht schreien. Dann bin ich aufs Feld gegangen und habe angefangen zu schreien, weil ich so eine gute Schlerin bin und habe gedacht: Du mut deine Aufgaben richtig machen. Beim Schreien habe ich angefangen zu heulen. Na, ja. Da habe ich gemerkt, da ich ganz schn schreien kann, da ich sehr viel Ha und Ekel und Aggression drauf habe. Ich bin nach elf Tagen weggefahren. Der Mann, mit dem ich dahin gefahren war, hat mich am zweiten Tag wie eine heie Kartoffel fallen lassen, weil ich vor der Gruppe keinen guten Eindruck machte. Er hatte mich als die groe Helga aus Hamburg angekndigt und erwartet, da ich einen guten Eindruck mache. Aber wenn du in eine Gruppe kommst, wo du die Spielregeln gar nicht kennst... ich habe keinen guten Eindruck gemacht, verstehst du? Das war ihm derart peinlich, da er sich lieber zum Papa hingeschlagen hat die Mnner sind raffiniert von Mama kriegt man ja sowieso nachher nicht soviel sozial mit, wie von Papa. Er ist ein Dreivierteljahr in der Gruppe geblieben. Im vorigen Jahr hat er sich das Leben genommen. Als ich weggefahren war von der Gruppe, wollte ich auch so eine Gruppe haben. Ich will Leute haben, die an der Sexualitt arbeiten wollen. Da habe ich alle Leute gefragt. Wir waren zuerst vier Leute. Michael war 19, Bernd war 21, Monika war 28 und ich. Wir hatten eine groe 6-Zimmer-Wohnung, 1200 Mark Miete. Ein Vater hat gebrgt fr die Wohnung, und so haben wir angefangen. Nach zwei Monaten ist der Bernd weggegangen. Der war derart aggressiv, der hat Flaschen an die Wand geschmissen, der hat Monika geschlagen, der hat Gitarren und einen Tisch kaputtgeschlagen. Wir wuten berhaupt nicht, was los war. Nachher ist er zu einer Mitschlerin gegangen, und das war eine strenge Mammi und da kam raus, da der das gar nicht vertragen hat, Gefhle freizulassen. Der wollte eine strenge Mammi. Nach zwei Monaten war unsere Gruppe eigentlich schon ein Fiasko.

ROSA: Habt ihr Gruppensex gemacht?

HELGA: Wir haben immer nur getan, was sich ergeben hat, aus der Situation heraus. Aber, nee!

ROSA: Und bei Muehl? Hattest du da Gruppensex?

HELGA: Nee. Die machen auch geregelten Sex. Da hat jede Frau ein Doppelbett, und jede Frau soll auf den Mann zugehen, mit dem sie was machen mchte. Da waren die Mnner meist impotent und aggressiv, weil der Mann ja gewohnt ist, da die Aufforderung von ihm ausgeht. Dann merken sie, da das eigentlich alles Krankheit ist. Krankheit sind Krnkungen wir sind alle bis in die tiefste Seele hinein gekrnkt. Die Mtter sind der schlimmste Krankheitsherd der Gesellschaft. Wir Frauen sind 6000 Jahre gedemtigt worden. Wir Frauen hatten keinen eigenen Namen und kein eigenes Geld und nur so viele Gefhle, wie Pappi uns zugeteilt hat. Da sagte einer zu mir: "Doof fickt gut." Ich sagte: "Klar! Gleich und gleich gesellt sich gern. Ich kriege ja nun alles ab. Ich kriege es auch von den jungen Frauen ab. Krzlich war ich in so einer Pinte und habe da spontan meine Gedichte gesagt, da meint so ein junges, niedliches Mdchen: "Wie die aussieht!" Hinterher ist sie aber zu mir gekommen und wollte etwas von sich erzhlen. Aber im ersten Moment wei jede Frau, wie man auszusehen hat, wenn man auf dem Markt der Eitelkeit noch mitspielen will. Frauen passen besonders stark auf.

ROSA: Wie siehst du die Schwierigkeit z.B. von Leuten in bezug auf dein Alter und deine Person? Ich meine, Leute haben gelernt, auf Reklamepuppen oder so geil zu werden...

HELGA: Ja, aber siehst du, da passiert oft ganz etwas Ses. Der Christoph z.B. hatte eine ganz emotionale Gromutter, und zwar eine Gromutter, die soff, und du weit, was das heit, eine Familie mit einer saufenden Gromutter! Die hat sich aber viel um ihn gekmmert, und ich habe oft erlebt, da die Gromtter oft die einzigen waren, die emotional mit den Kindern umgingen, krperlich und offen, und pltzlich geht das ber die Gromtter sehr gut.

ROSA: Das heit, das Ficken mit der Gromutter?

HELGA: Ja. Einfach, da ich ihnen das berlasse, da sie es gestalten drfen, da sie auch ihre Zeit bestimmen drfen. So der Satz: Ich htte viel mehr begriffen, wenn man mir nicht soviel erklrt htte, da ich ihnen ihre Zeit lasse, da sie mich nach zwei bis drei Jahren anrufen und sagen: Helga, wir haben ja damals gar nichts begriffen. So wie der Christoph schrieb: Du hast mir ja damals Liebesbriefe geschrieben, die lese ich jetzt. Nach drei Jahren ist ihm das aufgegangen. Das sind Lernprozesse und das Lernen tut weh, weil wir so verhungert und vernachlssigt sind in unserem Kopf, mit unseren komischen Rubergeschichten...

ROSA: Bist du aggressiv? Gehst du aggressiv auf die Leute zu und sagst: Jetzt wird gefickt?

HELGA: Nein. Volker hat gesagt, er htte gar nicht gewut, da es soviel Sanftheit gibt. Ich bin wie ein Oberbett.

ROSA: Haben die Leute Angst vor dir, vor deiner Direktheit?

HELGA: Ja, klar. Ich komm ja nicht selber dahinter. Z.B. jetzt mal wieder praktisch. Da haben drei Leute mit mir eine Kassette gemacht. Die waren Karfreitag hier. Eine Tonkassette, es ist sehr schn gewesen. Der eine hat mir gleich hinterher selbst Gedichte gemacht.

In meiner Umgebung fangen die Leute pltzlich an zu malen und Gedichte zu machen. Irgendwie fngt das pltzlich an, anzuregen. Hier war ein Straenfest im August, und da war dieser Mann, Karl-Heinz. Ich wollte schrecklich gern, da er mitkommt. Da habe ich ihn so ein bichen drngeln mssen, da ist er mitgekommen. Es war unglaublich schn. Aber ein zweites Mal ist er nicht wiedergekommen. Ich hatte jetzt einen Auftritt, und da kam er mit seiner Freundin. Ich fragte ihn: "Wie ist das eigentlich, wenn man zu Helga Goetze geht?" Er sagte: "Warm, unglaublich warm!" Mir hat einer mal erklrt: Das ist wie in der Physik. Das mut du physikalisch verstehen. Wenn ein Mensch erfroren ist, dann mu man ihn zuerst in einen kalten Raum tun und ihn mit Schnee abreiben. Wenn einer sein Leben lang mit Gefhlen erfroren ist, platzt der Organismus, wenn du ihn warm behandelst, das kann er nicht vertragen.

ROSA: Glaubst du, da Liebe etwas Negatives ist? Das Verliebtsein, das auf eine Person bezogene Lieben, da man sagt: Da ist eine Person, und nur diese eine Person kommt jetzt fr mich emotional in Frage...

