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<h2>Abschied von Mnchen</h2>
-Ein Handschlag-


Seit es denkende Menschen gibt, waren Verfolgung, Ketten und Kerker ihr Erbstck, und Sokrates hat sogar den Kerker geadelt. Beynahe ist der Menschenfreund, bey Durchlesung so hufiger Unflle, zu der harten Vermuthung genthigt, ob nicht solche der Tugend mit Recht widerfahren. Warum, mchte er rufen, zieht sie sich nicht in sich selbst zurck? Warum hebt sie ihr Haupt empor? Warum drngt sie sich unter diese Classe von Leuten, in eine so ungleiche Gesellschaft? Sie sollen wissen, da solchen Menschen ihre zu heterogene Gestalt ein Scheusal sey, und sein msse.

-A. Weishaupt, Verfolgung der Illuminaten in Bayern. Frankfurt 1786.-

Meine lieben Mnchner!

Ich gehe jetzt von Euch. Wir sind lange beisammen gewesen. Und wie das so geht: man erwirbt sich diese und jene Freunde. Und ich habe deren viele erworben. Ich kann nicht jedem einzelnen Adieu sagen. Und wenn man nicht jedem einzelnen das sagen kann, was man doch allen sagen mchte, dann lt man heutzutage 'was drucken, setzt es in die Zeitung und dergleichen. Man inseriert eine Annonce und schttet sein Herz aus. Das soll nun meine Annonce sein. Setzt Euch her zu mir! Wir wollen ein bichen Konzil halten; ein s-vertrauliches, liebes Konzil. Ihr habt sowieso noch nie ein Konzil in Euren Mauern gehabt. Nrdlicher als Trient hat sich der heilige Geist nicht heraufgewagt. Und doch httet Ihr es verdient, Ihr, die Ihr wiederholentlich die katholische Kirche fr Deutschland gerettet habt. Friert es den italienischen heiligen Geist bei Euch? Oder erinnert er sich an das Wort des Eobanus Hessus: Der Deutschen Geist geflt den Romanisten nit fast wohl! Mein Gott! Das kme gerade so heraus, als ob Ihr, die Retter der katholischen Kirche, deutschen Geist httet und der spiritus romanus sich nicht zu Euch herauftraute. Diese Schmach sei ferne von Euch! Ich will aber thun, was in meinen Krften steht, und, was Euer geistiger Nhrvater in Rom bei Euch versumt, nachholen. Setzt Euch her zu mir! Wir wollen ein bichen Konzil halten. Ihr sollt nicht lediglich mit Alkohol und Biersuden in der geistigen Geschichte Europas stehen. Ihr sollt Euer Konzil haben. Lauschet! Wir wollen Deutsch reden.

Wo fang' ich nun an? Traun, Eure Vergangenheit ist gro und gewaltig. Und Ihr habt Ursache, Euch deshalb in die Brust zu werfen. Einer Salzsttte mit Brckenzoll ber die Isar verdankt Ihr Eure Entstehung? Nun, attisches Salz habt Ihr damals gewi nicht gehandelt. Und wenn man Euch betrachtet, mu man jenen Recht geben, die sagen, es sei Viehsalz gewesen.. Doch das macht nichts. Es ist Euch wohl bekommen. Noch heute besteht Eure Stadt aus zwei Drittel Metzgern. Die Fleischer-Innung ist bei Euch die vornehmste. Den halben Sden Deutschlands nebst der Schweiz verseht Ihr mit Euren vortrefflichen Rostbeefs. Und Eure Schlachthuser sind mustergltig.

Aber wehe, wer Euch und Euren Fleischermessern mit andern Dingen, als mit Rostbeefs und Kuttelfleck in die Quere kommt! Wehe, wer Euch zumutet, Gedanken zu verdauen! Ihr zerhackt und zermetzgert ihn in der entsetzlichsten Weise. Schon Eure Schimpfnamen Dnng'selchter, Dickg'selchter Hanswurst! u. a. sind alle der Metzger-Innung entnommen. Bluttriefend mu derjenige von Euch sich zurckziehen, der die frevelhafte Zumutung an Eure Gehirnchen gestellt hatte. Und Eure Rache ist komplett.

