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(Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 19, 4. Auflage 1973, unvernderter Nachdruck der 1. Auflage 1962, Berlin/DDR. S. 189-201.


Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft

FRIEDRICH ENGELS
in: Karl Marx/Friedrich Engels - Werke.

 Zur Kritik von:
 Saint Simon
 Charles Fourier
 Robert Owen
 Die Utopisten

I

Der moderne Sozialismus ist seinem Inhalte nach zunchst das Erzeugnis der Anschauung, einerseits der in der heutigen Gesellschaft herrschenden Klassengegenstze von Besitzenden und Besitzlosen, Kapitalisten und Lohnarbeitern, andrerseits der in der Produktion herrschenden Anarchie. Aber seiner theoretischen Form nach erscheint er anfnglich als eine weitergetriebne, angeblich konsequentere Fortfhrung der von den groen franzsischen Aufklrern des 18. Jahrhunderts aufgestellten Grundstze. Wie jede neue Theorie, mute er zunchst anknpfen an das vorgefundne Gedankenmaterial, sosehr auch seine Wurzel in den materiellen konomischen Tatsachen lag.

Die groen Mnner, die in Frankreich die Kpfe fr die kommende Revolution klrten, traten selbst uerst revolutionr auf. Sie erkannten keine uere Autoritt an, welcher Art sie auch sei. Religion, Naturanschauung, Gesellschaft, Staatsordnung, alles wurde der schonungslosesten Kritik unterworfen; alles sollte sein Dasein vor dem Richterstuhl der Vernunft rechtfertigen oder aufs Dasein verzichten. Der denkende Verstand wurde als alleiniger Mastab an alles angelegt. Es war die Zeit, wo, wie Hegel sagt, die Welt auf den Kopf gestellt wurde (1), zuerst in dem Sinn, |190| da der menschliche Kopf und die durch sein Denken gefundnen Stze den Anspruch machten, als Grundlage aller menschlichen Handlung und Vergesellschaftung zu gelten; dann aber spter auch in dem weitern Sinn, da die Wirklichkeit, die diesen Stzen widersprach, in der Tat von oben bis unten umgekehrt wurde. Alle bisherigen Gesellschafts- und Staatsformen, alle altberlieferten Vorstellungen wurden als unvernnftig in die Rumpelkammer geworfen; die Welt hatte sich bisher lediglich von Vorurteilen leiten lassen; alles Vergangne verdiente nur Mitleid und Verachtung. Jetzt erst brach das Tageslicht, das Reich der Vernunft an; von nun an sollte der Aberglaube, das Unrecht, das Privilegium und die Unterdrckung verdrngt werden durch die ewige Wahrheit, die ewige Gerechtigkeit, die in der Natur begrndete Gleichheit und die unveruerlichen Menschenrechte.

Wir wissen jetzt, da dies Reich der Vernunft weiter nichts war als das idealisierte Reich der Bourgeoisie; da die ewige Gerechtigkeit ihre Verwirklichung fand in der Bourgeoisjustiz; da die Gleichheit hinauslief auf die brgerliche Gleichheit vor dem Gesetz; da als eines der wesentlichsten Menschenrechte proklamiert wurde - das brgerliche Eigentum; und da der Vernunftstaat, der Rousseausche Gesellschaftsvertrag ins Leben trat und nur ins Leben treten konnte als brgerliche, demokratische Republik. So wenig wie alle ihre Vorgnger konnten die groen Denker des 18. Jahrhunderts hinaus ber die Schranken, die ihnen ihre eigne Epoche gesetzt hatte.

Aber neben dem Gegensatz von Feudaladel und dem als Vertreterin der gesamten brigen Gesellschaft auftretenden Brgertum bestand der allgemeine Gegensatz von Ausbeutern und Ausgebeuteten, von reichen Miggngern und arbeitenden Armen. War es doch gerade dieser Umstand, der es den Vertretern der Bourgeoisie mglich machte, sich als Vertreter nicht einer besondern Klasse, sondern der ganzen leidenden Menschheit hinzustellen. Noch mehr. Von seinem Ursprung an war das Brgertum behaftet mit seinem Gegensatz: Kapitalisten knnen nicht bestehn ohne Lohnarbeiter, und im selben Verhltnis wie der mittelalterliche Zunftbrger sich |191| zum modernen Bourgeois, im selben Verhltnis entwickelte sich auch der Zunftgeselle und nichtznftige Taglhner zum Proletarier. Und wenn auch im ganzen und groen das Brgertum beanspruchen durfte, im Kampf mit dem Adel gleichzeitig die Interessen der verschiednen arbeitenden Klassen jener Zeit mit zu vertreten, so brachen doch, bei jeder groen brgerlichen Bewegung, selbstndige Regungen derjenigen Klasse hervor, die die mehr oder weniger entwickelte Vorgngerin des modernen Proletariats war. So in der deutschen Reformations- und der Bauernkriegszeit die Wiedertufer und Thomas Mnzer; in der groen englischen Revolution die Levellers; in der Groen Franzsischen Revolution Babeuf. Neben diesen revolutionren Schilderhebungen einer noch unfertigen Klasse gingen entsprechende theoretische Kundgebungen; im 16. und 17. Jahrhundert utopische Schilderungen idealer Gesellschaftszustnde; im 18. schon direkt kommunistische Theorien (Morelly und Mably).