HELGA: Du, so wie es jetzt ist, ist das alles Krankheit. Wir sind als Kinder so vernachlssigt worden, der Volker hat in seinem neuen Buch "DAS PARADIES DER VTER" gesagt: Wir knnen eine Zweierbeziehung im Moment nur auf oraler Basis leisten. Das heit, wir mssen uns gegenseitig fttern und Sicherheit und Wrme geben. Wir mssen einmal unser Ego auffllen. Jetzt mal ein Beispiel: Einer, der will ein Auto haben, kauft es. Einmal mu er die Schnauze voll gehabt haben mit Auto, dann kann er auch das Auto lassen. Dann ist es gar nicht mehr so wichtig. So ist das mit allem. Jeder mu einmal sein Ego auffllen mit Sicherheit und Wrme und gefttert werden. Dann knnen wir uns erst genital ffnen. Wir haben das nicht gelernt. Im Patriarchat gibt es das nicht. Das sind Augenblickssachen. Wir haben unten eine Vitalschicht, und dann haben wir Ha, Ekel, Aggression Schleimigkeit und droben die Charaktermaske. Wenn wir uns mit der Charaktermaske begegnen, dann geht das noch einigermaen. Der hat einen Porsche, und der verdient gut, und sie hat blonde Haare und tat und Mammi und Pappi und so. Aber wenn nun die Durchbrche kommen, pltzlich erinnert sich einer, dieser Mensch zieht die Nase hoch wie meine Mutter. Scheimutter! Ich mu immer ein Taschentuch nehmen, und die zieht die Nase hoch! Und pltzlich ist er mittendrin in den negativen und kranken Gefhlen. Der kapiert ja gar nichts, der redet immer schn weiter. Das ist unsere Krankheit, die mssen wir bearbeiten.

ROSA: Wenn du nun 30 Jahre jnger wrst, wrdest du dich mit so einer offenen Sexualpolitik vor Angeboten kaum retten knnen, also es wrden praktisch Schlangen stehen, und jeder wrde sagen: Mit der mchte ich ficken. Das passiert ja den meisten jungen Frauen, die werden nur als Sexualobjekt gesehen und mssen sich wehren. Wie wrdest du dich da wehren? Ich meine, du knntest ja nicht mit 1000 Leuten...

HELGA: In Hamburg war das am Anfang so, da Tag und Nacht das Telefon ging, und die wollten auch alle einmal mit HG und alles ist OK. Die dachten, wenn sie einmal mit Helga Goetze bumsen, ist ihr ganzes Problem gelst. Nachher habe ich gesagt: Das knnt ihr euch gar nicht leisten. Ich kann mir auch keinen Porsche leisten. Bei mir kosten die Stunden inzwischen 500 Mark. Also fr 500 Mark kann man doch in einer Stunde gar keinen Spa kriegen. Das haben die auch schon mitgekriegt. Ich habe denen gesagt: "Ich habe den Tripper! Was willst du? Fa mich nicht an." Also, wenn du mich fragst, wie ich mich wehren soll...

ROSA: Ja, aber ich meine, das ist doch die Situation, der Mann ist erzogen, aggressiv zu sein, zu werben, dauernd zu sagen, wo kriege ich etwas zum Ficken her? Die Frau wird erzogen, sich zu schtzen. Das heit, sie wird dauernd angeguckt, angegeilt von allen Selten und mu ja irgendwo eine Auswahl treffen, sie will nicht nur diesen Fick und dann weg, sondern sie will Wrme, sie will eine Beziehung, ja?

HELGA: Im Moment verweigern sich die Frauen und ich bin auch am Verweigern. Auch dieser Mann, der drei Jahre in meiner Nhe ist, eigentlich viele Kenntnisse hat, und sie eigentlich nur dazu benutzte, sich nicht verndern zu mssen, ist eigentlich gegen mich. Wenn er sich ekelt, glaubt er, ist es OK, was soll ich dabei machen? Der soll zu Leuten hingehen, wo er sich nicht ekelt. Aber das ist so, die jungen Frauen, die wollen seine Art auch nicht. Ich sage: Ihr mt solchen Frust haben, da ihr nicht mehr vor und nicht mehr zurck knnt. Solange die Leute noch einen neurotischen Ersatz haben, solange sie noch Fernsehen haben oder die Feten und noch ein Kino und noch ein Kino, ist mit ihnen nichts anzufangen. Erst wenn die Leute keine Ersatzhandlung mehr machen knnen, wenn sie wirklich wissen, ich bin das, und ich habe Schmerzen, und ich mchte gerne etwas machen, und an der Stelle kann ich nachher sein, ich bin jetzt am Resignieren, ich wei den nchsten Schritt nicht mehr, dann ist ihnen zu helfen.

ROSA: Was wrdest du einer jungen Frau raten, wie sie sich zurecht finden soll mit Mnnern?

HELGA: Ich wei berhaupt nichts mehr. Gestern hat mich eine Freundin aus Hamburg angerufen. 42 Jahre alt, ihre Tochter ist ein halbfarbiges Kind, 16 Jahre alt. "Stell dir vor" sagt sie, "die will doch nun mit diesem Nelson ficken. Aber ich habe gesagt: Bitte nicht in meiner Wohnung. Das geht ja nicht. Du mut Rcksicht nehmen. Da ist doch noch Eddy, der ist erst zehn Jahre alt." Da sagte die Tochter: "Wo sollen wir denn hingehen?"

Die Eltern, die sind Portugiesen. Es gibt nichts in dieser Gesellschaft, die knnen hinter den Busch gehen. Das haben sie ein-, zweimal gemacht und beim dritten Mal ist nichts mehr. Ich rate berhaupt keinem mehr etwas. Wo sind jetzt angstfreie Rume zum Einben der Sexualitt? In dieser Gesellschaft kann keiner seine Bedrfnisse befriedigen, weder ein junges Mdchen noch ein altes Mdchen, weder ein junger noch ein alter Mann. Die Mnner haben sich noch ein paar Freirume geschaffen, ihre Schwulitt ist ja eine Mglichkeit, krperlich.

ROSA: Hast du lesbische Erfahrungen... Hast du mit einer Frau geschlafen?

HELGA: Ich habe lesbische Erfahrungen, gefickt, gerhrt und...

ROSA: Hat dir das Spa gemacht?

HELGA: Ja, mit Frauen, die sich verndern wollen, aber mich nicht grabschen wollen. Es gibt ja welche, die wollen mich grabschen.

ROSA: Wie siehst du den Unterschied zwischen einem krperlichen Fick zu einer Frau oder zu einem Mann?

HELGA: Ach, bei mit ist das so, ich will einen Schwanz in der Mse haben, und das andere ist einfach so. Z.B. wir haben mit Friedel auch schon zu dritt gefickt. Nelu, Friedel und ich. Friedel hatte Angst wegen ihrer Schwangerschaft oder so, hatte wohl nichts vorgesorgt, da hat der Nelu bei mir abgespritzt. Das war schon warm, mit Friedel habe ich mich gut gefhlt. Aber die Natur ist die Natur, ich habe die Natur nicht gemacht. Ein Baum ist total androgyn, der Stamm ist der Schwanz, die Krone da oben ist die Mse.

