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 Erschienen in: Tabula Rasa und  http://www2.uni-jena.de/philosophie/phil/tr/11/lauer.php

Konservative Revolutionre und jdische Intelligenz in der Weimarer Republik.

Zu Gerhard Lauers Studie ber Leben und Werk Erich von Kahlers1.

 Von Bernd Villhauer

.

Da manche Denker von der Wissenschaftsgeschichte vergessen werden, ihre Schriften nicht mehr rezipiert und die von ihnen geprgten intellektuellen Schlagwrter nicht mehr gebraucht werden, kann sehr unterschiedliche Grnde haben. Sie werden, auch wenn im nachhinein die Zeit ihres Wirkens beschrieben werden soll, nur noch als Nebenfiguren geistesgeschichtlicher historischer Szenerien akzeptiert, deren Ansichten und Taten nicht das Gesicht der Zeit zu prgen vermochten. Solche Vergessenheit kann den Grund haben, da die Zeitgenossen Bestandteile jenes Denkens nicht mehr als innerlich zusammengehrig sehen knnen. Im historischen Rckblick stellt sich dann nur noch ein Puzzle aus weltanschaulichen Versatzstcken dar. Und mit der Arroganz der Sptgeborenen wird stillschweigend davon ausgegangen, da allein die Tatsache, da in der geschichtlichen Entwicklung bestimmte intellektuelle Konstellationen keinen Bestand hatten, ber deren Relevanz, ihre wissenschaftliche Geltung, entscheide.

Dies gilt auch fr einen Teil der jdischen Intelligenz zu Beginn des Jahrhunderts. Hier hat ein besonderes Gewicht, da Traditionslinien, die wir im nachhinein gern suberlich trennen mchten, manchmal eng miteinander verflochten sind. Man macht es sich heute eben zu leicht, wenn man glaubt, die Geschichte der jdischen Intellektuellen immer und immer nur mit dem alle Linien der verstehenden Perspektive einziehenden Fluchtpunkt Auschwitz sehen zu knnen. Dann nmlich wird die Existenz der Juden, die sich als Teil des deutschen Geisteslebens (auch in seiner konservativen Spielart) verstanden, zu einem nur noch traurig belchelten Kuriosum von potentiellen Opfern, die sich ihren potentiellen Mrdern andienten. Auf diese Weise werden oft auch die jahrhundertelangen Assimilationsbestrebungen, das Bemhen der deutschen Juden ganz selbstverstndlich einfach jdische Deutsche zu sein, der Lcherlichkeit preisgegeben und damit im nachhinein eine der fruchtbarsten kulturellen Verbindungen der Geschichte, die in einer einzigartigen Geisteskultur gipfelte, dem geschichtlichen Urteil derer berlassen, die wieder auseinanderzureien versuchten, was schon innig und untrennbar verbunden war, deutscher und jdischer Geist.

Walter Benjamin verfate fr ein jdisches Nachschlagewerk2 einen mehrseitigen Artikel `Die Juden in der deutschen Kultur'. Anhand verschiedener Kurzbiographien berhmter jdisch-deutscher Gelehrter zeichnet er ein historisches Bild, in dem gegenseitige Bewunderung und Anerkennung, aber auch periodenweise auftretendes Mitrauen und Ausgrenzungsversuche gleichermaen Bedeutung haben. Die Beschreibung der Bemhungen von Juden, sich einerseits zu assimilieren im kulturellen Bereich, am deutschen Geistesleben in selbstverstndlicher Weise teilzuhaben, und dabei aber dennoch andererseits ihre Wurzeln im Glauben und in einer spezifischen Geschichtlichkeit auch in Erfahrung von Isolation zu bewahren, reicht von Moses Mendelssohn bis zu Else Lasker-Schler. ber die deutsch-jdische Geistesgeschichte am Beginn des 20. Jahrhunderts heit es dort unter anderem:

" ... Es war das Eigentmliche der deutschen Situation seit der Judenbefreiung gewesen, da, ganz im Gegensatz zu Frankreich und besonders England, das Judentum, soweit es schaffend oder eingreifend in deutscher Sprache vortrat, dies stets in fortschrittlichem, wenn nicht revolutionren Sinne getan hatte. In dem Kreise, der sich um Stefan George im Laufe der 90er Jahre bildete, bot sich den Juden zum ersten Mal die Mglichkeit, ihre konservativen Tendenzen in fruchtbare Beziehung zum Deutschtum zu setzen. Unter denen, welche Georges Lehre von der priesterlichen Sendung des Dichters, seinen Hinweis auf Nietzsche, Hlderlin, Jean Paul, auch auf katholisches Erbgut, aufnahmen und kommentierend bekrftigten, stehen als Juden an erster Stelle Karl Wolfskehl (geb. 1860) und Friedrich Gundolf (geb. 1880). Ihr theoretisches Organ war anfangs das des Kreises `Bltter fr die geistige Bewegung', daneben trat Wolfskehl mit dunklen, spannungsreichen Versdichtungen, Gundolf mit literaturhistorischen Werken (1911)hervor."