Die erste, glnzende Leistung, mit der Ihr nach dieser Richtung in der Geschichte steht, sind die Jahre 1519-1521, als durch die Reformation an Euch die ungeheuerliche Zumutung herantrat, zu denken ermesset! ohne den Papst, Euren geistigen Nhrvater in Rom, in religisen Dingen zu denken erstarrt! und Eure Seele zu untersuchen schaudert! Wie habt Ihr damals aufs Rad geflochten und Eure Messerchen spielen lassen? Dutzenweis ersuftet Ihr die Lutherischen in der Isar. Und hundertweis schlepptet Ihr von den Wegen nach Augsburg und den protestantischen Centren die Wanderer und Reisenden herein, berocht sie, ob es Geistes-Menschen waren, und warft sie dann in den Kerker oder in den Flu. Ja, gegen das geistiger geartete Regensburg schlosset Ihr Euch sogar hermetisch ab so gro war Eure Furcht vor dem Geist! und lieet nicht einmal protestantisches Gemse, protestantische Aepfel und protestantische Gelbe-Rben herein. Und zu den Hinrichtungen und Ersufungen erschienen Eure Frsten und nickten wohlwollend Beifall und Eure Prinzechen patschten in die Hnde. O Ihr sen, herzigen Geschpfe, auch in Euren Adern rollt das Mnchner Metzgerblut!

Aber man nennt uns doch 'Isar-Athen'?

Ja, man nennt Euch 'Isar-Athen'! Das ist aber das Resultat einer Geistesverwirrung. Immer hat es nmlich unter Euch einzelne geisteskranke Frsten gegeben, die, wie das so geht, wenn der Geist wandert, sich ber den durchschnittlichen Metzger-Horizont ihrer Umgebung erhoben, und weil Ihr von einer Salzstlerei herstammt, meinten: sie seien in Attika oder in Arkadien geboren. Sie lieen nun Marmorbrche erffnen und bauten statt Schlachthuser Ruhmeshallen denkt Euch! statt Metzger-Gesellen-Huser Feldherrnhallen fallt um! Glyptotheken und und Pinakotheken, und stellten dahinein Euch zum Vorbild die Marmorgeschpfe eines entschwundenen hochgeistigen Geschlechts welcher Wahnsinn! und ber Eure Stadt erhob sich in zwanzigfacher Lebensgre das hochgemute Bronze-Bild einer vornehmen Frau mit griechischem Kopfbau Euch Breitschdlern und Stirngedrckten gegenber! und Euer Knig hoffte, Eure Weiber wrden sich an diesem Standbild versehen und Kinder mit noblen Schdel-Indices gebren! das Euch! Merkt Ihr nun, wo's dem Manne fehlte?! Daher stammt Euer Ruf von 'Isar-Athen'.

Aber wir sind doch sonst auch noch berhmt. Wir brauen doch auch Bier!

Ja, Ihr braut auch Bier. Und so glcklich-naiv waret Ihr in diesem Metier, da Ihr meintet, weil Ihr Alkohol versandtet, Ihr versehet die Welt mit Geist. Whrend es doch nur Sprit war. Faktisch war es auch nur eine Art Rache an dem Geist der Welt, die Ihr da nahmt. Denn so gedieh bei Euch, den Denkscheuen, dieses Gebru im Hinblick auf seine Fhigkeit, bei den Trinkern das Denken zu unterdrcken, da Ihr es den Geistesmenschen, die auer Eurem Weichbild gedeihen, zuschicktet und sie vergiftetet und dumm machtet, und so wiederum, wie bei der Reformation, zu Eurer Rache kamt.

Feindselig schlosset Ihr Euch immer ab gegen alles, was Geist bedeutete. Es war Eure einzige Feindschaft, diese aber unerbittlich. Sonst wart Ihr gut, o herzensgut, Ihr seid ein weiches, zerflieendes Geschlecht, s und duftig wie das Schmalz zu Euren Nudeln, eine schmalzgute Menschensorte, aber wehe, wer Euch mit Geist entgegentritt, da werdet Ihr unbarmherzig. Schon Ende des vorigen Jahrhunderts erregte Kant Eure namenlose Wut. Sie waren wohl heftige Wolffianer, diese Mnchner, oder entschiedene Berkeleyaner. O Gott, beileibe nicht! Nein, sie waren gar nichts; sie mieden Philosophie wie Wasser (damit ist alles gesagt) nein, Ihr gerietet auer Euch vor Wut, da berhaupt so ein Mensch es wagte, ber die hchsten Dinge zu philosophieren Geist zu haben. Und so thatet Ihr denn das Frchterliche, und: am Hofe Eures Frsten (Karl Theodor) erhielten die Hunde den Namen Kant (Huer, Geschichte der rheinischen Pfalz. Bd. II, S. 970). So rchtet Ihr Euch an einem Mann, dessen Werke Ihr nicht verstandet.