Die Forderung der Gleichheit wurde nicht mehr auf die politischen Rechte beschrnkt, sie sollte sich auch auf die gesellschaftliche Lage der einzelnen erstrecken; nicht blo die Klassenvorrechte sollten aufgehoben werden, sondern die Klassenunterschiede selbst. Ein asketischer, allen Lebensgenu verpnender, an Sparta anknpfender Kommunismus war so die erste Erscheinungsform der neuen Lehre. Dann folgten die drei groen Utopisten: Saint Simon, bei dem die brgerliche Richtung noch neben der proletarischen eine gewisse Geltung behielt; Charles Fourier und Robert Owen, der, im Lande der entwickeltsten kapitalistischen Produktion und unter dem Eindruck der durch diese erzeugten Gegenstze, seine Vorschlge zur Beseitigung der Klassenunterschiede in direkter Anknpfung an den franzsischen Materialismus systematisch entwickelte.

Allen dreien ist gemeinsam, da sie nicht als Vertreter der Interessen des inzwischen historisch erzeugten Proletariats auftreten. Wie die Aufklrer wollen sie nicht zunchst eine bestimmte Klasse, sondern sogleich die ganze Menschheit befreien. Wie jene wollen sie das Reich der Vernunft und der ewigen Gerechtigkeit einfhren; aber ihr Reich ist himmelweit verschieden von dem der Aufklrer. Auch die nach den Grundstzen dieser Aufklrer eingerichtete brgerliche Welt ist unvernnftig und ungerecht und wandert daher ebensogut in den Topf des Verwerflichen wie der Feudalismus und alle frheren Gesellschaftszustnde. Da die wirkliche Vernunft und Gerechtigkeit bisher nicht in der Welt geherrscht haben, kommt nur daher, da man sie nicht richtig erkannt hatte. Es fehlte eben der geniale einzelne Mann, der jetzt aufgetreten und der die Wahrheit erkannt hat; da er jetzt aufgetreten, da die Wahrheit grade jetzt erkannt worden ist, ist nicht ein aus dem Zusammenhang der geschichtlichen Entwicklung mit |192| Notwendigkeit folgendes, unvermeidliches Ereignis, sondern ein reiner Glcksfall. Er htte ebensogut 500 Jahre frher geboren werden knnen und htte dann der Menschheit 500 Jahre Irrtum, Kmpfe und Leiden erspart.

