About this Site - Sitemap



UTOPIE

----1400----

VORLÄUFER

----1890----

LEBENSREFORM

BOHEME

  • in München
----1918----

RÄTEREPUBLIK

  • in München

ARBEITERTHEATER 1880-1930s

WEIMARER REPUBLIK

  • braunes München
  • Berlin
  • Moskau - Paris - New York
----1955----

1960 - 1970 - 1980

----1989----

HEUTE



























edit this sidebar



Recent Changes Printable View Page History Upload File Edit Page

Appetitlicher Eierschaum

 Jrg Auf dem Hvel 18.01.2006

Auf einem Symposium zum 100. Geburtstag von Albert Hofmann suchte man den zuknftigen Platz von LSD in der Gesellschaft

Der Titel der Veranstaltung "Sorgenkind oder Wunderdroge" konnte kaum besser gewhlt sein. Noch heute, fast sieben Jahrzehnte nach der Synthese durch den Chemiker Albert Hofmann im Jahre 1938, steht die Substanz in einem zutieft ambivalenten Ruf. In allen Lndern der Erde ist sie verboten, auf der anderen Seite gibt es genauso lange whrende Bemhungen, das potente Psychedelikum als Medikament oder sakralen Bewusstseinsfahrstuhl einsetzen zu drfen. Drei Tage im Kongresszentrum Basel durchwebte die zentrale Frage: Welchen Platz kann und soll LSD in einer Gesellschaft einnehmen?

Erstaunlich heterogen das Publikum: 20-jhrige Chemiker im Anzug, 40-jhrige Meditations-Freaks in Batik, 60-jhrige Professoren in Strickjacken. In den Vortrgen und Diskussionen schlten sich Anwendungsbereiche mit unterschiedlichem Potential und Problemlagen heraus.

Schon der erste Beipackzettel der Firma Sandoz (heute Novartis), bei der Hofmann in den Zeiten des 2. Weltkriegs forschte und die LSD (Lysergsuredithylamid) als Medikament auf den Markt brachte, empfahl Psychiatern dessen Einnahme um ihre Patienten besser verstehen zu knnen. Nicht nur diese "Modellpsychose" schien erfolgversprechend, auch die Behandlung von Alkoholsucht und Psychopathologien wurden erfolgreich durchgefhrt.

Es ist bis heute weitgehend unbekannt, dass es whrend der bis 1966 dauernden Phase der Legalitt eine Reihe erfolgversprechender therapeutische orientierter Forschungen mit LSD in Europa gab. Fast 40.000 Menschen erhielten whrend therapeutischen Sitzungen LSD, von psychischen Schden ist nichts bekannt. Die dazugehrigen Dokumente wurden jngst eingescannt und stehen bei der Erowid-Organisation (http://www.erowid.org) bereit.

In der damaligen CSSR entwickelte Stanislav Grof die "LSD-Psychotherapie", in Deutschland splte die "Psycholytische Therapie" um den Gttinger Hanscarl Leuner schwer zugngliche innere Zustnde an die Oberflche, die, aus dieser Sicht, erst dadurch therapeutisch bearbeitbar wurden.

Heute gibt es immer wieder Versuche LSD oder anderen Psychedelika in der Therapie einzusetzen. So fhrt Charles Grob, Professor fr Psychiatrie an der Universitt of California zur Zeit eine Studie mit Krebskranken durch, deren qulende Todesngste durch eine psilocybinuntersttze Psychotherapie gemildert werden sollen. Bei Alkoholschtigen, bei deren Heilung seit fnf Jahrzehnten kaum wissenschaftliche Fortschritte zu verzeichnen sind, scheint die Behandlung mit Ibogain, einer aus Afrika stammenden Droge, erfolgversprechend. In kanadischen Vancouver werden hierhin gehende Versuche unternommen.

Per berschalljet durch alle Pforten der Wahrnehmung brettern

Ernst Jnger nahm einen der ersten kontrollierten LSD-Trips zusammen mit seinem Freund Albert Hofmann, die Frau von Jnger sprach von "pubertrem Gehabe". Die beeindruckende Wirkung stie in den 50er Jahren auf groes Interesse bei Intellektuellen, Knstlern und spirituell Interessierten, deren Berichte eine breite ffentlichkeit neugierig machten. Der Weg fr LSD als Volksdroge der 60er Jahre war geebnet. Die transformatorischen Erfahrungen auf der persnlichen Ebene schrien geradezu nach einer Umgestaltung der als spieig, lustfeindlich und entspiritualisiert empfundenen "sptkapitalistischen" Gesellschaft. Das Hippie-Zeitalter begann. In den USA rief Timothy Leary zum "Turn On, Tune In, Drop Out" auf, Vietnam-Protest und LSD verwoben sich zu einer politischen Bewegung, die ein radikal neues Lebensgefhl propagierte.