Und wie habt Ihr an Schubart gehandelt? Der junge Brausekopf war zu Euch gekommen, und hatte sich da und dort als Musiker und Schriftsteller anstellig gezeigt. Es war wieder einer von der geistigen Sorte. Staatsrat von Lori es hat immer auch Aufgeklrte unter Euch gegeben wollte die junge Kraft fr Mnchen festhalten. Und es handelte sich um eine Anstellung fr Schubart. Da erfuhr man, da er Protestant sei, in Ludwigsburg eine Parodie auf die christliche Liturgie verfat habe und an keinen heiligen Geist glaube. Jetzt war's aus? O nein! Es erfolgte der gemessene Befehl: Schubart kann bleiben und erhlt eine Anstellung, wenn er katholisch wird. Aber der kecke Schwabe war zu frisch, es ekelte ihn der Prozessionen, wenn er ihnen begegnete, und der junge Gotteslsterer ging nach dem nahen Augsburg, wo er die erste deutsche Zeitung grndete.

Ja, ja wenn er katholisch wird das war immer Eure Kondition und Prsumtion. Euer Herz-Jesu-Fleisch, Eure Milch Mari und die sekreten Haarbschel der Jungfrau aus der Michelskirche, und die Schwei- und Bluts-Tropfen und all das stinkige Windel-Zeug, und all' die Papp-Mahlzeiten Eurer Hostien, und die Knochen- und Uterus-Litaneien wenn man die mitmachte, wenn man da anbetete, wenn man hier zu Kreuze kroch, dann war man bei Euch salviert, dann war man lieb Kind, dann durfte man an Eurem Tischlein sitzen, dann durfte man von Eurem Bierspplein essen, dann durfte man mit Euren Weibern im Bettlein schlafen, dann durfte man alles thun. Aber wehe, wer Kantianer war oder sonst sich mit geistigen Dingen beschftigte!

Da war um jene selbe Zeit, Ende des vorigen Jahrhunderts, eine Sekte bei Euch, Illuminaten hieen sie Moderne wrde man heute sagen die unternahmen die Elefanten-Arbeit, Euch zu illuminieren denkt Euch! Euch ein Licht aufzustecken hrt! Eure Gehirnchen nach der geistigen Richtung zu bilden erwgt (wenn Ihr knnt)! Aber Ihr habt ihnen schon heimgeleuchtet. Einem einzigen Mann, der das Beten zu den Blutstropfen Christi gergt hatte, hingt Ihr zweiundvierzig Anklagen an den Hals. Hunderte von hervorragenden Mnnern konnten sich nur retten, indem sie sich mit den schmutzigen Greueln Eurer Gebrhaus-Religion befleckten und mit einem sauve qui peut! an die Brste Mari warfen. Es galt als ein Kriminal-Verbrechen, von der damals im Gange befindlichen unmenschlichen franzsischen Revolution nur auf irgend eine Art gnstig zu reden. Und jeder neu eintretende Staatsdiener mute einen Revers unterschreiben, kein Kantianer zu fein und sich mit nichts geistig zu beschftigen, was auerhalb des Gebraktes der heiligen Jungfrau gelegen sei.