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Wir sahen, wie die franzsischen Philosophen des achtzehnten Jahrhunderts, die Vorbereiter der Revolution, an die Vernunft appellierten als einzige Richterin ber alles, was bestand. Ein vernnftiger Staat, eine vernnftige Gesellschaft sollten hergestellt, alles, was der ewigen Vernunft widersprach, sollte ohne Barmherzigkeit beseitigt werden. Wir sahen ebenfalls, da diese ewige Vernunft in Wirklichkeit nichts andres war als der idealisierte Verstand des eben damals zum Bourgeois sich fortentwickelnden Mittelbrgers. Als nun die Franzsische Revolution diese Vernunftgesellschaft und diesen Vernunftstaat verwirklicht hatte, stellten sich daher die neuen Einrichtungen, so rationell sie auch waren gegenber den frheren Zustnden, keineswegs als absolut vernnftige heraus. Der Vernunftstaat war vollstndig in die Brche gegangen. Der Rousseausche Gesellschaftsvertrag hatte seine Verwirklichung gefunden in der Schreckenszeit, aus der das an seiner eignen politischen Befhigung irre gewordne Brgertum sich geflchtet hatte zuerst in die Korruption des Direktoriums und schlielich unter den Schutz des napoleonischen Despotismus. Der verheine ewige Friede war umgeschlagen in einen endlosen Eroberungskrieg. Die Vernunftgesellschaft war nicht besser gefahren. Der Gegensatz von reich und arm, statt sich aufzulsen in allgemeinen Wohlergehn, war verschrft worden durch die Beseitigung der ihn berbrckenden znftigen und andren Privilegien und der ihn mildernden kirchlichen Wohlttigkeitsanstalten; die jetzt zur Wahrheit gewordne "Freiheit des Eigentums" von feudalen Fesseln stellte sich heraus, fr den Kleinbrger und Kleinbauern, als die Freiheit, dies von der bermchtigen Konkurrenz des Grokapitals und des Grogrundbesitzes erdrckte kleine Eigentum an eben diese groen Herren zu verkaufen und so fr den Kleinbrger und Kleinbauern sich zu verwandeln in die Freiheit vom Eigentum; der Aufschwung der Industrie auf kapitalistischer Grundlage erhob Armut und Elend der arbeitenden Massen zu einer Lebensbedingung der Gesellschaft. Die bare Zahlung wurde mehr und mehr, nach Carlyles Ausdruck, das einzige Bindeglied der Gesellschaft. Die Zahl der Verbrechen nahm zu von Jahr zu Jahr. Waren die frher am hellen Tage sich ungescheut ergehenden feudalen Laster zwar nicht vernichtet, so doch vorlufig in den Hintergrund gedrngt, so schossen dafr die, bisher nur in der Stille gehegten, brgerlichen Laster um so ppiger in die Blte. Der Handel entwickelte sich mehr und mehr |193| zur Prellerei. Die "Brderlichkeit" der revolutionren Devise verwirklichte sich in den Schikanen und dem Neid des Konkurrenzkampfs. An die Stelle der gewaltsamen Unterdrckung trat die Korruption, an die Stelle des Degens, als des ersten gesellschaftlichen Machthebels, das Geld. Das Recht der ersten Nacht ging ber von den Feudalherren auf die brgerlichen Fabrikanten. Die Prostitution breitete sich aus in bisher unerhrtem Ma. Die Ehe selbst blieb nach wie vor gesetzlich anerkannte Form, offizieller Deckmantel der Prostitution, und ergnzte sich zudem durch reichlichen Ehebruch. Kurzum, verglichen mit den prunkhaften Verheiungen der Aufklrer, erwiesen sich die durch den "Sieg der Vernunft" hergestellten gesellschaftlichen und politischen Einrichtungen als bitter enttuschende Zerrbilder. Es fehlten nur noch die Leute, die diese Enttuschung konstatierten, und diese kamen mit der Wende des Jahrhunderts. 1802 erschienen Saint-Simons Genfer Briefe; 1808 erschien Fouriers erstes Werk, obwohl die Grundlage seiner Theorie schon von 1799 datierte; am 1. Januar 1800 bernahm Robert Owen die Leitung von New Lanark.

Um diese Zeit aber war die kapitalistische Produktionsweise, und mit ihr der Gegensatz von Bourgeoisie und Proletariat, noch sehr unentwickelt. Die groe Industrie, in England eben erst entstanden, war in Frankreich noch unbekannt. Aber erst die groe Industrie entwickelt einerseits die Konflikte, die eine Umwlzung der Produktionsweise, eine Beseitigung ihres kapitalistischen Charakters, zur zwingenden Notwendigkeit erheben - Konflikte nicht nur der von ihr erzeugten Klassen, sondern auch der von ihr geschaffnen Produktivkrfte und Austauschformen selbst -; und sie entwickelt andrerseits in eben diesen riesigen Produktivkrften auch die Mittel, diese Konflikte zu lsen. Waren also um 1800 die der neuen Gesellschaftsordnung entspringenden Konflikte erst im Werden begriffen, so gilt dies noch weit mehr von den Mitteln ihrer Lsung. Hatten die besitzlosen Massen von Paris whrend der Schreckenszeit einen Augenblick die Herrschaft erobern und dadurch die brgerliche Revolution, selbst gegen das Brgertum, zum Siege fhren knnen, so hatten sie damit nur bewiesen, wie unmglich ihre Herrschaft unter den damaligen Verhltnissen auf die Dauer war. Das sich aus diesen besitzlosen Massen eben erst als Stamm einer neuen Klasse absondernde Proletariat, noch ganz unfhig zu selbstndiger politischer Aktion, stellte sich dar als unterdrckter, leidender Stand, dem in seiner Unfhigkeit, sich selbst zu helfen, hchstens von auen her, von oben herab Hlfe zu bringen war.

Diese geschichtliche Lage beherrschte auch die Stifter des Sozialismus. Dem unreifen Stand der kapitalistischen Produktion, der unreifen Klassen- |194| lage, entsprachen unreife Theorien. Die Lsung der gesellschaftlichen Aufgaben, die in den unentwickelten konomischen Verhltnissen noch verborgen lag, sollte aus dem Kopfe erzeugt werden. Die Gesellschaft bot nur Mistnde; diese zu beseitigen war Aufgabe der denkenden Vernunft. Es handelte sich darum, ein neues, vollkommneres System der gesellschaftlichen Ordnung zu erfinden und dies der Gesellschaft von auen her, durch Propaganda, womglich durch das Beispiel von Musterexperimenten aufzuoktroyieren. Diese neuen sozialen Systeme waren von vornherein zur Utopie verdammt; je weiter sie in ihren Einzelheiten ausgearbeitet wurden, desto mehr muten sie in reine Phantasterei verlaufen.