OH SCHNER BAUM, OH SCHNER BAUM

Wie stark ist doch dein Stamm nur

Du fickst mich nur zur Sommerzeit... nein auch im Winter

Wenn ich das singe in einer Veranstaltung und es ist gerade mal Unruhe reingekommen, dann ist alle Unruhe weg. Ich sage: "Jetzt sing ich schnell ein paar Weihnachtslieder. Weihnachten kann jede Nacht sein."

ROSA: Bist du jeden Tag unterwegs?

HELGA: Nein. Ich bin immer hier und das einzige, was ich mir jeden Tag eine Stunde im Caf Kreuzberg hole, ist Kommunikation. Ich spreche immer Leute an. Z.B.: Vorgestern traf ich eine Frau mit einem mongoloiden Kind, die ist 27, das Kind ist ein Jahr, und der Mann ist auch 27. Der Mann ist total regrediert, der spielt Baby. Sie mu heizen, sie mu den Mann wecken, dann brummt er sie noch an. Aber wenn der Mann das Baby schmust, dann ist sie total eiferschtig. Er soll sie schmusen, und sie sagt: "Ich wei nicht mehr, was ich soll. Ich mu von da weggehen, aber wohin? Ich habe doch kein Geld." In dieser Gesellschaft kann man nichts machen. Ich rate keinem mehr etwas. So laut schreien, da man sagt: Zuerst das Ficken und die Freude fr all die ausgegeilten Leute, und dann die Arbeit und das Wissen und miteinander leben mssen. Das mit diesem "Ficken ist kologie", das ist mir erst krzlich aufgegangen. Ich habe das Buch von Herbert Gruhl gelesen: EIN PLANET WIRD GEPLNDERT! Da schreibt er: Auch die Marxisten haben einen falschen Rechenansatz. Die rechnen Erde, Wasser, Luft nicht mit. Das bedeutet, jeder schmeit seinen Schei ins Meer, bis das Meer umkippt. Man merkt immer erst an den Schden die kologie. Da ist mir aufgegangen, so ist das mit Sexualitt. Die saufen, die rauchen, die haben nachher Krankheiten, und erst wenn die Krankheiten auftreten, dann machen sich die Leute Gedanken ber Spannungen. Ich lese in keinem Buch, da das Ficken wichtig ist. Das ist eine Art privater Jux, den man sich von Zeit zu Zeit leisten kann. Ich will, da Sexualitt eine Grundtatsache ist, es gehrt zum Leben dazu. Wenn ich morgens gefickt habe, kann ich besser arbeiten, wenn ich abends gefickt habe, kann ich besser schlafen. Ich bin primitiv.

ROSA: Wie ist dein Tagesrhythmus? Hast du einen bestimmten Rhythmus, bist du Frhaufsteherin oder...

HELGA: Na ja, im Moment ist das so, da ich nicht frh aufstehen mu. Ich stehe um acht oder neun auf. Montags hole ich mir den SPIEGEL, donnerstags die ZEIT. Dann mache ich jeden Tag Aufzeichnungen ber das, was ich erlebe. Ich schreibe jeden Monat 50 bis 100 Seiten. Ich habe 30 Aktenordner vollgeschrieben, das ist immer so eine Art Katharsis.

ROSA: Das machst du seit 1973?

HELGA: Seit 1970. Ich sammle seit 1952 alle meine Durchschlge, alles, was ich damals an Familienbriefen geschrieben habe, das ist nicht viel, aber es knnte auch Material sein. Ich wollte das schon alles wegschmeien, aber Volker sagte: "Wehe!"

ROSA: Du hast nur ein einziges Buch mit Gedichten verffentlicht?

HELGA: Ich habe bei Castaneda einen schnen Satz gelesen: Der Krieger schreibt als Lehrling. Ich dachte: Das ist schn! Ich schreibe also nicht wegen des Effekts, sondern nur, um Druck zu lsen.

ROSA: Du bietest deine Sachen auch nicht an?

HELGA: Nee, ich wei nicht mehr, wo ichs anbieten soll. Ich habe sie mal an den Helmut Braun Verlag geschickt, weil mir eine sagte, die wren aufgeschlossen, da in Kln. Da habe ich einen Zwischenbescheid gekriegt und nachher einen Brief, sie htten groes Interesse, aber das wre alles so privat, und daraus knnte man doch keine Literatur machen, sie wnschen mir einen guten Sachbuch-Verlag.

Hier: Ich bin so allein und die Leute rennen alle ins Kino, der Supermann, die Killer, lange erwartet. Hier ist die Rosenhecke, und das ist die Gromutter, die macht Doktorspiele mit den Kindern, und Frauen und Kinder haben keine Seele, und die Kinder sind bse von Jugend an. Das sind Sprichwrter im Patriarchat. Der Krieg ist der Vater aller Dinge und die Liebe sollte die Mutter aller Menschen sein, aber das haben wir nicht gelernt. In dieser Gesellschaft, so wie wir sind, ist nichts zu erwarten. Ich gebe keinem mehr Trost und Hoffnung. Ich bin hier keine Maria, die das alles auf sich nimmt.

ROSA: Bist du viel allein?

HELGA: Ja. Aber das ist auch meine selbstndig gewollte Einsamkeit. Sonnabend war ich z.B. zu einer Party eingeladen. Du, da bin ich drei Stunden gewesen, habe die letzte halbe Stunde mit meinem Neurotikerkleid getanzt und bin dann weggegangen. Die tranken ein Bier ans andere. Das war nicht mein Fest.

ROSA: Du hast die Energie und die Disziplin, viel zu schreiben und viel zu malen. Du liest auch sehr viel?

HELGA: Ja. Dann immer mit diesem Malen, das ist ja fr mich irre. Pa auf! Da kann ich dir eine Geschichte erzhlen. Hinter dir ist ein Bild, das heit "Sophia". Ich habe ein Buch gelesen, MENSTRUATION, MAGIE, HEILEN. Das handelt von einer Therapeutin, die mit sechs Frauen auf die Reise nach Innen gegangen ist, und zwar Frauen, die starke Menstruationsbeschwerden hatten. Wir Frauen sind alle unglaublich beschmt an der Stelle, Schweinerei! Beim Lesen habe ich sehr viel geheult, habe auch sechs Seiten abgeschrieben. Da stand drin: Man soll mal nach innen sinken in seine Gefhle und sehen, wer sein objektiver Berater ist, und wer sein subjektiver Berater ist. Auf einmal habe ich gedacht: Meine objektiver Berater sind Maria und Jesus. Und zwar, Maria, diese Scheitrine, die hat sich von den Mnnern in den Himmel setzen lassen. Ich zog Maria an ihrem blauen Kittel, jetzt mal runter hier auf die Erde! Immer wird den Kindern ein Kreuz aufgerichtet. Du stehst am Kreuz und weinst, du hast die Kreuze miterrichtet. Ich sage: Jetzt hier auf der Erde Ordnung machen, Maria! Hr mal, dein dummer Spinnkram, den du da machst, und die Mnnergeschfte, die du wieder alle in Ordnung bringst, weil die dich da als Attrappe benutzen, das will ich nicht mehr. Jesus ist ja schon in Ordnung, der hat gesagt: Wer ohne Fehler ist, werfe den ersten Stein. Und liebe deinen Nchsten wie dich selbst. Das sind hier meine objektiven Berater, paߒ auf. Hier ist Maria und das ist Jesus. Jesus guckt die Mse seiner Mutter an. Wir mssen alle an die Mse unserer Mtter zurck, jeder Mann und jede Frau. Dann habe ich hier einen Schleier gemalt. Und zwar oben ist der blau, das hat etwas mit denken zu tun, und grn hat etwas mit Tatkraft zu tun. Und da habe ich das auf mein Kleid gemalt, das ist das Motiv, das Tabernakel, das Geheimnis.