Und so habt Ihr es im groen Ganzen bis heute gehalten. Als in diesem Jahrhundert wieder einmal einer Eurer Knige ein bichen geisteskrank werden mute,[1] um Euch ein wenig auf die Geistesspur zu helfen, und Max II. eine deutsche Dichterschule grndete, fr Euch! und norddeutsche Professoren berief da Ihr keine Geschichtsschreiber produziertet! und eine protestantische Prinzessin ehelichte, da war es bei Euch aus, das war fr Euch zu viel. Offen bekanntet Ihr von der Kanzel herab, die Ehe mit einer Protestantin sei Konkubinat. Und der Knig, der solche Ehe eingehe, sei ein Ketzer. Ihr machtet damals ernstlich Miene, den bairischen Thron gegen die ppstliche Tiara auszuspielen. Leopold von Ranke scheute sich, in einer solchen Stadt eine Professur unter glnzenden Bedingungen und aus der Freundschafts-Hand Eures Knigs anzunehmen. Er kannte den mariologischen Untergrund, auf dem Eure Stadt ruhte, die mephitischen, rmischen Malaria-Dnste, die aus Euren Fundamenten aufstiegen, wogegen auch die beste Kanalisation nicht hilft, und das Grundwasser Eurer Seele, das aus der rmischen Kloake gespeist wurde. Und als Sybel dann an Rankes Stelle annahm, warft Ihr ihn richtig hinaus, wie Ihr Schubart hinausgeworfen hattet, weil er Geschichte in deutschem Geist gelehrt hatte. Und als dann Max II. starb, hie es allgemein, Ihr httet ihn vergiftet.

Und als spter wieder einer Eurer Knige geisteskrank werden mute, um Euch neuerdings auf die Gedankenspur zu helfen, und Ludwig II. seinen Richard Wagner berief, da ging aufs neue bei Euch die Hetze los. Wagner war nur Komponist, kein Historiker. Aber seine verminderten Septakkorde waren Euch viel zu schsisch, sein Profil viel zu protestantisch, seine Stirn viel zu keck und frei, und seine lebhaften Gestikulationen erinnerten viel zu sehr an 1848. Und so warft Ihr ihn hinaus, wie Ihr den Schubart und den Sybel und den Ranke und den Aventin und die Argula von Grumbach und den Schelling und den Cornelius hinausgeworfen habt, und Max Joseph I. und Max II. und Kaulbach und Lutz und Dllinger und alle andern Protestanten-Freundlichen gerne hinausgeworfen httet. Denn vor allem, was Geist hat, habt Ihr ein unberwindliches Grauen.

Aber inzwischen haben wir uns doch gebessert!?

Inzwischen habt Ihr Euch doch gebessert? Das kann ich nicht gerade sagen. Ihr habt Euch ein bichen gebessert, weil Ihr nicht anders konntet, weil Katholik zu sein eine Schande, ein Brandmal, eine historische Monstruositt geworden war. Weil katholisch sein so viel hie, wie dumm sein. Deswegen habt Ihr Euch ein bichen gebessert. Das heit: scheinbar! Ihr habt von Bchner und Voltaire gerade so viel gelesen, da Ihr zu der Erkenntnis gekommen seid: direkt ausrotten, verbrennen oder in der Isar ersufen kann man heute die Protestanten nicht mehr wie in den Jahren 1519-1521. Aber noch heute werft Ihr in direkter Umgebung Mnchens wenigstens protestantische Leichen auf den Schindanger oder grabt sie wie in Tirol auf offenem Felde ein (Evang. Sonntagsblatt aus Baiern. 1895 No. 44). Noch heute verkndet Euer Erzbischof jedes Jahr von der Kanzel, die Ehen mit Protestanten seien noch immer, wie zur Zeit der Vermhlung Max' II. mit der protestantischen Prinzessin Maria von Preuen, Konkubinate. Und solche Ehemnner und Ehefrauen wrden weder in der Beichte absolviert, noch in der Sterbestunde getrstet. Noch heute lehren Eure Schulmnner in der Schule, Luther sei ein Schuft, seine Ehefrau Katharina von Bora eine Hure gewesen, und werden vor Gericht freigesprochen. Noch im Jahr 1854 begrtet Ihr neben Kln welche Schande! das Dogma der unbefleckten Empfngnis Mari mit offenkundigem Frohlocken, nanntet es eine Panacee gegen preuische Gedanken, nordische Kriegsfhrung und Kantsche Philosophie. Und noch heute ist der Schwur auf dieses Dogma, auf diesen sexuellen Konzeptions-Akt, die Bedingung fr die Gromeisterschaft Eures hchsten Ordenskapitels, deren Inhaber der Knig sein mu der Empfngnis-Akt der Maria sonach die Grundlage der bairischen Verfassung. Und nur ein einziger Eurer Prinzen einer mu immer geisteskrank sein hat sich dieser wsten Unterschrift geweigert.