Dies einmal festgestellt, halten wir uns bei dieser, jetzt ganz der Vergangenheit angehrigen Seite keinen Augenblick lnger auf. Wir knnen es literarischen Kleinkrmern berlassen, an diesen, heute nur noch erheiternden Phantastereien feierlich herumzuklauben und die berlegenheit ihrer eignen nchternen Denkungsart geltend zu machen gegenber solchem "Wahnwitz". Wir freuen uns lieber der genialen Gedankenkeime und Gedanken, die unter der phantastischen Hlle berall hervorbrechen und fr die jene Philister blind sind.

Saint Simon war ein Sohn der groen ranzsischen Revolution, bei deren Ausbruch er noch nicht dreiig Jahre alt war. Die Revolution war der Sieg des dritten Standes, d.h. der groen, in der Produktion und im Handel ttigen Masse der Nation, ber die bis dahin bevorrechteten migen Stnde, Adel und Geistlichkeit. Aber der Sieg des dritten Standes hatte sich bald enthllt als der ausschlieliche Sieg eines kleinen Teils dieses Standes, als die Eroberung der politischen Macht durch die gesellschaftlich bevorrechtete Schicht desselben, die, besitzende Bourgeoisie. Und zwar hatte sich diese Bourgeoisie noch whrend der Revolution rasch entwickelt vermittelst der Spekulation in dem konfiszierten und dann verkauften Grundbesitz des Adels und der Kirche sowie vermittelst des Betrugs an der Nation durch die Armeelieferanten. Es war gerade die Herrschaft dieser Schwindler, die unter dem Direktorium Frankreich und die Revolution an den Rand des Untergangs brachte und damit Napoleon den Vorwand gab zu seinem Staatsstreich. So nahm im Kopf Saint-Simons der Gegensatz von drittem Stand und bevorrechteten Stnden die Form an des Gegensatzes von "Arbeitern" und "Migen". Die Migen, das waren nicht nur die alten Bevorrechteten, sondern auch alle, die ohne Beteiligung an Produktion und Handel von Renten lebten. Und die "Arbeiter", das waren nicht nur die Lohnarbeiter, sondern auch die Fabrikanten, die Kaufleute, die Bankiers. Da die Migen die Fhigkeit zur geistigen Leitung und politischen Herr- |195| schaft verloren, stand fest und war durch die Revolution endgltig besiegelt. Da die Besitzlosen diese Fhigkeit nicht besaen, das schien Saint-Simon bewiesen durch die Erfahrungen der Schreckenszeit. Wer aber sollte leiten und herrschen? Nach Saint-Simon die Wissenschaft und die Industrie, beide zusammengehalten durch ein neues religises Band, bestimmt, die seit der Reformation gesprengte Einheit der religisen Anschauungen wiederherzustellen, ein notwendig mystisches und streng hierarchisches "neues Christentum". Aber die Wissenschaft, das waren die Schulgelehrten, und die Industrie, das waren in erster Linie die aktiven Bourgeois, Fabrikanten, Kaufleute, Bankiers. Diese Bourgeois sollten sich zwar in eine Art ffentlicher Beamten, gesellschaftlicher Vertrauensleute, verwandeln, aber doch gegenber den Arbeitern eine gebietende und auch konomisch bevorzugte Stellung behalten. Namentlich sollten die Bankiers durch Regulierung des Kredits die gesamte gesellschaftliche Produktion zu regeln berufen sein. Diese Auffassung entsprach ganz einer Zeit, wo in Frankreich die groe Industrie und mit ihr der Gegensatz von Bourgeoisie und Proletariat eben erst im Entstehn war. Aber was Saint-Simon besonders betont, ist dies: Es sei ihm berall und immer zuerst zu tun um das Geschick "der zahlreichsten und rmsten Klasse" (la classe la plus nombreuse et la plus pauvre).

Saint-Simon stellt bereits in seinen Genfer Briefen den Satz auf, da "alle Menschen arbeiten sollen". In derselben Schrift wei er schon, da die Schreckensherrschaft die Herrschaft der besitzlosen Massen war. "Seht an", ruft er ihnen zu, "was sich in Frankreich ereignet hat zu der Zeit, als eure Kameraden dort geherrscht, sie haben die Hungersnot erzeugt."