ROSA: Dieses Kleid ziehst du fters an?

HELGA: Na ja, ich habe immer ein bichen Angst, weil das ja nicht gewaschen werden kann. Dann habe ich drber nachgedacht, und da ist ganz etwas Irres passiert, als ich nachdachte, wer mein subjektiver Berater ist. Ich habe 1969 ein Gedicht geschrieben, als ich noch nicht wute, da ich eine Dichterin bin, und zwar ber Sophia. Sophia heit die Weisheit. Meine subjektive Beraterin ist Sophia:

ROSA: Was glaubst du, wie sieht das aus, wenn Du lter wirst. Wirst du immer versuchen, weiter Sexualitt zu haben?

HELGA: Ich mach mir nie ber ungelegte Eier Gedanken. Kommt Zeit, kommt Rat. Ich bin im Moment noch so schn krperlich, ich tanze unglaublich gern. Ich kann reden und mich bewegen. Warum soll ich nicht sagen, da ich ficken will und sonst nichts! Versteh mal, alles andere habe ich ausprobiert. Ich habe schon alternatives Gemse gezogen, als es noch gar nicht so hie. Wir hatten zwanzig Jahre eigenes Gemse. Ich habe sieben Kinder fr diese Gesellschaft kaputtgemacht und wei unglaublich gut, wovon geredet wird. Eine studiert noch, und eine ist Bankangestellte, eine lebt in Sdfrankreich, macht das Alternativleben. Ich habe berall Praxis, verstehst du?

ROSA: Wie reagieren deine Kinder jetzt auf dich?

HELGA: Mechthild hat mich am meisten verstanden. Die ist jetzt 24 und hat mal in einer ffentlichen Veranstaltung gesagt: "Sie hat auch das Recht auf ihr eigenes Leben!" Als ich mal so jammerig gesagt habe: "Ich habe euch im Stich gelassen," da hat sie geantwortet: "Bring deine Sachen in Ordnung, dann hilfst du uns am meisten." Das Ist ein ganz toller Satz, bring deine Sachen in Ordnung.

ROSA: Und die anderen?

HELGA: Du, mehr oder weniger. Die lteste z.B. hat acht Jahre mit einem Mann gelebt, dessentwegen sie sich hat sterilisieren lassen. Der wollte sie total als Mama und Kind und wei der Geier, was. Nach acht Jahren haben sie zwei Jahre in Sdfrankreich gelebt. Sie wollten ein alternatives Leben. Dort hat sie einen Franzosen kennengelernt und hat einen schnen Sommer mit Serge erlebt. Doch Serge soff und wurde immer aggressiver. Er klaute auch und stellte die geklauten Sachen auf ihrem Grundstck ab. Sie sollte ausgewiesen werden. Da hat sie ihn rausgeschmissen. Ihr Mann ging auch, und sie war allein da in Sdfrankreich. Sie berlegte, was als Nchstes zu tun sei, und sie wollte ein Kind. Sie hat sich aus Haiti ein einjhriges Kind geholt, das ist jetzt drei Jahre alt, und seit der Zeit sind wir wieder in Kommunikation. Sie liest auch meine Durchschlge. Ich habe jetzt gerade einen Brief von einer franzsischen Lehrerin bekommen, die hat eine Frenet-Alternativschule in Frankreich, und die haben bei meiner Tochter eine Woche lang getpfert, also eine Schulklasse. Ich will im Frhjahr meine Tochter besuchen. Meine Tochter hat auch den magischen Kreis berschritten, seit der Zeit konnte sie auch wieder mit mir Kontakt aufnehmen. Ein Sohn idealisiert mich sehr. Ich wei nicht, wie ich ihn dazu bringen kann, da er wei, da ich ihn als Sugling habe schreien lassen, und da er erst den Ha rausbringen mu, sonst ist alles verlogen. Ein Sohn will nichts mehr mit mir zu tun haben. Eine Tochter ist Lehrerin fr Atmung und Stimme, mit der habe ich auch keinen Kontakt.

ROSA: Wie haben sie das geuert, weshalb sie den Kontakt abgebrochen haben?

HELGA: Bei der ltesten habe ich das richtig mitgekriegt. Ich habe mir doch dieses Institut fr Sexualinformation ber Gewerbeschein geholt. Ich hatte ein Schild an der Haustr. Als sie das erste Mal zu Besuch kam, da ist die nicht ins Haus reingekommen. Sie blieb vor dem Schild stehen und kam nicht rein. Der Ulrich hat mir 1972 einen Brief geschrieben. Seitdem er mitbekommen htte, da ich auf Annoncen schreibe und selber welche in die Zeitung setze, knnte er mich nicht mehr als Mutter bezeichnen.

ROSA: Hast du keinen Kontakt mehr zu ihm?

HELGA: Kinder sind Gste im Elternhaus, und Kinder sind mehr oder weniger unsere Freunde. Man hlt, was man lt! Kinder brauchen auch ihre eigene Zeit. Bei der ltesten habe ich das mitgekriegt, da die jetzt erst fr meine Sachen offen ist, weit du? Die vier ltesten haben meine Lernprozesse nicht mitbekommen, aber die drei Jngeren haben die mitbekommen, und zu denen habe ich einen besseren Kontakt. Die haben gesehen, wie das ging, da Mutter manchmal Besuch hatte und Vati jetzt zur Eva hinfhrt. Die haben gesehen, da das auch eine Mglichkeit ist.

ROSA: Du bist In dieser Kommune von Otto Muehl gewesen. Wie lange warst Du da?

HELGA: Ich war 1975 elf Tage da. Da habe ich am neunten Tag die Haare zur Glatze schneiden lassen. Das war fr mich ein unglaubliches Erlebnis, weil... du kannst ja jetzt meine Haare sehen. Ich habe nie den Standard erfllt. Ich bin jahrelang zum Friseur gelaufen. Ich wollte auch wie andere Frauen aussehen. Jahrelang trug ich Dauerwellen und eine Percke. Fr mich war das so unglaublich wichtig, da mal die Haare einfach weg waren. Das hat die AAO auch mitbekommen, diese Gruppe von Otto Muehl. Die haben 1973 auf dem Acker gearbeitet, die Mnner hatten ursprnglich lange Haare, das war so eine Hippie-Kommune, mit langen Haaren und langen Brten. Doch bei der Arbeit auf dem Acker haben die Haare gestrt, und so haben die Mnner Haare und Brte abrasiert. Da wollten die Frauen das auch. Sie entdeckten, da die Leute pltzlich ganz schne klare Gesichter hatten. Wieviel Neurose in den Haaren sitzt! Viele Mnner kriegen frh eine Glatze. Wenn ein Mdchen schne blonde Locken hat, dann heit das nicht, das ist ein schnes Mdchen, sondern: Guck mal, die Blonde da! Dann geht es blo um die Haare.

ROSA: Wurdest du akzeptiert in der Kommune?