Fr die jdischen Mitglieder des George-Kreises trat das Problem auf, da sie zwar als Personen und Knstler akzeptiert und vom `Meister' geschtzt wurden, aber als Juden, besonders da, wo im Rahmen weltanschaulicher Kulturkritik das Judentum mit der Aufklrung, dem Rationalismus und liberaldemokratischer Brgerkultur in Verbindung gebracht wurde, zumindest mitrauisch, wenn nicht gar offen feindselig (z.B. von Klages und den `Kosmikern') betrachtet wurden.

In der Person Erich von Kahlers (1885-1970) nun, der ebenfalls Mitglied des Kreises um George war (Seine Braut, Josefine Sbotka, und Friedrich Gundolf hatten ihn eingefhrt), scheinen sich manche zeitbedingten Gegenstze bis ins schier Unertrgliche zuzuspitzen. Auch er sah die historische Sendung des `priesterlichen Dichters' als das Magebliche an, und der Stil seiner Dichtungen verrt das Vorbild Georges, sah aber gleichzeitig das eigene Werk als Historiker und Geschichtsphilosoph in einem wissenschaftlichen Rahmen.

Der Wissenschaft sollte nach seiner Vorstellung aber ein Wertefundament gegeben sein, und sie sollte sich als Teil eines organischen Ganzen verstehen, das nur auf der Grundlage einer spezifischen nationalen Kultur gedeihen konnte. Sein Verstndnis von Wissenschaft entwickelte er in der Auseinandersetzung mit Max Weber, dessen `Wissenschaft als Beruf' (1919) er sein `Der Beruf der Wissenschaft'3 entgegenstellte. Wertfreiheit und Internationalismus als Elemente des groen Prozesses der Welt-Entzauberung durch die Wissenschaft werden darin ausdrcklich abgelehnt. Wissenschaftskultur wird an einen Begriff des Nationalen gebunden und die Arbeitsteiligkeit modernen wissenschaftlichen Arbeitens in Frage gestellt. Besonders der nationale, ja vlkische Aspekt wird in Kahlers Werken noch hervortreten. Bemerkenswert ist aber hier, da ihm das Deutsche deshalb bevorrechtigt zu sein scheint, weil es einen Charakter der Universalitt anzunehmen vermag. Das Unbestimmte und Ungeformte im deutschen Nationalcharakter macht es tauglich, die einzige Vorstufe eines `konkreten Universalismus und Humanismus' zu werden. Diese scheinbar paradoxe Kopplung aus Partikularem und Universalem stellt sich bei Kahler folgendermaen dar:

" ... Dem deutschen Menschen eignet als erstem die Gabe, mit all seinen Fhigkeiten, Zgen und Schicksalen aus dem subjektiven Kreise hervorzutreten, sie als ureigen deutsche unmittelbar objektiv, mit einer hheren Gltigkeit auszuprgen. Dies bedeutet: Alles Deutsche erwchst nicht - wie etwa das Franzsische oder das Englische - erst als spezifisch deutsches Wesen und Schicksal und bestimmt dann als fertig und sehr persnlich solches hegemonisch die Welt. Sondern es erschafft sich gleich in einer hheren und ber- oder auerpersnlichen Formung. Das Deutsche wird gleich als Europisches, als ein neues Menschenwesen erscheinen oder gar nicht mehr."4

Erich von Kahler verstand sich als deutscher Nationalist und war gleichzeitig von der Besonderheit und weltgeschichtlichen Mission des Judentums zutiefst berzeugt. Deutsche Kultur (die er, wie sein Freund Thomas Mann durchaus bereit war, der auslndischen als oberflchlich und wertleer gedachten Zivilisation entgegenzusetzen) und jdische Berufung sind die Elemente des groen Aufbruchs, der gleichzeitig ein groer Rckruf zu den elementaren Krften der Geschichte sein soll. Nur in der Kombination aus Deutschtum und Judentum knnen sich nach Kahler abendlndische Werte von berzeitlicher Geltung auf revolutionre Weise neu verwirklichen. Dies so zusammendenkend war Kahler unzweifelhaft ein jdischer Exponent der `konservativen Revolution' und ihres weltanschaulichen Expressionismus von rechts. Die Betonung des Geistes und der Bedeutung einer Geistesaristokratie zeigen hierbei noch lange die Nhe zu Motiven des George-Kreises.