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Die Franzsische Revolution aber als einen Klassenkampf, und zwar nicht blo zwischen Adel und Brgertum, sondern zwischen Adel, Brgertum und Besitzlosen aufzufassen, war im Jahr 1802 eine hchst geniale Entdeckung. 1816 erklrt er die Politik fr die Wissenschaft von der Produktion und sagt voraus das gnzliche Aufgehn der Politik in der konomie. Wenn hierin die Erkenntnis, da die konomische Lage die Basis der politischen Einrichtungen ist, nur erst im Keime sich zeigt, so ist doch die berfhrung der politischen Regierung ber Menschen in eine Verwaltung von Dingen und eine Leitung von Produktionsprozessen, also die neuerdings mit so viel Lrm breitgetretne "Abschaffung des Staates" hier schon klar ausgesprochen. Mit gleicher berlegenheit ber seine Zeitgenossen proklamiert er 1814, unmittelbar nach dem Einzug der Verbndeten in |196| Paris, und noch 1815, whrend des Kriegs der hundert Tage, die Allianz Frankreichs mit England und in zweiter Linie beider Lnder mit Deutschland als einzige Gewhr fr die gedeihliche Entwicklung und den Frieden Europas. Allianz den Franzosen von 1815 predigen mit den Siegern von Waterloo, dazu gehrte in der Tat ebensoviel Mut wie geschichtlicher Fernblick.

Wenn wir bei Saint-Simon eine geniale Weite des Blicks entdecken, vermge deren fast alle nicht streng konomischen Gedanken der spteren Sozialisten bei ihm im Keime enthalten sind, so finden wir bei Charles Fourier eine echt franzsisch-geistreiche, aber darum nicht minder tief eindringende Kritik der bestehenden Gesellschaftszustnde. Fourier nimmt die Bourgeoisie, ihre begeisterten Propheten von vor und ihre interessierten Lobhudler von nach der Revolution beim Wort. Er deckt die materielle und moralische Misere der brgerlichen Welt unbarmherzig auf; er hlt daneben sowohl die gleienden Versprechungen der frhern Aufklrer von der Gesellschaft, in der nur die Vernunft herrschen werde, von der alles beglckenden Zivilisation, von der grenzenlosen menschlichen Vervollkommnungsfhigkeit, wie auch die schnfrbenden Redensarten der gleichzeitigen Bourgeois-Ideologen; er weist nach, wie der hochtnendsten Phrase berall die erbrmlichste Wirklichkeit entspricht, und berschttet dies rettungslose Fiasko der Phrase mit beiendem Spott. Fourier ist nicht nur Kritiker, seine ewig heitre Natur macht ihn zum Satiriker, und zwar zu einem der grten Satiriker aller Zeiten. Die mit dem Niedergang der Revolution emporblhende Schwindelspekulation ebenso wie die allgemeine Krmerhaftigkeit des damaligen franzsischen Handels schildert er ebenso meisterhaft wie ergtzlich. Noch meisterhafter ist seine Kritik der brgerlichen Gestaltung der Geschlechtsverhltnisse und der Stellung des Weibes in der brgerlichen Gesellschaft. Er spricht es zuerst aus, da in einer gegebnen Gesellschaft der Grad der weiblichen Emanzipation das natrliche Ma der allgemeinen Emanzipation ist. Am groartigsten aber erscheint Fourier in seiner Auffassung der Geschichte der Gesellschaft. Er teilt ihren ganzen bisherigen Verlauf in vier Entwicklungsstufen: Wildheit, Patriarchat, Barbarei, Zivilisation, welch letztere mit der jetzt sogenannten brgerlichen Gesellschaft, also mit der seit dem 16. Jahrhundert eingefhrten Gesellschaftsordnung zusammenfllt, und weist nach, "da die zivilisierte Ordnung jedes Laster, welches die Barbarei auf eine einfache Weise ausbt, zu einer zusammengesetzten, doppelsinnigen, zweideutigen, heuchlerischen Daseinsweise erhebt" da die Zivilisation sich in einem "fehlerhaften Kreislauf" bewegt, in |197| Widersprchen, die sie stets neu erzeugt, ohne sie berwinden zu knnen, so da sie stets das Gegenteil erreicht von dem, was sie erreichen will oder erlangen zu wollen vorgibt. So da z.B. "in der Zivilisation die Armut aus dem berflu selbst entspringt".