HELGA: Ich hatte zuerst nicht so richtig kapiert, was da luft. Als ich hinkam, da hie es: Helga Goetze zieh dich aus. Ich hatte einen Bstenhalter, einen Gummistrumpf, einen Hfthalter und fing da vor der ganzen Gruppe an, meine Sachen runterzufummeln. Das hat fr mich alles irgendwie sehr viel bedeutet. Das mu einmal gemacht werden. Dann zu sagen: Hier, Hallo! Ich bin 52 Jahre alt. Damals war ich 52, das ist sechs Jahre her.

ROSA: Warst du die lteste dort?

HELGA: Ja. Dann war es so, da die damals so eine Art Schreitherapie hatten. Ich dachte: Du kannst gar nicht schreien. Dann bin ich aufs Feld gegangen und habe angefangen zu schreien, weil ich so eine gute Schlerin bin und habe gedacht: Du mut deine Aufgaben richtig machen. Beim Schreien habe ich angefangen zu heulen. Na, ja. Da habe ich gemerkt, da ich ganz schn schreien kann, da ich sehr viel Ha und Ekel und Aggression drauf habe. Ich bin nach elf Tagen weggefahren. Der Mann, mit dem ich dahin gefahren war, hat mich am zweiten Tag wie eine heie Kartoffel fallen lassen, weil ich vor der Gruppe keinen guten Eindruck machte. Er hatte mich als die groe Helga aus Hamburg angekndigt und erwartet, da ich einen guten Eindruck mache. Aber wenn du in eine Gruppe kommst, wo du die Spielregeln gar nicht kennst... ich habe keinen guten Eindruck gemacht, verstehst du? Das war ihm derart peinlich, da er sich lieber zum Papa hingeschlagen hat die Mnner sind raffiniert von Mama kriegt man ja sowieso nachher nicht soviel sozial mit, wie von Papa. Er ist ein Dreivierteljahr in der Gruppe geblieben. Im vorigen Jahr hat er sich das Leben genommen. Als ich weggefahren war von der Gruppe, wollte ich auch so eine Gruppe haben. Ich will Leute haben, die an der Sexualitt arbeiten wollen. Da habe ich alle Leute gefragt. Wir waren zuerst vier Leute. Michael war 19, Bernd war 21, Monika war 28 und ich. Wir hatten eine groe 6-Zimmer-Wohnung, 1200 Mark Miete. Ein Vater hat gebrgt fr die Wohnung, und so haben wir angefangen. Nach zwei Monaten ist der Bernd weggegangen. Der war derart aggressiv, der hat Flaschen an die Wand geschmissen, der hat Monika geschlagen, der hat Gitarren und einen Tisch kaputtgeschlagen. Wir wuten berhaupt nicht, was los war. Nachher ist er zu einer Mitschlerin gegangen, und das war eine strenge Mammi und da kam raus, da der das gar nicht vertragen hat, Gefhle freizulassen. Der wollte eine strenge Mammi. Nach zwei Monaten war unsere Gruppe eigentlich schon ein Fiasko.

ROSA: Habt ihr Gruppensex gemacht?

HELGA: Wir haben immer nur getan, was sich ergeben hat, aus der Situation heraus. Aber, nee!

ROSA: Und bei Muehl? Hattest du da Gruppensex?

HELGA: Nee. Die machen auch geregelten Sex. Da hat jede Frau ein Doppelbett, und jede Frau soll auf den Mann zugehen, mit dem sie was machen mchte. Da waren die Mnner meist impotent und aggressiv, weil der Mann ja gewohnt ist, da die Aufforderung von ihm ausgeht. Dann merken sie, da das eigentlich alles Krankheit ist. Krankheit sind Krnkungen wir sind alle bis in die tiefste Seele hinein gekrnkt. Die Mtter sind der schlimmste Krankheitsherd der Gesellschaft. Wir Frauen sind 6000 Jahre gedemtigt worden. Wir Frauen hatten keinen eigenen Namen und kein eigenes Geld und nur so viele Gefhle, wie Pappi uns zugeteilt hat. Da sagte einer zu mir: "Doof fickt gut." Ich sagte: "Klar! Gleich und gleich gesellt sich gern. Ich kriege ja nun alles ab. Ich kriege es auch von den jungen Frauen ab. Krzlich war ich in so einer Pinte und habe da spontan meine Gedichte gesagt, da meint so ein junges, niedliches Mdchen: "Wie die aussieht!" Hinterher ist sie aber zu mir gekommen und wollte etwas von sich erzhlen. Aber im ersten Moment wei jede Frau, wie man auszusehen hat, wenn man auf dem Markt der Eitelkeit noch mitspielen will. Frauen passen besonders stark auf.

ROSA: Wie siehst du die Schwierigkeit z.B. von Leuten in bezug auf dein Alter und deine Person? Ich meine, Leute haben gelernt, auf Reklamepuppen oder so geil zu werden...

HELGA: Ja, aber siehst du, da passiert oft ganz etwas Ses. Der Christoph z.B. hatte eine ganz emotionale Gromutter, und zwar eine Gromutter, die soff, und du weit, was das heit, eine Familie mit einer saufenden Gromutter! Die hat sich aber viel um ihn gekmmert, und ich habe oft erlebt, da die Gromtter oft die einzigen waren, die emotional mit den Kindern umgingen, krperlich und offen, und pltzlich geht das ber die Gromtter sehr gut.

ROSA: Das heit, das Ficken mit der Gromutter?

HELGA: Ja. Einfach, da ich ihnen das berlasse, da sie es gestalten drfen, da sie auch ihre Zeit bestimmen drfen. So der Satz: Ich htte viel mehr begriffen, wenn man mir nicht soviel erklrt htte, da ich ihnen ihre Zeit lasse, da sie mich nach zwei bis drei Jahren anrufen und sagen: Helga, wir haben ja damals gar nichts begriffen. So wie der Christoph schrieb: Du hast mir ja damals Liebesbriefe geschrieben, die lese ich jetzt. Nach drei Jahren ist ihm das aufgegangen. Das sind Lernprozesse und das Lernen tut weh, weil wir so verhungert und vernachlssigt sind in unserem Kopf, mit unseren komischen Rubergeschichten...

ROSA: Bist du aggressiv? Gehst du aggressiv auf die Leute zu und sagst: Jetzt wird gefickt?

HELGA: Nein. Volker hat gesagt, er htte gar nicht gewut, da es soviel Sanftheit gibt. Ich bin wie ein Oberbett.

ROSA: Haben die Leute Angst vor dir, vor deiner Direktheit?

HELGA: Ja, klar. Ich komm ja nicht selber dahinter. Z.B. jetzt mal wieder praktisch. Da haben drei Leute mit mir eine Kassette gemacht. Die waren Karfreitag hier. Eine Tonkassette, es ist sehr schn gewesen. Der eine hat mir gleich hinterher selbst Gedichte gemacht.

In meiner Umgebung fangen die Leute pltzlich an zu malen und Gedichte zu machen. Irgendwie fngt das pltzlich an, anzuregen. Hier war ein Straenfest im August, und da war dieser Mann, Karl-Heinz. Ich wollte schrecklich gern, da er mitkommt. Da habe ich ihn so ein bichen drngeln mssen, da ist er mitgekommen. Es war unglaublich schn. Aber ein zweites Mal ist er nicht wiedergekommen. Ich hatte jetzt einen Auftritt, und da kam er mit seiner Freundin. Ich fragte ihn: "Wie ist das eigentlich, wenn man zu Helga Goetze geht?" Er sagte: "Warm, unglaublich warm!" Mir hat einer mal erklrt: Das ist wie in der Physik. Das mut du physikalisch verstehen. Wenn ein Mensch erfroren ist, dann mu man ihn zuerst in einen kalten Raum tun und ihn mit Schnee abreiben. Wenn einer sein Leben lang mit Gefhlen erfroren ist, platzt der Organismus, wenn du ihn warm behandelst, das kann er nicht vertragen.