Durch das daraufhin folgende, spter weltweit ausgedehnte Verbot wurden alle Anstze zu einer professionelle Anwendung von LSD als Therapeutikum praktisch lahm gelegt. Albert Hofmann fordert seit Jahrzehnten die Wiederaufnahme der Forschung. Er bedauert die massenhafte Verbreitung seiner Erfindung. Ihm wie anderen ist klar: So sehr die Substanz seit fnfzig Jahren vielen Menschen zu einer tiefgreifend positiven Vernderung ihre Lebens brachte und bringt, so sehr ist auch nicht zu verleugnen, dass sie Tausende von verlorenen Seelen schuf, die in Hoffnung auf Bewusstseinserweiterung nur in den Abgrnden ihrer Psyche landeten, aus deren dunklen Ecken sie kaum oder gar nicht wieder herausfanden. Und wer aufmerksam war, der sprte auch in Basel die seltenen Momente, wo die schmale Grenze zwischen der subjektiv und objektiven Erforschung des Bewusstseins und einer Esoterik, die sich in der nie endenden Suche nach dem Sinn im Leben verstrickt, unklar wurde.

Fest steht: Pharmakologisch wirkt LSD schon homopathisch. Bereits einige Tausendstel Gramm gengen, um das menschliche System in einen hocherregten Zustand zu bringen. Ab 100 Mikrogramm besteht die gute Chancen per berschalljet durch alle Pforten der Wahrnehmung zu brettern. Die Trennung zwischen individuellem Bewusstsein und uerer Welt wird durch eine hohe Dosis LSD aufgehoben. Wie das erlebt wird hngt von der Person ab: Die einen nennen das dann ein "ozeanisches Gefhl", die anderen ein "Gefhl des unumkehrbaren Wahnsinns".

Dass trotz dieser Gefahren nicht nur LSD, sondern auch die anderen psychedelischen Drogen wie beispielsweise Psilocybin (der Hauptwirkstoff in halluzinogenen Pilzen) einen Platz in der Gesellschaft verdient haben, liegt aus Sicht der meisten Referenten und rund 2000 Besuchern neben dem therapeutischen Nutzen auch darin begrndet, dass das Zusammenleben auf und mit der Erde in einem so jmmerlichen Zustand sei, dass nur eine Vernderung des Bewusstseins des Einzelnen aus der Krise fhren knne.

Von der kosmischen Therapie

ber den Irrweg der unkontrollierten Abgabe von LSD an jedermann herrschte auf dem Kongress weitgehende Einigkeit. Offen diskutiert wurde allerdings, wie eine kontrollierte Einnahme auch abseits der Behandlung psychopathologischer Indikatoren aussehen knnte. Der Schweizer Therapeut Manuel Schoch beispielsweise sprach von drei Zustnden den Menschen: Krank, Normal, Gesund. Und gesund sei aus seiner Sicht nur derjenige, der auch Berhrungen mit spirituellen Urgrnden in seine Leben integrieren kann.

An dieser Stelle wurde deutlich, dass LSD nach wie vor nicht nur als Therapeutikum, sondern eben auch als sakrale Substanz angesehen wird. Dies forderte schon immer die ngste einer christlich-rationalen Gesellschaft heraus. Die klassischen "Psychedeliker" erhoffen sich seit den 60er, dass die durch eine hohe Dosis LSD katalysierte mgliche spirituelle Erfahrung heilende Auswirkungen auf das Leben des Menschen hat. Auch der nun ber 100-jhrige Jubilar stellte es in seinen Kongressbeitrgen immer wieder in die Reihe der "heiligen Drogen" wie mexikanische Pilze, deren Einnahme unbedingt einen sakralen Rahmen bentigen, um den Einzelnen nicht zu schdigen. Whrend dieser aber in indigenen Vlkern durch den Einsatz von Schamanen gegeben ist, ringt die westliche Kultur nicht nur bei der Droge LSD mit der Integration in die Gesellschaft. Das schamanistische ist dem rationalen Weltbild der Industrienationen so diametral gegenbergestellt, dass auch auf dem Kongress nur in Anstzen gezeigt werden konnte, wie die Vorteile dieses Systems auch hier genutzt werden knnten.