Fourier, wie man sieht, handhabt die Dialektik mit derselben Meisterschaft wie sein Zeitgenosse Hegel. Mit gleicher Dialektik hebt er hervor, gegenber dem Gerede von der unbegrenzten menschlichen Vervollkommnungsfhigkeit, da jede geschichtliche Phase ihren aufsteigenden, aber auch ihren absteigenden Ast hat, und wendet diese Anschauungsweise auch auf die Zukunft der gesamten Menschheit an. Wie Kant den knftigen Untergang der Erde in die Naturwissenschaft, fhrt Fourier den knftigen Untergang der Menschheit in die Geschichtsbetrachtung ein.

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Whrend in Frankreich der Orkan der Revolution das Land ausfegte, ging in England eine stillere, aber darum nicht minder gewaltige Umwlzung vor sich. Der Dampf und die neue Werkzeugmaschinerie verwandelten die Manufaktur in die moderne groe Industrie und revolutionierten damit die ganze Grundlage der brgerlichen Gesellschaft. Der schlfrige Entwicklungsgang der Manufakturzeit verwandelte sich in eine wahre Sturm- und Drangperiode der Produktion. Mit stets wachsender Schnelligkeit vollzog sich die Scheidung der Gesellschaft in groe Kapitalisten und besitzlose Proletarier, zwischen denen, statt des frhern stabilen Mittelstandes, jetzt eine unstete Masse von Handwerkern und Kleinhndlern eine schwankende Existenz fhrte, der fluktuierendste Teil der Bevlkerung. Noch war die neue Produktionsweise erst im Anfang ihres aufsteigenden Asts; noch war sie die normale, regelrechte, die unter den Umstnden einzig mgliche Produktionsweise. Aber schon damals erzeugte sie schreiende soziale Mistnde: Zusammendrngung einer heimatlosen Bevlkerung in den schlechtesten Wohnsttten groer Stdte - Lsung aller hergebrachten Bande des Herkommens, der patriarchalischen Unterordnung, der Familie - berarbeit besonders der Weiber und Kinder in schreckenerregendem Ma - massenhafte Entsittlichung der pltzlich in ganz neue Verhltnisse, vom Land in die Stadt, vom Ackerbau in die Industrie, aus stabilen in tglich wechselnde unsichere Lebensbedingungen geworfnen arbeitenden Klasse. Da trat ein neunundzwanzigjhriger Fabrikant als Reformator auf, ein Mann von bis zur Erhabenheit kindlicher Einfachheit des Charakters und zugleich ein geborner Lenker von Menschen wie wenige. Robert Owen hatte sich die Lehre der materialistischen Aufklrer angeeignet, da der Charakter des Menschen das Produkt sei einerseits der angebornen |198| Organisation und andrerseits der den Menschen whrend seiner Lebenszeit, besonders aber whrend der Entwicklungsperiode umgebenden Umstnde. In der industriellen Revolution sahen die meisten seiner Standesgenossen nur Verwirrung und Chaos, gut im trben zu fischen und sich rasch zu bereichern. Er sah in ihr die Gelegenheit, seinen Lieblingssatz in Anwendung und damit Ordnung in das Chaos zu bringen. Er hatte es schon in Manchester als Dirigent ber fnfhundert Arbeiter einer Fabrik erfolgreich versucht, von 1800 bis 1829 leitete er die groe Baumwollspinnerei von New Lanark in Schottland als dirigierender Associ in demselben Sinn, nur mit grrer Freiheit des Handelns und mit einem Erfolg, der ihm europischen Ruf eintrug. Eine allmhlich auf 2.500 Kpfe anwachsende, ursprnglich aus den gemischtesten und grtenteils stark demoralisierten Elementen sich zusammensetzende Bevlkerung wandelte er um in eine vollstndige Musterkolonie, in der Trunkenheit, Polizei, Strafrichter, Prozesse, Armenpflege, Wohlttigkeitsbedrfnis unbekannte Dinge waren. Und zwar einfach dadurch, da er die Leute in menschenwrdigere Umstnde versetzte und namentlich die heranwachsende Generation sorgfltig erziehen lie. Er war der Erfinder der Kleinkinderschulen und fhrte sie hier zuerst ein. Vom zweiten Lebensjahr an kamen die Kinder in die Schule, wo sie sich so gut unterhielten, da sie kaum wieder heimzubringen waren. Whrend seine Konkurrenten 13-14 Stunden tglich arbeiten lieen, wurde in New Lanark nur 101/2 Stunden gearbeitet. Als eine Baumwollkrisis zu viermonatlichem Stillstand zwang, wurde den feiernden Arbeitern der volle Lohn fortbezahlt. Und dabei hatte das Etablissement seinen Wert mehr als verdoppelt und bis zuletzt den Eigentmern reichlichen Gewinn abgeworfen.