ROSA: Glaubst du, da Liebe etwas Negatives ist? Das Verliebtsein, das auf eine Person bezogene Lieben, da man sagt: Da ist eine Person, und nur diese eine Person kommt jetzt fr mich emotional in Frage...

HELGA: Du, so wie es jetzt ist, ist das alles Krankheit. Wir sind als Kinder so vernachlssigt worden, der Volker hat in seinem neuen Buch "DAS PARADIES DER VTER" gesagt: Wir knnen eine Zweierbeziehung im Moment nur auf oraler Basis leisten. Das heit, wir mssen uns gegenseitig fttern und Sicherheit und Wrme geben. Wir mssen einmal unser Ego auffllen. Jetzt mal ein Beispiel: Einer, der will ein Auto haben, kauft es. Einmal mu er die Schnauze voll gehabt haben mit Auto, dann kann er auch das Auto lassen. Dann ist es gar nicht mehr so wichtig. So ist das mit allem. Jeder mu einmal sein Ego auffllen mit Sicherheit und Wrme und gefttert werden. Dann knnen wir uns erst genital ffnen. Wir haben das nicht gelernt. Im Patriarchat gibt es das nicht. Das sind Augenblickssachen. Wir haben unten eine Vitalschicht, und dann haben wir Ha, Ekel, Aggression Schleimigkeit und droben die Charaktermaske. Wenn wir uns mit der Charaktermaske begegnen, dann geht das noch einigermaen. Der hat einen Porsche, und der verdient gut, und sie hat blonde Haare und tat und Mammi und Pappi und so. Aber wenn nun die Durchbrche kommen, pltzlich erinnert sich einer, dieser Mensch zieht die Nase hoch wie meine Mutter. Scheimutter! Ich mu immer ein Taschentuch nehmen, und die zieht die Nase hoch! Und pltzlich ist er mittendrin in den negativen und kranken Gefhlen. Der kapiert ja gar nichts, der redet immer schn weiter. Das ist unsere Krankheit, die mssen wir bearbeiten.

ROSA: Wenn du nun 30 Jahre jnger wrst, wrdest du dich mit so einer offenen Sexualpolitik vor Angeboten kaum retten knnen, also es wrden praktisch Schlangen stehen, und jeder wrde sagen: Mit der mchte ich ficken. Das passiert ja den meisten jungen Frauen, die werden nur als Sexualobjekt gesehen und mssen sich wehren. Wie wrdest du dich da wehren? Ich meine, du knntest ja nicht mit 1000 Leuten...

HELGA: In Hamburg war das am Anfang so, da Tag und Nacht das Telefon ging, und die wollten auch alle einmal mit HG und alles ist OK. Die dachten, wenn sie einmal mit Helga Goetze bumsen, ist ihr ganzes Problem gelst. Nachher habe ich gesagt: Das knnt ihr euch gar nicht leisten. Ich kann mir auch keinen Porsche leisten. Bei mir kosten die Stunden inzwischen 500 Mark. Also fr 500 Mark kann man doch in einer Stunde gar keinen Spa kriegen. Das haben die auch schon mitgekriegt. Ich habe denen gesagt: "Ich habe den Tripper! Was willst du? Fa mich nicht an." Also, wenn du mich fragst, wie ich mich wehren soll...

ROSA: Ja, aber ich meine, das ist doch die Situation, der Mann ist erzogen, aggressiv zu sein, zu werben, dauernd zu sagen, wo kriege ich etwas zum Ficken her? Die Frau wird erzogen, sich zu schtzen. Das heit, sie wird dauernd angeguckt, angegeilt von allen Selten und mu ja irgendwo eine Auswahl treffen, sie will nicht nur diesen Fick und dann weg, sondern sie will Wrme, sie will eine Beziehung, ja?

HELGA: Im Moment verweigern sich die Frauen und ich bin auch am Verweigern. Auch dieser Mann, der drei Jahre in meiner Nhe ist, eigentlich viele Kenntnisse hat, und sie eigentlich nur dazu benutzte, sich nicht verndern zu mssen, ist eigentlich gegen mich. Wenn er sich ekelt, glaubt er, ist es OK, was soll ich dabei machen? Der soll zu Leuten hingehen, wo er sich nicht ekelt. Aber das ist so, die jungen Frauen, die wollen seine Art auch nicht. Ich sage: Ihr mt solchen Frust haben, da ihr nicht mehr vor und nicht mehr zurck knnt. Solange die Leute noch einen neurotischen Ersatz haben, solange sie noch Fernsehen haben oder die Feten und noch ein Kino und noch ein Kino, ist mit ihnen nichts anzufangen. Erst wenn die Leute keine Ersatzhandlung mehr machen knnen, wenn sie wirklich wissen, ich bin das, und ich habe Schmerzen, und ich mchte gerne etwas machen, und an der Stelle kann ich nachher sein, ich bin jetzt am Resignieren, ich wei den nchsten Schritt nicht mehr, dann ist ihnen zu helfen.

ROSA: Was wrdest du einer jungen Frau raten, wie sie sich zurecht finden soll mit Mnnern?

HELGA: Ich wei berhaupt nichts mehr. Gestern hat mich eine Freundin aus Hamburg angerufen. 42 Jahre alt, ihre Tochter ist ein halbfarbiges Kind, 16 Jahre alt. "Stell dir vor" sagt sie, "die will doch nun mit diesem Nelson ficken. Aber ich habe gesagt: Bitte nicht in meiner Wohnung. Das geht ja nicht. Du mut Rcksicht nehmen. Da ist doch noch Eddy, der ist erst zehn Jahre alt." Da sagte die Tochter: "Wo sollen wir denn hingehen?"

Die Eltern, die sind Portugiesen. Es gibt nichts in dieser Gesellschaft, die knnen hinter den Busch gehen. Das haben sie ein-, zweimal gemacht und beim dritten Mal ist nichts mehr. Ich rate berhaupt keinem mehr etwas. Wo sind jetzt angstfreie Rume zum Einben der Sexualitt? In dieser Gesellschaft kann keiner seine Bedrfnisse befriedigen, weder ein junges Mdchen noch ein altes Mdchen, weder ein junger noch ein alter Mann. Die Mnner haben sich noch ein paar Freirume geschaffen, ihre Schwulitt ist ja eine Mglichkeit, krperlich.

ROSA: Hast du lesbische Erfahrungen... Hast du mit einer Frau geschlafen?

HELGA: Ich habe lesbische Erfahrungen, gefickt, gerhrt und...

ROSA: Hat dir das Spa gemacht?

HELGA: Ja, mit Frauen, die sich verndern wollen, aber mich nicht grabschen wollen. Es gibt ja welche, die wollen mich grabschen.

ROSA: Wie siehst du den Unterschied zwischen einem krperlichen Fick zu einer Frau oder zu einem Mann?