Ihr Euch gebessert? O geht mir, Ihr Sensualisten, die Ihr immer in den Geburtsteilen Eurer Maria whlt und stundenlang ein und dieselbe sexuelle Phrase litaneit, bis dem Zuhrer Uebelkeit ankommt. Ihr se Metzgersorte, die Ihr das Herz-Jesu-Fleisch und die Brste Eurer unbefleckten Jungfrau mit derselben Eleganz der Kundschaft vorschneidet, wie Eure Fleischer die Ripperln und Karbonadeln. Durch Strafgesetz sind Unsittlichkeiten und Obscnitten, auf Erregung der Geschlechtslust berechnete Worte und Vortrge, verboten. Aber Ihr holt es in Eurer Kirche nach, und mit Euren vor dem Strafrichter sicheren Litaneien stopft Ihr Euch durch stundenlange Uebung mit geschlechtlichen Erregungen toll und voll. O geht mir, Ihr mit Eurer Haut-gout-Religion, Ihr rotes, unbeflecktes, himbeersaftiges Geschlecht! Noch diesen Sommer grubt Ihr einen Haufen stinkiger Knochen aus ich glaube, Modestus hieen sie und stelltet sie unter Assistenz Eures Frsten an einem andern Orte auf, damit sie dort Wunder thun sollten.

Und wie war es 1870? Ich will davon schweigen, da Ihr damals, whrend Eure Shne und Brder mit den Waffen ins Feld hinauszogen, in Euren Landeskirchen fr den Sieg der Franzosen betetet (siehe den Bericht des Dekanats Sulzbach an seine vorgesetzte Konsistorial-Behrde in Mnchen) aber dann, als die Entscheidung auf der irdischen Wahlstatt gefallen, und einige Eurer besten Shne sich anschickten, fr Euch den Sieg auch auf der geistigen Wahlstatt zu erfechten, als der profunde, gelehrte Dllinger, der schneidige Professor Friedrich, der elegante Johannes Huber einen letzten Versuch machten, Euch von den Nesselhaken des rmischen Stuhls loszulsen, Euch aus dem Schmutz der rmischen Kloake herauszuziehen, habt Ihr da nicht wieder fr den Sieg des Feindes gebetet und Roms Sache gegen Deutschland zu der Eurigen gemacht, diese Heroen, Dllinger und die andern, vor Eurer Nase beschimpfen und exkommunizieren lassen? Habt Ihr endlich nicht Eure Altkatholiken zu Boden geworfen und zu Religionsgenossen zweiter Klasse gemacht? So gro war auch wieder in diesem Fall Eure Furcht vor den Geistesmenschen!

Ihr beschwert Euch, da Ihr Vasallen seid? Mein Gott, Vasallen! Vasallen des Knigs von Preuen zu sein, das ist nicht das Schlimmste, was Euch passieren kann. Aber da Ihr in geistiger Hinsicht der ganzen brigen Welt Vasallen geworden seid, das dnkt mich doch das Bedenklichere in Eurer Lage. Meint Ihr nicht? Oder nennt mir einen Mann aus den letzten Jahrhunderten, der aus Eurer Mitte heraus, und ohne von Euch kujoniert und hinausgeworfen worden zu sein, das Gesetz seines Geistes der brigen Welt imponiert htte! Nur einen! Aber keinen Bierbrauer.