Mit alledem war Owen nicht zufrieden. Die Existenz, die er seinen Arbeitern geschaffen, war in seinen Augen noch lange keine menschenwrdige; "die Leute waren meine Sklaven"; die verhltnismig gnstigen Umstnde, in die er sie versetzt, waren noch weit entfernt davon, eine allseitige rationelle Entwicklung des Charakters und des Verstandes, geschweige eine freie Lebensttigkeit zu gestatten.

"Und doch produzierte der arbeitende Teil dieser 2.500 Menschen ebensoviel wirklichen Reichtum fr die Gesellschaft, wie kaum ein halbes Jahrhundert vorher eine Bevlkerung von 600.000 erzeugen konnte. Ich frug mich: Was wird aus der Differenz zwischen dem von 2.500 Personen verzehrten Reichtum und demjenigen, den die 600.000 htten verzehren mssen?"

Die Antwort war klar. Er war verwandt worden, um den Besitzern des |199| Etablissements 5% Zinsen vom Anlagekapital und auerdem noch mehr als 300.000 Pfd.St. (6.000.000 M.) Gewinn abzuwerfen. Und was von New Lanark, galt in noch hherem Ma von allen Fabriken Englands.

"Ohne diesen neuen, durch die Maschinen geschaffnen Reichtum htten die Kriege zum Sturz Napoleons und zur Aufrechterhaltung der aristokratischen Gesellschaftsprinzipien nicht durchgefhrt werden knnen. Und doch war diese neue Macht die Schpfung der arbeitenden Klasse."(2)

Ihr gehrten daher auch die Frchte. Die neuen gewaltigen Produktivkrfte, bisher nur der Bereicherung einzelner und der Knechtung der Massen dienend, boten fr Owen die Grundlage zu einer gesellschaftlichen Neubildung und waren dazu bestimmt, als gemeinsames Eigentum aller nur fr die gemeinsame Wohlfahrt aller zu arbeiten.

Auf solche rein geschftsmige Weise, als Frucht sozusagen der kaufmnnischen Berechnung, entstand der Owensche Kommunismus. Denselben auf das Praktische gerichteten Charakter behlt er durchweg. So schlug Owen 1823 Hebung des irischen Elends durch kommunistische Kolonien vor und legte vollstndige Berechnungen, ber Anlagekosten, jhrliche Auslagen und voraussichtliche Ertrge bei. So ist in seinem definitiven Zukunftsplan die technische Ausarbeitung der Einzelheiten, einschlielich Grundri, Aufri und Ansicht aus der Vogelperspektive, mit solcher Sachkenntnis durchgefhrt, da, die Owensche Methode der Gesellschaftsreform einmal zugegeben, sich gegen die Detaileinrichtung selbst vom fachmnnischen Standpunkt nur wenig sagen lt.

Der Fortschritt zum Kommunismus war der Wendepunkt in Owens Leben. Solange er als bloer Philanthrop aufgetreten, hatte er nichts geerntet als Reichtum, Beifall, Ehre und Ruhm. Er war der populrste Mann in Europa. Nicht nur seine Standesgenossen, auch Staatsmnner und Frsten hrten ihm beifllig zu. Als er aber mit seinen kommunistischen Theorien hervortrat, wendete sich das Blatt. Drei groe Hindernisse waren es, die ihm vor allem den Weg zur gesellschaftlichen Reform zu versperren schienen: das Privateigentum, die Religion und die gegenwrtige Form der Ehe. Er wute, was ihm bevorstand, wenn er sie angriff: die allgemeine chtung durch die offizielle Gesellschaft, der Verlust seiner ganzen sozialen Stellung. Aber er lie sich nicht abhalten, sie rcksichtslos anzugreifen, |200| und es geschah, wie er vorhergesehn. Verbannt aus der offiziellen Gesellschaft, totgeschwiegen von der Presse, verarmt durch fehlgeschlagne kommunistische Versuche in Amerika, in denen er sein ganzes Vermgen geopfert, wandte er sich direkt an die Arbeiterklasse und blieb in ihrer Mitte noch dreiig Jahre ttig. Alle gesellschaftlichen Bewegungen, alle wirklichen Fortschritte, die in England im Interesse der Arbeiter zustande gekommen, knpfen sich an den Namen Owen. So setzte er 1819, nach fnfjhriger Anstrengung, das erste Gesetz zur Beschrnkung der Weiber- und Kinderarbeit in den Fabriken durch. So prsidierte er dem ersten Kongre, auf dem die Trades Unions von ganz England sich in eine einzige groe Gewerksgenossenschaft vereinigten. So fhrte er als bergangsmaregeln zur vollstndig kommunistischen Einrichtung der Gesellschaft einerseits die Kooperativgesellschaften ein (Konsum- und Produktivgenossenschaften), die seitdem wenigstens den praktischen Beweis geliefert haben, da sowohl der Kaufmann wie der Fabrikant sehr entbehrliche Personen sind; andrerseits die Arbeitsbasars, Anstalten zum Austausch von Arbeitsprodukten vermittelst eines Arbeitspapiergelds, dessen Einheit die Arbeitsstunde bildete; Anstalten, die notwendig scheitern muten, die aber die weit sptere Proudhonsche Tauschbank vollstndig antizipierten, sich indes grade dadurch von dieser unterschieden, da sie nicht das Universalheilmittel aller gesellschaftlichen bel, sondern nur einen ersten Schritt zu einer weit radikalern Umgestaltung der Gesellschaft darstellten.