HELGA: Ach, bei mit ist das so, ich will einen Schwanz in der Mse haben, und das andere ist einfach so. Z.B. wir haben mit Friedel auch schon zu dritt gefickt. Nelu, Friedel und ich. Friedel hatte Angst wegen ihrer Schwangerschaft oder so, hatte wohl nichts vorgesorgt, da hat der Nelu bei mir abgespritzt. Das war schon warm, mit Friedel habe ich mich gut gefhlt. Aber die Natur ist die Natur, ich habe die Natur nicht gemacht. Ein Baum ist total androgyn, der Stamm ist der Schwanz, die Krone da oben ist die Mse.

OH SCHNER BAUM, OH SCHNER BAUM

Wie stark ist doch dein Stamm nur

Du fickst mich nur zur Sommerzeit... nein auch im Winter

Wenn ich das singe in einer Veranstaltung und es ist gerade mal Unruhe reingekommen, dann ist alle Unruhe weg. Ich sage: "Jetzt sing ich schnell ein paar Weihnachtslieder. Weihnachten kann jede Nacht sein."

ROSA: Bist du jeden Tag unterwegs?

HELGA: Nein. Ich bin immer hier und das einzige, was ich mir jeden Tag eine Stunde im Caf Kreuzberg hole, ist Kommunikation. Ich spreche immer Leute an. Z.B.: Vorgestern traf ich eine Frau mit einem mongoloiden Kind, die ist 27, das Kind ist ein Jahr, und der Mann ist auch 27. Der Mann ist total regrediert, der spielt Baby. Sie mu heizen, sie mu den Mann wecken, dann brummt er sie noch an. Aber wenn der Mann das Baby schmust, dann ist sie total eiferschtig. Er soll sie schmusen, und sie sagt: "Ich wei nicht mehr, was ich soll. Ich mu von da weggehen, aber wohin? Ich habe doch kein Geld." In dieser Gesellschaft kann man nichts machen. Ich rate keinem mehr etwas. So laut schreien, da man sagt: Zuerst das Ficken und die Freude fr all die ausgegeilten Leute, und dann die Arbeit und das Wissen und miteinander leben mssen. Das mit diesem "Ficken ist kologie", das ist mir erst krzlich aufgegangen. Ich habe das Buch von Herbert Gruhl gelesen: EIN PLANET WIRD GEPLNDERT! Da schreibt er: Auch die Marxisten haben einen falschen Rechenansatz. Die rechnen Erde, Wasser, Luft nicht mit. Das bedeutet, jeder schmeit seinen Schei ins Meer, bis das Meer umkippt. Man merkt immer erst an den Schden die kologie. Da ist mir aufgegangen, so ist das mit Sexualitt. Die saufen, die rauchen, die haben nachher Krankheiten, und erst wenn die Krankheiten auftreten, dann machen sich die Leute Gedanken ber Spannungen. Ich lese in keinem Buch, da das Ficken wichtig ist. Das ist eine Art privater Jux, den man sich von Zeit zu Zeit leisten kann. Ich will, da Sexualitt eine Grundtatsache ist, es gehrt zum Leben dazu. Wenn ich morgens gefickt habe, kann ich besser arbeiten, wenn ich abends gefickt habe, kann ich besser schlafen. Ich bin primitiv.

ROSA: Wie ist dein Tagesrhythmus? Hast du einen bestimmten Rhythmus, bist du Frhaufsteherin oder...

HELGA: Na ja, im Moment ist das so, da ich nicht frh aufstehen mu. Ich stehe um acht oder neun auf. Montags hole ich mir den SPIEGEL, donnerstags die ZEIT. Dann mache ich jeden Tag Aufzeichnungen ber das, was ich erlebe. Ich schreibe jeden Monat 50 bis 100 Seiten. Ich habe 30 Aktenordner vollgeschrieben, das ist immer so eine Art Katharsis.

ROSA: Das machst du seit 1973?

HELGA: Seit 1970. Ich sammle seit 1952 alle meine Durchschlge, alles, was ich damals an Familienbriefen geschrieben habe, das ist nicht viel, aber es knnte auch Material sein. Ich wollte das schon alles wegschmeien, aber Volker sagte: "Wehe!"

ROSA: Du hast nur ein einziges Buch mit Gedichten verffentlicht?

HELGA: Ich habe bei Castaneda einen schnen Satz gelesen: Der Krieger schreibt als Lehrling. Ich dachte: Das ist schn! Ich schreibe also nicht wegen des Effekts, sondern nur, um Druck zu lsen.

ROSA: Du bietest deine Sachen auch nicht an?

HELGA: Nee, ich wei nicht mehr, wo ichs anbieten soll. Ich habe sie mal an den Helmut Braun Verlag geschickt, weil mir eine sagte, die wren aufgeschlossen, da in Kln. Da habe ich einen Zwischenbescheid gekriegt und nachher einen Brief, sie htten groes Interesse, aber das wre alles so privat, und daraus knnte man doch keine Literatur machen, sie wnschen mir einen guten Sachbuch-Verlag.

Hier: Ich bin so allein und die Leute rennen alle ins Kino, der Supermann, die Killer, lange erwartet. Hier ist die Rosenhecke, und das ist die Gromutter, die macht Doktorspiele mit den Kindern, und Frauen und Kinder haben keine Seele, und die Kinder sind bse von Jugend an. Das sind Sprichwrter im Patriarchat. Der Krieg ist der Vater aller Dinge und die Liebe sollte die Mutter aller Menschen sein, aber das haben wir nicht gelernt. In dieser Gesellschaft, so wie wir sind, ist nichts zu erwarten. Ich gebe keinem mehr Trost und Hoffnung. Ich bin hier keine Maria, die das alles auf sich nimmt.

ROSA: Bist du viel allein?

HELGA: Ja. Aber das ist auch meine selbstndig gewollte Einsamkeit. Sonnabend war ich z.B. zu einer Party eingeladen. Du, da bin ich drei Stunden gewesen, habe die letzte halbe Stunde mit meinem Neurotikerkleid getanzt und bin dann weggegangen. Die tranken ein Bier ans andere. Das war nicht mein Fest.

ROSA: Du hast die Energie und die Disziplin, viel zu schreiben und viel zu malen. Du liest auch sehr viel?

HELGA: Ja. Dann immer mit diesem Malen, das ist ja fr mich irre. Pa auf! Da kann ich dir eine Geschichte erzhlen. Hinter dir ist ein Bild, das heit "Sophia". Ich habe ein Buch gelesen, MENSTRUATION, MAGIE, HEILEN. Das handelt von einer Therapeutin, die mit sechs Frauen auf die Reise nach Innen gegangen ist, und zwar Frauen, die starke Menstruationsbeschwerden hatten. Wir Frauen sind alle unglaublich beschmt an der Stelle, Schweinerei! Beim Lesen habe ich sehr viel geheult, habe auch sechs Seiten abgeschrieben. Da stand drin: Man soll mal nach innen sinken in seine Gefhle und sehen, wer sein objektiver Berater ist, und wer sein subjektiver Berater ist. Auf einmal habe ich gedacht: Meine objektiver Berater sind Maria und Jesus. Und zwar, Maria, diese Scheitrine, die hat sich von den Mnnern in den Himmel setzen lassen. Ich zog Maria an ihrem blauen Kittel, jetzt mal runter hier auf die Erde! Immer wird den Kindern ein Kreuz aufgerichtet. Du stehst am Kreuz und weinst, du hast die Kreuze miterrichtet. Ich sage: Jetzt hier auf der Erde Ordnung machen, Maria! Hr mal, dein dummer Spinnkram, den du da machst, und die Mnnergeschfte, die du wieder alle in Ordnung bringst, weil die dich da als Attrappe benutzen, das will ich nicht mehr. Jesus ist ja schon in Ordnung, der hat gesagt: Wer ohne Fehler ist, werfe den ersten Stein. Und liebe deinen Nchsten wie dich selbst. Das sind hier meine objektiven Berater, paߒ auf. Hier ist Maria und das ist Jesus. Jesus guckt die Mse seiner Mutter an. Wir mssen alle an die Mse unserer Mtter zurck, jeder Mann und jede Frau. Dann habe ich hier einen Schleier gemalt. Und zwar oben ist der blau, das hat etwas mit denken zu tun, und grn hat etwas mit Tatkraft zu tun. Und da habe ich das auf mein Kleid gemalt, das ist das Motiv, das Tabernakel, das Geheimnis.