Die psychedelische Forschung ist weiterhin darum bemht zu beweisen, dass die hochaktiven Substanzen ihren Platz in der Gesellschaft nicht nur verdient haben, sondern die Gesellschaft sie sogar dringend braucht, um den kritischen Zustand des Planeten zu bessern. Seit den euphorischen 60ern verwischt an dieser Stelle gerade in den Alternativ-Szene der USA immer wieder die Grenze zu transzendenten Erlsungsphantasien.

Viel neues, so muss man attestieren, wuten die US-Apologeten des klaren Lichts und des ewigen "break on through the other side" in Basel nicht zu berichten. Schlimmer noch, in einem der Seminare wurde der anwesende Hoflieferant von Timothy Leary fr seine Verdienste gefeiert, die Szene ber Jahre hinweg mit LSD versorgt zu haben. Die Literatur zu dem Thema (Martin Lee: "Acid Dreams") geht mittlerweile davon aus, dass er wie viele andere Dealer auch in erster Linie fr seinen konomischen Vorteil gearbeitet und zudem STP (Straenname fr DOM, Dimethoxymethylamphetamin) an die Hell`s Angels verkauft hat, die das Halluzinogen weiter vertrieben. Die groe, gesamtgesellschaftliche Acid-Revolution jedenfalls, das hat nicht nur dieser Teil der Veranstaltung wieder gezeigt, ist eine geplatzte Seifenblase, sie wurde zu einer weiteren Note der Kulturgeschichte.

Wie weit kann und muss man den Missbrauch von psychoaktiven Substanzen einschrnken, damit deren Vorteile berwiegen? Weil LSD wie andere Drogen auch immer eine Ware ist, so die Antwort des Sozialwissenschaftlers Gnther Amendt in Basel, lsst sich das Drogenproblem nie vollstndig lsen ( "Der Leistungssport wird seine 'Unschuld' nie wieder zurckgewinnen" (1)). Es seien aber keine gute Zeiten fr einen Neuanfang der Drogenpolitik. Repression sei zur Zeit wieder en voque, der "War on Drugs" sei trotz der Einsicht, dass dieser in erste Linie "ein Mittel der us-amerikanischen Auenpolitik" ist, nach wie vor Modell fr alle globalen Drogenpolitiken.

Eine weitere offene Frage ist: Existieren nicht andere, sanftere Techniken des Eingriffs in das menschliche Bewusstsein, um diesem hehren Ziel nher zu kommen? Nicht umsonst hat sich aus dem Samen der frhen "psychedelischen Bewegung" ein weitverzweigter Baum entwickelt: Der kologische Aufbruch, Sekten, Teile der Frauenbewegung, Meditation, der Einfluss von stlichen Weisheitslehren, Yoga - viele derjenigen, die gute Erfahrungen mit LSD machten, wandten sich spter alternativen Methoden zu, die nicht immer am eigenen Bewusstsein ansetzten, sondern oft einfacher fassbare, aber deswegen nicht weniger wichtige Vernderungen in der ueren Welt brachten. Schon der Anarcho-Hippie Alan Watts riet: "As soon as you get the message, hang up the phone."

Albert Hofmann selbst lebt dies vor. Er hat sich bis heute zu einem Naturmystiker entwickelte, der in der den manifestierten Schpfungsakt "Gottes" sieht. "Wenn die Pforten der Wahrnehmung einmal geffnet sind, dann braucht man LSD nicht mehr." In den Medien wurde immer wieder gertselt, ob Hofmann trotz oder weil er LSD ein paar Mal genommen hat so alt geworden ist. Seine eigene Antwort viel unterschiedlich aus: Mal wies er pragmatisch darauf hin, dass er ein Leben mit und eines ohne LSD fhren msste, um dann wissenschaftlich zu vergleichen. Ein anderes Mal weist er auf seine Lebensumstnde hin: "Ich hatte die Gnade, offene Sinne zu behalten." Eine weitere schne Antwort gab er auf dem LSD-Kongress. Er wrde sich jeden Tag "ein rohes Ei zu einem leckeren Schaum aufschlagen und dieses dann mit Bircher-Msli mischen".

Sein grter Verdienst ist vielleicht gar nicht die Synthese des LSD, sondern die gelebte Verbindung von wissenschaftlichem und spirituellem Weltbild. Und eventuell wre der nchste Schritt fr alle Interessierten einzusehen, dass sich die Wahrheiten aus den beiden Weltbildern nicht aufeinandern reduzieren lassen.

LINKS

(1) http://www.telepolis.de/r4/artikel/18/18098/1.html

Telepolis Artikel-URL: http://www.telepolis.de/r4/artikel/21/21813/1.html

Edit Page - Page History - Printable View - Recent Changes - WikiHelp - SearchWiki
Page last modified on January 18, 2006, at 10:13 PM