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Die Anschauungsweise der Utopisten hat die sozialistischen Vorstellungen des 19. Jahrhunderts lange beherrscht und beherrscht sie zum Teil noch. Ihr huldigten noch bis vor ganz kurzer Zeit alle franzsischen und englischen Sozialisten, ihr gehrt auch der frhere deutsche Kommunismus mit Einschlu Weitlings an. Der Sozialismus ist ihnen allen der Ausdruck der absoluten Wahrheit, Vernunft und Gerechtigkeit und braucht nur entdeckt zu werden, um durch eigne Kraft die Welt zu erobern; da die absolute Wahrheit unabhngig ist von Zeit, Raum und menschlicher geschichtlicher Entwicklung, so ist es bloer Zufall, wann und wo sie entdeckt wird. Dabei ist dann die absolute Wahrheit, Vernunft und Gerechtigkeit wieder bei jedem Schulstifter verschieden; und da bei jedem die besondre Art der absoluten Wahrheit, Vernunft und Gerechtigkeit wieder bedingt ist durch seinen subjektiven Verstand, seine Lebensbedingungen, sein Ma von Kenntnissen und Denkschulung, so ist in diesem Konflikt absoluter Wahrheiten keine andre Lsung mglich, als da sie sich aneinander abschleien. Dabei konnte dann nichts andres herauskommen als eine Art von eklektischem Durchschnitts-Sozialismus, wie er in der Tat bis heute in den Kpfen |201| der meisten sozialistischen Arbeiter in Frankreich und England herrscht, eine uerst mannigfaltige Schattierungen zulassende Mischung aus den weniger Ansto erregenden kritischen Auslassungen, konomischen Lehrstzen und gesellschaftlichen Zukunftsvorstellungen der verschiednen Sektenstifter, eine Mischung, die sich um so leichter bewerkstelligt, je mehr den einzelnen Bestandteilen im Strom der Debatte die scharfen Ecken der Bestimmtheit abgeschliffen sind wie runden Kieseln im Bach. Um aus dem Sozialismus eine Wissenschaft zu machen, mute er erst auf einen realen Boden gestellt werden.


Funoten von Friedrich Engels:

(1) Folgendes ist die Stelle ber die Franzsische Revolution: "Der Gedanke, der Begriff des Rechts machte sich mit einem Male geltend, und dagegen konnte das alte Gerst des Unrechts keinen Widerstand leisten. Im Gedanken des Rechts ist also jetzt eine Verfassung errichtet worden, und auf diesem Grunde sollte nunmehr alles basiert sein. Solange die Sonne am Firmament steht und die Planeten um sie kreisen, war das noch nicht gesehen worden, da der Mensch sich auf den Kopf, das ist auf den Gedanken stellt und die Wirklichkeit nach diesem erbaut. Anaxagoras hatte zuerst gesagt, da der Ns, die Vernunft, die Welt regiert; nun aber erst ist der Mensch dazugekommen, zu erkennen, da der Gedanke die geistige Wirklichkeit regieren solle. Es war dieses somit ein herrlicher Sonnenaufgang. Alle denkenden Wesen haben diese Epoche mitgefeiert. Eine erhabene Rhrung hat in jener Zeit geherrscht, ein Enthusiasmus des Geistes hat die Welt durchschauert, als sei es zur Vershnung des Gttlichen mit der Welt nun erst gekommen.. (Hegel, "Philosophie der Geschichte", 1840, S. 535.) - Sollte es nicht hohe Zeit sein, gegen solche gemeingefhrliche Umsturzlehren des weiland Professor Hegel das Sozialistengesetz in Bewegung zu setzen? =

(2) Aus: "The Revolution in Mind and Practice", einer an alle "roten Republikaner, Kommunisten und Sozialisten Europas" gerichteten und der franzsischen provisorischen Regierung 1848, aber auch "der Knigin Viktoria und ihren verantwortlichen Ratgebern" zugesandten Denkschrift. =

(Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 19, 4. Auflage 1973, unvernderter Nachdruck der 1. Auflage 1962, Berlin/DDR. S. 189-201.

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