ROSA: Dieses Kleid ziehst du fters an?

HELGA: Na ja, ich habe immer ein bichen Angst, weil das ja nicht gewaschen werden kann. Dann habe ich drber nachgedacht, und da ist ganz etwas Irres passiert, als ich nachdachte, wer mein subjektiver Berater ist. Ich habe 1969 ein Gedicht geschrieben, als ich noch nicht wute, da ich eine Dichterin bin, und zwar ber Sophia. Sophia heit die Weisheit. Meine subjektive Beraterin ist Sophia:

SOPHIA, SCHNE STILLE SCHWESTER ALLER MEINER WEGE

Du warst bei mir, seit meinem Anbeginn
Der Engel und die Magna Martha
Eva Maria, du warst der allerletzte Sinn
Ach all das Denken und das Wollen
Des groen Bruders fordern Kraft
Der Logos hat mich oft in seinen Bann geschlagen
Doch langsam nahet die einsame, die allerletzte Nacht
Was habe ich erreicht und was geschaffen
Hier wars ein Lcheln, doch auch oft Versehen
Der Logos weist mir seine scharfen Waffen
Doch du, du allermildeste
Du zeigtest dein Verstehen
Sieh dir den Garten an
Du siehst dein Wesen
In stillen Farben eingebettet in das sanfte Grnen
Es ist viel Kampf, bis da die Saat zerblht, genesen
Doch endlich endet alles wohl in Harmonien.



  Vorwort

Ich mchte mich stark machen fr eine ganz tolle Frau: Helga Goetze. Sie ist sechzig Jahre alt, ist vor zehn Jahren von ihrer Familie und ihren sieben Kindern weggegangen und beschftigt sich seither ganz radikal mit Sexualitt. Sie trgt eigene Gedichte und Lieder vor, malt und spricht von ihren Erfahrungen, ihren Vorstellungen von freier Sexualitt. Sie macht es provozierend, ganz persnlich und ungemein witzig und unterhaltend. Ob es in einer Kneipe ist, auf der Strae, in der U-Bahn oder auf einer Bhne Helga fasziniert viele Menschen, besonders junge Menschen.

Ich persnlich finde Helga ungeheuer wichtig, sie ist vielleicht die wichtigste und radikalste Person, die zu diesem Thema etwas zu sagen hat.

Helga ist, wo immer sie auftritt, ein groer Erfolg und eine Provokation. Aber nicht deswegen setze ich mich fr sie ein, sondern weil wir so viel von ihr lernen knnen. Unsere sogenannte freie Gesellschaft unterdrckt Sexualitt von Kindesbeinen an. Wir haben uns ja lngst an all die Repressionen so sehr gewhnt. Wir haben resigniert. Uns fllt unsere eigene beschissene Sexualitt nicht mehr auf. Helga ist eine Revolutionrin, eine Kmpferin, und es macht ungeheuren Spa, sich von ihr mitreien zu lassen.

Das vorliegende Buch ist die Abschrift eines dreistndigen Videointerviews, das ich mit Helga Goetze in ihrer kleinen Wohnung Berlin in Kreuzberg im Winter 80/81 gefhrt habe. Ich kannte Helga nur durch eine kurze Begegnung auf einer Talkshow von Volker Elis Pilgrim in Hamburg. In Berlin rief ich sie spontan an und verabredete ein Interview vor der Kamera.

Nach kurzen Begrungsfloskeln stellten wir die Kamera auf und fingen sofort an zu reden. Die drei Stunden wurden ohne Unterbrechung gedreht und vergingen ohne Anstrengung. Danach bauten wir die Kamera ab und gingen. Ich wute selbst nicht, wie ich das Interview jemals verwenden wollte, dachte schon gar nicht an einen Film, weil das technisch mangelhafte Halb-Zoll-Video-Format ein schlechtes Ausgangsmaterial ist.

Helga beklagte sich spter in einigen Telefongesprchen und vielen Briefen, da ich nicht mit ihr ficken wollte. Ficken bedeutet fr sie Kommunikation, und sie fhlte sich von mir ausgenutzt. Helga interessiert sich nur fr Menschen, die den Anspruch haben, an ihrer Sexualitt zu arbeiten, die sich verndern wollen. Vor allem aber will Helga ihre persnlichen Bedrfnisse befriedigt wissen. Ich will ficken, sagt sie, morgens, mittags, abends. dann fhle ich mich gut.

Das konnte und wollte ich ihr als Schwuler nicht bieten. Ich regte mich frchterlich ber sie auf, warf ihr vor, schwulenfeindlich zu sein und das Ficken nur als Machtmittel ber andere zu benutzen. Ich warf ihr Frauenfeindlichkeit vor, weil fr sie der Schwanz eine solch groe Rolle spielt.

Unsere Freundschaft schien gefhrdet, aber je mehr ich das Videoband Freunden zeigte, spter auf einigen Veranstaltungen vorfhrte, desto mehr begriff ich, wie wichtig Helga fr mich geworden war. Ich erkannte, wie spieig ich mich mit meiner Sexualitt eingerichtet hatte, wie wenig Perspektiven ich persnlich sah, fr eine befreite Sexualitt einzutreten. Ich hatte die allgemeine Resignation um mich herum akzeptiert. Die 68er Generation war zu den konventionellsten Lebensformen zurckgekehrt. Wohngemeinschaften sind ohne Anspruch geworden. Das Patriarchat triumphiert auch bei den Hausbesetzern. Zweierbeziehungen sind mit allen blichen Konflikten der einzige Ausdruck der Zeit, Kinder und Jugendliche sexuell so verklemmt wie immer.

Das Rollenspiel funktioniert perfekt, trotz aller Scheinliberalisierung. Helga mit ihren revolutionren Ideen scheint eine Verrckte. Ich erkannte, da wir die Verrckten, Festgefahrenen, Neurotischen sind und Helga eine der wenigen klaren, intelligenten, konstruktiven Menschen ist. Ich beschlo, Helga zur Hauptdarstellerin meines Films "Rote Liebe" zu machen.

Helga merkte, da ich sie ernst nahm und willigte ein. Mit "Rote Liebe" ist fr mich mein wichtigster Film entstanden, dessen Interviewteil mit Helga Goetze hier zum ersten Mal in voller Lnge in Buchform vorliegt.

In einer anarchistischen Regierung wre Helga Goetze fr mich die einzig adquate Gesundheitsministerin. "Ficken fr den Frieden" knnte ihr und unser Wahlspruch sein.

(Herzlichst. Rosa von Praunheim)

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