Wie sich die Denkmotive verndern, als er ins Exil gezwungen wird - dieses Problem liefert eine der Hauptlinien in Gerhard Lauers Buch, wobei er einerseits zu der These gelangt, da es mehr Kontinuitt in Kahlers Denken gegeben habe als ursprnglich angenommen und andererseits die Grnde dafr in der Entwicklung einer deutschen Wissenschaftskultur sieht, die auch schon in der Weimarer Republik in einem Proze der Internationalisierung und Modernisierung begriffen war. Da gerade Beitrge jdischer Wissenschaftler ein wesentliches Ferment in diesem Modernisierungs- und Dynamisierungsproze darstellen, und warum dies sich sinnvoll in eine Grundbewegung historischer Selbstvergewisserung im jdischen Denken einordnen lt, das wird in einer anderen aktuellen Studie von Sergio Quinzio deutlich.5 Selbstverstndlich gehrt Walter Benjamin, der bestimmten Motiven des konservativen deutschen Denkens in der Nachfolge der Romantik strker verpflichtet war als seine sptere Rezeption erkennen lt, auch hierher.

Auch in den konservativen Kreisen der deutschen Gelehrtenkultur brachten demnach die 20er Jahre einen Innovationsschub, der fr die Forschung inhaltlich neue Bereiche erschlo, wo die selbstdarstellende Rhetorik noch in vlkischer Phraseologie sich austobte. Lauer verdeutlicht dies an dem ambivalenten Verhltnis zu Max Weber, der zunchst das groe Gegenmodell einer wertungsfreien Wissenschaft liefert.

Obwohl sich das wissenschaftliche Programm vom eschatologischen Radikalismus des jdischen George-Verehrers zu einem resignativen Humanismus kulturkonservativer Prgung wandelt, bleibt sich Kahler doch in der Ablehnung eines atomistisch-dezentrierten Wissenschaftsmodells treu; Ordnung und Harmonie sind aber nicht mehr das Ziel, auf das kmpferische Entschlossenheit sich ausrichten knnte, sondern verdecktes Hintergrundmuster eines scheinbar chaotischen Geschichtsverlaufes; Lauer kennzeichnet seine Haltung folgendermaen:

"Die Welt rundet sich in der Gewiheit der immer neuen und doch ewig alten kosmischen Ordnung. Das Bild der Sphre wird zum apotropischen Sperrbegriff gegen die `uferlosen Unendlichkeiten'. Der contemplator caeli fhrt die Welt aus der Dynamis der Bewegungen in die Katalepsie der trostvollen Schau verborgener Ordnung. Die Geschichte wird zur Geschichtsphilosophie, die Wissenschaften zu Weisheit, die Kunst zur geschlossenen Form."6

Da das Werk Kahlers nicht in einem Beschwrungsverhltnis zur `groen Ordnung' verblieb, sondern immer wieder die geschichtlichen Partikularitten analysierte und zu seinem Sinngebungsprogramm in Beziehung zu setzen versuchte, hngt wohl (hnlich wie bei dem Weggefhrten Friedrich Gundolf) mit der Kombination aus deutscher Gelehrsamkeit und jdischem Erlsungsglauben zusammen. Wenn die Mglichkeit eines Einbruchs des gttlichen Heils in die historische Zeit den Horizont bildet fr ein Ertragen und Annehmen auch noch der dstersten geschichtlichen Perioden, ohne da die Heilserwartung die Partikularitten der Zeitlufte einfach konsumiert, dann kann der Messias in der Tat auch durch die kleinste Tr eintreten. In diesem Spannungsfeld zwischen dem Horizont der Hoffnung und der klaren Nahsicht auf die Dinge beschrieb Kahler auch als Freund und als Literaturwissenschaftler das Werk Hermann Brochs. Jeder miachtete Augenblick ist mglicherweise der `Kairos' tausendjhriger Hoffnungen und so verdienen alle historischen Details und jeder miachtete Gedanke die vollste Aufmerksamkeit. Dies als ein Moment auch der Modernisierung in der Wissenschaftskultur vor Einbruch der Katastrophe des `3. Reiches' beschrieben zu haben, als eine synthetisierende Kraft, an der Fundamentalismus eschatologischen Denkens und wissenschaftlicher Positivismus gleichermaen Anteil haben, dies ist eine wichtige Leistung der wertvollen Studie.


Anmerkungen


  • 1 G. Lauer, `Die versptete Revolution: Erich von Kahler - Wissenschaftsgeschichte zwischen konservativer Revolution und Exil', Berlin/New York 1995
  • 2 Encyclopaedia Judaica. Das Judentum in Geschichte und Gegenwart', Berlin 1928
  • 3 1920 im Verlag des George-Kreises, bei Georg Bondi in Berlin, erschienen.
  • 4 S. 58 in `Der Beruf der Wissenschaft'
  • 5 S. Quinzio, `Die jdischen Wurzeln der Moderne', Frankfurt a.M./New York 1995
  • 6 S. 262 in `Die versptete Revolution'
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