Und so habt Ihr jede freie geistige Bewegung bei Euch erstickt. Kommt eine neue Litteratur, eine Litteratur, die, wie in jngster Zeit, auf die feinsten Fhlfden in der menschlichen Natur spekuliert, trampelt Ihr mit Euren derben, bairischen, eisenbeschlagenen Gebirgsschuhen auf ihr herum. Kommt ein neues Theater und bittet Euch um das feinste Lauschen Eurer Seele, reit Ihr die Muler aus und speit Gift und Galle auf das, was, wie Ihr wohl wit, hundertfach ber Euch und Euren trbugigen Katholizismus erhaben ist. Gerade jetzt ist es wieder ein junger schneidiger Held, ein Theaterdirektor, der es unternommen, Euch Geist zu reichen was denn sonst? und ein Protestant hat Euch ein wunderschnes Haus gebaut, um Euch die geistigen Frchte in goldener Schale zu bieten, und wieder erfat Euch jenes furchtbare Grauen vor dem Geistigen, wie zur Zeit Luthers, der Illuminaten, Max' II. und Richard Wagners, und wieder erhebt Ihr Eure eisenbeschlagenen Stiefel und mit katholischer Wut tretet Ihr den jungen Mann zu Boden, belegt ihn mit Tiernamen und schickt Euch an, ihn hinauszuwerfen. Vor hundert Iahren nanntet Ihr Kant Hund Eure Hunde Kante heute nennen Eure Witzbltter und Staatsanwlte die Modernen Schweine. Ist das die Art, wie Ihr Euer Vasallentum dokumentiert, indem Ihr Eure geistigen Lehnsherrn mit Tiernamen bezeichnet?

Merkt Ihr denn nicht, da Ihr mit Eurem Katholizismus langsam, seit einem halben Jahrhundert sicher, von allem geistigen Einflu, aller Politik, von aller Weltherrschaft ausgeschlossen seid, in die Klasse der romanischen Vlker gerckt seid? Und ahnt Ihr nicht, da es Euer spezifisch katholischer Geisteszustand ist, der das bewirkt hat? Eure Herz-Jesu-Anbetung, Euer Milch-Maria-Enthusiasmus, Eure Knochen-Fleisch-Milch-Haare- und Geburtsteile-Religion? Und doch habt Ihr noch nicht genug! Seid noch nicht satt! Immer mehr Knochen, immer mehr Messen, immer mehr Fegfeuer-Schrecken, immer mehr Jesuiten-Missionen und Redemptoristen-Niederlassungen. Haben denn diese Knochen Euch vor dem politischen Verderben gerettet? Haben sie nicht vielmehr Euch das Mark aus den Knochen geraubt? Und Euch und den Wienern, Euren Geistesverwandten, gelehrt, bei Kniggrtz und Kissingen die Waffen wegzuwerfen?! Und jetzt? Statt aus der Vergangenheit zu lernen, statt einzig den Weg zu kennen und frei zu machen, der Euch, noch retten kann, und welches der Weg ist, den Gustav Adolf kam, statt Eure Thore weit und Eure Herzen offen fr den protestantischen Geist zu halten, verbarrikadiert Ihr Euch hinter mittelalterlichen Gefhlen und versperrt Euch hinter altertmlichen Rathaustrmen. Kaum da ein frischer, nordischer Gedanke, oder ein preuischer General ber Eure Grenze kommt, schreit Ihr: Ach unsere Reservatrechte! Ach unsere Marienmilch! Ach unsere Briefmarken! Ach unser angestammtes Frstenhaus! Unsere Herz-Jesu-Andachten! Unsere normalspurigen Eisenbahnen! Unsere Heiligen-Knochen! Unsere Windel-Verehrung! Unser Alt-Oetting und Andex! Unser heiliger Vater in Rom! Unser unveruerliches Recht auf geistige Versumpfung! Wir wollen keine Preuen sein! Wir wollen Baiern sein! Bajuwaren! Bajuwarii! und schreit und lamentiert ber Vasallentum.

Vasallen? Vasallen des Knigs von Preuen? Ihr seid keine Vasallen des Knigs von Preuen! Ihr seid Vasallen von Rom. Das ist Euer Vasallentum!

Damit wren wir in der Euch so lieben Stadt angelangt, in der Stadt, in der alle Konzile beginnen und schlieen. Auch mein Konzil ist zu Ende. Ueberlegt Euch, was Ihr davon haltet. Vielleicht kommt einmal einer nach mir, der wiederum mit Euch Konzil abhlt, aber weniger konziliant verfhrt.

Adieu, meine lieben Mnchner!

[1] Geheimrat Gietl, der berhmte Ignorant, erklrte bei Oeffnung der Leiche Max' II., derselbe sei geisteskrank gewesen. Ob er wohl zu dem gleichen Schlu gekommen wre, wenn Max, statt Sybel und Ranke, Jesuiten als deutsche Geschichtsprofessoren berufen htte?

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